Plastische Chirurgie Warum Menschen ihren Körper tunen

Aufgespritzte Lippen, Silikonbusen, Fettabsaugung: Der Markt für Schönheits-OPs boomt, denn vielen Frauen und Männern bescheren kosmetische Eingriffe offenbar mehr Lebensqualität. Die Psychologin Ada Borkenhagen erklärt, woher der Trend zur Selbstoptimierung per Skalpell rührt.

DPA

"Es hieß also etwas tun, um diesem hinterlistigen Älterwerden entgegenzutreten, ihm ganz energisch den Befehl zu erteilen, erst in zehn Jahren wieder vorbeizukommen. Ich wollte mir einen neuen Kopf leisten. Ich habe entdeckt, dass ich mir selbst mein kostbarstes Gut bin und dass ich dieses unanständig teure Geschenk verdient habe: ein Lifting. Bei der Gelegenheit werde ich auch meine Nase ein bisschen korrigieren lassen."

Die französische Schriftstellerin und Feministin Benoîte Groult schreibt offen über ihren Entschluss zu einer Schönheitsoperation. So wie sie wollen viele Menschen dem Altern mit Hilfe der modernen Medizin ein Schnippchen schlagen. Die Denkmalpflege am eigenen Aussehen ist zu einem Statussymbol avanciert.

Dass kosmetische Eingriffe längst nicht mehr nur in der Welt der Stars und Sternchen an der Tagesordnung sind, zeigt auch der Erfolg des Onlinespiels "Miss Bimbo". Der französische Hersteller brachte 2008 erst eine französische, kurz darauf eine englischsprachige Version auf den Markt. Mittlerweile registrieren sich Millionen von Mädchen, viele davon aus Deutschland, im Internet, um ihre virtuelle "Miss Bimbo" (zu Deutsch etwa "Fräulein Tussi") zu hegen und zu pflegen. Dabei gilt es ein Startkapital von 1000 Dollar gut zu investieren, damit das virtuelle Alter Ego Punkte sammelt und ins nächste Level gelangt. Man kann seiner Computerpuppe mit Start-IQ 70 zwar auch diverse Weiterbildungen kaufen - doch wesentlich schneller kommt voran, wer ihr coole Klamotten, Frisuren, Silikonimplantate oder ein Lifting schenkt. Ist das Budget aufgebraucht, muss das Konto mittels echter Euros per SMS aufgeladen werden.

Eltern und Pädagogen kritisieren, dass das Spiel Mädchen ein fatales Schönheitsideal vermittle. Der 23-jährige Erfinder der virtuellen "Miss Bimbo" hält sein Produkt hingegen für einen harmlosen Spaß. Zahlen belegen jedoch: Immer mehr und immer jüngere Frauen setzen den Wunsch nach Selbstoptimierung in die Tat um. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) veröffentlichte im Jahresbericht 2010 steigende Patientenzahlen. Ein Drittel der weiblichen Kunden ist zwischen 18 und 30 Jahre alt. Der beliebteste Eingriff unter den jungen Frauen ist die Brustvergrößerung. Auch die Zahl der Männer, die ihr Äußeres mittels Skalpell frisieren lassen, steigt; bei ihnen belegt die Lidstraffung (Blepharoplastik) den ersten Platz.

In den USA stellt die Schönheitschirurgie mittlerweile die am schnellsten wachsende Disziplin der Medizin dar. Nach Angaben der American Society of Plastic Surgeons gaben die Amerikaner 2009 trotz Wirtschaftskrise rund zehn Milliarden Dollar für über zwölf Millionen kosmetische Eingriffe aus - ein Anstieg von rund 70 Prozent innerhalb der letzten neun Jahre. Manche Patienten sind erst 13 Jahre alt. Zwar operieren seriöse Chirurgen Patienten in der Regel erst, wenn sie volljährig sind, verboten sind derartige Eingriffe an Jugendlichen aber weder in den USA noch hier zu Lande - vorausgesetzt die Eltern geben ihr Einverständnis.

800.000 Eingriffe in Deutschland

Für Deutschland liegen keine genauen Zahlen vor. Nach Schätzungen der Stiftung Warentest wurden im Jahr 2008 jedoch rund 500.000 Schönheitsoperationen vorgenommen. Hinzu kommen rund 300.000 kleinere, so genannte Lunchtime-Eingriffe, etwa das Aufspritzen der Lippen oder die Faltenbehandlung mit Botulinumtoxin (Botox) oder Hyaluronsäure. In Berlin oder Hamburg erhält man bereits für 600 Euro eine "Botoxflatrate", die ein ganzes Jahr lang Faltenfreiheit verspricht.

Laut einer G&G-Umfrage an 1000 Personen im November 2010 äußert knapp ein Drittel der Befragten, dass es jedem freisteht, seinen Körper operativ gestalten zu lassen. Die Hälfte findet Schönheitsoperationen nur bei Leiden angemessen, und rund ein Sechstel lehnt sie grundsätzlich ab. Für jeden Vierten käme solch eine Maßnahme schon allein aus Kostengründen nicht in Frage. Etwa zehn Prozent der Teilnehmer - fast ebenso viele Männer wie Frauen - haben sich bereits operieren lassen oder stehen kurz davor.

Die Ergebnisse weisen in die gleiche Richtung wie andere Erhebungen: 2009 befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa über 1000 Mädchen und Frauen. Resultat: 68 Prozent der Erwachsenen sind unzufrieden mit ihrem Aussehen, und jedes vierte Mädchen würde "Ja" zu einer Schönheitsoperation sagen, wenn sie diese geschenkt bekäme. Dabei bewerteten die 2009 befragten Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren ihr Aussehen besonders kritisch. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts "zehnvier" sind die beliebtesten Eingriffe: Bauchdeckenstraffungen, Fettabsaugungen, Brustverkleinerungen sowie Bruststraffungen.

