Pharma-Abzocke: Geringer Zusatznutzen, aber tausendmal teurer

Von Nicola Kuhrt und Christina Elmer

Pillenpreise: Neues Krebsmittel 1700-fach teurer Fotos
Corbis

Wirken neue Medikamente wirklich besser? Ein neues Arzneimittelgesetz soll helfen, überteuerte Scheininnovationen zu verhindern. Jetzt belegt eine Analyse: Richtig gut klappt das offenbar nicht.

Die Arzneimittelbranche liebt Anglizismen. In Anlehnung an erfolgreiche Kinofilme werden neue Pillen, die den Pharmakonzernen gigantische Umsätze bescheren, als "Blockbuster" bezeichnet. Zwar ist nicht in jedem Fall ein neues, teures Medikament besser als ein altes, doch von diesem Mythos lebt die Industrie. Bei sogenannten "Me-toos" wiederum handelt es sich oft um Scheininnovationen, die nicht besser sind als das bereits auf dem Markt befindliche Mittel.

Um zu verhindern, dass Unnützes im Erstattungskatalog der Krankenkassen landet und das Geld der Versicherten kostet, haben Politiker und Mediziner schon einiges versucht. Eine Positivliste, auf der nur die wirklich notwendigen Arzneimittel verzeichnet wurden, wurde 1992 auf Betreiben einflussreicher Pharmalobbyisten geschreddert. Auch einen geplanten Preisabschlag auf innovative Medikamente konnten die Chefs der großen Arzneimittelkonzerne 2004 nach einer illustren Rotweinrunde im Kanzleramt verhindern.

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog), Anfang 2011 in Kraft getreten, sollte endlich die nützlichen Medikamente finden - und unnötige Ausgaben verhindern. Doch zwei Jahre später wird deutlich: Große Einsparungen sind auch mit dem Amnog nicht zu machen. Statt der erhofften zwei Milliarden konnten bislang mit dem Gesetz nur 120 Millionen Euro gespart werden. Dabei war das Amnog von Beginn an immer wieder Anlass für heftige Kontroversen zwischen Pharmakonzernen, Politik und Versicherern.

Nach der Neuregelung können Pharmahersteller den Preis für ein neues patentgeschütztes Medikament nur im ersten Jahr selbst bestimmen. Endgültig festgesetzt wird er nach einer Bewertung des Zusatznutzens dann zusammen mit dem GKV-Spitzenverband. Dieser handelt einen Rabatt mit dem Pharmakonzern auf den Wunschpreis des Herstellers aus. Nur dieser Erstattungsbetrag wird von den Kassen bezahlt.

Ein Krebsmittel an der Spitze des Kostenvergleichs

Eine Aufstellung des "arznei-telegramm" zeigt nun, welche gravierenden Unterschiede offenbar - unter Berücksichtigung der Kosten für Begleittherapien und notwendige Zusatzleistungen - auch noch nach Abzug der Rabatte bestehen.

Einen Extremfall gibt es etwa bei der palliativen Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs. Prednisolon, derzeit die Standardtherapie, schlägt demnach mit 46 Euro pro Jahr zu Buche. Eine Therapie mit dem neuen Krebsmittel Jevtana kostet hingegen laut "arznei-telegramm" 78.516 Euro - mehr als 1700-mal so viel. Für eine Therapie mit Docetaxel, das ebenfalls zur Behandlung von Prostatakrebs eingesetzt wird, werden nach den Berechnungen des "arznei-telegramms" 25.262 Euro im Jahr fällig, sie wäre also immer noch 550-mal teurer als eine Therapie mit Prednisolon. Dabei sah das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) für das neue Mittel nur einen "Hinweis" auf einen "geringen Zusatznutzen".

