Phantomgeräusch Forscher befreien Ratten vom Tinnitus

Das schrille Fiepen als Dauerzustand kann Betroffene in den Wahnsinn treiben: Tinnitus. Jetzt ist Forschern ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die zermürbenden Ohrgeräusche gelungen. Ratten konnten sie offenbar davon befreien - auch Menschen könnte die neue Behandlung helfen.

Sensoren im Innenohr einer Ratte: Bei lauten Schallwellen werden die Härchen umgepustet
Corbis

Sensoren im Innenohr einer Ratte: Bei lauten Schallwellen werden die Härchen umgepustet

Von Cinthia Briseño


Infusionen, Chiro- oder Klangtherapie, Akupunktur, Vitaminpräparate, psychologische Beratung, Laserbestrahlung - gegen Tinnitus wird mitunter jedes Mittel ausprobiert, Hauptsache, der nervtötende Dauerton im Ohr verschwindet endlich. Doch die Erfolgsaussichten sind in vielen Fällen enttäuschend: Nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga hat jeder vierte Deutsche die Ohrengeräusche schon erlebt, drei bis vier Millionen werden den Ton nicht mehr los. Meistens ist es ein hoher Pfeifton, aber die Palette reicht vom Zischen und Klingeln bis hin zum Rauschen, Summen und Rasseln.

Inzwischen ist bekannt, dass nicht nur ein Schaden im Hörorgan das quälende Piepen verursacht. Längst suchen Neurologen auch nach Ursachen im Gehirn. Wie Forscher von der University of Texas jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" berichten, haben sie einen Ansatz gefunden, wie man die Geräuschquelle im Hirn möglicherweise zum Schweigen bringen könnte.

Zwar können Bluthochdruck, Entzündungen oder Lärmschäden zu einem Hörsturz führen und die Misstöne auslösen. Die Ursache kann aber auch in den Hirnarealen liegen, in denen Hörreize verarbeitet werden. So führen Gehörschäden zu zahlreichen Umbauten im Gehirn: Nervenverknüpfungen werden neu strukturiert. Die Aufgaben, die von den schadhaften Bereichen nicht mehr erfüllt werden können, übernehmen andere Hirnareale. Zudem kommt es häufig zu einer Überaktivität bestimmter Bereiche. Die Folge: Die Areale erzeugen Phantomtöne, und das fast immer genau auf den Frequenzen, die wegen der Schädigung nicht mehr auf Reize reagieren können - der Tinnitus entsteht.

Rückbau im Gehirn

Das Forscherteam um Michael Kilgard aus Texas hat sich eine simple Frage gestellt: Kann man den Tinnitus möglicherweise abschalten, indem man die Umbauten im Gehirn wieder rückgängig macht? Zumindest bei Nagetieren scheint das zu funktionieren, wie die neue Studie ergeben hat.

Neuronale Plastizität nennen die Experten die Wandelbarkeit des Gehirns und dessen Fähigkeit, sich an bestimmte Gegebenheiten anzupassen. Für ihre Experimente nutzten die Wissenschaftler Ratten, bei denen sie einen Tinnitus ausgelöst hatten. Dazu mussten sich die Tiere einer Lärmprozedur unterziehen: Eine Stunde lang bekamen die Tiere hochfrequente Töne zu hören, mit einer Lautstärke von 115 Dezibel. Ein Konzert bringt es in etwa auf 110 Dezibel.

Zwar können Nager den Experimentatoren nicht mitteilen, ob sie daraufhin von einem Pfeifen gequält werden. Doch mit Hilfe von Verhaltensstudien, etwa dem sogenannten Lücken-Erkennungstest, können Forscher einen Tinnitus bei Tieren nachweisen. Dazu bekommen die Ratten erneut eine Reihe verschiedener Töne vorgespielt, die für gewöhnlich einen Schreckreflex auslösen. Erkennen sie die Lücke zwischen den einzelnen Tönen nicht, erschrecken sie nicht erneut - der Beweis für das Dauerpfeifen im Ohr ist erbracht.

Um die Tiere davon zu befreien, verfolgten die Forscher eine Doppelstrategie. Sie unterzogen die hörgeschädigten Ratten einer Klangtherapie, die schon am Menschen getestet wird und vielversprechend ist. Dazu beschallt man die Geplagten mit Tönen, die jedoch die eigene Tinnitus-Frequenz aussparen - eine maßgeschneiderte Musik also. Denn wenn ein Betroffener wegen eines Hörschadens eine bestimmte Schallfrequenz nicht mehr wahrnehmen kann, glaubt er, diesen Tinnitus-Ton immer dann zu hören, wenn das Gehirn benachbarte Sequenzen verarbeiten muss. Im Rattenversuch konnten Kilgard und seine Kollegen feststellen, dass sich die neuronale Umorganisation in der Hörrinde auf diese Weise rückgängig machen lässt.

