Pharma-Abzocke Geringer Zusatznutzen, aber tausendmal teurer

Wirken neue Medikamente wirklich besser? Ein neues Arzneimittelgesetz soll helfen, überteuerte Scheininnovationen zu verhindern. Jetzt belegt eine Analyse: Richtig gut klappt das offenbar nicht.

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Corbis

Die Arzneimittelbranche liebt Anglizismen. In Anlehnung an erfolgreiche Kinofilme werden neue Pillen, die den Pharmakonzernen gigantische Umsätze bescheren, als "Blockbuster" bezeichnet. Zwar ist nicht in jedem Fall ein neues, teures Medikament besser als ein altes, doch von diesem Mythos lebt die Industrie. Bei sogenannten "Me-toos" wiederum handelt es sich oft um Scheininnovationen, die nicht besser sind als das bereits auf dem Markt befindliche Mittel.

Um zu verhindern, dass Unnützes im Erstattungskatalog der Krankenkassen landet und das Geld der Versicherten kostet, haben Politiker und Mediziner schon einiges versucht. Eine Positivliste, auf der nur die wirklich notwendigen Arzneimittel verzeichnet wurden, wurde 1992 auf Betreiben einflussreicher Pharmalobbyisten geschreddert. Auch einen geplanten Preisabschlag auf innovative Medikamente konnten die Chefs der großen Arzneimittelkonzerne 2004 nach einer illustren Rotweinrunde im Kanzleramt verhindern.

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog), Anfang 2011 in Kraft getreten, sollte endlich die nützlichen Medikamente finden - und unnötige Ausgaben verhindern. Doch zwei Jahre später wird deutlich: Große Einsparungen sind auch mit dem Amnog nicht zu machen. Statt der erhofften zwei Milliarden konnten bislang mit dem Gesetz nur 120 Millionen Euro gespart werden. Dabei war das Amnog von Beginn an immer wieder Anlass für heftige Kontroversen zwischen Pharmakonzernen, Politik und Versicherern.

Nach der Neuregelung können Pharmahersteller den Preis für ein neues patentgeschütztes Medikament nur im ersten Jahr selbst bestimmen. Endgültig festgesetzt wird er nach einer Bewertung des Zusatznutzens dann zusammen mit dem GKV-Spitzenverband. Dieser handelt einen Rabatt mit dem Pharmakonzern auf den Wunschpreis des Herstellers aus. Nur dieser Erstattungsbetrag wird von den Kassen bezahlt.

Ein Krebsmittel an der Spitze des Kostenvergleichs

Eine Aufstellung des "arznei-telegramm" zeigt nun, welche gravierenden Unterschiede offenbar - unter Berücksichtigung der Kosten für Begleittherapien und notwendige Zusatzleistungen - auch noch nach Abzug der Rabatte bestehen.

Einen Extremfall gibt es etwa bei der palliativen Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs. Prednisolon, derzeit die Standardtherapie, schlägt demnach mit 46 Euro pro Jahr zu Buche. Eine Therapie mit dem neuen Krebsmittel Jevtana kostet hingegen laut "arznei-telegramm" 78.516 Euro - mehr als 1700-mal so viel. Für eine Therapie mit Docetaxel, das ebenfalls zur Behandlung von Prostatakrebs eingesetzt wird, werden nach den Berechnungen des "arznei-telegramms" 25.262 Euro im Jahr fällig, sie wäre also immer noch 550-mal teurer als eine Therapie mit Prednisolon. Dabei sah das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) für das neue Mittel nur einen "Hinweis" auf einen "geringen Zusatznutzen".

