Prähistorische Gewürze Knoblauchsrauke machte den Eintopf scharf

Ungewürzt schmecken Kohlenhydrate fade. Das dachten die Bewohner des westlichen Ostseeraums bereits vor über sechs Jahrtausenden - und warfen Knoblauchsrauke mit ins Kochwasser, um dem Abhilfe zu schaffen.

Von

Corbis

Warum wollte Christoph Kolumbus unbedingt eine Seeroute nach Indien finden? Was trieb Vasco da Gama den ganzen langen Weg um das Kap der Guten Hoffnung herum gen Osten? Was motivierte Marco Polo für seine Reisen nach China? Die Antwort scheint banal: Europäer mögen kein fades Essen. Um Gewürze für ihre Speisen zu bekommen, investierten sie im Laufe der Geschichte immer wieder riesige Summen in Expeditionen mit ungewissem Ausgang und riskierten Menschenleben zu Hauf.

Woher kommt dieses Verlangen nach starken Aromen? Was ist so attraktiv daran, die Geschmacksnerven zu reizen? Und wann entwickelten wir dieses Bedürfnis nach dem kulinarischen Kick? Diesen Fragen stellte sich ein internationales Forscherteam um die Bioarchäologin Hayley Saul von der University of York in der Zeitschrift "PLOS One". Bereits 6100 bis 5750 Jahre vor unserer Zeitrechnung, geben sie in ihrem Aufsatz als Antwort, würzten Menschen im westlichen Ostseeraum ihre Speisen mit Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata). Sie fanden Reste der aromatischen Pflanze in Töpfen aus Neustadt an der Lübecker Bucht sowie bei den dänischen Grabungen in Askonge and Stenø.

Pflanzenreste sind selten erhalten

Die Suche nach dem Knoblauch im Eintopf ist gar nicht so einfach: "Die Probleme mit dem Nachweis von Gewürzen in prähistorischen Befunden sind zweierlei", schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz. "Erstens sind Pflanzenreste nur selten erhalten, und zweitens ist es schwierig nachzuweisen, dass sie auch tatsächlich verzehrt wurden."

Von einem verspeisten Ochsen bleiben reichlich Knochen übrig, von der Forelle die Gräten. Finden Forscher einen Topf mit Hirse oder Gerste, so ist anzunehmen, dass sein Platz ebenfalls in der Speisekammer war. Aber wie soll man einem Blättchen Petersilie auf die Spur kommen? Wie ein Senfkorn entdecken oder eine Blüte Dill? Und selbst wenn die winzigen Pflanzenteile, sogenannte Phytolithen, bei einer Ausgrabung gefunden werden - wer kann dann sagen, ob sie wirklich den Eintopf schmackhafter machten oder vielleicht nur in der Nähe der Feuerstelle hingen, um einen angenehmen Duft zu verbreiten? Oder gar aus Dekozwecken? Denn rein ernährungstechnisch betrachtet ist das Würzen von Speisen überflüssig: Gewürze haben so gut wie keinen Nährwert.

Deshalb konzentrierten sich die Forscher bei ihrer Suche nach prähistorischen Gewürzen auf das Innere der Kochtöpfe: "Der enge Zusammenhang von Phytolithen und Kochtöpfen sowie weiteren organischen Essensresten in ihrem verkohlten Inneren lässt an der kulinarischen Interpretation keinen Zweifel," schreiben sie. Die Pflanzen selber sind natürlich längst verkocht und aufgegessen. Nachweisbar sind aber noch Reste ihrer Stärken. So fanden Archäologen von der Washington State University in Vancouver beispielsweise in viereinhalbtausend Jahre alten Töpfen aus dem heutigen Pakistan Stärkekörner von Ingwer und Kurkuma - der frühen Version eines Curry-Gerichts.

Der Mensch würzte schon immer gern deftig

Im westlichen Ostseeraum würzte man seine Speisen in der Jungsteinzeit offenbar ebenfalls deftig. Die Blätter der Knoblauchsrauke schmecken scharf - nach Pfeffer und dem namensgebenden Knoblauch. Den würzigen Geschmack verdankt das Gewächs ätherischen Ölen und dem Sinigrin, einem Senfölglycosid, das auch in Schwarzem Senf und Meerrettich vorkommt. Gegessen werden meist nur die Blätter. Wer aber auf Tränen in den Augen steht, würzt seine Mahlzeit statt dessen mit den extra scharfen Samen.

Für ihre Studie schauten die Forscher um Saul in 76 Töpfe. Fünf davon stammten aus Neustadt. Hier an der Küste mochten die Leute offenbar Fisch - die Analysen der Essensreste an den Topfwänden ergaben, dass er den Hauptbestandteil der Nahrung ausmachte. Die Töpfe selber gehörten sowohl zur spätmesolithischen Ertebølle-Kultur als auch zu der späteren neolithischen Trichterbecherkultur.

Der Fisch mit der Knoblauchsrauke köchelte spätestens etwa 5900 Jahre vor unserer Zeitrechung über dem Herdfeuer, könnte aber auch schon bis zu 600 Jahre früher verzehrt worden sein. Es ist nun zwischen 8100 und 8200 Jahre her, dass die Menschen in dieser Region Rinder, Ziegen und Schafe zu domestizieren begannen. Der Gebrauch von Gewürzen in Speisen geht also mindestens auf die frühe Zeit der Sesshaftwerdung zurück.

Geschmacksmanipulation begann schon früh

Ähnliche Daten bekamen die Forscher aus den beiden dänischen Fundorten. Da aber sowohl Askonge als auch Stenø weiter von der Küste entfernt liegen, bestand der Eintopf hier aus dem Fleisch von Landtieren. Die wurden in Askonge vor etwa 5900 Jahren domestiziert, aus dieser Zeit stammen auch die Reste im Topf. Die Mahlzeit aus Stenø ist sogar noch älter, sie wurde vor rund 6100 Jahren gekocht - wahrscheinlich noch bevor die Menschen sich Nutztiere hielten.

Wann genau wir begannen, fade Kohlenhydrate mit gaumenkitzelnden Zutaten aufzujazzen ist damit zwar immer noch nicht geklärt. Aber wir wissen, dass Kolumbus, da Gama und Polo ein uraltes Bedürfnis bedienten. "Es steht jetzt fest", schließen die Forscher ihren Aufsatz, "dass die Angewohnheit, den Geschmack kalorienschwerer Mahlzeiten anzureichern und zu verändern, bereits im siebenten Jahrtausend vor Christus Bestandteil der europäischen Küche war."

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