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Nierentransplantation: Neue Therapie erspart Patienten Dauermedikamente

Wer mit einer transplantierten Niere lebt, muss Medikamente schlucken - damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt. Eine neue Methode soll das nun ändern. Bei ersten Patienten gab es ermutigende Ergebnisse.

Nierentransplantation (Archivbild): Neuer Therapieansatz bei Lebendspenden vorgestellt Zur Großansicht
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Nierentransplantation (Archivbild): Neuer Therapieansatz bei Lebendspenden vorgestellt

Hamburg - Damit eine Organtransplantation erfolgreich ist, müssen sich bestimmte Zellmerkmale bei Spender und Empfänger stark ähneln. Das verringert das Risiko, dass das Immunsystem des Transplantierten das fremde Organ abstößt. Trotz möglichst optimaler Auswahl müssen viele Patienten nach der Operation ein Leben lang Medikamente schlucken, die ihr Immunsystem in Schach halten.

Die Nebenwirkungen dieser Mittel sind vielfältig - die Patienten sind unter anderem anfälliger für Infektionen, erkranken eher an Diabetes und leiden häufiger unter Bluthochdruck.

US-Ärzte haben jetzt eine Methode getestet, um die Dauereinnahme von Immunsuppressiva überflüssig zu machen. Im Fachmagazin "Science Translational Medicine" berichten sie von der klinischen Studie, an der acht Patienten teilgenommen haben. Fünf davon konnten ein Jahr nach der Transplantation die Immunsuppressiva absetzen, schreibt das Team um Joseph Leventhal vom Northwestern Memorial Hospital in Chicago.

Bei den anderen drei Patienten brachte die Therapie nicht den gewünschten Erfolg. Einer erkrankte an einer Sepsis und verlor das transplantierte Organ. Er hat inzwischen eine weitere Niere erhalten, ohne die neuartige Zusatztherapie.

Patentierte Technik

Einige Details der Behandlung halten die Forscher unter Verschluss - mehrere an der Studie beteiligte Wissenschaftler haben ein Patent auf die Methode angemeldet; einige arbeiten beim Biotech-Unternehmen Regenerex.

Die acht Patienten erhielten eine Niere von einem lebenden Spender. Aber nicht nur das: Sie bekamen auch einen Teil seines Immunsystems verpflanzt - das sollte bewirken, dass der Körper das Organ später nicht abstößt.

Vor der Transplantation mussten sich die Patienten deshalb einer Chemotherapie und Bestrahlung unterziehen. Beides zerstörte Immunzellen im Knochenmark. Am Tag nach der Transplantation erhielten die Frischoperierten dann speziell angereicherte Knochenmarkszellen des Spenders gespritzt.

Wenn sich die Zellen erfolgreich im Körper ansiedelten, entwickelten die Patienten ein sogenanntes chimäres Immunsystem, was offenbar der Abstoßung des fremden Organs entgegen wirkt.

Größere Studien nötig

"Auch wenn die Patientenzahl klein war und die Zeit der Nachbeobachtung kurz: Die Ergebnisse sind bemerkenswert", schreiben James Markmann und Tatsuo Kawai vom Massachusetts General Hospital in Boston in einem Begleitartikel in "Science Translational Medicine".

Sie weisen jedoch auch auf mögliche Gefahren der Methode hin, die bei den bisher behandelten Patienten nicht aufgetreten sind. Gefürchtet ist bei der Übertragung von Knochenmark die sogenannte Graft-versus-Host-Reaktion, bei der die Immunzellen des Spenders das Gewebe des Empfängers angreifen - dies kann tödlich sein.

Es wäre möglich, dass die Forscher die gefährliche Komplikation durch den speziellen Cocktail von Knochenmarkszellen unterbinden konnten, den sie verabreicht haben. Ähnliches war vorher in Tierversuchen geglückt. Da es in der Studie keine Kontrollgruppe gab, die anders behandelt wurde, lässt sich dies jedoch nicht mit Sicherheit sagen, beklagen Markmann und Kawai.

Auf jeden Fall wird sich die Methode in größeren Studien beweisen müssen. Auch eine längere Nachbeobachtung der behandelten Patienten ist wichtig, um zu sehen, ob die Therapie auch langfristig hilfreich ist.

