Plastische Chirurgie Warum Menschen ihren Körper tunen

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3. Teil: Drang zum nächsten Eingriff


Aus psychologischer Sicht stellt sich die Frage, was Menschen dazu bewegt, plastisch-chirurgische Angebote zu nutzen. Aktuelle Studien zeichnen ein differenziertes Bild: Grundsätzlich lassen sich die Gründe, aus denen jemand - in der Mehrzahl immer noch Frauen - eine Körperkorrektur durchführen lässt, in internale (selbst gesteuerte) und externale (von außen angeregte) Motive einteilen. Diese Zuordnung ist idealtypisch, da in der Praxis meist beide Aspekte als Begründung für einen Eingriff genannt werden.

Laut einer Untersuchung der Psychologin Canice Crerand vom Children's Hospital of Philadelphia und Kollegen aus dem Jahr 2009 versprechen sich Frauen von einer Brustvergrößerung eine bessere psychische Verfassung, insbesondere mehr Lebensqualität und ein höheres Selbstwertgefühl (internal) sowie eine harmonischere Partnerbeziehung (external). Wie schon in einigen Studien aus den Jahren zuvor beschrieben auch Crerands Probandinnen ihre Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild als Hauptgrund dafür, warum sie sich einen schönheitschirurgischen Eingriff wünschten.

2009 untersuchten die Psychologen Charlotte Markey von der Rutgers University in Camden (US-Bundesstaat New Jersey) und Patrick Markey von der Villanova University in Pennsylvania genauer, weshalb sich Frauen einem kosmetisch-chirurgischen Eingriff unterzogen. Sie fanden vier Faktoren, die eine maßgebliche Rolle spielten: allgemeine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, der Wunsch, einen bestimmten Makel zu korrigieren (etwa Segelohren, eine Höckernase), die Erfahrung von sozialer Stigmatisierung (Hänseleien in der Kindheit) und Vorbilder aus den Medien. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper stellte dabei den stärksten Auslöser dar.

Folgen der Selbstoptimierung

Aber geht es den Klienten nach der Operation auch tatsächlich besser? 2004 analysierten Roberta Honigman und ihre Kollegen vom Mental Health Research Institute in Melbourne 37 Studien hinsichtlich dieser Frage. Ergebnis: Fast immer verbesserte sich das psychische Wohlbefinden der Probanden durch eine schönheitschirurgische Maßnahme. Nur wenige profitierten nicht von den Eingriffen, ganz selten ging es den Betreffenden danach schlechter als zuvor. Negative Auswirkungen erlebten vor allem jüngere Kunden sowie solche, die schon mit vorausgegangenen Eingriffen unzufrieden waren. Auch wer nur minimale körperliche Mängel beheben lassen wollte oder hoffte, seine Partnerschaft durch die OP zu verbessern, profitierte nicht sonderlich davon. Dasselbe zeigte sich bei Patienten mit unrealistischen Erwartungen sowie mit Depressionen, Ängsten oder psychischen Erkrankungen.

Ob Menschen, die ihr Äußeres chirurgisch tunen lassen, möglicherweise besonders oft Anzeichen für psychiatrische Erkrankungen zeigen, untersuchten Forscher bislang am intensivsten an Patientinnen mit Brustimplantaten. Während Studien aus den sechziger und achtziger Jahren Auffälligkeiten bei den betreffenden Frauen verzeichneten, ergaben neuere, standardisierte Fragebogenstudien deutlich schwächere Hinweise. Zwar zeigten drei unabhängige Untersuchungen von 2003 und 2004, dass Brustaufbaupatientinnen häufiger psychotherapeutisch behandelt wurden und öfter Psychopharmaka einnahmen als der Bevölkerungsdurchschnitt oder auch als solche Personen, die sich an anderen Stellen plastisch-chirurgisch hatten verändern lassen. Leider haben die Studien aber allesamt methodische Schwächen. So waren die Ergebnisse möglicherweise verzerrt durch die "Vermeidung kognitiver Dissonanz", wie Psychologen ein häufiges Phänomen nennen: Wer eine freiwillige und aufwändige Operation im Nachhinein beurteilen soll, sieht sie eher in positivem Licht. Denn wer gesteht sich schon gerne ein, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben?

Es ist also kaum möglich, aus der aktuellen Studienlage den Schluss zu ziehen, dass Frauen, die ihre Brüste vergrößern lassen, besonders oft psychisch krank seien. Sicher scheint nur, dass die Mehrzahl der Klientinnen nach dem Eingriff wesentlich zufriedener mit ihrem Körper sind - zumindest in den ersten zwei Jahre, denn über einen längeren Zeitraum wurde der Behandlungserfolg bislang nicht untersucht.