Neu auf dem Pharma-Markt: Neue Medikamente und ihre Vergleichstherapie
Wirkstoff Name neues Medikament jährl. Kosten in EUR Preisdiff. in % Vergleichstherapie jährl. Kosten in EUR
Cabazitaxel JEVTANA 78.516 172.000 Prednisolon 46
Belimumab BENLYSTA 16.575 1233 optimierte Standardtherapie 1244
Ticagrelor BRILIQUE 1048 656 Clopidogrelo 139
Eribulin HALAVEN 40.745 449 Capecitabin od. Vinorelbin 7420
Belatacept NULOJIX 17.643 151 Ciclosporin 7028
Regadenoson RAPISCAN 70 144 Adenosin 29
Abirateronaz. ZYTIGA 52.464 107 Docetaxel 25.319
Boceprevir VICTRELIS 55.772 91 Ribavirin + Peginterf. 20.280
Telaprevir INCIVO 50.416 72 Ribavirin + Peginterf. 20.280
Fingolimod GILENYA 23.130 38 Glatiramerazetat 16.808
Bromfenac YELLOX 13 12 Dexamethason 11
Rilpivirin EDURANT 4827 8 Efavirenz 4476
Apixaban ELIQUIS 150 -31 Enoxaparin 218
Quelle: arznei-telegramm 6/13
Der GKV-Spitzenverband verhandelt mit dem Hersteller

Dem Krebsmittel Halaven attestierten die Experten einzig einen "Anhaltspunkt" für einen "geringen Zusatznutzen". Gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie ist dennoch mehr als das Fünffache aufzuwenden. Auch Mittel gegen Multiple Sklerose sind trotz geringem oder keinem Nutzen mit deutlichen Mehrkosten gegenüber der Vergleichstherapie auf dem Markt.

Fixiert wird der Pillenpreis erst nach einer Bewertung des Zusatznutzens durch den Arzneimittel-TÜV, das IQWiG. Relevante Kriterien für den Zusatznutzen sind, ob das neue Medikament zur Lebensverlängerung beiträgt (Mortalität), die Lebensqualität verbessert oder generell den Zustand des Kranken verbessert (Morbidität). Je nach Effekt vergibt das IQWiG dann eine Bewertung.

Patientenrelevante Effekte - je nach Ergebnis sprechen die Experten von einem "Anhaltspunkt", einem "Hinweis" oder sogar einem "Beleg"
SPIEGEL ONLINE

Patientenrelevante Effekte - je nach Ergebnis sprechen die Experten von einem "Anhaltspunkt", einem "Hinweis" oder sogar einem "Beleg"

"Etwas schief" und "nicht schlüssig" nennt der Spitzenverband der Kassen den Preisvergleich der Pharmakritiker vom "arznei-telegramm". Es sei nicht nachvollziehbar, wie die Angaben im Detail zustande kämen. Der Verband der Pharmaforscher kritisiert ganz grundsätzlich, das Amnog würde "entgegen der politischen Intention des Gesetzgebers als reines Kostendämpfungsinstrument benutzt". Mit der derzeitigen Praxis der Zusatznutzenbewertung würden Innovationen schlicht bestraft, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Was stimmt nun? In einer Pressemitteilung im Mai erklärte der Spitzenverband der Kassen zum Amnog, dass der Preis eines Mittels ohne Mehrwert nicht höher sein dürfe als der für die festgelegte Vergleichstherapie. In der Realität sieht es jedenfalls anders aus.

Die frühe Nutzenbewertung einer innovativen Arznei fragt nach verschiedenen Kriterien
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Die frühe Nutzenbewertung einer innovativen Arznei fragt nach verschiedenen Kriterien

