Brandbrief: Nobelpreisträger warnen EU vor Sparmaßnahmen

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Die Warnungen vor einer drohenden Kürzung der europäischen Forschungsförderung werden immer lauter: 42 Nobelpreisträger haben einen Brief an die EU-Kommission geschrieben, junge Forscher haben für eine Petition bereits 123.000 Unterschriften gesammelt.

Serge Haroche in Paris: Auch der Physiknobelpreisträger warnt vor drastischen Einschnitten Zur Großansicht
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Serge Haroche in Paris: Auch der Physiknobelpreisträger warnt vor drastischen Einschnitten

Brüssel - Das gab es noch nie: 42 Nobelpreisträger haben die EU in einem Brief aufgefordert, die Ausgaben für Forschung in Europa nicht zu kürzen - schon eine Stagnation der Förderung habe drastische Folgen für die Wissenschaftler. Zu den Unterzeichnern gehören Gerhard Ertl, Harald zur Hausen und Christiane Nüsslein-Volhard, der diesjährige Physik-Nobelpreisträger Serge Haroche und der US-Medizinnobelpreisträger Eric Kandel.

"Wenn die Zahlen des künftigen Budgets für Europa bekannt gegeben werden, welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?", fragen die Preisträger - es ist ein Appell vor dem Treffen in der kommenden Woche in Brüssel, an dem das EU-Budget für 2014 bis 2020 beschlossen werden soll.

Eigentlich ist ein Gesamtetat von einer Billion Euro geplant. Für das Forschungsrahmenprogramm, genannt "Horizon 2020", sind derzeit 80 Milliarden Euro im Topf - das wären 25 Milliarden Euro mehr als bisher. Doch angesichts der Wirtschaftskrise plädieren etliche Länder für drastische Kürzungen. Vor allem der britische Regierungschef David Cameron will die EU-Ausgaben einfrieren, was einem Budget von 900 Milliarden Euro entspräche.

Welche Rolle Deutschland in den kommenden Gesprächen einnehmen wird, ist nicht ganz klar. Bislang habe sich die Bundesregierung intensiv für eine Anhebung des Fördervolumens eingesetzt, schreibt die SPD-Fraktion in einer Kleinen Anfrage. In ihrer Antwort, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, erklärt die Bundesregierung, man habe sich auf eine konkrete Förderhöhe für einzelne Programme einschließlich "Horizon 2020" noch nicht festgelegt.

Die Nobelpreisträger fürchten nun düstere Aussichten für die europäische Spitzenforschung. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Förderung der Wissenschaft eine wesentliche Investition bedeute. Würden die Gelder massiv gekürzt, riskiere Europa, eine ganze Generation von Nachwuchswissenschaftlern zu verlieren, heißt es in dem Brief. Die würden dann eher ins Ausland gehen, um dort ihre wissenschaftlichen Ziele zu verwirklichen.

Die Young Academy of Europe warnt die europäischen Politiker ebenfalls vor Kürzungen, die eigens gestartete Online-Petition haben bis heute bereits 123.000 Wissenschaftler unterzeichnet. Sorgen bereitet den Nachwuchsforschern vor allem die Zukunft des Europäischen Forschungsrats (ERC), der die Finanzierung von Grundlagenforschung in der EU koordiniert. Seit dem Start 2007 vergibt der ERC Stipendien an erfolgreiche Spitzenforscher, aus über 31.000 Bewerbungen wurden bislang 3.000 Projekte ausgewählt.

