OECD-Studie: Fettleibigkeit wird weltweit zur Volkskrankheit

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Die Gesundheit leidet, das Sterberisiko steigt, die Jobaussichten sinken - in vielen Industriestaaten ist schon jeder Zweite übergewichtig, mit verheerenden Folgen. Die Politik muss handeln, fordern jetzt Experten in einer neuen OECD-Studie. Sie liefert eine erschreckende Bestandsaufnahme des Problems.

Dickenwachstum: Der Kampf gegen die überflüssigen Pfunde Fotos
DPA

Der Harry-Potter-Vergnügungspark in Florida musste dieses Jahr ausbauen: Zu viele Besucher hatten nicht in die Sitze einer Achterbahn gepasst, sie waren zu dick. Ähnliche Platzprobleme kennen auch Fluglinien, bei Air France gibt es mittlerweile ein Übergewichtsangebot. Wer aufgrund seiner Pfunde nicht auf einen Platz passt, muss für die zweite Sitzkarte nur noch 75 Prozent bezahlen. Die Menschheit in den Industrieländern wird immer dicker - und arrangiert sich zunehmend mit dem Problem.

An diesem Donnerstag hat die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Bestandsaufnahme zu dem Thema veröffentlicht. Darin appellieren die Experten eindringlich an die Politik, der Entwicklung entgegenzuwirken: Es müsse dringend etwas unternommen werden, sonst verfette die Welt mit unabsehbaren Folgen für Gesundheitssystem und Industrie, lautet der Tenor des mehr als 270 Seiten langen Berichts. Er dient als Grundlage für ein Treffen der OECD-Gesundheitsminister Anfang Oktober in Paris.

Prognose: Zwei von drei Menschen zu dick

In den sechziger Jahren waren Übergewichtige noch eine Ausnahmeerscheinung, Menschen verrenkten sich auf der Straße die Köpfe nach ihnen. Doch inzwischen ist die Lage gekippt: In mindestens der Hälfte der OECD-Länder ist jede zweite Person übergewichtig oder fettleibig, darunter fällt auch Deutschland. Im Jahr 2009 hatten 60 Prozent der deutschen Männer zu viele Kilos auf den Hüften, bei den Frauen waren es 45 Prozent. Ein Anteil von 16 Prozent beider Geschlechter war sogar fettleibig, also extrem übergewichtig. Hält der Trend an, werden in zehn Jahren zwei von drei Personen in den OECD-Ländern unter Übergewicht leiden, schreiben die Experten - und blicken damit in eine fatale Zukunft.

Die überflüssigen Kilos begünstigen chronische Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck, sie fördern Gallensteine und Störungen des Fettstoffwechsels, belasten Knochen und Gelenke. Stark übergewichtige Personen sterben in der Regel acht bis zehn Jahre früher als Normalgewichtige. Die Gefahr kommt schrittweise, 15 Kilogramm mehr bedeuten auch ein 15 Prozent höheres Sterberisiko.

Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsuchtepidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body-Mass-Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI hängt vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29

Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40
Verglichen mit einem Normalgewichtigen liegen die Gesundheitsausgaben für einen Übergewichtigen mindestens 25 Prozent höher. Aufs ganze Leben gesehen unterschieden sich die Investitionen für einen Übergewichtigen zwar nicht stark von denen für einen Normalgewichtigen, schreiben die Forscher. Zu stark sei der Einfluss der kürzeren Lebenserwartung. Dies könnte sich in Zukunft jedoch ändern: Die Experten erwarten einen rasanten Anstieg der Übergewichtskosten in den nächsten Jahren, sobald chronische Folgeerkrankungen gehäuft auftreten.