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1.
hansdampf01 23.07.2013
In schönen regelmäßigen Abständen kommt ein Bericht zu diesem Thema. Ich gebe dem Autor aber recht. Ich auch dafür das die Pharmaindustrie die Forschung einstellt und wir nur die jetzt verfügbaren Medikamente einsetzen. Ist dann alles viel billiger. Die Produktion könnte ja dann nach Ablauf der Patente verstaatlicht werden und die forschende Pharmaindustrie zerschlagen. Wäre doch langfristig für alle besser, oder?
2. vielleicht sollten Politiker
nixda 23.07.2013
ja vielleicht sollten sie halt einfach selbst Medikamente entwickeln, unsere Politiker. Die können doch alles. Klar sind Medikamentenpreise manchmal sehr hoch. Müssen sie ja auch sein wenn da eine Politik ist, die Produzenten alle Risiken auferlegt. Da muss man ja nur schon Rückstellungen machen. Entwicklungen sind kaum geschützt, also muss man auch da möglichst schnell viel reinholen.
3. Der eigentliche Skandal in Augen ist vielmehr, ...
luwigal 23.07.2013
dass wir innerhalb der EU eklatante Unterschiede betreffend der MWSt haben. Man gucke sich das letzte Bild an ... Es gibt Länder mit Null Prozent = Irland, Schweden, UK, u.a., dann klettert die MWSt in kleinen Schritten hoch bis D. = 19 % und endet bei 25 % = Dänemark Was ist denn das für ein chaotischer Haufen? ... und leider betrifft das nicht nur Medikamente. Es betrifft alles, was wir in der EU konsumieren. Egal wo man hinguckt, überall ist es anders. Dabei wäre es kaum wert darüber zu diskutieren, wenn die Unterschiede minimal wären. Aber, zwischen " 0 " Prozent und " 25" Prozent liegen Welten. ... und sicherlich gibt es noch viele Beispiele, Artikelgruppen mit weitaus größeren Unterschieden. ... von unterschiedlichen Einfuhrsteuersätzen bzw. dem Zoll gar nicht die Rede.
4. Wie so oft, populistischer Flachflug
antikoerper74 23.07.2013
Dieser Artikel vergleicht die KOsten von Kortison gegenüber einem Chemotherapeutikum....??? Es wäre wünschenswert wenn hier mal Leute schreiben würden, die ein wenig Ahnung von der MAterie hätten. Sicherlich sind in bestimmten Fällen Kritik an der Preispolitik absolut gerechtfertigt. Jedoch sind sie zum Teil ebenfalls der Struktur des Systems geschuldet. Der Artikel wirft hier indirekt die Frage wieviel Geld uns bestimmte Kranke denn kosten dürfen! Der Großteil der beschriebenen Medikamente sind entweder "Krebsmedikamente" oder Medikamente für Hepatitis, Lupus etc.., also schwerwiegende chronische Erkrankungen. Auch ein geringer Zusatznutzen kann für den Patienten (!!!) bedeuten, dass er entweder länger lebt, oder eine höhere Lebensqualität hat. Die Bewertungen aus dem Amnog sind hier richtig als großes Problem anzusehen, jedoch insbesondere da sie intransparent sind. Die häufig diskutierte Evidenz, wird teils zweckentfremdet, da sie immer der Innovation gegenübersteht. Und Innovation kostet halt auch Geld. Es fährt wahrscheinlich auch keiner mehr regelhaft mit Autos aus den 70er Jahren, da sie u.a. zu unsicher sind. Man sollte sich klarmachen, dass ein nicht unerheblicher Teil von Medikamenten aus den 70er oder 80er Jahren zugelassenen Medikamenten heute gar nicht mehr zugelassen würden, aufgrund der veränderten Zulassungsbedingungen. Ich würde mich freuen wenn ich betroffen wäre nicht mit Prostatakrebs, nicht nur Kortison zu bekommen... sondern eine zielgerichtete Therapie die mir vielleicht auch hiflt. Krankheit ist hier auswechselbar... Aber der Artikel kommt wie immer von jemanden der noch nie im Krankenhaus gearbeitet hat... Also wieviel sind uns manche Krankheiten wert (oder besser die Betroffenen, Erkrankten??) bin gespannt!
5. optional
Tostan 23.07.2013
"Mit der derzeitigen Praxis der Zusatznutzenbewertung würden Innovationen schlicht bestraft, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer." Aha. Wir Investieren und wollen dafür belohnt werden, auch wenn die Investitionen sinnlos sind? Hauptsache Investitionen?
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Pillenpreise: Big Pharma riskiert den Eklat

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Pharmamarkt: Preisdrücker in der Länderliste
Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.