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Unerlaubtes Marketing: Milliardenstrafen lassen Pharmakonzerne kalt

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Pillenproduktion: Milliardenstrafen gegen Arzneimittelhersteller zeigen keine Wirkung Zur Großansicht
DPA/ Merck

Pillenproduktion: Milliardenstrafen gegen Arzneimittelhersteller zeigen keine Wirkung

Pharmakonzerne werden in den USA regelmäßig zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verdonnert. Doch Verbraucherschützer werfen den Firmen vor, weiterhin auf unerlaubte Methoden zu setzen. Ein Kritiker fordert jetzt in schweren Fällen Haftstrafen für Manager.

Hamburg - 5,48 Millionen Dollar Strafe muss der Pharmakonzern Abbott zahlen, weil er mit unzulässigen Methoden die Verordnung der eigenen Medikamente angekurbelt hat. Eine entsprechende Einigung gab das US-Justizministerium in der vergangenen Woche bekannt. "Patienten haben das Recht, dass sie mit den Mitteln therapiert werden, die am besten für sie geeignet sind. Und nicht mit solchen, die den finanziellen Interessen ihrer Ärzte entgegenkommen", erklärte Stuart Delery, zuständiger Staatsanwalt des US-Justizministeriums.

Laut den Richtern hatte Abbott sogenannte Kickback-Zahlungen praktiziert: Ärzte erwähnten zum Beispiel auf Kongressen wohlwollend einzelne Produkte eines Unternehmens und wurden anschließend dafür honoriert.

Immer wieder müssen Arzneimittelhersteller in den USA Geldstrafen in beeindruckenden Höhen zahlen. Doch dadurch ändere sich nichts, kritisieren jetzt amerikanische Verbraucherschützer. "Die Konzerne haben drohende Geldstrafen längst in ihr Geschäftsmodell integriert", sagt Sidney Wolfe von Public Citizen. In einer Analyse für das "British Medical Journal" schreibt Wolfe, Gründer und Berater der Organisation, dass den Pharmakonzernen mit finanziellen Sanktionen und Verträgen nur schwerlich beizukommen sei.

"Pathologischer Mangel an Unternehmensintegrität"

Ob Werbung für den Off-Label-Einsatz von Arzneimitteln, Preisbetrug oder geheime Provisionen an Mediziner: Zwischen 2009 und 2012 zahlten die von Public Citizen erfassten Konzerne zusammen 5,1 Milliarden Dollar Strafe für ihr Tun an die US-Regierung. Dies entsprach im Vergleich zu den drei Vorjahren einer Verfünffachung der Sanktionen. Insgesamt mussten die Unternehmen zwischen 1991 und 2012 30,2 Milliarden Dollar Strafe zahlen.

Auch "Corporate Integrity Agreements", so werden in den USA vertragliche Verpflichtungen zur Niederlegung illegaler Machenschaften genannt, brachten laut Wolfe keinen nachhaltigen Effekt. Es gebe einen "pathologische Mangel an Unternehmensintegrität" in vielen Pharmaunternehmen. Die Sanktionen gegen die Konzerne müssten viel höher ausfallen, noch machten diese nur einen Bruchteil des jeweiligen Firmengewinns aus.

Die Liste der Unternehmen, die in den vergangenen Jahren Ärger mit der amerikanischen Justiz bekamen, liest sich wie das Who is Who der Branche. Gleich mehrfach musste sich etwa Pfizer verantworten. 2009 zahlte der Konzern wegen der falschen Vermarktung von Medikamenten 2,3 Milliarden Dollar. Das Justizministerium warf Pfizer vor, das Schmerzmittel Bextra auch zur Behandlung anderer Krankheiten vermarktet zu haben. Dazu hatte die nationale Arzneimittelbehörde FDA dem Unternehmen aber keine Zulassung erteilt.

Der amerikanische Konzern Eli Lilly wurde in einem ähnlichen Fall zu einer Strafe von 1,4 Milliarden Dollar verdonnert. Spitzenreiter ist GlaxoSmithKline (GSK). Der britische Konzern wurde 2012 zur höchsten Geldstrafe verurteilt, die einem Arzneimittelhersteller jemals auferlegt wurde: Wegen der irreführenden Vermarktung von Medikamenten musste das Unternehmen drei Milliarden Dollar zahlen.

Im Dezember kündigte der Konzern dann an, Ärzten künftig keine Honorare mehr für das Marketing der Produkte zahlen zu wollen. Außerdem will GSK die umstrittenen Boni für alle Pharmavertreter abschaffen. Damit könnte der Konzern ein Wegbereiter für mehr Glaubwürdigkeit in der gesamten Branche werden.

Künftig sollen in den USA auch die Verbindungen zwischen Ärzten und Industrie offengelegt werden. Im September startet der Physician Payments Sunshine Act. Das Gesetz schreibt vor, dass ab 2013 alle Zahlungen dokumentiert werden müssen, die Mediziner von der Industrie erhalten. In Deutschland hat der Verband Forschender Arzneimittelhersteller im November 2013 einen Transparenz-Kodex beschlossen, in dem sich die großen Konzerne freiwillig dazu verpflichten, von 2016 an alle Zuwendungen an Ärzte offenzulegen.

Sowohl in den USA als auch in Deutschland gibt es allerdings Proteste der Ärzte gegen diese Pläne - wegen des Datenschutzes, aber wohl auch deshalb, weil dann bekannt würde, welcher Mediziner besonders viel Geld von der Industrie kassiert.

