Nobelpreis für Medizin Meister der Retorte

Seine Erfindung veränderte die Welt. Mit der künstlichen Befruchtung erfüllte Robert Edwards Millionen Menschen den Wunsch nach Kindern, jetzt hat er dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten. Kritiker verteufeln die Technik bis heute als verwerfliche Manipulation am Leben - allen voran der Vatikan.

Von Cinthia Briseño

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Das schwedische Nobel-Komitee pflegt eine unterhaltsame Tradition. Es zeichnet jenen Moment auf, in dem der noch Unwissende per Telefon erfährt, dass er mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung geehrt wurde. Die Mitschnitte werden dann auf der Website des Karolinska-Instituts veröffentlicht, oft sind sie amüsant - vor allem wenn der Forscher in einer anderen Zeitzone aus dem Tiefschlaf gerissen wird und nicht recht weiß, wie ihm geschieht.

In diesem Jahr gibt es vom Nobelpreisträger für Medizin leider kein Kurzinterview. Robert Geoffrey Edwards, der die Auszeichnung in diesem Jahr erhalten hat, ist nicht in bester Verfassung. Der 85-Jährige lebt in einem Seniorenheim in Großbritannien. Seine Frau hat den Anruf entgegengenommen. Sie versicherte, ihr Mann sei sehr erfreut über die Würdigung seiner Arbeit - und man darf ihr das glauben. Die Ehrung geht schließlich an einen Mann, dessen Erfindung die Welt gespalten hat. Robert Geoffrey Edwards hat die künstliche Befruchtung entwickelt.

Ist die Technik Fluch oder Segen? Unzählige Male wurde diese Frage gestellt, seit 1978 das erste Retortenbaby der Welt geboren wurde, die Britin Louise Brown. Viele Kritiker, vor allem die katholische Kirche, bezeichnen die künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF, siehe Kasten) als Dammbruch.

Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
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Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.
Der Vatikan reagierte kritisch auf die Nobelpreis-Vergabe. Obwohl die katholische Kirche Edwards' wichtige wissenschaftliche Errungenschaften anerkenne, dürfe man nicht vergessen, dass die künstliche Befruchtung "schwerwiegende moralische Fragen bezüglich des werdenden Lebens und der Würde der menschlichen Fortpflanzung" aufwerfe, sagte Bischof Roberto Colombo, Mitglied des päpstlichen Rates für das Leben.

Grafik: So funktioniert künstliche Befruchtung
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Grafik: So funktioniert künstliche Befruchtung

Aus Edwards' Sicht hat die Methode freilich vor allem positive Seiten. Nie wurde der britische Forscher müde zu betonen, man habe Millionen von Paaren zum Kinderglück verhelfen können. "IVF ist ein guter Grund, sich zu freuen, die Kritiken sind irreführend", sagte er einmal. Die In-vitro-Fertilisation mag für den einen Fluch, für den anderen Segen sein - all jene Paare, die dank der Technik ihren Kinderwunsch haben erfüllen können, werden Robert Edwards mit Sicherheit zum Nobelpreis gratulieren.

Einst waren es vor allem unfruchtbare Paare, denen mit Hilfe der In-vitro-Fertilisation geholfen werden konnte - inzwischen gibt es auch abseitigere Fälle. Im Jahr 2000 wurde in den USA Adam Nash geboren, um seiner schwerkranken Schwester Molly das passende Knochenmark zu spenden und ihr Leben zu retten. Adam wurde im Reagenzglas gezeugt, und noch mehr: Er ist ein sogenanntes Designerbaby - die Mediziner haben sein Erbgut untersucht, um sicherzugehen, dass er sich als passender Knochenmarkspender eignen würde.

Für viele klingt das danach, als wollten Menschen Gott spielen - die Auslese des "richtigen" Babys im Reagenzglas. Die gewünschte Augenfarbe, das stärkste Immunsystem, Babys als Ersatzteillager für schwerkranke Geschwister: Kritiker fürchten, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID), die vorgeburtliche Analyse des Erbguts, könnte all das möglich machen.

"Was ist falsch daran?"

