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Tödliches Bakterium: Pest-Erreger fand Unterschlupf in Europa

Knochen von Pestopfern: "Molekularer Fingerabdruck untersucht" Zur Großansicht
DPA/ Seifert et al.

Knochen von Pestopfern: "Molekularer Fingerabdruck untersucht"

Die Pest hat Millionen Menschen getötet. In Europa wütete sie in mehreren Wellen. Wurden die tödlichen Bakterien immer wieder neu aus Asien eingeschleppt? Eine Genanalyse liefert nun überraschende Antworten.

Schon seit Jahrzehnten gehen Wissenschaftler der Frage nach, warum die Pest über Jahrhunderte in Europa existieren und es immer wieder zu großen Pandemien kommen konnte. Eine Theorie geht davon aus, dass sie immer wieder über die Handelswege aus Zentralasien eingeschleppt wurde. Eine andere besagt, dass der Pesterreger auch irgendwo in Europa überdauern konnte und so die Infektionen jedes Mal neu ausgelöst wurde.

Eine neue Analyse des Erbguts von Bakterien deutet nun darauf hin, dass der Pesterreger tatsächlich jahrhundertelang in Europa Unterschlupf finden konnte. Weil ein anderes Forscherteam in einer früheren Studie aber bereits Hinweise für einen wiederholten Import der Bakterien nach Europa gefunden hatte, könnten auch beide bisherigen Ausbreitungshypothesen der Pest stimmen.

Die nun analysierten Erreger stammten aus dem 14. bis 17. Jahrhundert und seien in München und Brandenburg entdeckt worden, wie deutsche Wissenschaftler im Fachjournal "Plos One" berichten. "Wir haben in den Zähnen der untersuchten Skelette Erbinformationen des Pesterregers gefunden, den molekularen Fingerabdruck untersucht und so herausbekommen, dass er im Grunde identisch ist", sagte Holger Scholz vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Somit könne das Bakterium Yersinia pestis auch in Europa selbst überlebt haben.

"Vielleicht waren es Läuse"

Gemeinsam mit Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität und der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München hat der Mikrobiologe 30 Skelette untersucht. Aus sechs davon ließ sich das Erbgut der Pestbakterien zu Analysen verwenden.

Damit konnten die Wissenschaftler den Zeitraum von der Mitte des 14. bis weit ins 17. Jahrhundert hinein abbilden. Zudem wurden die Ergebnisse mit bereits entzifferten Erreger-Genen anderer Skelette in Europa abgeglichen. Dabei stellten die Forscher einen nahezu identischen genetischen Fingerabdruck der Bakterien fest.

In welchem Wirt der Erreger so lange überlebt hat, ist allerdings nicht bekannt. "Vielleicht waren es Läuse, aber das können wir nicht nachweisen", sagte der Molekularbiologe Scholz.

Bundeswehr betreibt Referenzlabor

Pestexperte und Paläogenetiker Johannes Krause von der Universität Tübingen schätzt die Ergebnisse seiner Kollegen als sehr spannend ein. Sie seien ein Hinweis darauf, dass es bei der Pest tatsächlich eine europäische Linie gab, die heute aber wieder ausgestorben ist.

Weltweit werden weiterhin Pestfälle gemeldet, vor allem aus Afrika. Deshalb beschäftigen sich auch Experten der Bundeswehr mit dem gefährlichen Erreger, denn deutsche Soldaten werden immer wieder in Gebiete entsandt, wo die Pest noch auftritt. Das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr wurde 2015 sogar zum nationalen Referenzlabor Deutschlands für Pest ernannt.

hda/dpa

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