Pandemie-Bekämpfung: Vier Lehren aus der Schweinegrippen-Hysterie

Ein Kommentar von Markus Grill

Die Schweinegrippe ist gekommen und gegangen - ohne Millionen Tote zu hinterlassen. Pharmakonzerne haben Milliarden auf Kosten der Steuerzahler verdient, Mediziner, Politiker und Medien stehen blamiert da. Was die Welt aus der Hysterie lernen sollte.

Schweinegrippe: Der Pandemie-Automatismus Fotos
AP

Richard Schabas, ehemaliger Gesundheitschef von Ontario, stellte schon im Mai 2009 die entscheidende Frage: "Was ist, wenn wir eine Pandemie ausrufen, und keiner wird krank?"

Fast ein Jahr später, kurz vor dem ersten Geburtstag der Schweinegrippe, wird man sich Schabas Skepsis anschließen müssen - und auch seiner Bemerkung über die Weltgesundheitsorganisation (WHO): "Einige von uns denken, WHO steht für Welt-Hysterie-Organisation."

Was können wir aus der globalen Schweine-Hysterie dieses Jahres lernen?

Erstens: Der nationale Pandemieplan muss überarbeitet werden, weil er bisher nicht berücksichtigt, dass eine Pandemie auch milde verlaufen kann. Entwickelt wurde der deutsche Pandemieplan nach den Erfahrungen mit der Vogelgrippe und Sars, also sehr gefährlichen Krankheiten. Sobald die WHO in Genf eine Pandemie ausruft, tritt in Deutschland automatisch der Pandemieplan in Kraft. Er definiert eine Pandemie auch heute noch als "lang anhaltende, länderübergreifende Großschadenslage (...), die derart nachhaltige Schäden verursacht, dass die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen gefährdet oder zerstört wird".

Wie falsch diese Definition ist, hat die Schweinegrippe gezeigt. Eine Pandemie kann durchaus so gefährlich sein, wie dort beschrieben. Aber sie muss es nicht. Denn die WHO definiert eine Pandemie nur danach, wie schnell sich ein neues Virus verbreitet - vollkommen unabhängig davon, wie ernst die Krankheit ist, die es hervorruft. Das wussten bis zum Ausbruch der Schweinegrippe nur wenige.

Die Frage ist: Was macht die WHO, wenn sich demnächst eine neues Schnupfenvirus über den Erdball verbreitet? Wird dann auch die Pandemie ausgerufen? Der Katastrophen-Automatismus muss unterbrochen werden.

