PIP-Skandal Behörden sollen Gefahr jahrelang ignoriert haben

Hätte die französische Arzneimittelaufsicht ANSM verhindern können, dass Frauen schadhafte Brustimplantate des Herstellers PIP erhielten? Medienberichten zufolge wusste die Behörde seit 2006, dass die Silikonkissen häufig reißen.

Wann wussten die Behörden Bescheid? Krankenschwester zeigt defekte Brustimplantate
AP

Wann wussten die Behörden Bescheid? Krankenschwester zeigt defekte Brustimplantate


Im weltweiten Skandal um Billig-Brustimplantate der Firma PIP in Frankreich sind neue Vorwürfe gegen die französische Behörde für Arzneimittelsicherheit (ANSM) laut geworden. Nach Informationen des für seine Enthüllungen bekannten französischen Internetportals "Mediapart" vom Dienstag weist ein interner vertraulicher Bericht der Aufsichtsbehörde auf schwere Versäumnisse hin.

Dem Dokument zufolge hatte die ANSM, die damals noch Afssaps hieß, seit 2006 Hinweise darauf, dass die mit billigem Industriesilikon gefüllten Implantate häufig reißen. Somit hätte sie "bereits 2007 oder spätestens 2008" reagieren müssen, zitiert "Mediapart" aus dem vertraulichen Bericht. Vom Markt genommen wurden die Silikonkissen in Frankreich schließlich im März 2010.

Heikle Informationen verschwiegen

Das von "Mediapart" zitierte Dokument war im April 2012 im Zuge der Ermittlungen gegen das Unternehmen PIP von der Justiz beschlagnahmt worden. Zwei Monate vorher hatte die Arzneimittelbehörde dem damaligen Gesundheitsminister Xavier Bertrand einen offiziellen Bericht überreicht, in dem laut Mediapart die für die Behörde besonders heiklen Informationen fehlten.

Die ANSM wies diese Darstellung zurück. Der vertrauliche Bericht sei von einem Angestellten "auf eigene Initiative hin" erstellt worden. Er sei eine "persönliche und rückblickende Analyse" und basiere auf den gleichen toxikologischen Daten wie der offizielle Bericht.

Der Anwalt der betroffenen Frauen, Philippe Courtois, warf der Arzneimittelbehörde vor, sie habe "zwei Jahre lang" nichts gegen die beanstandeten Implantate unternommen. Zugleich forderte er ein formelles Ermittlungsverfahren gegen die ANSM. Seit Bekanntwerden des Skandals ließen sich in Frankreich rund 16.000 Frauen die Billigimplantate entfernen

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PIP-Skandal: Prozess wegen billiger Brustimplantate
Weltweit hatte das Unternehmen Hunderttausende Brustimplantate verkauft, die mit nicht für die Einlagen zugelassenem Industriesilikon gefüllt wurden. Die Billigkissen reißen häufiger und rufen Entzündungen hervor. Allein in Deutschland sind rund 5000 Frauen betroffen.

Die französische Arzneimittelbehörde war bereits durch den Skandal um das Diabetes-Medikament Mediator ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Laut Schätzungen starben in Frankreich zwischen 500 und 2000 Menschen an den Folgen der Einnahme von Mediator, das auch als Appetithemmer verschrieben wurde und zu einer Verdickung der Herzklappen führen kann. In Frankreich wurde dieses Medikament erst Ende 2009 vom Markt genommen, obwohl es schon vorher zahlreiche Hinweise auf die schweren Nebenwirkungen gab.

nik/AFP



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
p.donhauser, 02.10.2013
1. optional
Wie ging doch das Lied:und dann will es keiner gewesen sein.......
Meckerliese 02.10.2013
2. wie immer
Augen zu und abwarten was passiert. Die Verantwortlichen die das wussten gehören hinter Gitter.
Altesocke 02.10.2013
3. Vielleicht...
Vielleicht versucht man mal, Geldstoemen in 2006/7 zu folgen. Von Pip in Richtung 'Entscheider' der Arzneimittelaufsicht?
spiegelleser987 02.10.2013
4. Dazu kommt ...
Zitat von sysopAPHätte die französische Arzneimittelaufsicht ANSM verhindern können, dass Frauen schadhafte Brustimplantate des Herstellers PIP erhielten? Medienberichten zufolge wusste die Behörde seit 2006, dass die Silikonkissen häufig reißen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/pip-skandal-franzoesische-behoerde-kannte-fehler-seit-2006-a-925845.html
Dazu kommt, dass heute alles für extreme Kosten zertifiziert werden muss. Hier hat es jemand auch getan: der TÜV. Und daran haben die sicher gewaltig verdient. Und diese TÜV-tler haben sicher vorher überlegt, wie man jeglichen Aufwand sparen kann. Das Ergebnis sehen wir, nur erwähnt das heute niemand mehr.
guteronkel 03.10.2013
5. optional
Kann es sein, dass man das Problem falsch darstellt? Das Silikon ist doch primär kein Problem - es scheint doch vielmehr die Hülle zu sein. Sehe ich da was ganz falsch?
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