Neu auf dem Pharma-Markt: Neue Medikamente und ihre Vergleichstherapie
Wirkstoff Name neues Medikament jährl. Kosten in EUR Preisdiff. in % Vergleichstherapie jährl. Kosten in EUR
Cabazitaxel JEVTANA 78.516 172.000 Prednisolon 46
Belimumab BENLYSTA 16.575 1233 optimierte Standardtherapie 1244
Ticagrelor BRILIQUE 1048 656 Clopidogrelo 139
Eribulin HALAVEN 40.745 449 Capecitabin od. Vinorelbin 7420
Belatacept NULOJIX 17.643 151 Ciclosporin 7028
Regadenoson RAPISCAN 70 144 Adenosin 29
Abirateronaz. ZYTIGA 52.464 107 Docetaxel 25.319
Boceprevir VICTRELIS 55.772 91 Ribavirin + Peginterf. 20.280
Telaprevir INCIVO 50.416 72 Ribavirin + Peginterf. 20.280
Fingolimod GILENYA 23.130 38 Glatiramerazetat 16.808
Bromfenac YELLOX 13 12 Dexamethason 11
Rilpivirin EDURANT 4827 8 Efavirenz 4476
Apixaban ELIQUIS 150 -31 Enoxaparin 218
Quelle: arznei-telegramm 6/13
Der GKV-Spitzenverband verhandelt mit dem Hersteller

Dem Krebsmittel Halaven attestierten die Experten einzig einen "Anhaltspunkt" für einen "geringen Zusatznutzen". Gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie ist dennoch mehr als das Fünffache aufzuwenden. Auch Mittel gegen Multiple Sklerose sind trotz geringem oder keinem Nutzen mit deutlichen Mehrkosten gegenüber der Vergleichstherapie auf dem Markt.

Fixiert wird der Pillenpreis erst nach einer Bewertung des Zusatznutzens durch den Arzneimittel-TÜV, das IQWiG. Relevante Kriterien für den Zusatznutzen sind, ob das neue Medikament zur Lebensverlängerung beiträgt (Mortalität), die Lebensqualität verbessert oder generell den Zustand des Kranken verbessert (Morbidität). Je nach Effekt vergibt das IQWiG dann eine Bewertung.

Patientenrelevante Effekte - je nach Ergebnis sprechen die Experten von einem "Anhaltspunkt", einem "Hinweis" oder sogar einem "Beleg"
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Patientenrelevante Effekte - je nach Ergebnis sprechen die Experten von einem "Anhaltspunkt", einem "Hinweis" oder sogar einem "Beleg"

"Etwas schief" und "nicht schlüssig" nennt der Spitzenverband der Kassen den Preisvergleich der Pharmakritiker vom "arznei-telegramm". Es sei nicht nachvollziehbar, wie die Angaben im Detail zustande kämen. Der Verband der Pharmaforscher kritisiert ganz grundsätzlich, das Amnog würde "entgegen der politischen Intention des Gesetzgebers als reines Kostendämpfungsinstrument benutzt". Mit der derzeitigen Praxis der Zusatznutzenbewertung würden Innovationen schlicht bestraft, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Was stimmt nun? In einer Pressemitteilung im Mai erklärte der Spitzenverband der Kassen zum Amnog, dass der Preis eines Mittels ohne Mehrwert nicht höher sein dürfe als der für die festgelegte Vergleichstherapie. In der Realität sieht es jedenfalls anders aus.

Die frühe Nutzenbewertung einer innovativen Arznei fragt nach verschiedenen Kriterien
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Die frühe Nutzenbewertung einer innovativen Arznei fragt nach verschiedenen Kriterien

