Pharma-Marketing: Was "akut" heißt, muss auch akut wirken

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Arzneimittel: Wo "akut" drauf steht, muss auch Akutes drin sein Fotos
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Mit einem Mittel gegen Sodbrennen verdient der Pharmakonzern Hexal Millionen. Obwohl das Medikament gar nicht unmittelbar wirkt, wurde es bislang mit dem Zusatz "akut" beworben. Das ist nun vorbei - nach einem Gerichtsurteil mit umfassenden Folgen.

Es brennt. Säurehaltiger Magensaft ist in die Speiseröhre gelangt. Der Muskel, der dies eigentlich verhindern soll, hat versagt. Heftiges Aufstoßen kann ein Grund dafür sein. Scharfe, fettige Mahlzeiten oder zu viel Alkohol können ebenfalls Sodbrennen auslösen. Zumeist handelt es sich um ein vorübergehendes Problem; Magenarzneimittel, die die Säureabsonderung verhindern, helfen.

Der Arzneistoff Omeprazol war in den 1990er Jahren der erste der sogenannten Protonenpumpenhemmer, Hersteller AstraZeneca machte damals einen jährlichen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Der Patentschutz ist längst abgelaufen, unzählige Kopien sind auf dem Markt - Kassenschlager bleibt das Produkt dennoch. Marktführer Hexal versah seine Variante "Omep" mit dem Zusatz "akut", der jährliche Umsatz liegt derzeit bei rund neun Millionen Euro.

Weil "Omep" zwar wirke, aber eben nicht so schnell, wie der Name vermuten lasse, beanstandete das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel (Bfarm) im April 2010 das Vorgehen Hexals. Der Bezeichnungszusatz "akut" werde von Patienten mit einem besonders schnellen Wirkeintritt in Verbindung gebracht.

Bei Hexal sah man das anders - der Begriff "akut" beziehe sich nicht auf die Wirkungszeit, sondern auf das Krankheitsbild des Sodbrennens. Der Konzern ging vor Gericht. Das Verwaltungsgericht Köln lehnte die Klage ab, nun hat auch das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen den Antrag Hexals auf Zulassung der Berufung zurückgewiesen. Das Urteil ist damit rechtskräftig (Az. 13 A 719/13 -OVG NRW).

Hexal muss "akut" streichen

Der Zusatz "akut" darf nur für Arzneimittel verwendet werden, die schnell oder zumindestens schneller als andere wirken. Begründung: Die von Hexal beschriebene Bezugnahme auf die Behandlung akuter Verlaufsformen von Sodbrennen und saurem Aufstoßen erschließe "sich dem nicht medizinisch vorgebildeten Verbraucher in der Regel nicht sogleich."

Das Bundesinstitut für Arzneimittel nennt die Entscheidung einen wichtigen Schritt für den Verbraucherschutz. Eine restriktive Handhabung der Bezeichnungsvorschriften diene einer klareren Kennzeichnung solcher Arzneimittel, die in Apotheken ohne Rezept verkauft werden können. Dürfte hingegen jedes Arzneimittel mit einem durchschnittlichen Wirkeintritt nach ein bis zwei Stunden den Zusatz "akut" tragen, könnten 80 Prozent der apothekenpflichtigen Arzneimittel in diesem Sinne gekennzeichnet werden. Damit verlöre sich aber der unterscheidende Charakter des Bezeichnungszusatzes.

In Zukunft will das Haus bei Zulassungen neuer Arzneimittel noch genauer auf die Namenszusätze achten. Erst im März hatte das Bfarm gemeinsam mit dem Paul Ehrlich Institut (PEI) eine neue "Leitlinie zur Bezeichnung von Arzneimitteln" veröffentlicht. Dennoch konnten PEI und Bfarm sich schwerlich gegen die Hersteller vor Gericht durchsetzen. Denn vergebene Namen waren von der Regelung nicht betroffen.