"Was ist falsch daran?", antwortete Edwards vor einigen Jahren, als man ihn nach Adam fragte. "Die Menschen, die sich auf die Ethik berufen, sollten zuerst auf den Patienten schauen - und die Kinder. Das steht für mich an erster Stelle." Alles andere sei für ihn zweitrangig.

Ähnlich argumentieren andere Befürworter der IVF. Intelligenz oder Persönlichkeitsstruktur seien an unzählig vielen, bisher unbekannten Stellen des Erbguts lokalisiert. Hinzu kämen Umweltfaktoren, die den Menschen prägen. Das Wunschkind nach Maß - so etwas sei da reine Utopie.

Edwards hat mit seinem Verfahren viele Türen geöffnet. Das Nobel-Komitee jedenfalls sieht in der IVF einen "Meilenstein in der Entwicklung der modernen Medizin". Edwards würde sich vermutlich den Preis mit seinem Kollegen Patrick Steptoe teilen, wäre dieser nicht bereits 1988 verstorben - und seit 1974 dürfen die Preise nicht mehr posthum vergeben werden.

Das Undenkbare möglich gemacht

Die Methoden der beiden Medizinpioniere waren zunächst höchst fragwürdig. Edwards und Steptoe entnahmen Frauen Eizellen, ohne sie zu fragen. Mindestens 200 Embryonen verbrauchten sie, bis es ihnen endlich gelang, einen zum Überleben zu bringen.

1969 publizierten die beiden Forscher ihren Durchbruch im Wissenschaftsmagazin "Nature". Danach sollte es noch fast zehn Jahre dauern, bis man die befruchteten Eier in die Gebärmutter einpflanzen konnte und sie sich dort auch einnisteten. Als am 11. Juni 1978 Louise Brown das Licht der Welt erblickte, war das Aufsehen enorm. Vier Jahre danach kam das erste deutsche Retortenbaby zur Welt, Oliver Wimmelbacher.

Inzwischen wurde die Methode weiterentwickelt. Sie hat ermöglicht, was zuvor als undenkbar galt. So wurde einer 66-jährigen Britin ein künstlich gezeugter Embryo verpflanzt, dessen genetische Mutter sie gar nicht war - die Ei-Spenderin war eine andere Frau. In Deutschland ist die Eizellspende verboten, in anderen Ländern ist sie erlaubt.