Zum gesundheitlichen kommt noch ein wirtschaftliches Problem: Die überflüssigen Pfunde verschlechtern die Jobaussichten. Arbeitgeber bevorzugen häufig normalgewichtige Personen, weil sie ihnen eine bessere Produktivität zusprechen, haben die Experten herausgefunden. In der Tat müssen sich Menschen mit Übergewicht in der Regel häufiger freinehmen, in Nordeuropa beziehen Übergewichtige dreimal häufiger Arbeitsunfähigkeitsbezüge. Was folgt, ist ein Anstellungs- und Lohngefälle für den dicken Teil der Bevölkerung.

Falsche Steuern, falsche Subventionen

Ändert sich nichts an den Rahmenbedingungen, wird sich die Problematik immer weiter verschärfen. Es sei ein Teufelskreis, warnen die Experten. Kinder, die mindestens einen übergewichtigen Elternteil besitzen, haben ein drei- bis viermal höheres Risiko, auch selbst übergewichtig zu werden. Dies lässt sich nur zum Teil auf Erbanlagen zurückführen. Verheerender ist, dass der Nachwuchs die ungesunde Ernährung mit seinen Eltern teilt und den Lebensstil kopiert.

Doch was kann die Politik tun? Bisher waren viele Interventionen der Regierungen eher kontraproduktiv, kritisieren die Experten in ihrem Bericht. Hinderliche Agrarsubventionen und falsche Steuern förderten ein Überangebot und damit die Übergewichtsepidemie. Hinzu kamen Fehlplanungen in vielen Städten. Es mangele an Grünflächen mit Sportangeboten und Spielplätzen, das nächste Fast-Food-Restaurant hingegen sei oft nur eine Straßenecke weit entfernt, schreiben die Forscher. Ein grundsätzliches Umdenken sei notwendig. Immerhin, zum Teil habe es schon begonnen.

So versuchen die Politiker auch in Deutschland zunehmend, Verantwortung zu übernehmen. Sie debattieren über eine Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln, um heimliche Dickmacher zu enttarnen. In immer mehr Städten lassen sich Fahrräder ausleihen, um kurze Strecken mit der eigenen Körperkraft zurückzulegen. Vielerorts verbessert sich das Angebot in Schulkantinen und die Sportmöglichkeiten steigen, schreiben die Forscher. Doch es brauche mehr, um eine Kultur mit gesundem Essen und einem aktiven Lebenstil zu etablieren.

Notwendig seien populäre Aufklärungskampagnen. Steuern und Subventionen müssten überdacht werden, und jeder Bürger müsste eine individuelle Beratung garantiert bekommen, zum Beispiel durch den Familienarzt. Aber auch ein Einlenken der Industrie sei notwendig, schreiben die Forscher. Sie fordern weniger Salz und weniger gesättigte Fettsäuren in den Speisen. "Nur so kann die Politik den Anspruch ändern, den die Menschen an sich selbst und ihre eigene Fitness haben", folgern die Forscher. "Dann kann es ihnen auch gelingen, neue Werte zu festigen für das, was Menschen als einen gesunden Lebensstil ansehen."

