Organspenden-Reform: Vorwürfe gegen Stiftung überschatten Konsens

Bei Beratungen im Bundestag zum Transplantationsgesetz gab es viel Emotionen -  und Kritik. Die Grünen sehen den Datenschutz in Gefahr, die Deutsche Stiftung Organtransplantation mahnt Fehlplanungen an.  Dabei sieht sich die DSO selbst mit Vorwürfen der Geldverschwendung konfrontiert.

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Organspenden: "Eine Frage der Mitmenschlichkeit"

Berlin - Die Debatte sei außergewöhnlich emotional gewesen, berichten Beobachter. Am Donnerstag hat der Bundestag die Reform der Organspende auf den Weg gebracht. Ab Sommer sollen alle Deutschen erklären, ob sie ihre Organe nach dem Tod spenden möchten oder nicht. Alle fünf Fraktionen hatten sich Anfang des Monats nach jahrelangem Ringen auf diese Entscheidungslösung geeinigt.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die in Deutschland alle Schritte im komplizierten Prozess der Organspende organisiert, übte Kritik an den geplanten Neuregelungen. Zeitgleich wurde bekannt, dass man der Organisation selbst Geldverschwendung und Fehlplanung vorwirft.

In der morgendlichen Lesung im Bundestag bekräftigen derweil alle Parteien ihren Wunsch nach der Neuregelung des Transplantationsgesetzes. "Heute können wir miteinander zeigen, dass Politik Verantwortung ernst nimmt für Menschen, die Hilfe dringend bedürfen", sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zu dem von allen Fraktionen mitgetragenen Antrag. "Die Organspende ist eine Frage der Mitmenschlichkeit." Er verwies darauf, dass in dem Gesetzentwurf bewusst darauf verzichtet worden sei, Anreize zugunsten der Spendenbereitschaft zu schaffen, etwa in Form von Bonuszahlungen oder Beitragssenkungen der Krankenkassen. "Die Organspende soll eine Spende bleiben." Es dürfe dabei keine Kommerzialisierung geben, sagte Steinmeier, der selbst seiner Frau eine Niere gespendet hat.

Transplantationsbeauftragte verzweifelt gesucht

Das zusätzliche Gesetz bringe wichtige Ergänzungen, ist sich auch Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sicher. "Jedes Krankenhaus wird verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten einzusetzen." Im Arbeitsalltag der Ärzte und Klinikverwaltungen muss das Thema stärker im Bewusstsein verankert werden. "Die Kombination aus Entscheidungslösung und den Beauftragten in den Kliniken wird es ermöglichen, dass sich in Deutschland die Spendezahlen deutlich erhöhen."

Genau hier sieht Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die größten Probleme, schließlich müssten die Kliniken eine mit dem neuen Gesetz möglicherweise steigende Spendenbereitschaft in der Bevölkerung aufnehmen und umsetzen. Auch mit der Änderung des Transplantationsgesetzes fehlten weiterhin "klare Vorgaben", sagte Kirste der "Ärzte Zeitung".

Wer etwa wird die Transplantationsbeauftragten ausbilden? Was genau sollen diese organisieren? Benötigt würden rund 12.000 Intensivmediziner, schätzt Kirste. Es gebe aber keine Regeln für deren Freistellung und Bezahlung. Hier seien die Länder und die Ärztekammern gefragt.

Kritisch beurteilt Kirste auch die zur Aufklärung geplanten Informationsbroschüren. "Es ist zu befürchten, dass diese im Papierkorb landen", sagte Kirste gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Schwere Vorwürfe in anonymen Schreiben

Währenddessen ist der Stiftungsrat der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) selbst in die Kritik geraten: Dieser verhindere die Veröffentlichung eines Gutachtens, in dem Vorwürfe gegen die DSO-Spitze untersucht wurden. Das bestätigte das Bundesgesundheitsministerium der "Frankfurter Rundschau". Zutreffend sei, dass der Stiftungsrat dem Ministerium ein Exemplar hat zukommen lassen; eine Weitergabe an Dritte habe er aber ausgeschlossen.

Ende 2011 war ein anonymes Schreiben aufgetaucht, in dem der DSO-Spitze Geldverschwendung, Fehlplanung und eine Demotivierung der Mitarbeiter vorgeworfen wurde. Der Stiftungsrat, der sich mit dem Vorwurf konfrontiert sah, selbst zu einem Rückgang der Spendenbereitschaft in Deutschland verantwortlich zu sein, habe die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO AG mit einer Untersuchung beauftragt, schreibt die Zeitung.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigt die DSO, dass die Prüfung einer Vielzahl von Vorwürfen gegen den Vorstand der DSO insgesamt, insbesondere aber gegen den kaufmännischen Vorstand, kein Fehlverhalten erkennen ließ. "Die Vorwürfe aus der anonymen E-Mail vom 7. Oktober 2011 haben sich demnach als haltlos erwiesen."

