Entwurf für Rechtsverordnung: Ministerium regelt Gentests an Embryonen

Eine Rechtsverordnung soll festlegen, wie Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas genau ablaufen dürfen. Gesundheitsminister Daniel Bahr hat dazu nun einen Entwurf verschickt. Die Anwendung des Verfahrens ist nur in engen Grenzen erlaubt.

Eizelle unterm Mikroskop (Archivbild): Enge Grenzen für Präimplantationsdiagnostik Zur Großansicht
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Eizelle unterm Mikroskop (Archivbild): Enge Grenzen für Präimplantationsdiagnostik

Berlin - Der Bundestagsbeschluss zur Zulassung von Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas war hart umkämpft. Nun, sieben Monate später, hat Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) einen Entwurf für die mit Spannung erwartete Rechtsverordnung zur Regelung des Verfahrens vorgelegt. Die Verordnung ist Voraussetzung zur Zulassung der umstrittenen Methode und enthält Vorgaben für die Zentren, die eine sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) durchführen wollen.

Bei dem Verfahren untersuchen Ärzte im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib auf Gendefekte. Der Bundestagsbeschluss erlaubt die Anwendung aber nur in sehr engen Grenzen: Paare dürfen die Methode nur dann nutzen, wenn aufgrund ihrer genetischen Veranlagung eine schwerwiegende Erbkrankheit oder eine Tot- oder Fehlgeburt wahrscheinlich ist.

Die neue Rechtsverordnung soll nun die Details regeln. Minister Bahr habe das 30-seitige Papier am Mittwoch bereits an die obersten Landesgesundheitsbehörden verschickt, berichtet die "taz". Das Gesundheitsministerium bestätigte den Versand auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Laut Entwurf muss es in PID-Zentren für Paare, die das Verfahren zur Bestimmung von Gendefekten wünschen, eine Beratung über medizinische, psychische und soziale Folgen geben. Zudem soll in jedem Zentrum eine spezielle Ethikkommission den Antrag des Paares bewerten.

Die Behandlungsdaten der betroffenen Paare sollten anonymisiert und an das Paul-Ehrlich-Institut übermittelt werden - zur Dokumentation, nicht aber zu Forschungszwecken, wie es heißt. Das Institut soll die Informationen zehn Jahre lang aufbewahren. Auf ihrer Basis soll der Bundestag einen jährlichen Bericht bekommen.

Die Verordnung sieht laut der Zeitung "keine zahlenmäßige Beschränkung" der PID-Zentren in Deutschland vor. Allerdings müssten sie neben den medizintechnischen Voraussetzungen für die Gendiagnostik "insbesondere über Erfahrungen mit In-vitro-Fertilisation, Spermieninjektion, mit Embryonentransfer und mit Techniken zur Gewinnung von Zellen und deren Aufbereitung" verfügen.

Die obersten Landesgesundheitsbehörden sollen nun bis 17. August Stellung nehmen. Sollte der Bundesrat im Herbst zustimmen, würde die Verordnung Anfang 2013 in Kraft treten. In Einzelfällen wird das Verfahren aber bereits angewendet. So wurde im Januar 2012 in Lübeck ein Mädchen geboren, bei dem zuvor die PID angewandt worden war.

chs/dpa

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Babys aus dem Reagenzglas: Wie aus Zellen Menschen werden

Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.