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insgesamt 204 Beiträge
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1. Und es tut sich ... nichts!
Beduine, 23.09.2010
Auch das ein Evergreen, den man seit der "Freßwelle" der 50er Jahre immer wieder aufs Neue herausholen kann. Ändern tut sich sowieso nichts. Die einen machen Sport und achten auf ihre Gesundheit, den anderen ist ihre Gesundheit egal. Und viele fallen auf die an die vorgebetenen Scheinargumente herein, dass gesund zu teuer sei und sie ja daher auf billiges Zeug angewiesen seien. Und drittens traut sich die Politik sowieso nicht, gegen die Konzerne oder McDonald's & Co. anzugehen. Dann kommen lediglich Selbstverpflichtungen der Industrie, Kooperationen oder andere Alibiaktionen heraus.
2. Humbug
Schinkenfisch 23.09.2010
Volkskrankheit? Ich glaub es geht los! Mal abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen hat Fettleibigkeit nichts mit Krankheit, sondern mit Bequemlichkeit, Fertigfraß und Maßlosigkeit zu tun. Und jetzt wird auch noch dreist gefordert, dass die Politik Zeit und Geld darauf verschwendet den Leuten zu sagen, dass sie an einem Sonntag nicht einfach 2 Braten essen und danach noch einen Familienausflug zum McDonalds machen können. Mehr Grünflächen werden wohl kaum dazu führen, dass die vollgefressenen Leute auf einmal aus ihren Häusern stürmen um sich körperlich zu ertüchtigen.
3. Hier muss ein Gewichtsoli her
masc672 23.09.2010
Zitat von sysopDie Gesundheit leidet, das Sterberisiko steigt, die Jobaussichten sinken - in vielen Industriestaaten ist schon jeder Zweite übergewichtig, mit verheerenden Folgen. Die Politik muss handeln, fordern jetzt Experten in einer neuen OECD-Studie. Sie liefert eine erschreckende Bestandsaufnahme des Problems. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,718868,00.html
Eindeutig. Das kann man nur mit einem Soli beheben. Alle Parteien haben bestimmt schon Vorschläge in der Schublade. Es geht nur so. Alles andere ist "Alternativlos".
4. Dick & Doof
Mo2 23.09.2010
Zitat von sysopDie Gesundheit leidet, das Sterberisiko steigt, die Jobaussichten sinken - in vielen Industriestaaten ist schon jeder Zweite übergewichtig, mit verheerenden Folgen. Die Politik muss handeln, fordern jetzt Experten in einer neuen OECD-Studie. Sie liefert eine erschreckende Bestandsaufnahme des Problems. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,718868,00.html
Das wird wohl nix in Lobbyisten-Schlaraffenländern wie USA / EU. Die Ampelkennzeichnung ist doch gerade mal wieder abgelehnt worden. Foodwatch veröffentlich regelmäßig haarsträubende Skandale, aber ändern tut sich nichts, höchstens zum Schlechteren.
5. Die Politik muss NICHT handeln !
mercator, 23.09.2010
Zitat von sysopDie Gesundheit leidet, das Sterberisiko steigt, die Jobaussichten sinken - in vielen Industriestaaten ist schon jeder Zweite übergewichtig, mit verheerenden Folgen. Die Politik muss handeln, fordern jetzt Experten in einer neuen OECD-Studie. Sie liefert eine erschreckende Bestandsaufnahme des Problems. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,718868,00.html
Wieso muss eigentlich die Politik handeln ????? Fest steht doch: Nur Nahrung, die ein Mensch aufnimmt, kann diesen auch dick werden lassen. Von Bewegung und entsprechend weniger Essen wird niemand dick. Der einzige Handlungsbedarf, den ich sehe ist doch der: Wer sich aus eigener Entscheidung einen Ranzen zulegt, der möge doch bitte auch mit den Konsequenzen leben - will sagen - Fürsorge und Bemutterung durch die Allgemeinheit auf das allernotwendigste beschränken - abnehmen müssen die Leut' schon selber. Es ist ja nicht so, daß die Erkenntnis dass nur das was ich esse mich auch dick machen kann ein wohl gehütetes Geheimnis ist. Dabei ist es doch so einfach: lasst jeden mit den Konsequenzen seines Handelns leben - wenn sich jeder für sich selber darauf besinnt, daß er selber für sein Handeln und dessen Konsequenzen verantwortich ist und eben nicht 'die Gesellschaft', 'die Politik', 'der Nachbar' oder 'das Spaghettimonster' , weren wohl einige zur Vernunft kommen - und andere eben mit den Konsequenzen leben.
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Die OECD
Die 1961 in Paris gegründete Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist ein internationales Diskussionsforum über die Wirtschaftspolitik. Sie umfasst 30 Mitgliedstaaten, darunter die meisten EU-Länder, die USA, Japan, Südkorea, Australien, die Schweiz und die Türkei. Die OECD veröffentlicht jährlich rund 250 Studien.