Die Grünen kritisierten das Verhalten des DSO-Stiftungsrats scharf: "Ich fordere die Bundesregierung und die DSO auf, den Bericht der Wirtschaftsprüfer zu veröffentlichen", sagte Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe. Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, lädt den DSO-Vorstand zur nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses ein. "Wir wollen größtmögliche Transparenz und Offenheit bei dem Umgang mit den Vorwürfen. Daher laden wir die DSO zeitnah zum Gespräch. Organspende ist ein sensibles Thema, da darf keine Frage offen bleiben."

Grüne sehen Datenschutz-Problem

Auch politisch ging das Ringen im Bundestag um die beste Lösung bei der geplanten Organspendereform weiter. Die Grünen-Fachpolitikerin Elisabeth Scharfenberg kündigte einen Änderungsantrag an. Verzichten sollte man auf die geplante Regel, nach der die Krankenkassen die Entscheidung auf der elektronischen Gesundheitskarte speichern oder löschen können. Dies soll mit Zustimmung der Versicherten geschehen können, wenn die Karte in rund fünf Jahren diese Daten technisch aufnehmen kann.

Scharfenberg kritisierte, es verletzte den Datenschutz, wenn die Kassen die sensiblen Daten dort aufbringen könnten. Der Änderungsantrag sei genauso wie der Gesetzentwurf ein Gruppenantrag über Fraktionsgrenzen hinweg. Die Reform wolle sie nicht in Frage stellen. "Das Ziel unseres Änderungsantrags ist es, den Gesetzentwurf zu verbessern", sagte Scharfenberg.

nik/dpa/dpad

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1. Ketzerische Frage
Europa! 22.03.2012
Zitat von sysopBei Beratungen im Bundestag zum Transplantationsgesetz gab es viel Emotionen - und Kritik. Die Grünen sehen den Datenschutz in Gefahr, die Deutsche Stiftung Organtransplantation mahnt Fehlplanungen an. Dabei sieht sich die DSO selbst mit Vorwürfen der Geldverschwendung konfrontiert. Organspenden-Reform: Vorwürfe gegen Stiftung überschatten Konsens - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,823090,00.html)
Ist Organtransplantation eigentlich wirklich so wünschenswert? Ist das nicht eine völlig fehlgeleitete Technologie, die nur den Mediziniern dient?
2.
frechwieoskar 22.03.2012
Zitat von sysopBei Beratungen im Bundestag zum Transplantationsgesetz gab es viel Emotionen - und Kritik. Die Grünen sehen den Datenschutz in Gefahr, die Deutsche Stiftung Organtransplantation mahnt Fehlplanungen an. Dabei sieht sich die DSO selbst mit Vorwürfen der Geldverschwendung konfrontiert. Organspenden-Reform: Vorwürfe gegen Stiftung überschatten Konsens - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,823090,00.html)
wenn dieses System steht, wenn dieses Gestz durchkommt, wenn Organspende Standard wird, dann wird irgendwer auf die Idee kommen, das man mit menschlichen Organen handeln und Geld verdienen kann. Der Mensch wird zur Ware werden...
3. für die Menschen
alandry 22.03.2012
Zitat von Europa!Ist Organtransplantation eigentlich wirklich so wünschenswert? Ist das nicht eine völlig fehlgeleitete Technologie, die nur den Mediziniern dient?
Es dient definitiv den Menschen, die ein Spenderorgan benötigen. Wenn Menschen bereit sind ihre Organe zu spenden und andere Menschen dadurch viele zusätzliche oder gesündere Jahre geschenkt bekommen halte ich das für eine gute Sache. Die Spende selbst muss dabei natürlich so geregelt sein dass sowohl die Belange des Empfängers als auch des Spenders berücksichtigt werden. Die Spende ist ja weiterhin freiwillig.
4.
Flari 22.03.2012
Zitat von frechwieoskarwenn dieses System steht, wenn dieses Gestz durchkommt, wenn Organspende Standard wird, dann wird irgendwer auf die Idee kommen, das man mit menschlichen Organen handeln und Geld verdienen kann. Der Mensch wird zur Ware werden...
Leben Sie hinter dem Mond? Krimineller Organhandel ist seit Jahren weltweit gang und gäbe.. Und gerade eine höhere Spendenbereitschaft, wirkt dem entgegen. Und genau das soll dieses Gesetz bewirken!
5. Wem nützt wohl das Spenderorgan?
wolfsberg 22.03.2012
Zitat von Europa!Ist Organtransplantation eigentlich wirklich so wünschenswert? Ist das nicht eine völlig fehlgeleitete Technologie, die nur den Mediziniern dient?
Nun, da fragen Sie doch einmal die Mensch, die dringend auf ein Spenderorgan warten, ob dieses "nur den Medizinern dient". ;-) Ganz ehrlich - niemand wird zu einer Spende gezwungen. Es wird auch kein kranker Mensch dazu gezwungen, sich ein neues Organ transplantieren zu lassen. Die bestehende Möglichkeit jedoch ist ein großer medizinischer Fortschritt, der dem ein oder anderen ein paar zusätzliche schöne Lebensjahre schenken kann (trotz gegebener Einschränkungen). Es geht ja auch darum, wie gut Technologien etabliert sind. Vor ein paar hundert Jahren war jede Form der Medizin "Teufelswerk" und somit "fehlgeleitet" und heute möchte niemand mehr darauf verzichten - Sie etwa? Und die Frage, ob ein Spenderorgan "auch" den Medizinern dient... Ich weiß nicht, ob ein Chirurg Bonuszahlungen für jedes transplantierte Organ erhält. Kann ich mir eigentlich NICHT vorstellen. Bezahlt wird er für die Operation, und das ist völlig okay. Für eine verantwortungsvolle Aufgabe muss ein angemessener Lohn bezahlt werden. Sie wollen doch auch ein Gehalt für ihre Tätigkeit, oder? Und den Klemptner bezahlen Sie auch, ohne sich die Frage zu stellen, wem denn jetzt das reparierte Klo mehr nützt, Ihnen oder dem Klemptner? :-)
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DER SPIEGEL