Den Verantwortlichen direkt belangen

Einen anderen Weg, auf dem Pharmamarkt Transparenz zu fördern, schwebt Wolfgang Becker-Brüser vor. Er ist Herausgeber des pharmakritischen "Arzneitelegramms". "Ich würde es aufs Schärfste begrüßen, wenn die verantwortlichen Manager endlich auch selbst haften müssten, wenn unter ihrer Verantwortung beispielsweise Daten gefälscht, manipuliert oder unterdrückt werden oder Ärzte bewusst falsch informiert werden."

Die Folgen derartigen Tuns seien mögliche Fehlbehandlungen von Patienten oder das "Abzapfen von Finanzmitteln des Gesundheitssystems" - also alles keine Kavaliersdelikte, sagt Becker-Brüser. "Manager, die derartiges Verhalten fördern oder als Marketingmethode zum Wohle der Firma in Kauf nehmen, müssen persönlich dafür zur Verantwortung gezogen werden und gehören in besonders schweren Fällen sogar in den Knast."

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1. optional
Boandlgramer 14.01.2014
Alles Augenwischerei: Beim ersten Mal gibt's eine Geldstrafe, beim zweiten Mal wird der der ganze Konzern entschädigungslos verstaatlicht. Begründung: Die Eigner sind offenbar nicht in der Lage mit den durch die Verfassung gegebenen Eigentums-und Sorgfaltspflichten klarzukommen - oder sie verstoßen vorsätzlich dagegen, dann sind es kriminelle Vereinigungen. In beiden Fällen kann in praktisch jedem Land der Welt so ein Konzern umgehend verstaatlicht werden. Dann kann man überlegen, wie's damit weitergeht, ich glaub aber, dass man sowieso nur ein oder zwei mal durchexerzieren muss. Jede Wette, dass die Unternehmensintegrität auf wundersame Weise schnellstens überall einzieht. Das müsste man allerdings auch wollen. Da sehe ich das Problem: Ein einen Verbrecher werden den anderen Verbrechern kaum in den Vorgarten urinieren...
2.
Nirvana 05 14.01.2014
Zitat von sysopDPA/ MerckPharmakonzerne werden in den USA regelmäßig zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verdonnert. Doch Verbraucherschützer werfen den Firmen vor, weiterhin auf unerlaubte Methoden zu setzen. Ein Kritiker fordert jetzt in schweren Fällen Haftstrafen für Manager. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/pharmaindustrie-milliardenstrafen-zeigen-keine-wirkung-a-941188.html
Man weiss ja nicht ob man lachen oder weinen sollte... Die Parallelen zu den Großbanken sind offensichtlich. Mit unlauteren Methoden 10 Mrd. Gewinn machen, dann 1 Mrd. Strafe oder besser "Zuwendung um die Untersuchung ohne Schuldzuweisungen zu beenden" zahlen (Bitte nicht zuviel, sonst wären ja Arbeitsplätze gefährdet). Dann fängt das Spielchen wieder von vorne an. Das Risiko geht gegen Null. Der Dumme ist der Kunde bzw. der Patient. Schlimm ist, dass die Patienten den Folgen dieses Verhaltens schutzlos ausgeliefert sind. Hier müssen auf jeden Fall die Verantwortlichen bis in die höchsten Ebenen persönlich zur Rechenschaft gezogen werden. Aber ich glaube nicht, dass dies in naher Zukunft passieren wird...
3. USA - ein Beispiel für wirksames Handeln
gesundheitsethiker 14.01.2014
Geldstrafen, die wirklich wehtun sorgen für Verhalten das sich ändert. Die USA sind ein Beispiel, wie sich Pharmaunternehmen - auch - verändern können, wenn's wirklich wehtut. Strafunempfindlichen Pharmaunternehmen muss man sicherlich noch wirksamer begegnen.
4. Justiz und Aufsichtsbehörden vs. Verbraucher
ehFrank 14.01.2014
Täter, die, ohne selbst belangt zu werden, andere für ihre Gesetzesverstöße zahlen lassen, haben wohl kaum einen Anreiz ihr Treiben einzustellen. Der Dumme ist in jedem Fall der Kunde, der die Strafen mit den überhöhten Preisen der Produkte bezahlt. Letztlich darf der betrogene oder irregeführte Kunde auch noch für die an ihm begangenen Sünden Strafzahlungen leisten. Großartiges Geschäftsmodell eines Verbraucherschutzes nach amerikanischen Spielregeln. Dasselbe Modell ermutigt Banken und andere "Finanzdienstleister" immer neue Maschen des Betruges zu kreieren.
5. Datenmissbrauch
anja-boettcher1 14.01.2014
Zitat von sysopDPA/ MerckPharmakonzerne werden in den USA regelmäßig zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verdonnert. Doch Verbraucherschützer werfen den Firmen vor, weiterhin auf unerlaubte Methoden zu setzen. Ein Kritiker fordert jetzt in schweren Fällen Haftstrafen für Manager. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/pharmaindustrie-milliardenstrafen-zeigen-keine-wirkung-a-941188.html
Und genau um die Durchsetzung solcher Geschäftspraktiken in Deutschland geht's auch, wenn bei uns Gesundheitsdaten ausgspäht werden (wie letztens in Süddeutschland - unter Mithilfe eines Apothekerverbands). Neben Monsanto und den frackenden US-Mineralölkonzernen freuen sich auch die US-Pharmakonzerne, sich im Zuge eines "Freihandelsabkommen" an unserem Gesundheitssystem schadlos zu halten und es genauso unfinanzierbar zu machen wie das Amerikanische. Prima Aussichten!
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