Bei Hexal muss man nun die Bezeichnung "akut" von künftigen Arzneimittelpackungen und Beipackzetteln streichen. Auch das eigens angelegte Internetportal, auf dem das Unternehmen über Sodbrennen informiert, muss überarbeitet werden. Präsentiert wird der "Ratgeber Sodbrennen" nämlich von "Omep akut", wie es in der Seitenspalte heißt.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. nur drei Jahre
anderermeinung 01.08.2013
dauerte es, bis eine offensichtlich irreführende Produktbezeichnung untersagt wurde. War wohl nicht so wichtig?
2. Oder so:
sechsender 01.08.2013
Wer eine akute Wirkung haben möchte, kann ebenso einen kleinen Löffel Senf zu sich nehmen. Ist günstiger, wirkt sofort und ist sogar noch gesund- ohne Nebenwirkungen, solange der Senf nicht eimerweise zugeführt wird. Die Suche nach dem Grund des Sodbrennens erspart das natürlich nicht. Es hilft aber, um wenigstens mal vernünftig schlafen zu können.
3. Akutes Sodbrennen...
boatman55 01.08.2013
Wer einmal akutes Sodbrennen mitten in der Nacht hatte, und ein gutes altes Rennie zur Hand hatte, dem ist es egal, ob das Mittel mit akut oder nicht akut, oder nur gelgentlich, u.s.w, hilft. Wichtig ist, dass das Sodbrennen sofort verschwindet, auch wenn man keinen Senf auf dem Nachttisch liegen hat:-)
4. Falsche Handhabung!
Mr.Slytherin 01.08.2013
1. Wer bei "akutem" Sodbrennen zu Omeprazol greift, hat sowieso etwas ganz Grundlegendes nicht verstanden: Omeprazol sollte man FRÜHMORGENS NÜCHTERN, d.h. schon VOR dem Frühstück einnehmen - je nach Körperbau in den meisten Fällen 10mg oder 20mg, das muss man mit seinem Hausarzt absprechen und dann ausprobieren, ggf. dann nach Absprache mit dem Arzt die Dosis erhöhen. (Ich brauche das Medikament selber, deshalb weiß ich das). Sobald die richtige Dosierung erreicht ist, braucht man diese auch weiterhin immer nur MORGENS einzunehmen, das reicht dann für den ganzen Tag. Wenn die Beschwerden, d.h. das Sodbrennen aber AKUT auftreten (z.B. nach dem Mittagessen), dann hilft auch keine Omeprazol mehr! Bei akuten Beschwerden sollte man stattdessen eine Kautablette (z.B. Magaldrat oder Magastron) nehmen, die wirkt dann auch tatsächlich "akut", d.h. innerhalb weniger Minuten! 2. frage ich mich, was dann jetzt z.B. mit "Imodium akut" ist, denn auch dieses Medikament (Loperamid) wirkt ja NICHT akut, sondern hilft auch erst nach FRÜHESTENS 1 Stunde. Da ich auch dieses Medikament regelmäßig einnehmen muss (aufgrund meiner RDS Erkrankung), kenne ich die Wirkzeit und finde, dass "Imodium akut" dann auch zu den Medikamenten gehört, die umbenannt werden müssen! In einer Packung "Imodium akut" ist jedenfalls NICHTS ANDERES drin, als in den preiswerteren Loperamid/Loperhoe Generika, die mein Hausarzt mir verschreibt...
5. Akute Hilfe ...
mf_sunnyvale 01.08.2013
Na, da ändern wir einfach ganz schnell die Zusammensetzung und addieren etwas Natriumbikarbonat (Natron). Damit tritt jedenfalls sofort eine kleine Wirkung ein. Das nennen wir dann wieder "akut" und beantragen dafür sogar neuen Patentschutz für die Kombination. Ooops, leider gibt es dafür jetzt eine Veröffentlichung auf Spiegel Online und damit kein Patent mehr ...
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