Prüfbericht: Ärzte machen mit Unsinn Kasse

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Stoßwellen-Therapie, Vitamin-Kur, Schnarch-Entwöhnung: In deutschen Arztpraxen erfreuen sich Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) großer Beliebtheit. Doch was ist Schrott und was seriös? Unabhängige Experten haben nun gängige IGeL bewertet. SPIEGEL ONLINE zeigt zehn klassische Fälle. 

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Corbis

Unerwünschte Wirkungen nicht ausgeschlossen: Die Eigenbluttherapie

"Wer nicht wirbt, stirbt", lauteten die ersten Empfehlungen an deutsche Ärzte, ihren Patienten verstärkt private Zusatzleistungen anzubieten. Gestartet wurden die kostenpflichtigen Extras in den Praxen in den neunziger Jahren auf Initiative der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Durch Kostensenkungen war das Einkommen der Ärzte gesunken, die Dienste sollten den Verlust wieder wettmachen. Seitdem ist der Markt explodiert. Aus bescheidenen 90 möglichen Extraleistungen sind 300 bis 350 geworden - so genau weiß das niemand mehr.

Die IGeL, offiziell "Selbstzahlerleistungen" genannt, sind das, was ein Patient in der Praxis selbst zahlen muss. Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) hat nun einen IGeL-Monitor gestartet, der Informationen zu häufig angebotenen IGeL-Angeboten bereithält. Es sei eine Entscheidungshilfe im Umgang mit den IGeL, die wissenschaftlich abgesichert, verständlich und transparent ist", sagt Peter Pick, Geschäftsführer des MDS. "Wenn man eine erste Bilanz unserer Bewertungen ziehen möchte, so schneidet die Mehrzahl der IGeL nicht gut ab, einige sogar richtig schlecht. Für die Versicherten bedeutet dies, hier besonders vorsichtig zu sein."

"Haben Sie von sich aus nach dieser Leistung gefragt?"
Art der Leistung nein* ja weiß nicht mehr
Glaukomvorsorgeuntersuchung 81,3 18,7
Ergänzende Krebsfrüherkennungsuntersuchung bei der Frau
80,8

19,2
Knochendichtemessung/Osteoporose-Untersuchung
80,0

16,7

3,3
Ultraschalluntersuchung/Sonografie 79,6 20,4
Blutuntersuchung/Laborleistung 71,6 28,4
Akupunktur 64,0 32,0 4,0
PSA-Bestimmung zur Früherkennung von Prostatakrebs
61,2

38,8
Medikament beziehungsweise Heil- und Hilfsmittel 49,5 49,5 1,0
Hautkrebsvorsorge 42,9 57,1
Kosmetische Leistung 30,0 70,0
keine vertragsärztliche Leistung 25,3 74,7
Sonstiges 30,8 69,2
Insgesamt 71,1 28,9
*Angaben in Prozent
Meistens bieten Ärzte IGeL von sich aus an. Bei Leistungen, die stark beworben werden, wie Hautkrebsvorsorge oder kosmetische Leistungen, werden aber eher die Patienten aktiv.
Quelle: WIdO 2010
Niedergelassene Ärzte verkaufen immer mehr private Leistungen an gesetzlich Krankenversicherte. Inzwischen wird mehr als jedem vierten Versicherten eine medizinische Leistung auf Privatrechnung verkauft, die Zusatzeinnahmen der Ärzte sind damit auf 1,5 Milliarden Euro im Jahr angewachsen. Wie das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdo) nach Auswertung der Daten von 3000 gesetzlich Versicherten ermittelte, wurden die rechtlichen Vorgaben oft nicht eingehalten. "Die geforderte schriftliche Vereinbarung von Privatleistungen unterblieb in 54,4 Prozent der Fälle", berichtet Studienleiter Klaus Zok. Die Einnahmen für jede siebte Privatleistung entstanden sogar ohne Rechnung. Und eine Rechnung muss sein.

Ob ein Arzt eine private Zusatzleistung anbietet, hängt scheinbar nicht vom Gesundheitszustand und Alter des Patienten ab, sondern von Einkommen und Bildung der Befragten. Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) jetzt ermittelte, wurden Frauen IGeL doppelt so häufig angeboten wie Männern. Auffallend auch: 19 Prozent der Befragten, denen eine IGeL angeboten wurde, beklagten, dass sie zu wenig Bedenkzeit hatten.