Imaginierte Schönheitsfehler

Nach dem aktuellen Wissensstand scheinen Kunden von Schönheitschirurgen allerdings überdurchschnittlich oft an einer Körperdysmorphen Störung zu leiden. Das zeigten zahlreiche Untersuchungen, zuletzt die Überblicksstudie von Canice Crerand und Kollegen im Jahr 2006. Demnach finden sich bei 2 bis 15 Prozent der Klienten von Schönheitschirurgen Anzeichen für eine solche Erkrankung. Sie beschäftigen sich übermäßig mit einem eingebildeten körperlichen Makel und verspüren unablässig den Zwang, ihr Aussehen im Spiegel zu überprüfen. Die Betroffenen verwenden extrem viel Zeit für das Kaschieren des imaginierten Schönheitsfehlers. Nach und nach entwickeln sie so starke Hemmungen, dass sie sich von ihrem sozialen Umfeld absondern und alltäglichen Anforderungen kaum mehr nachkommen können.

Katherine Phillips von der Brown University in Providenc (US-Bundesstaat Rhode Island) untersuchte bereits 1997 an 188 Patienten mit einer Körperdysmorphen Störung, welche Körperteile sie vorrangig als entstellt erlebten. Probleme mit der Haut führten die Makelliste an (65 Prozent), es folgten Haare (55 Prozent), Nase (39 Prozent), Augen (19 Prozent), Beine (18 Prozent) und schließlich die Brüste bei Frauen beziehungsweise die Brustmuskeln bei Männern (je 14 Prozent).

Naheliegenderweise träumen derart Erkrankte oft davon, ihr Leiden manchmal mittels Skalpell beseitigen zu lassen, weshalb plastische Chirurgen im Vorgespräch prüfen sollten, ob ein Klient möglicherweise an der Störung leidet. Ein typisches Zeichen für tiefer greifende Probleme ist, dass Betroffene fast immer unzufrieden mit dem Resultat sind - auch wenn die Operation nach den Regeln der plastisch-chirurgischen Kunst erfolgreich verlief. Manche dieser Patienten finden kurz nach der Korrektur plötzlich ein anderes Körperteil hässlich und bereiten sich prompt auf die nächste Maßnahme vor. Bislang ergab aber keine Studie, dass bei Gesunden eine Schönheitsoperation den Drang zum nächsten Eingriff fördert.

Laut US-amerikanischen Untersuchungen entwickeln Frauen eine Körperdysmorphe Störung etwas häufiger als Männer. Für den deutschen Sprachraum liegen nur vereinzelte Studien zur Erkrankungsrate vor. Einer Untersuchung von 2006 zufolge sind 1,7 Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen. In bestimmten Gruppen ist der Anteil jedoch deutlich höher: Bei Patienten von Hautärzten liegt die Rate je nach Studie zwischen knapp 12 und 23 Prozent. Erhebungen speziell für Klienten von plastischen Chirurgen in Deutschland gibt es hingegen nicht.

Wie auch immer man zu Schönheitsoperationen steht: Für viele Menschen sind sie ein Mittel zur Steigerung der Attraktivität, ja zur Gestaltung des persönlichen Idealbilds geworden, ganz ähnlich wie Diäten oder das Training im Fitnessstudio. Menschen, die sich aus kosmetischen Gründen operieren lassen, zeigen keine psychischen Auffälligkeiten, und in den meisten Fällen profitieren sie seelisch von den Eingriffen. Der Medizinhistoriker und Psychiater Sander Gilman, der 1999 die erste Sozialgeschichte der Schönheitschirurgie vorlegte, scheint mit seiner Prognose Recht zu behalten: "In Zukunft wird es normal sein, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen", schrieb er. Zumindest kleinere Eingriffe dürften bald genauso alltäglich sein wie eine kieferorthopädische Korrektur mittels Zahnspange - die noch vor 50 Jahren als exotische Rarität galt.

Ada Borkenhagen ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie lehrt an der Universität Leipzig.

