Pharmalabor DDR Die Stasi war bestens informiert

Rund um die Medikamententests westlicher Arzneimittelkonzerne in DDR-Kliniken werden brisante Details bekannt: Forscher berichten, dass auch die Stasi in die zweifelhaften Studien eingebunden war - und zwar in entscheidenden Positionen.

Aufarbeitung eines Skandals: An der Berliner Charité läuft seit Juni ein Forschungsprojekt zu den Medikamententests westdeutscher Pharmaunternehmen in der DDR (Archivbild, 1984)
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Aufarbeitung eines Skandals: An der Berliner Charité läuft seit Juni ein Forschungsprojekt zu den Medikamententests westdeutscher Pharmaunternehmen in der DDR (Archivbild, 1984)


Wohl 50.000 Bürger der DDR dienten als Versuchspatienten westlicher Pharmakonzerne, oft ohne es zu wissen. Sehr gut informiert waren hingegen die Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit - und zwar weitaus besser als bislang bekannt, wie Recherchen zeigen.

Die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Hildigund Neubert erklärte am Donnerstag im MDR, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sei an allen entscheidenden Positionen eingebunden gewesen. Aktuelle Recherchen von Rainer Erices, Historiker an der Universität Erlangen-Nürnberg, zeigten "eine Fülle" von Fakten zu klinischen Studien, die bislang noch nicht ausgewertet wurden.

An der Berliner Charité hat im Juni ein Forschungsprojekt begonnen, das die Praxis klinischer Studien in der DDR untersuchen will; an der Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet Historiker Erices schon seit einigen Jahren an der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Dabei befasst er sich vor allem mit den Netzwerken des Gesundheitssystems.

Stasi-Mitarbeiter sollen Studien betreut haben

Der enorme Einfluss des MfS, der in den Akten offenbar wird, habe ihn selbst überrascht, sagte Erices gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Verbindungen hätten direkt in die für die Tests zuständige Abteilung im DDR-Gesundheitsministerium, dem Beratungsbüro für Arzneimittel (BBA), gereicht; Inoffizielle Mitarbeiter habe es auf allen Ebenen gegeben.

Erices sei auch auf Einschätzungen gestoßen, dass die klinische Prüfung von Medikamenten in der DDR "zumindest in den Anfängen nicht nach internationalen Standards ablief". Die Vertragsgestaltung wie auch die Abrechnung lagen offenbar in Händen von Außenhandelsfirmen, die dem Geheimbereich der Kommerziellen Koordinierung unter dem damaligen Staatssekretär und MfS-Offizier Alexander Schalck-Golodkowski zuzuordnen seien.

Der Einfluss der Stasi reichte offenbar noch weiter: Mehrere an den Studien beteiligte Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektoren seien beim MfS als inoffizielle Spitzel registriert gewesen. In den Unterlagen der Stasi finden sich nach Angaben von Erices auch Hinweise zu Todesfällen.

Stasiakten könnten Todesfälle aufklären helfen

Aufgenommen wurden die Kontakte zu den Westfirmen wohl schon in den sechziger Jahren. Eine bedeutende Kontaktbörse war nach Ansicht der Historiker die Leipziger Messe. Hier wurden etliche "honorierte Auftragsuntersuchungen" sowie Lizenzvereinbarungen und der Im- und Export von Pharmaka angebahnt.

Die Thüringer Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Neubert sagte dem MDR, möglicherweise lasse sich mit Stasi-Akten manches klären, was in Klinikakten nicht mehr auffindbar sei. "Das betrifft auch die Todesfälle."

Neubert hatte Anfang 2013 die Studie zu den Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR in Auftrag gegeben. Ziel ist es, ein Bild über den Umfang der Tests und der Beteiligung der DDR-Staatssicherheit zu erhalten. Außerdem sollten mögliche Menschenrechtsverletzungen und medizinethische Fragen untersucht werden.

nik



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
willgence 28.08.2013
1. Natürlich hatte, wie immer, die
Stasi bei allem Bösen in der DDR ihre Finger im Spiel! Das das nichts war, was man "auskundschaften" mußte, sondern unter den beteiligten Institutionen sicher bekannt, macht da keinen Unterschied. Wahrscheinlich hat Mielke persönlich die Teilnehmer ausgesucht und hinterher verschwinden lassen . . . wenn man schon inhaltslose Mitteilungen schreibt, könnte man das dann aber auch oskarreif ausschmücken! Das Thema ist brisant genug, da braucht man nicht die Stasi auch noch mit ins Bett holen. Dem Letzten sollte heute klar sein, dass sie fast alles wußte . . . anders als heute . . . da weiß man ALLES . . . natürlich nur zu unserem Besten, bloß DEN Anspruch hatten die Aktivisten von damals auch . . .
mohsensalakh 28.08.2013
2. "Stasi war bestens informiert" - aber: NSA und BND sind bestens informiert!
Zitat von sysopDPARund um die Medikamenten-Tests westlicher Arzneimittelkonzerne in DDR-Kliniken werden brisante Details bekannt: Forscher berichten, dass auch die Stasi in die zweifelhaften Studien eingebunden war - und zwar in entscheidenden Positionen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/pharmalabor-ddr-die-stasi-war-bestens-informiert-a-919104.html
STASI ist vergangenheit, aber NSA und BND Betrüger sind Gegenwart - lieber vor der eigenen Tür kehren als vor den Gräber der Toten!
sangerman 28.08.2013
3. wer etwas anderes erwartet hat,
ist mehr als naiv. Kontakte zum "NSW-Gebiet" ohne Auftrag oder Absegnung der Stasi überhaupt nicht denkbar.
raber 28.08.2013
4. Saubere Nachforschungen der Charité
Die "Berliner Charité hat im Juni ein Forschungsprojekt begonnen,...". Macht es Sinn, das die Charité damit beauftragt ist? Gerade die Berliner Charité ist auch jetzt sehr stark mit Berliner Pharma-Firmen verbunden. Können die Nachforschungen über mögliche Menschenrechtsverletzungen und medizinethische Fragen da noch sauber sein oder besteht das Risiko, dass nur Halbwahrheiten zu Tage kommen oder firmenspezifische Aspekte unter den Tisch fallen?
Manitou-01@gmx.de 28.08.2013
5. Struktur des MfS
Im Ministerium für Staatssicherheit waren nicht nur die Auslandsaufklärung, Spionageabwehr und Beobachtung von Oppositionellen / Extremisten integriert, sondern auch - Teile des Außenhandels (Komerzielle Koordinierung --> Schalck-Golodkowski) - Kriminal-/Zollkriminalistische Aufgaben (Gegenstück zu BKA/Bundeszollkriminalamt) - Schutz der Volkswirtschaft (machen die Konzerne heute per Privat-Detektiv/Privatgeheimdienst) - Personenschutz - Betreuung der Regierungsbunker und vieles mehr. Darüber gibt es ausreichend Literatur.
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