Die künstliche Befruchtung hilft nicht nur kinderlosen Paaren - längst ist sie auch zum Geschäft mit der Hoffnung geworden. Die Methode hat andere ebenfalls ethisch bedenkliche Verfahren möglich gemacht, wie die Isolierung und Vermehrung embryonaler Stammzellen, von deren Ressourcen die Wissenschaftler so fasziniert sind. Mit ihrer Hilfe könnte man eine Reihe von Krankheiten heilen, weil sie eine unerschöpfliche Quelle bieten, um daraus funktionierendes Ersatzgewebe zu schaffen - so zumindest die Vision der Mediziner. Deshalb arbeitet die Wissenschaft mit Hochdruck daran, solche Stammzellen auch aus gewöhnlichen Körperzellen zu züchten. Teilweise schon mit Erfolg.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
Olias, 04.10.2010
1. Fortschritt versus Stillstand
Zitat von sysopSeine Erfindung spaltete die Welt. Mit der künstlichen Befruchtung erfüllte*Robert Edwards Millionen Menschen den Wunsch nach Kindern, jetzt hat er dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten*-*Kritiker verteufeln die Technik dagegen bis heute als verwerfliche Manipulation am Leben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,721125,00.html
Das sind gesinnungstechnisch bestimmt dieselben, die 500 Jahre brauchten, um da Vinci zu entlasten. Sozusagen die, denen die Bewahrung der Schöpfung so sehr am Herzen liegt, dass sie gegenteilig handeln und so erst den Zustand herbeiführen, der derartige Techniken möglicherweise erzwingt.
Baikal 04.10.2010
2. Müssen da nicht viele..
Zitat von sysopSeine Erfindung spaltete die Welt. Mit der künstlichen Befruchtung erfüllte*Robert Edwards Millionen Menschen den Wunsch nach Kindern, jetzt hat er dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten*-*Kritiker verteufeln die Technik dagegen bis heute als verwerfliche Manipulation am Leben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,721125,00.html
.. nun für die Erfüllung des Egos zweier (und oft sogar nur eines, des treibenden) Menschen zahlen, nicht Folgekosten begleichen und die nicht nur materieller Art, müssen eine Implantationsindustrie unterhalten die keine Probleme löst sondern nur neue schafft? Wäre es nicht sinnvoller die Gelder aus den fetten westlichen Staaten in geborenes Leben zu investieren, in die Bekämpfung der TBC in Afrika etwa? Der Jubelschrei der Forscher über eine neue Entdeckung wird dereinst von einem universellen Entsetzensschrei beantwortet werden, schrieb Brecht im Galileo. Die ist ein Anlaß dazu.
Antje Technau, 04.10.2010
3. verteufelt
Zitat von sysopSeine Erfindung spaltete die Welt. Mit der künstlichen Befruchtung erfüllte*Robert Edwards Millionen Menschen den Wunsch nach Kindern, jetzt hat er dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten*-*Kritiker verteufeln die Technik dagegen bis heute als verwerfliche Manipulation am Leben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,721125,00.html
Welche schwerwiegende moralischen Fragen wirft das auf, wenn ein Ehepaar per künstlicher Befruchtung anstatt per Sexualverkehr Eltern wird? - Ich sehe da gar kein Problem. Und was ist am Sex würdiger oder würdevoller als an der künstlichen Befruchtung? Was die katholische Kirche doch in Wirklichkeit stört, ist, dass der Nobelpreisträger Robert Edwards mit seiner Methode den ultimativen experimentellen Beweis lieferte, dass an einer menschlichen Befruchtung, an einer menschlichen Schwangerschaft nichts geheimnisvolles ist. Und dass die medizinische Forschung den Menschen im Zweifelsfall immer noch besser helfen kann als jede Messe, die ein verzweifeltes, unfruchtbares Ehepaar lesen läßt, um endlich zum erwünschten Kindersegen zu kommen.
Gandhi, 04.10.2010
4. Die Manipulation des Lebens
Zitat von sysopSeine Erfindung spaltete die Welt. Mit der künstlichen Befruchtung erfüllte*Robert Edwards Millionen Menschen den Wunsch nach Kindern, jetzt hat er dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten*-*Kritiker verteufeln die Technik dagegen bis heute als verwerfliche Manipulation am Leben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,721125,00.html
Ich meine, dass unser Leben weit mehr von selbsternannten Moralisten wie den Kirchenfuersten manipuliert wird, denn con Wissenschaftlern, die Menschen beim Ueberkommen von Hindernissen helfen. Dass die Wissenschaft gelegentlich (oder oefters) mit den Auffassungen der Moralapostel in Konflikt geraet, liegt in der Natur der Sache. Doch geniessen die Kirchenfuersten in einem aufgeklaerten Staat zum Glueck nicht mehr die Macht, die sie so gerne missbrauchen.
Antje Technau, 04.10.2010
5. "Designerbaby"
SPON: Wie oft muss man eigentlich noch erklären, dass bei im Reagenzglas befruchteten Eizellen gar nichts "designed" wird. Von den vorhandenen, befruchteten Eizellen wird einfach eine mit der interessanten Eigenschaft ausgewählt. In diesem Fall war an der befruchteten Eizelle für die Eltern interessant, dass das künftige Kind Nabelschnurblut oder Knochenmark zur Heilung eines bereits lebenden Kindes spenden könnte. Sollten die Eltern ihre Tochter sterben lassen, nur weil irgendwelche kinderlosen Kirchenfürsten der Meinung waren, dass die Eltern - und die todkranke Tochter - ihr "von Gott gewolltes Schicksal" akzeptieren müssten? Wer sind diese Männer, dass sie glauben sich anmaßen zu dürfen, über Leben und Tod anderer Menschen entscheiden zu können?
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