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insgesamt 141 Beiträge
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1. Es war keine Hysterie
stanis laus 12.03.2010
Die Bürger gingen nicht zur Impfung. Es war eine reine Newspaperstory. Lanciert von der WHO im Auftrag der interessierten Pharmaindustrie. Sie wird die Top-Leute der WHO gut gezahlt haben für die "Warnungen". Keiner wundert sich mehr über die weltweite Korruption der politischen Systeme, geht davon aus und nimmt sie nicht mehr ernst. Schlimm ist nur, dass wegen dieser völlig unnötigen Hype die Arbeitszeit von den Ärzten abgezogen wurde, die dann zwar die über 80-jährigen impften, aber keine Zeit für die kranken Berufstätigen hatten.
2. schön zu wissen, wo meine steuern hingehen
dayo 12.03.2010
Zitat von sysopDie Schweinegrippe ist gekommen und gegangen - ohne Millionen Tote zu hinterlassen. Pharmakonzerne haben Milliarden auf Kosten der Steuerzahler verdient, Mediziner, Politiker und Medien stehen blamiert da. Was die Welt aus der Hysterie lernen sollte. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,683036,00.html
blamiert? die haben doch gemacht, wozu sie angehalten wurden- und es hat funktioniert.
3. Nacher immer schlauer.
Maschinchen 12.03.2010
Im Nachhinein kann man natürlich bequem mit Begriffen wie "Hysterie" und "Panikmache" um sich werfen. Bloß wusste man lange nicht, wie sich die Pathogenität des Virus entwickeln würde. Nicht auszudenken, hätte sich die Infektiösität des H1N1-Virus mit der Letalität des verwandten H5N1 kombiniert. Es steht zu bezweifeln, ob diesem worst case-Szenario mit den angewandeten Maßnahmen hätte begegnet werden können. Insofern stehen die Entscheidungsträger am Ende immer blamiert da: Entweder haben sie zu viel oder zu wenig unternommen.
4. Gelegentlich?
pulegon 12.03.2010
---Zitat--- Nun neigen Medien gelegentlich dazu, lieber eine Extremmeinung zu zitieren als abwägende Fachleute, die schon damals ganz andere Zahlen nannten ---Zitatende--- neigen und gelegentlich Qualitätsjournalismus.
5. ...
a7x10 12.03.2010
Vielleicht sollten viele Medien daraus lernen auch mal hinter das Ganze zu schauen. Auch der Spiegel hat mich mit seiner Berichterstattung sehr enttäuscht. Dagegen haben viele unabhängige Medien im Internet schon sehr früh angefangen die Panikmache zu hinterschauen und Leute aufgeklärt. der Artikel hört sich für mich nach einer späten Entschuldigung an für die Berichterstattung und Panikmache. Wie soll man den Medien trauen wenn sie Hand in Hand mit Pharma und Großkonzernen laufen? Aber der Bericht ist schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung. Da wir soweit sind kann man die Ereignisse des 11. September noch einmal hinterfragen und seriös analysieren... Aber es ist wohl nur ein Wunschtraum
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Acht Fragen zur Schweinegrippe
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Wie kann man sich schützen?
Ausschließen kann man eine Infektion nie. Dennoch können bestimmte Maßnahmen die Verbreitung des H1N1-Virus (und auch vieler anderer Viren) effektiv senken. Im September 2009 veröffentlichten Forscher im Fachblatt "British Medical Journal" eine statistische Auswertung von insgesamt 58 Studien über präventive Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Das Ergebnis: Vor allem häufiges Händewaschen und die Isolation infizierter Patienten verhindert die rasche Ausbreitung des Virus. Unter wir-gegen-viren.de gibt das Robert Koch-Institut neun Tipps, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Zu den wichtigsten Vorkehrungen gehören regelmäßiges Händewaschen, richtiges Husten und Schnäuzen, bei Verdacht auf Schweinegrippe zu Hause bleiben und Abstand von anderen Personen halten sowie regelmäßiges Lüften. Zudem rät die US-Gesundheitsbehörde CDC, den Haushalt möglichst sauber zu halten und beispielsweise Oberflächen von Möbeln regelmäßig zu reinigen und Kleidung regelmäßig zu waschen.
Wie verbreitet sich das H1N1-Virus?