Organspende und Organtransplantation
Postmortale Organspende in Zahlen
Jeden Tag sterben laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) drei Menschen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan registriert sind. Nach Rückgang und Stagnation in den Jahren 2008 und 2009 ist die Zahl der Organspender 2010 gestiegen. 4205 Organe wurden gespendet. Dennoch warten jährlich 12.000 Menschen in Deutschland auf ein Organ.
Hirntod
Der mit dem Tod des Individuums identische endgültige Ausfall aller Funktionen von Groß- und Kleinhirn und Hirnstamm (Organtod des Gehirns), wobei die Kreislauffunktion unter Umständen noch durch künstliche Beatmung aufrecht erhalten werden kann. Besondere Bedeutung hat die Diagnose des Hirntods für die Organentnahme zum Zweck der Transplantation.
Warteliste
Die Wartelisten registrieren alle Patienten, die ein neues Organ benötigen und transplantiert werden können. Ist das Risiko der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und sind die Erfolgsaussichten schlecht, so wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Die Transplantationszentren geben die erforderlichen Patientendaten weiter an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden.
Zustimmungslösung
In Deutschland gilt eine Zustimmungslösung: Hier muss zu Lebzeiten, zum Beispiel per Organspendeausweis, das ausdrückliche Einverständnis zur Organentnahme nach einem Hirntod gegeben werden. Ist dies nicht der Fall, müssen die Angehörigen entscheiden - auf Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.
Widerspruchsregelung
In Ländern wie Österreich, Spanien und Belgien ist jeder Bürger potentieller Organspender - es sei denn, man hat der Organspende zu Lebzeiten schriftlich widersprochen oder die nahen Angehörigen sind dagegen. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) macht sich gemeinsam mit anderen Landeskollegen, unter anderem dem bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU), auch in Deutschland für eine "erweiterte Widerspruchslösung" stark. Danach sollen die nahen Angehörigen eines Toten befragt werden und ein Einspruchrecht bekommen.
Entscheidungregelung
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Amtskollege Volker Kauder machen sich für die Entscheidungslösung stark. Danach fordert der Staat jeden Bürger einmal im Leben, etwa bei der Führerscheinprüfung oder bei der Ausstellung des Passes, zu einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende auf.
Transplantationsgesetz
Gesetz vom 5.11.1997 in der Fassung vom 4.9.2007, das die Entnahme und Verpflanzung (Transplantation) von Organen regelt. Abschnitt 2, "Entnahme von Organen und Geweben bei toten Spendern", legt fest, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, durch zwei Ärzte festgestellt ist. Mindestvoraussetzung für eine Organentnahme ist die Diagnose des Hirntods. Hat der Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung über eine Organspende getroffen, können auch Angehörige einer Organentnahme zustimmen. Das Transplantationsgesetz enthält außerdem umfassende Bestimmungen zur Organvermittlung und ein Verbot des Organhandels.
Eurotransplant
Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung und als solche seit 1967 für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Slowenien verstorbenen Menschen zum Zweck der Transplantation entnommen werden. Die Organe werden nach festgelegten Kriterien vergeben. Entscheidend für die Vergabe sind die Kriterien Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit.
Ein Mensch kann acht Menschenleben retten
Nach dem Hirntod können einem Menschen bis zu acht Organe oder Organteile entnommen und transplantiert werden: zwei Lungenflügel, zwei Nieren, die Leber, das Herz, die Bauchspeicheldrüse und der Dünndarm.
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