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Seite 1
Pinon_Fijo 22.01.2011
1.
---Zitat--- Freilich handelt es sich bei den omnipräsenten Bildern um ästhetische Fiktionen, nicht um Abbilder realer Körper - was viele Menschen nicht davon abhält, die unrealistischen Fotos zum Maßstab zu machen. ---Zitatende--- Doch, genau das ist das Problem: Es gibt diese supergut aussehenden Menschen! Bei mir auf der Arbeit laufen etliche Schnitten herum, noch schlimmer ist es im Sommer in Fußgängerzonen... Beim Anblick der gutaussehenden Frauen kriege ich jedesmal einen Hormonstau und frage mich, wieso eigentlich ich ein häßliches Entlein geheiratet habe...
air plane 22.01.2011
2. Mein Profil
der mensch ist halt auch ein tier. und wie bei tieren gibt es hierarchien, gibt es alphas und betas etc. da versucht der mensch, mit allen mitteln in diesem ranking weiter nach oben zu kommen. schönheits-op's, sport - das alles dient nur diesem zweck. schöner und stärker werden, um einen höheren "marktwert" zu erreichen.
Dodol 22.01.2011
3. Abstoßend
Was für ein Widerspruch. Da jagt ein Schreckgespenst das andere. Vom Dioxinskandal über vermeintliche Handystrahlen und noch jede kleinste Vermutung über irgendeinen krebsfördernden Zusammenhang machen sich die Menschen panisch Sorgen um ihre Gesundheit. Anstatt sich aber dem Unausweichlichem mutig zu stellen, und sich zu nehmen wie man ist und auch einfach gelassen älter zu werden, macht man sich lächerlich mit allerlei gesundheitsgefährdender Rumschnippelei. Neben den offensichtlichen schweren Risiken jeglicher Operation: wer will eigentlich freiwillig sein Leben lang mit einem Schadstoffe diffundierende Plastiksack in Bauch und Lippe herumlaufen. Und, wer will eigentlich gern an einer synthetischen Plastiktüte herumfummeln anstatt dem echten Naturprodukt. Und, wer küsst schon gerne die Fensterdichtung. Und, Frankenstein ist ja ganz lustig im Kino, aber so was zu Hause?
Tizzle 22.01.2011
4. Uniformität als Maß für Lebensqualität?
Zitat von sysopAufgespritzte Lippen, Silikonbusen, Fettabsaugung:*Der Markt für Schönheits-OPs boomt, denn vielen Frauen und Männern bescheren kosmetische Eingriffe offenbar mehr Lebensqualität. Die Psychologin Ada Borkenhagen erklärt, woher der Trend zur Selbstoptimierung per Skalpell rührt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,737233,00.html
Grundsätzlich gilt ja, dass jeder über seinen/ihren Körper selbst bestimen soll. Dennoch liegt bei der Sache immer der Verdacht nahe, dass nicht nur die Erhöhung der Lebensqualität, sondern auch das Anpassen an ein vorgegebenes Schönheitsideal angestrebt wird. Und wo soll das enden? Die allerschlimmste Gefahr dabei ist meines Erachtens, dass in letzter Konsequenz auch die Anpassung des Charakters und der Persönlichkeit an ein wie auch immer geartetes Ideal vollzogen wird. Und das wäre beunruhigend, denn wer gibt dieses vor? Demnach gilt für mich ein naturbelassener Körper immer auch als Indiz für eine authentische Persönlichkeit - und da bin ich froh in der Vergangenheit noch nicht getäuscht worden zu sein.
chagall1985 22.01.2011
5. Warum auch nicht?
Fast unsere gesamte Welt und auch der damit verbundene Druck ist auf Oberflächlichkeiten aufgebaut. Von den Klamotten über Autos bis hin zum Busen und er grösse des ****!! Ich persönlich halte solche Menschen für armselige Wichte und reagiere ziemlich Negativ wenn Ich merke das da was gemacht wurde. Mal ehrlich, wer mit dem Alter nicht klarkommt macht sich schlicht lächerlich. Aber es gibt so unendlich viele Möglichkeiten sich lächerlich zu machen da sind die 70 jährigen Zombies auf den RTL Promi Dokus nur ein Beispiel. Kritisch wird es dann wenn 14 Jährige zur Brust OP gehen. Mit oder ohne Erlaubnis der Eltern da sollte der Staat einen Riegel vorschieben. Oder am besten den Eltern gleich das Sorgerecht entziehen. Wer setzt sein Kind schon einer potentiell tödlichen Gefahr aus um die Titten einer Pubertierenden zu verändern? Eine solche tote habe Ich gestern gerade auf der Titelseite der Bild bei Mc Doof gesehen. Ich glaube da stand was von BIG Brother Kandidatin.
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