Problematische Selbstdiagnose Experten warnen vor HIV-Test für zu Hause

Bin ich HIV-positiv? Eine Antwort auf diese Fragen versprechen im Internet angebotene Heimtests. Auf deren Ergebnisse ist jedoch wenig Verlass, warnen Mediziner. Außerdem können falsche Diagnosen die Betroffenen in große seelische Not bringen.

HIV-Labor Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Suche nach Antikörpern im Blut
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HIV-Labor Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Suche nach Antikörpern im Blut


Berlin/Bonn - Es ist nur ein winziger Pieks in die Fingerkuppe - ein Pieks, der das ganze Leben verändern kann. Kinderleicht soll es sein, sich selbst zu Hause auf HIV zu testen: Einen Tropfen Blut in den Schacht einer Testkassette fallen lassen, anschließend zwei Tropfen Pufferlösung zugeben und bereits nach 15 bis 30 Minuten entscheiden zwei Streifen im Sichtfenster der Testkassette, ob eine HIV-Infektion vorliegt oder nicht.

Die sogenannten Heimtests kann jeder mit einem Klick im Internet problemlos bestellen - viele davon tragen kein CE-Siegel und sind somit für den europäischen Markt gar nicht zugelassen. Was viele Käufer nicht wissen: Testsysteme, die überprüfen, ob eine Person sich mit dem HI-Virus infiziert hat, dürfen in Deutschland seit dem 21. März 2010 nur noch an Ärzte, ambulante und stationäre Einrichtungen im Gesundheitswesen und an Gesundheitsbehörden abgegeben werden.

Trotzdem bieten einige Vertreiber HIV-Heimtests über das Internet weiterhin auch dem deutschen Laien an. Ein Unternehmen mit Firmensitz auf den Seychellen geht sogar soweit, den mündigen Bürger in die Pflicht zu nehmen, wenn er auf seiner Website auffordert: "Lassen Sie sich nichts von der Regierung und der EU vorschreiben! Kaufen Sie Heimtests wann und wo Sie wollen! Es geht hier um Ihre Gesundheit! " Ein HIV-Heimtest sei absolut anonym, das lange quälende Warten auf das Testergebnis entfalle, heißt es weiter.

Tatsächlich bestätigen einige Betroffene in Foren, dass sie sich scheuen, öffentlich gesehen zu werden, wenn sie sich beispielsweise in den Gesundheitsämtern oder bei den örtlichen Aidshilfen anonym auf HIV testen lassen - auch weil Aidskranke in der Gesellschaft noch immer stigmatisiert werden.

HIV-Test gehört in professionelle Hände

Doch HIV-Träger, die nichts von ihrer Infektion wissen, können andere Personen anstecken, eine frühzeitige Therapie, die den Krankheitsverlauf verlangsamt, unterbleibt. Ein HIV-Test ist also sinnvoll, aber bitteschön nur, wenn Ärzte oder medizinisch geschultes Personal ihn durchführen, warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zusammen mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) in einer gemeinsamen Erklärung. Für 2009 wurden dem RKI 2.856 neu diagnostizierte HIV-Infektionen in Deutschland gemeldet - über die Dunkelziffer der Neuinfektionen lässt sich nur spekulieren. Insgesamt tragen schätzungsweise 67.000 Menschen in Deutschland den Aids-Erreger in sich.

"Ohne vernünftige Beratung kann der HIV-Heimtest fatale Folgen haben", sagt Christian Hoffmann, Vorsitzender der klinischen Arbeitsgemeinschaft Aids Deutschland (KAAD) in Bonn: "Da sitzt ein Mensch allein zu Hause, macht einen Test und der zeigt fälschlicherweise ein positives Testergebnis. Ich habe schon Leute erlebt, die selbstmordgefährdet waren, nachdem sie mit einer HIV-Infektion konfrontiert wurden."

HIV-Heimtests überprüfen meist, ob die Testperson spezifische Antikörper gegen Proteinbestandteile des HI-Virus im Blut, Urin oder im Schleimhautabstrich der Mundhöhle aufweist. Bei einer von etwa 200 Proben schlägt das Testsystem aber ebenfalls Alarm, wenn viele HIV-unspezifische Antikörper im Körper der Testperson herumschwirren. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn die Testperson sich mit dem Grippevirus oder einem anderen Virus infiziert hat, bei einer Schwangerschaft, nach Impfungen oder bei einer Autoimmunerkrankung.

Das passiert zwar auch bei den herkömmlichen Antikörper-Suchtests im Labor, dort wird aber ein reaktives Suchtestergebnis durch einen weiteren sogenannten Bestätigungstest abgesichert. "Deswegen teilen wir das positive Ergebnis eines Suchtests niemals der Testperson mit, sondern warten immer erst den Bestätigungstest ab", erklärt Aidsexperte Hoffmann.

Wie ein Überraschungsei

Auch wenn das Testergebnis negativ ausfällt, also keine Infektion nachgewiesen werden kann, ist das noch lange kein Persilschein für ungeschützten Geschlechtsverkehr. Denn erst etwa drei Monaten nach der Ansteckung haben sich genügend Antikörper gegen das HI-Virus gebildet, um ausreichend zuverlässig eine HIV-Infektion ausschließen zu können.

Die aktuellen Schnelltests der vierten Generation verkürzen die Zeit von der Ansteckung bis zum Nachweis von HIV um lediglich etwa fünf Tage. Negativ kann der Test auch ausfallen, wenn er falsch angewendet wird, denn jeder Schritt vom Piekser bis zur Interpretation des Testergebnisses ist fehleranfällig.

"Das ist zum Teil so, als ob Sie ein Überraschungsei geliefert bekommen und dann die verschiedenen Komponenten zusammenbauen müssen", weiß Armin Schafberger, der Medizinreferent der Deutschen Aidshilfe in Berlin. Um halbwegs sicher in der Durchführung und Interpretation der Ergebnisse zu sein, müssten mindestens 20 Tests durchgeführt werden. Wenn der Finger nach dem Pieksen zu sehr gequetscht wird, gelangt beispielsweise mehr Gewebeflüssigkeit anstatt Blut in die Testkassette, wodurch die vorhandenen Antikörper verdünnt und somit schwerer nachweisbar sind. Von den mitgelieferten Plastikpipetten rät Schafberger sogar ab, weil darin das Blut viel schneller gerinnt als in einer Glaspipette.

Gegen die im Internet angebotenen nicht CE-markierten HIV-Heimtests können die zuständigen Überwachungsbehörden der Länder nur wenig ausrichten, zumal wenn die Betreiber im Ausland sitzen. Selbst ein CE-Siegel ist nicht automatisch eine Qualitätsgarantie, weil die Mitgliedsländer die europäischen Richtlinien unterschiedlich auslegen und unabhängige Vergleichsstudien oft fehlen. Mit dem Verbot der HIV-Heimtests in Deutschland ist dem Internethandel zwar kein Riegel vorgeschoben, es ist aber zumindest ein klares Signal, findet Schafberger: "Dadurch wird sich das Problem in Grenzen halten. Mehr kann man nicht machen."

Helmine Braitmaier, dapd

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