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
hansdampf01 23.07.2013
1.
In schönen regelmäßigen Abständen kommt ein Bericht zu diesem Thema. Ich gebe dem Autor aber recht. Ich auch dafür das die Pharmaindustrie die Forschung einstellt und wir nur die jetzt verfügbaren Medikamente einsetzen. Ist dann alles viel billiger. Die Produktion könnte ja dann nach Ablauf der Patente verstaatlicht werden und die forschende Pharmaindustrie zerschlagen. Wäre doch langfristig für alle besser, oder?
nixda 23.07.2013
2. vielleicht sollten Politiker
ja vielleicht sollten sie halt einfach selbst Medikamente entwickeln, unsere Politiker. Die können doch alles. Klar sind Medikamentenpreise manchmal sehr hoch. Müssen sie ja auch sein wenn da eine Politik ist, die Produzenten alle Risiken auferlegt. Da muss man ja nur schon Rückstellungen machen. Entwicklungen sind kaum geschützt, also muss man auch da möglichst schnell viel reinholen.
luwigal 23.07.2013
3. Der eigentliche Skandal in Augen ist vielmehr, ...
dass wir innerhalb der EU eklatante Unterschiede betreffend der MWSt haben. Man gucke sich das letzte Bild an ... Es gibt Länder mit Null Prozent = Irland, Schweden, UK, u.a., dann klettert die MWSt in kleinen Schritten hoch bis D. = 19 % und endet bei 25 % = Dänemark Was ist denn das für ein chaotischer Haufen? ... und leider betrifft das nicht nur Medikamente. Es betrifft alles, was wir in der EU konsumieren. Egal wo man hinguckt, überall ist es anders. Dabei wäre es kaum wert darüber zu diskutieren, wenn die Unterschiede minimal wären. Aber, zwischen " 0 " Prozent und " 25" Prozent liegen Welten. ... und sicherlich gibt es noch viele Beispiele, Artikelgruppen mit weitaus größeren Unterschieden. ... von unterschiedlichen Einfuhrsteuersätzen bzw. dem Zoll gar nicht die Rede.
antikoerper74 23.07.2013
4. Wie so oft, populistischer Flachflug
Dieser Artikel vergleicht die KOsten von Kortison gegenüber einem Chemotherapeutikum....??? Es wäre wünschenswert wenn hier mal Leute schreiben würden, die ein wenig Ahnung von der MAterie hätten. Sicherlich sind in bestimmten Fällen Kritik an der Preispolitik absolut gerechtfertigt. Jedoch sind sie zum Teil ebenfalls der Struktur des Systems geschuldet. Der Artikel wirft hier indirekt die Frage wieviel Geld uns bestimmte Kranke denn kosten dürfen! Der Großteil der beschriebenen Medikamente sind entweder "Krebsmedikamente" oder Medikamente für Hepatitis, Lupus etc.., also schwerwiegende chronische Erkrankungen. Auch ein geringer Zusatznutzen kann für den Patienten (!!!) bedeuten, dass er entweder länger lebt, oder eine höhere Lebensqualität hat. Die Bewertungen aus dem Amnog sind hier richtig als großes Problem anzusehen, jedoch insbesondere da sie intransparent sind. Die häufig diskutierte Evidenz, wird teils zweckentfremdet, da sie immer der Innovation gegenübersteht. Und Innovation kostet halt auch Geld. Es fährt wahrscheinlich auch keiner mehr regelhaft mit Autos aus den 70er Jahren, da sie u.a. zu unsicher sind. Man sollte sich klarmachen, dass ein nicht unerheblicher Teil von Medikamenten aus den 70er oder 80er Jahren zugelassenen Medikamenten heute gar nicht mehr zugelassen würden, aufgrund der veränderten Zulassungsbedingungen. Ich würde mich freuen wenn ich betroffen wäre nicht mit Prostatakrebs, nicht nur Kortison zu bekommen... sondern eine zielgerichtete Therapie die mir vielleicht auch hiflt. Krankheit ist hier auswechselbar... Aber der Artikel kommt wie immer von jemanden der noch nie im Krankenhaus gearbeitet hat... Also wieviel sind uns manche Krankheiten wert (oder besser die Betroffenen, Erkrankten??) bin gespannt!
Tostan 23.07.2013
5. optional
"Mit der derzeitigen Praxis der Zusatznutzenbewertung würden Innovationen schlicht bestraft, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer." Aha. Wir Investieren und wollen dafür belohnt werden, auch wenn die Investitionen sinnlos sind? Hauptsache Investitionen?
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