PIP-Skandal: Brasilien zahlt OP bei defekten Brustimplantaten

Mehr als 10.000 Frauen in Brasilien haben sich Billig-Implantate der Firma PIP einsetzen lassen. Falls die Produkte Schäden aufweisen, übernimmt jetzt die Regierung die Kosten für eine operative Entfernung. In dem Skandal drohen einem deutschen Unternehmen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.

Entfernung von PIP-Silikonimplantaten in Nizza: Brasilien übernimmt die OP-Kosten Zur Großansicht
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Entfernung von PIP-Silikonimplantaten in Nizza: Brasilien übernimmt die OP-Kosten

Brasília - Weltweit sollen zwischen 400.000 und 500.000 Frauen minderwertige Silikonkissen erhalten haben. In Brasilien können sich die Trägerinnen die schadhaften Brustimplantate des französischen Herstellers Poly Implant Prothese (PIP) und der niederländischen Firma Rofil kostenlos entfernen lassen. Der Staat übernehme die Kosten allerdings nur, wenn die Implantate defekt sind, teilte die Gesundheitsbehörde Anvisa am Donnerstag mit.

In Brasilien wird die Zahl der Frauen mit Brustimplantaten auf 300.000 bis 400.000 geschätzt. Von ihnen haben sich etwa 12.500 Frauen PIP- und rund 7000 Rofil-Implantate einsetzen lassen. Die niederländische Firma Rofil ließ ihre Produkte nach Angaben der brasilianischen Gesundheitsbehörde von PIP herstellen. Für die Einlagen wurde minderwertiges Industrie-Silikon verwendet, bei zahlreichen Prothesen sind inzwischen Risse aufgetreten - das Silikon soll sich in den Körpern der betroffenen Frauen verteilt haben. Ein Zusammenhang zwischen den Silikonkissen und Krebs wird befürchtet, bewiesen ist er aber nicht.

Wenn die Produkte keine Schäden aufweisen, werden Anträge auf Kostenübernahme in Brasilien abgewiesen. In solchen Fällen ist aus Sicht der Behörde ein Eingriff nicht notwendig, sondern lediglich eine strengere ärztliche Kontrolle angezeigt. Bislang registrierten die Behörden in Brasilien 39 Beschwerden von Frauen mit PIP-Implantaten.

Auch in Deutschland empfehlen Medizinerverbände und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Betroffenen, die gefährlichen Prothesen wieder entfernen zu lassen. BfArM-Präsident Walter Schwertfeger sagte, das Institut gehe davon aus, dass es in Deutschland unter 10.000 Frauen sind, die ein minderwertiges PIP-Implantat erhalten hätten. Eine genaue Zahl würde in der nächsten Woche bekanntgegeben werden.

Kanzlei bereitet Klage gegen Brenntag vor

In dem Skandal um die gefährlichen Brustimplantate drohen dem deutschen Chemikalienhändler Brenntag Chart zeigen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe. "Das Mülheimer Unternehmen hat möglicherweise seine Produktbeobachtungspflicht verletzt", sagte Wolfram Müller von der auf Produkthaftungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Graf von Westphalen in Hamburg gegenüber dem "Handelsblatt".

Nach Angaben der Zeitung bereitet die Münchner Kanzlei Zierhut & Graf bereits eine Klage gegen Brenntag vor. "Wir stehen auf dem Standpunkt, dass der Zulieferer haftet, weil er wissen musste, was mit dem Industrie-Silikon passiert, wenn er es an einen Brustimplantate-Hersteller liefert", sagte deren Rechtsanwalt Michael Graf. Der Anwalt fordert für seine geschädigte Mandantin die Übernahme der Behandlungskosten und Schmerzensgeld, schreibt das "Handelsblatt" weiter. Brenntag war am Donnerstag für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

Das im MDax notierte Handels- und Logistikunternehmen hatte jahrelang an den französischen Implantathersteller PIP Industrie-Silikon geliefert, das für Brustimplantate ungeeignet ist. Nach früheren Angaben des Unternehmens hatte Brenntag in seinen Auftragsbestätigungen darauf hingewiesen, dass die Produkte ausschließlich für industrielle Zwecke genutzt werden dürfen.

lgr/dpa

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Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

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