Eine IGeL-Sperrfrist soll Patienten schützen

Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der Krankenkassen, fordert denn auch eine "IGeL-Sperrfrist". 24 Stunden Bedenkzeit müsste den Versicherten gegeben werden. "Dann hätten Versicherte ausreichend Zeit, um sich frei zu entscheiden, ob eine IGeL-Leistung durchgeführt wird oder nicht." Der IGeL-Monitor kann dabei helfen.

Ein Team aus Ärzten und Wissenschaftlern des Medizinischen Diensts hat zunächst 24 IGeL geprüft. Zur Bewertung wurden die Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften und wissenschaftliche Studien einbezogen. Statt Noten gibt es im Monitor Einschätzungen: Positiv, negativ und unklar. Wie eine Bewertung aussieht? Anbei die Liste der bekanntesten zehn privaten Zusatzleistungen.

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insgesamt 144 Beiträge
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1.
erlachma 25.01.2012
Es sind freiwillige Leistungen, aber ich weiß nicht, worüber man sich konkret aufregt. 7-10 Euro für eine Licht-Sitzung, was soll das sein? Da ist schon das Heizen des Raumes teurer. Ich weiß nicht, ob ein Arzt sich mit so etwas eine goldene Nase verdienen kann.
2. So ein Eigenheim will finanziert werden
artikel.5 25.01.2012
Fehlen noch die Veneers (Plastikfassaden), die mein Zahnarzt mir auf die Zaehne kleben wolle, da dies das einzige Mittel gegen meine fortschreitende Parodentose sei. Kosten mindestens (!) 3.500,- Jetzt bin ich bei einem Zahnarzt, der mir unaufgefordert eine Therapie vorschlug, die meine Kasse bezahlt. Sein Wartezimmer ist museumsreif altbacken - Ich habe endlich den richtigen Zahnarzt gefunden!
3. Stoßwellentherapie - bei mir war's OK
My2Cents 25.01.2012
Also mir hat die Stoßwellentherapie nach monatelangen massiven Schmerzen im Ellenbogen sehr geholfen. Vielleicht ein Zufallsergebnis, aber auf jeden Fall für mich Grund genug, beim nächsten Tennisarm es definitiv wieder mit der Stoßwellentherapie zu probieren.
4. Nicht neu, nicht verwunderlich - aber gefragt!
Monoton&Minimal 25.01.2012
Zitat von sysopStoßwellen-Therapie, Vitamin-Kur, Schnarch-Entwöhnung: In deutschen Arztpraxen*erfreuen sich Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) großer Beliebtheit. Doch was ist Schrott und*was seriös?*Unabhängige Experten haben nun gängige IGeL*bewertet. SPIEGEL ONLINE zeigt zehn*klassische Fälle.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,810942,00.html
In Wirklichkeit will ein Grossteil der Menschen aber doch verarscht werden: man fühlt sich dann halt besser. Sei es durch Magnetfelder, Zuckerkügelchen oder zu einem imaginären Freund beten... Das hilft natürlich nichts! Wie auch?! Die gleichen Meschen, die eben noch bei der Magnettherapie waren protestieren dann aber gegen Handymasten... :)
5. Gute Zusatzgeschäfte
hubertrudnick1 25.01.2012
Zitat von sysopStoßwellen-Therapie, Vitamin-Kur, Schnarch-Entwöhnung: In deutschen Arztpraxen*erfreuen sich Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) großer Beliebtheit. Doch was ist Schrott und*was seriös?*Unabhängige Experten haben nun gängige IGeL*bewertet. SPIEGEL ONLINE zeigt zehn*klassische Fälle.* http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,810942,00.html
Seit Jahren wird der Patient von allen Äzten fast immer bedrängt zusätzliche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Man begründet es damit, die Kassen müssen sparen und zahlen deshalb viele notwendige Untersuchungen nicht mehr, aber aus Vorsorgegründen sei es zu emphehlen. Und weil man als Patient ein Vertrauen zum Arzt hat, so gibt man zu oft nach. Als ich mal in ein anderes Bundesland nach Hessen umgezogen war und mich bei einem Urologen vorstellte, da wurde mir bevor ich zum Arzt vorgelassen wurde erst ein mal eine Wunschliste mit sehr vielen Untersuchungsmöglichkeiten konfrontiert und mir wurde nahe gelegt möglichst vieles in Anspruch zu nehmen, natürlich zu sehr hohen Eigenkosten. Seit dem ist das Einkommen der Ärzte recht gut gestiegen und die Kosten der Patienten sind in die Höhe geschnellt. HR
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