"Durch eine Kürzung des Budgets besteht die Gefahr, dass bereits investierte Mittel sowie mehrere Generationen durch die ERC-Projekte geförderter Doktoranden verloren gehen", sagt Nicole Grobert, eines der Mitglieder der Young Academy. Die Entscheidung über die Ausgaben wird am 22./23. November in Brüssel fallen.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Klientel
cdrenk 16.11.2012
Jeden Tag aufs neue verlangt ein kleines Grüppchen eine Sonderregel. Wer fragt eigentlich den Steuerzahler ob er diese Klientelpolitik richtig findet ? Wär schon gut, wenn Herr Cameron sich nicht wieder verbiegen laeßt.
2. Grenzenlos Dumm!
kannmanauchsosehen 16.11.2012
Zitat von cdrenkJeden Tag aufs neue verlangt ein kleines Grüppchen eine Sonderregel. Wer fragt eigentlich den Steuerzahler ob er diese Klientelpolitik richtig findet ? Wär schon gut, wenn Herr Cameron sich nicht wieder verbiegen laeßt.
Im Gegensatz zu fett-bezahlten Bankern und Tradern, die uns die ganze Suppe eingebrockt haben, leben die meisten Forscher - Professoren ausgenommen - in prekären Arbeitsverhältnissen (größtenbteils befristete Verträge, Teilzeit, Stipendien ohne vernünftige Altersvorsorge). Europäische Forschunsprogramme waren immer noch ein wenig der Silberstreif am Horizont. Wenn hier jetzt auch noch radikal gespart wird - gerade auf Initiative von rücksichtslosen Bankenlobbyisten wie Cameron - dann ist dies nicht nur eine grenzenlose Unverschämtheit, sondern auch grenzenlos dumm. Durch seinen Mangel an Rohstoffen hat Europa eben nur mal Hochtechnologie als Wachstumsmarkt - wenn man hier spart, dann weiß ich nicht, wo die Regierungen nun eigentlich ihre Prioritäten sehen. Ja, die Londoner City, Frankfurt, Cayman Islands, der Finanzdienstleistungssektor als globaler Arbeitgeber - in der Welt des Prof. Hans Werner Sinn ist dies das Paradies, in der realen Welt ist es das Ende des allgemeinen Wohlstands. Danke Frau Dr. Merkel!
3. Wer glaubt...
docpanik 16.11.2012
Zitat von cdrenkJeden Tag aufs neue verlangt ein kleines Grüppchen eine Sonderregel. Wer fragt eigentlich den Steuerzahler ob er diese Klientelpolitik richtig findet ? Wär schon gut, wenn Herr Cameron sich nicht wieder verbiegen laeßt.
.. das gute Forschungspolitik Klientelpolitik ist, liegt wohl ziemlich daneben. Ein Land ohne Grundlagenforschung wird früher oder später von allen anderen überholt. Um Forschung und Bildung wertzuschätzen müsste man wohl selber erstmal was damit anfangen können, oder?
4. .
docpanik 16.11.2012
Zitat von kannmanauchsosehenIm Gegensatz zu fett-bezahlten Bankern und Tradern, die uns die ganze Suppe eingebrockt haben, leben die meisten Forscher - Professoren ausgenommen - in prekären Arbeitsverhältnissen (größtenbteils befristete Verträge, Teilzeit, Stipendien ohne vernünftige Altersvorsorge). Europäische Forschunsprogramme waren immer noch ein wenig der Silberstreif am Horizont. Wenn hier jetzt auch noch radikal gespart wird - gerade auf Initiative von rücksichtslosen Bankenlobbyisten wie Cameron - dann ist dies nicht nur eine grenzenlose Unverschämtheit, sondern auch grenzenlos dumm. Durch seinen Mangel an Rohstoffen hat Europa eben nur mal Hochtechnologie als Wachstumsmarkt - wenn man hier spart, dann weiß ich nicht, wo die Regierungen nun eigentlich ihre Prioritäten sehen. Ja, die Londoner City, Frankfurt, Cayman Islands, der Finanzdienstleistungssektor als globaler Arbeitgeber - in der Welt des Prof. Hans Werner Sinn ist dies das Paradies, in der realen Welt ist es das Ende des allgemeinen Wohlstands. Danke Frau Dr. Merkel!
Dem kann man eigentlich nur zustimmen!
5. Investitionen in die Forschung ist eine Investition in die Zukunft!
carstenschmitz 16.11.2012
Das Resultat der Sparpolitik Merkels kann man in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal besichtigen. Es hat kein Wachstum gebracht, mehr als jeder 2. Jugendliche ist arbeitslos, viele Menschen haben kein Dach über dem Kopf, Essen ist für viele Familien knapp. Es wird zu sozialen Verwerfungen kommen, die auch Deutschland noch erfassen werden. Kürzungen in der Forschung jetzt würden all das zerstören, was man in Jahrzehnten mühseliger Arbeit aufgebaut hat. Wenn wir in die Steinzeit zurück wollen, dann müssen wir Herrn Cameron und Frau Merkel folgen.
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