Keine Körperregion scheint von dieser Entwicklung ausgenommen zu sein. 2007 warnten die Psychologin Lih Mei Liao und die Gynäkologin Sarah Creighton vor der Zunahme kosmetischer Genitalchirurgie in Großbritannien. Nach Angaben des National Health Service haben sich die Labienreduktionen (Verkleinerung der Schamlippen) in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt, wobei die Mehrzahl der Eingriffe aus ästhetischen Gründen erfolgte.

Nicht nur der Markt für "Designer-Vaginas" wächst. Auch Körperteile wie die Füße rücken neuerdings in den Fokus der plastischen Chirurgie: New Yorker Spezialisten berichteten 2003 in der Modezeitschrift "Vogue" von der steigenden Nachfrage nach einer operativen Umformung der Füße, damit diese in modische Stilettos passen und sich auch in Flipflops und Sandalen gut machen.



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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
Pinon_Fijo 22.01.2011
1.
---Zitat--- Freilich handelt es sich bei den omnipräsenten Bildern um ästhetische Fiktionen, nicht um Abbilder realer Körper - was viele Menschen nicht davon abhält, die unrealistischen Fotos zum Maßstab zu machen. ---Zitatende--- Doch, genau das ist das Problem: Es gibt diese supergut aussehenden Menschen! Bei mir auf der Arbeit laufen etliche Schnitten herum, noch schlimmer ist es im Sommer in Fußgängerzonen... Beim Anblick der gutaussehenden Frauen kriege ich jedesmal einen Hormonstau und frage mich, wieso eigentlich ich ein häßliches Entlein geheiratet habe...
air plane 22.01.2011
2. Mein Profil
der mensch ist halt auch ein tier. und wie bei tieren gibt es hierarchien, gibt es alphas und betas etc. da versucht der mensch, mit allen mitteln in diesem ranking weiter nach oben zu kommen. schönheits-op's, sport - das alles dient nur diesem zweck. schöner und stärker werden, um einen höheren "marktwert" zu erreichen.
Dodol 22.01.2011
3. Abstoßend
Was für ein Widerspruch. Da jagt ein Schreckgespenst das andere. Vom Dioxinskandal über vermeintliche Handystrahlen und noch jede kleinste Vermutung über irgendeinen krebsfördernden Zusammenhang machen sich die Menschen panisch Sorgen um ihre Gesundheit. Anstatt sich aber dem Unausweichlichem mutig zu stellen, und sich zu nehmen wie man ist und auch einfach gelassen älter zu werden, macht man sich lächerlich mit allerlei gesundheitsgefährdender Rumschnippelei. Neben den offensichtlichen schweren Risiken jeglicher Operation: wer will eigentlich freiwillig sein Leben lang mit einem Schadstoffe diffundierende Plastiksack in Bauch und Lippe herumlaufen. Und, wer will eigentlich gern an einer synthetischen Plastiktüte herumfummeln anstatt dem echten Naturprodukt. Und, wer küsst schon gerne die Fensterdichtung. Und, Frankenstein ist ja ganz lustig im Kino, aber so was zu Hause?
Tizzle 22.01.2011
4. Uniformität als Maß für Lebensqualität?
Zitat von sysopAufgespritzte Lippen, Silikonbusen, Fettabsaugung:*Der Markt für Schönheits-OPs boomt, denn vielen Frauen und Männern bescheren kosmetische Eingriffe offenbar mehr Lebensqualität. Die Psychologin Ada Borkenhagen erklärt, woher der Trend zur Selbstoptimierung per Skalpell rührt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,737233,00.html
Grundsätzlich gilt ja, dass jeder über seinen/ihren Körper selbst bestimen soll. Dennoch liegt bei der Sache immer der Verdacht nahe, dass nicht nur die Erhöhung der Lebensqualität, sondern auch das Anpassen an ein vorgegebenes Schönheitsideal angestrebt wird. Und wo soll das enden? Die allerschlimmste Gefahr dabei ist meines Erachtens, dass in letzter Konsequenz auch die Anpassung des Charakters und der Persönlichkeit an ein wie auch immer geartetes Ideal vollzogen wird. Und das wäre beunruhigend, denn wer gibt dieses vor? Demnach gilt für mich ein naturbelassener Körper immer auch als Indiz für eine authentische Persönlichkeit - und da bin ich froh in der Vergangenheit noch nicht getäuscht worden zu sein.
chagall1985 22.01.2011
5. Warum auch nicht?
Fast unsere gesamte Welt und auch der damit verbundene Druck ist auf Oberflächlichkeiten aufgebaut. Von den Klamotten über Autos bis hin zum Busen und er grösse des ****!! Ich persönlich halte solche Menschen für armselige Wichte und reagiere ziemlich Negativ wenn Ich merke das da was gemacht wurde. Mal ehrlich, wer mit dem Alter nicht klarkommt macht sich schlicht lächerlich. Aber es gibt so unendlich viele Möglichkeiten sich lächerlich zu machen da sind die 70 jährigen Zombies auf den RTL Promi Dokus nur ein Beispiel. Kritisch wird es dann wenn 14 Jährige zur Brust OP gehen. Mit oder ohne Erlaubnis der Eltern da sollte der Staat einen Riegel vorschieben. Oder am besten den Eltern gleich das Sorgerecht entziehen. Wer setzt sein Kind schon einer potentiell tödlichen Gefahr aus um die Titten einer Pubertierenden zu verändern? Eine solche tote habe Ich gestern gerade auf der Titelseite der Bild bei Mc Doof gesehen. Ich glaube da stand was von BIG Brother Kandidatin.
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