Der wahrscheinlichste Ansteckungsweg des H1N1-Virus ist die sogenannte Tröpfcheninfektion. Es nistet sich in den Atemwegen ein, weshalb Tröpfchen aus dem Nasen- und Rachenraum gefährlich sind. Man kann sich bereits im Gespräch mit einer Person anstecken. Die ganz normale Atemluft der infizierten Person enthält Tröpfchen, die deren Gegenüber einatmen könnte. Gleiches gilt, wenn Menschen niesen oder husten. Mikroskopisch kleine Mengen reichen schon aus. Deshalb empfehlen viele Fachleute auch, Menschenansammlungen zu meiden. Das Virus überlebt aber auch einige Zeit außerhalb des Körpers. Man kann sich also anstecken, indem man Infizierten die Hand schüttelt oder Gegenstände anfasst, die Infizierte berührt haben. Wischt man sich danach durchs eigene Gesicht, hat es der Erreger in seinen neuen Wirt geschafft. Dieser Übertragungsweg heißt Schmierinfektion. Experten gehen davon aus, dass das H1N1-Virus bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius für etwa zwei bis acht Stunden unversehrt bleibt. In einer feuchten Umgebung verlängert sich die Zeit auf bis zu vier Tage. Und in der Kälte, vor allem bei Minusgraden, ist das Virus fast unsterblich. Dagegen kann der H1N1-Erreger mit Hitze nur schwer umgehen. Bei 60 Grad und mehr stirbt er nach etwa 30 Minuten.
Welche Symptome treten auf?
Die Inkubationszeit des Virus beträgt in der Regel drei bis vier Tage. Meistens setzt das Krankheitsgefühl ganz plötzlich ein. Zu den häufigsten Symptomen zählen Fieber und Husten. Die Glieder und Muskeln können schmerzen, Atembeschwerden und Ausfluss aus Nase oder Augen können dazukommen. Anders als bei der saisonalen Influenza leidet bei der Schweinegrippe etwa jeder Vierte an Erbrechen oder Durchfall. Es gibt aber auch Menschen, an denen die Infektion spurlos vorbeiging.
Was tun bei Verdacht auf Schweinegrippe?
Bei Menschen, die sonst gesund sind, lautet der einfachste Rat: ins Bett legen und das eigene Immunsystem die Arbeit verrichten lassen. Schwangere oder chronisch Kranke - Diabetiker, Patienten mit Asthma oder Herz-Kreislauf-Beschwerden beispielsweise - sowie ältere Patienten und Kinder sollten dagegen einen Arzt aufsuchen. Ist das Immunsystem zum Beispiel durch eine bereits vorhandene chronische Erkrankung geschwächt, kann es leichter zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion, wie etwa einer Lungenentzündung, kommen.
Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?
Es gibt manche antivirale Medikamente wie Tamiflu, die Grippesymptome lindern können. Allerdings sind sie verschreibungspflichtig, und für die meisten Patienten gilt: Sie überstehen die Schweinegrippe genauso gut oder schlecht wie ohne Medikamente. Vor allem bei Kindern gilt größte Vorsicht mit Medikamenten. Sie sollten auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat behandelt werden. Treten zusätzliche bakterielle Infektionen auf, sollte der Patient unter Umständen Antibiotika nehmen. Experten weisen zudem darauf hin, dass es nicht sinnvoll ist, vorsorglich antivirale Medikamente einzunehmen. Der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes, Heiko Schneidler, sagt, dass es dadurch zu Resistenzen der Viren kommen könnte.
Ist ein Mundschutz sinnvoll?
Das Robert Koch-Institut sagt zu Hygienemasken: "Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen keine ausreichenden Daten vor. Sie sind deshalb nur ergänzend zu erwägen." Da die Masken nicht dicht abschließen, geraten Grippeviren trotzdem in die Atemluft. Und wer mit ungewaschenen Händen die Maske anlegt, bindet sich die Viren direkt unter die Nase. Zudem müssen die Masken alle paar Stunden gewechselt werden. Sinnvoll ist eine Hygienemaske, wenn überhaupt, nur für Erkrankte. Damit kann die Anzahl der Erreger, die dieser in die Luft ausatmet verringert werden. Staubmasken aus dem Baumarkt sind übrigens wirkungslos.
Wie weist man das Virus nach?
Ein zuverlässiger Test kostet in etwa 130 Euro. Bis das Ergebnis vorliegt, vergeht in etwa ein Tag. Nachdem sich die Grippe immer weiter ausbreitet, wird nur noch stichprobenartig auf den H1N1-Erreger untersucht. Man kann in der Apotheke auch Schnelltests kaufen, allerdings sind sie nicht sehr zuverlässig. Im Labor wird das H1N1-Virus mit Hilfe der sogenannten PCR-Technik nachgewiesen. Der Test ist positiv, wenn es gelingt, spezifische Teile des Virus-Erbguts im Reagenzglas zu vervielfältigen.
Kann sich der H1N1-Erreger verändern?
Das H1N1-Virus gehört zur Gattung der Influenza-A-Viren. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat. Die gewöhnliche Grippe (saisonale Influenza) tötet Schätzungen zufolge weltweit jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken. Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Sie findet statt, wenn sich in den Zellen eines Organismus die Erbgutinformation mehrerer Grippeviren-Typen neu kombiniert.