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Patientengespräche: "Ärzte richten immer wieder seelische Schäden an"

Ärzte hören Patienten kaum noch richtig zu - die Folgen sind verheerend: Ursache der meisten Fehlbehandlungen ist das erste Gespräch zwischen dem Kranken und dem Mediziner. Die Internistin Jana Jünger erklärt, wie die Zunft wieder lernen kann, den ganzen Menschen zu sehen.

Mediziner-Training: Auge in Auge mit dem Patienten Fotos
dapd

SPIEGEL ONLINE: Frau Jünger, mit Rollenspielen und Videoanalysen bringen Sie Medizinstudenten und angehenden Ärzten bei, wie sie mit Patienten reden sollen. Warum ist dieses Training nötig?

Jana Jünger: Das Gespräch zwischen Arzt und Patient kommt in der normalen Medizinerausbildung leider zu kurz, und viele Studenten nehmen das auch nicht so wichtig. Dabei haben eigentlich alle von ihnen am Anfang Defizite in der Kommunikation, was auch normal ist. Es muss mir als Arzt ja beispielsweise gelingen, auch schambesetzte Dinge von einem wildfremden Menschen so zu erfragen, dass er sie mir mitteilen kann. Das kann kein Mensch automatisch - erst recht nicht, wenn im üblichen Trubel vielleicht nur zwei, drei Minuten bleiben, ein vertrauensvolles Verhältnis herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen, wenn Mediziner in der Kunst des Gesprächs nicht gut ausgebildet sind?

Jünger: Es passiert, was jeder von uns aus seinem Umfeld kennt: Ärzte mögen fachlich gut sein, aber sie richten immer wieder seelische Schäden dadurch an, wie sie mit dem Patienten sprechen. Erst kürzlich ist mir wieder zu Ohren gekommen, wie ein junger Kollege einer Frau am Telefon mitgeteilt hat, dass ihr Mann gestorben ist. Das war ein überraschender Tod, und der Arzt war so unglaublich kalt. Er kannte die Frau nicht, und die gezeigte Kälte war Zeichen seiner völligen Überforderung mit der Situation. Wir trainieren gezielt, wie ich auch in solchen Extremsituationen empathisch reagieren und einem fremden Menschen am Telefon Fürsorge entgegenbringen kann. Das kann man lernen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet schlechte Kommunikation für die Diagnose?

Jünger: Eine Studie zum Prostatakrebs beispielsweise hat gezeigt, dass viele Ärzte die ganz einfachen Anamnesefragen nicht gestellt haben. In der Folge bekamen die Männer mit Prostatakarzinom eine falsche Therapie - und zwar in einem Drittel der Fälle! So wurden Patienten bestrahlt, obwohl eine andere Therapie für sie genauso effizient gewesen wäre, aber viel weniger Nebenwirkungen gehabt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen in Heidelberg üben die Studenten das Gespräch mit Schauspielern, die bestimmte Erkrankungen bloß simulieren. Warum nehmen Sie keine richtigen Patienten?

Jünger: An gut trainierten Schauspielern können wir Dinge üben, die wir richtigen Patienten nicht zumuten möchten - etwa die Aufklärung über eine schwere Erkrankung. Ein anderer Punkt sind die Fehldiagnosen. Beispielsweise spielt ein Schauspieler einen Menschen, der Blut im Stuhl hat, niedergeschlagen wirkt und kürzlich pensioniert wurde. Die einen Studenten sagen: Ja, Sie haben Stress wegen der Verrentung, deswegen haben sie auch die Stuhlunregelmäßigkeiten, das wird wieder weggehen. Andere Studenten fragen die Symptome ab und erkennen, dass das Blut ein Hinweis auf Darmkrebs ist, und übersehen die seelischen Probleme. Dabei hat der Patient Darmkrebs und zugleich eine schwere Depression. An einem solchen Beispiel lernen die Studenten, dass es überaus wichtig ist, den ganzen Menschen im Blick zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern führt Ihr Kommunikationstraining denn tatsächlich zu einer besseren Medizin?

Jünger: Wir haben eine Studie in einem großen städtischen Krankenhaus gemacht: Ärzte mit dem Training erhielten deutlich mehr wichtige Informationen von ihren Patienten als Kollegen, die nicht geschult waren. Und wenn ich mehr sinnvolle Informationen bekomme, dann kann ich genauere Diagnosen stellen.

Das Interview führte Jörg Blech

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Forum - Verordnen Ärzte zu oft überflüssige Behandlungen?
insgesamt 1031 Beiträge
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1.
samsonax, 12.02.2011
Zitat von sysopBei Kernspintomographien liegen die Deutschen vorn, die generellen Kosten für Behandlungen steigen für die Krankenkassen regelmäßig und Gesundheitspolitiker scheinen resigniert zu haben. Wer ist schuld? Verordnen Ärzte einfach zu oft überflüssige Behandlungen?
Zwei Drittel aller "Gerätediagnosen" bei GLVlern dienen alleine dem Zweck, abrechnen zu können.
2.
maximilian sperber, 12.02.2011
Zitat von sysopBei Kernspintomographien liegen die Deutschen vorn, die generellen Kosten für Behandlungen steigen für die Krankenkassen regelmäßig und Gesundheitspolitiker scheinen resigniert zu haben. Wer ist schuld? Verordnen Ärzte einfach zu oft überflüssige Behandlungen?
Ja, aber einem Gott soll man nicht widersprechen.
3.
miruwa 12.02.2011
Problem sind die Patienten. Wenn man sich deutsche Wartezimmer und Ambulanzen anschaut fragt man sich wie die Menschheit so lange überlebt hat.
4. Die Politiker sind schuld
Martin Franck 12.02.2011
Solange die Politik keine Priorisierung medizinischer Leistungen will, und jedwede Bewertung vermeidet, will sie es offensichtlich so. Würde ein einzelner Arzt zuviel Anordnen, wäre es ein Einzelfall. Gibt es zu viele Leistungen im gesamten Land ist es ein systematisches Problem. Sprich Philipp Rösler will es so. Und da wir in einer Demokratie leben, ist es letztendlich der Souverän, sprich das Volk, dass es genau so will. Wo ist also das Problem?
5.
maximilian sperber, 12.02.2011
Zitat von miruwaProblem sind die Patienten. Wenn man sich deutsche Wartezimmer und Ambulanzen anschaut fragt man sich wie die Menschheit so lange überlebt hat.
Eine Lichtung der Wartezimmer würde unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu einer Reduzierung der Gesundheitskosten führen.
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Jana Jünger
Die Internistin Jana Jünger, 47, ist an der Medizinischen Fakultät Heidelberg angetreten, das Gespräch zwischen Ärzten und Patienten zu verbessern. Für ein einzigartiges Kommunikationstraining hat die Hochschule mehr als 100 professionelle Schauspieler engagiert. Sie schlüpfen in die Rolle von Menschen mit unterschiedlichsten Sorgen und Erkrankungen. Medizinstudenten und Ärzte sollen an diesen Schauspielpatienten üben, einfühlsam auf erkrankte Menschen einzugehen und genauere Diagnosen zu stellen.

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