Stimulierter Hirnnerv

Diesen Prozess konnten die Forscher mit Hilfe einer zweiten Methode verbessern: Gleichzeitig zur Klangtherapie stimulierten sie mit kurzen Elektrodenimpulsen einen wichtigen Hirnnerv, den Vagusnerv, der unter anderem für verschiedene Sinnesreize zuständig ist. Dass diese Stimulation ebenfalls zu Veränderungen der neuronalen Strukturen führen, konnten sie auch bei gesunden Ratten nachweisen. Nach der Behandlung waren die Nager nicht nur im Lücken-Erkennungstest erfolgreich. Untersuchungen der Hörrinde zeigten außerdem, dass die Nervenzellen wieder das gleiche Aktivitätsmuster wie vor dem Tinnitus erzeugten.

Tobias Kleinjung, Leiter der Poliklinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Zürich, findet die Ergebnisse der Kollegen aus Texas durchaus bemerkenswert. Zwar sei Vorsicht geboten, wenn man die Therapie auf den Menschen übertragen wollte. Denn bei der klassischen Vagusnerv-Stimulation (VNS) handle es sich um ein operatives Verfahren. Dabei wird am Hals eine Spiralelektrode implantiert, die den Nerv reizt. Der mit der Elektrode verbundene, batteriebetriebene Impulsgeber wird meist in das Unterhautfettgewebe unter dem Schlüsselbein platziert.

Allerdings gebe es noch keine klaren Erkenntnisse darüber, in welchem Umfang die VNS in Verbindung mit akustischer Stimulation auch beim Menschen zur Umorganisation der Hörrinde führe. Ob man damit dem Tinnitus entgegenwirken kann, sei derzeit noch völlig unklar und müsste in klinischen Studien erforscht werden, sagt Kleinjung. Den Einsatz beim Menschen kann er sich in der Zukunft dennoch vorstellen: "In Einzelfällen wäre das durchaus denkbar. Vor allem bei Menschen mit hohem Leidensdruck."



insgesamt 23 Beiträge
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guru-guru 13.01.2011
1. Pieps
ich glaube nach über 25 Jahren würde ich meinen doch ein bisschen vermissen...
godthor 13.01.2011
2. Leidensgenosse
Zitat von guru-guruich glaube nach über 25 Jahren würde ich meinen doch ein bisschen vermissen...
Da kann ich noch zehn Jahre draufsetzten. Ursache in meinem Fall war eine unentdeckte Mittelohrentzündung in früher Kindheit. Mein Tinitus ist mittlerweile jedoch dermaßen laut, dass ich schwerhöhrig bin. Psychisch habe ich kein problem damit, aber die Vorstellung, ihn los zu sein, ist dennoch eine wunderbare. Ach, wenn doch bloß...
Sukram71 13.01.2011
3. Woher wissen die ...
Woher wissen die, dass es bei den Ratten nicht mehr piept. Ohne die zu fragen, kann man das - letztendlich und sicher - gar nicht wissen.
Lottofreak 13.01.2011
4. Es ist furchtbar
Seit einer Ohrenentzündung im Dez. habe ich diesen Summton im Ohr- mal leiser -mal lauter - mal ein Pfeifen oder Rauschen - dies alles nur im rechten Ohr - das ist echt eine Psycho-Folter- da ich sowieso seit 15 Jahren schon Höhgeräte brauche komme ich mir jetzt doppelt bestraft vor- Besuch beim HNO Arzt war negativ- der verschrieb mir nur Durchblutungstabletten die aber bislang wirkungslos sind- Infusionen die ich selber bez.müsste kann ich mir nicht leisten - es ist echt zum verrückt werden
Bruno Calabrese 13.01.2011
5. Tinnituts
Ich hatte 1996 einen Gehörsturz - als Musiker war ich nach der Diagnose so verzweifelt, dass dann noch ein Nervenzusammenbruch folgte. Ich wäre heilfroh, wenn ich den Ton wieder loswerden könnte - obwohl ich mittlerweile in friedlicher Koexisistenz mit dem "kosmischen Pfeifen" lebe. Wie auch immer: Seit 96 habe ich also Tinnitus mit einem hohen Pfeifton auf dem linken Ohr - und etwas leiser und einen Tick höher auch rechts. Was ich nun nicht verstehe ist folgendes: Es gibt immer wieder Tage (manchmal auch 2-3 hintereinander), an denen so gut wie nichts zu hören ist, gefolgt von Wochen in denen rund um die Uhr der Ton zu hören ist. Wie kann das sein, wenn ein organischer Schaden die Ursache ist? Wieso dann seltene Tage, an denen nichts ist? Ich habe alles probiert, um die Ursache für das kurzzeitige Verschwinden zu analysieren: Körpergewicht, Stressabbau, Blutdruck, Wetter... es lässt sich kein Zusammenhang erkennen. Schön, wenn hier wieder Hoffnung in Sicht ist.
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