Chemotherapie und Bestrahlung sind sonst bei einer Nierentransplantation nicht nötig. Nur wenn Risiko dieser zusätzlichen Behandlungen den möglichen Nutzen nicht übersteigt, ist die Therapie auch sinnvoll.

Falls sich die Methode bewährt, sind auch weitere Einsatzmöglichkeiten denkbar. Die Forscher selbst meinen, ihre Methode könnte bei Autoimmunkrankheiten oder angeborenen Stoffwechseldefekten helfen. Ebenso könnten Blutkrebs-Patienten, die keinen passenden Knochenmarksspender finden, eventuell damit behandelt werden.

wbr

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Organspende und Organtransplantation
Postmortale Organspende in Zahlen
Jeden Tag sterben laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) drei Menschen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan registriert sind. Nach Rückgang und Stagnation in den Jahren 2008 und 2009 ist die Zahl der Organspender 2010 gestiegen. 4205 Organe wurden gespendet. Dennoch warten jährlich 12.000 Menschen in Deutschland auf ein Organ.
Hirntod
Der mit dem Tod des Individuums identische endgültige Ausfall aller Funktionen von Groß- und Kleinhirn und Hirnstamm (Organtod des Gehirns), wobei die Kreislauffunktion unter Umständen noch durch künstliche Beatmung aufrecht erhalten werden kann. Besondere Bedeutung hat die Diagnose des Hirntods für die Organentnahme zum Zweck der Transplantation.
Warteliste
Die Wartelisten registrieren alle Patienten, die ein neues Organ benötigen und transplantiert werden können. Ist das Risiko der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und sind die Erfolgsaussichten schlecht, so wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Die Transplantationszentren geben die erforderlichen Patientendaten weiter an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden.
Zustimmungslösung
In Deutschland gilt eine Zustimmungslösung: Hier muss zu Lebzeiten, zum Beispiel per Organspendeausweis, das ausdrückliche Einverständnis zur Organentnahme nach einem Hirntod gegeben werden. Ist dies nicht der Fall, müssen die Angehörigen entscheiden - auf Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.
Widerspruchsregelung
In Ländern wie Österreich, Spanien und Belgien ist jeder Bürger potentieller Organspender - es sei denn, man hat der Organspende zu Lebzeiten schriftlich widersprochen oder die nahen Angehörigen sind dagegen. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) macht sich gemeinsam mit anderen Landeskollegen, unter anderem dem bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU), auch in Deutschland für eine "erweiterte Widerspruchslösung" stark. Danach sollen die nahen Angehörigen eines Toten befragt werden und ein Einspruchrecht bekommen.
Entscheidungregelung
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Amtskollege Volker Kauder machen sich für die Entscheidungslösung stark. Danach fordert der Staat jeden Bürger einmal im Leben, etwa bei der Führerscheinprüfung oder bei der Ausstellung des Passes, zu einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende auf.
Transplantationsgesetz
Gesetz vom 5.11.1997 in der Fassung vom 4.9.2007, das die Entnahme und Verpflanzung (Transplantation) von Organen regelt. Abschnitt 2, "Entnahme von Organen und Geweben bei toten Spendern", legt fest, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, durch zwei Ärzte festgestellt ist. Mindestvoraussetzung für eine Organentnahme ist die Diagnose des Hirntods. Hat der Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung über eine Organspende getroffen, können auch Angehörige einer Organentnahme zustimmen. Das Transplantationsgesetz enthält außerdem umfassende Bestimmungen zur Organvermittlung und ein Verbot des Organhandels.
Eurotransplant
Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung und als solche seit 1967 für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Slowenien verstorbenen Menschen zum Zweck der Transplantation entnommen werden. Die Organe werden nach festgelegten Kriterien vergeben. Entscheidend für die Vergabe sind die Kriterien Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit.
Ein Mensch kann acht Menschenleben retten
Nach dem Hirntod können einem Menschen bis zu acht Organe oder Organteile entnommen und transplantiert werden: zwei Lungenflügel, zwei Nieren, die Leber, das Herz, die Bauchspeicheldrüse und der Dünndarm.

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