Gesundheitskosten Novartis blockiert Preisfindung bei Diabetesmitteln

Die Nutzenbewertung von Medikamenten steht auf der Kippe - und damit eine Milliardenentlastung für die Verbraucher. Novartis hat gegen die Methode geklagt, Gesundheitspolitiker der CDU wollen die Bewertung nun notfalls gesetzlich festschreiben.

Sind sie ihr Geld wert? Die Nutzenbewertung sollte auch bewährte Pillen prüfen
Corbis

Sind sie ihr Geld wert? Die Nutzenbewertung sollte auch bewährte Pillen prüfen


Berlin - Die CDU will die Nutzenbewertung von Arzneimitteln, die seit Anfang 2011 möglich ist, notfalls gesetzlich festschreiben, um geplante Einsparungen in Milliardenhöhe zu erreichen. "Der Wille des Gesetzgebers ist eindeutig, wir wollten und wollen den Aufruf des Bestandsmarkts", sagte Jens Spahn (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der Union. "Das stellen wir notfalls auch noch mal gesetzgeberisch klar."

Ein Statement in Richtung Pharmaindustrie, genauer in Richtung Novartis. Das Unternehmen hatte vor Gericht gegen die Nutzenbewertung seiner Diabetesmittel geklagt - und zumindest einen Aufschub erreicht. Mit der Gerichtsentscheidung stehen geplante Millioneneinsparungen für die Verbraucher auf der Kippe.

Hintergrund des Streits ist die große Frage, was ein Medikament wirklich kosten darf, die Suche nach einem fairen Preis. Mit dem neuen Arzneimittelgesetz soll dies möglich werden, dabei sollten nicht nur innovative Pillen auf ihren Nutzen geprüft werden, sondern auch die Medikamente, die längst auf dem Markt sind. Beginnen wollte der Gemeinsame Bundesausschuss, das gemeinsame Gremium der Kassen und Ärzte, damit im Juni 2012 mit verschiedenen Medikamenten zur Behandlung von Diabetes - darunter auch mit Produkten des Herstellers Novartis. Bis zum 31. Dezember 2012 sollten die betroffenen Hersteller ihre Dossiers vorlegen, damit die Nutzenbewertung der Wirkstoffe am 1. Januar 2013 beginnen könne.

Dagegen wehrte sich Novartis: Das Unternehmen reichte Klage ein. Um auch die bis Ende des Jahres 2012 gesetzte Frist zur Einreichung des Dossiers zu stoppen, wurde außerdem ein Eilantrag gestellt. Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hat am Montag erklärt, diesem Antrag in den nächsten Wochen entscheiden zu wollen.

Dass die CDU nun erklärt, das Verfahren notfalls gesetzlich festzuschreiben, beeindruckt Hersteller Novartis wenig. Auf Rückfrage erklärte das Unternehmen, dass man die Nutzenbewertung zwar anerkenne, dass es dafür aber ein Bewertungsverfahren brauche, das die gesetzlichen Kriterien erfüllt. "Daran gibt es in dem aktuellen Fall Zweifel, die ein Gericht nun prüft." Woran genau Novartis zweifelt, ist nicht bekannt. Eine Entscheidung werde in den nächsten Wochen erwartet, endet das knappe Statement.

Oberflächlich gehe es im aktuellen Streit zwar nur um Verfahrensfragen. Zähle man jedoch eins und eins zusammen, werde klar, dass auf dem Weg durch die gerichtlichen Instanzen ein eigenes Verfahren für den Bestandsmarkt eingeklagt werden soll, heißt es seitens des Spitzenverbands der Krankenkassen.

"Die Folgen wären gravierend", hatte auch der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses der Kassen, Ärzte und Krankenhäuser (G-BA), Josef Hecken, gewarnt. "Wenn wir die schon eingeführten Medikamente nicht bewerten können, dann entgeht den Kassen dauerhaft ein Einsparvolumen von mindestens drei bis vier Milliarden Euro im Jahr." 2011 hatten die Kassen fast 31 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben.

nik

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Seite 1
josh67 13.02.2013
1. Titel
Zitat von sysopddpDie Nutzenbewertung von Medikamenten steht auf der Kippe - und damit eine Milliardenentlastung für die Verbraucher. Novartis hatte gegen die Methode geklagt und vorerst Recht erhalten. Gesundheitspolitiker der CDU wollen die Bewertung nun notfalls gesetzlich festschreiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/novartis-blockiert-nutzenbewertung-a-883179.html
Wow , Notfalls will die Regierung Ihre Arbeit tun.
wwwwalter 13.02.2013
2. Die CDU will die Wahlen gewinnen,
daher jetzt plötzlich die großen Töne, daher die Ankündigung, für den Bürger und nicht mehr für die Pharmaindustrie zu arbeiten (obwohl das eigentlich schon vor Jahren hätte umgesetzt werden können). Bis zu den Wahlen liegen die Akten sowieso erst mal alle beim Gericht. Und nach den Wahlen können sich die CDU-Granden ggf. wieder hinter der FDP verstecken. Merkel hat ja jetzt auf einmal auch das Thema Mindestlohn für sich entdeckt... als ob der eine Erfindung der Kanzlerin wäre und nur die böse böse FDP Schuld dran ist, dass es den noch immer nicht gibt. Das läuft alles nach dem Motto: Links antäuschen, und dann rechts den Treffer versenken. Das Wahlvolk umfasst sehr viele Dumme, die sich bestimmt wieder rumkriegen lassen.
Benjowi 13.02.2013
3. Institutionalisierte Korruption!
Man muss sich so etwas einmal vorstellen: Da ist ein Industrieunternehmen -offensichtlich mit besten Lobbyverbindungen -, das will verhindern, dass sich eine halbwegs neutrale Institution -vorerst zumindest noch halbwegs neutral- seine Produkte bewerten will, mit dem Ziel dass die Kassen als Vertreter der Kunden nur einen einigermaßen angemessenen Preis bezahlen müssen-denn die Kassen müssen bekannterweise zahlen. Das Ziel ist eindeutig: Hier sieht jemand seine offensichtlich unangemessenen Pfründe bedroht und will die Öffentlichkeit per Verfahrenstricks zwingen, das sie weiterhin seine Phantasiepreise zahlen müssen. Das ist ein Ausbund von institutionalisierter Korruption ohnegleichen und es ist nach den bisherigen Erfahrungen mehr als fraglich, ob die Regierung tatsächlich im Sinne der Kunden vorgehen wird, denn meistens stand sie auf den Seiten der Abzocker.
A.Lias 13.02.2013
4. Ausgerechnet Novartis...
... die, die komplett damit überfordert waren, genügend Grippemittel herzustellen. Nicht nur das - es waren ja auch diverse Chargen nicht einwandfrei und mussten zurückgerufen werden. Ausgerechnet die wehren sich nun gegen die Bewertung ihrer Medikamente. Das ist ja fast so, als ob der ex-Dr. von-und-zu oder die ex-Dr. Bildungsministerin sich gegen die Bewertung ihrer Dissertationen wehren... Allerdings habe ich schon lange kein Vertrauen mehr in deutsche Gerichte.
Dretio Gersut 13.02.2013
5. Bitte keine Birnen mit Äpfeln vergleichen.
Zitat von A.Lias... die, die komplett damit überfordert waren, genügend Grippemittel herzustellen. Nicht nur das - es waren ja auch diverse Chargen nicht einwandfrei und mussten zurückgerufen werden. Ausgerechnet die wehren sich nun gegen die Bewertung ihrer Medikamente. Das ist ja fast so, als ob der ex-Dr. von-und-zu oder die ex-Dr. Bildungsministerin sich gegen die Bewertung ihrer Dissertationen wehren... Allerdings habe ich schon lange kein Vertrauen mehr in deutsche Gerichte.
Was hat die Grippe Impfung mit einer von Novartis gestoppten Bewertung zu tun? Erstens wird die Grippe Impfung jedes Jahr in einem rekordtem
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