Von Nicola Kuhrt
"Wer nicht wirbt, stirbt", lauteten die ersten Empfehlungen an deutsche Ärzte, ihren Patienten verstärkt private Zusatzleistungen anzubieten. Gestartet wurden die kostenpflichtigen Extras in den Praxen in den neunziger Jahren auf Initiative der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Durch Kostensenkungen war das Einkommen der Ärzte gesunken, die Dienste sollten den Verlust wieder wettmachen. Seitdem ist der Markt explodiert. Aus bescheidenen 90 möglichen Extraleistungen sind 300 bis 350 geworden - so genau weiß das niemand mehr.
Die IGeL, offiziell "Selbstzahlerleistungen" genannt, sind das, was ein Patient in der Praxis selbst zahlen muss. Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) hat nun einen IGeL-Monitor gestartet, der Informationen zu häufig angebotenen IGeL-Angeboten bereithält. Es sei eine Entscheidungshilfe im Umgang mit den IGeL, die wissenschaftlich abgesichert, verständlich und transparent ist", sagt Peter Pick, Geschäftsführer des MDS. "Wenn man eine erste Bilanz unserer Bewertungen ziehen möchte, so schneidet die Mehrzahl der IGeL nicht gut ab, einige sogar richtig schlecht. Für die Versicherten bedeutet dies, hier besonders vorsichtig zu sein."
| "Haben Sie von sich aus nach dieser Leistung gefragt?" | |||
| Art der Leistung | nein* | ja | weiß nicht mehr |
| Glaukomvorsorgeuntersuchung | 81,3 | 18,7 | |
| Ergänzende Krebsfrüherkennungsuntersuchung bei der Frau |
80,8 |
19,2 |
|
| Knochendichtemessung/Osteoporose-Untersuchung |
80,0 |
16,7 |
3,3 |
| Ultraschalluntersuchung/Sonografie | 79,6 | 20,4 | |
| Blutuntersuchung/Laborleistung | 71,6 | 28,4 | |
| Akupunktur | 64,0 | 32,0 | 4,0 |
| PSA-Bestimmung zur Früherkennung von Prostatakrebs |
61,2 |
38,8 |
|
| Medikament beziehungsweise Heil- und Hilfsmittel | 49,5 | 49,5 | 1,0 |
| Hautkrebsvorsorge | 42,9 | 57,1 | |
| Kosmetische Leistung | 30,0 | 70,0 | |
| keine vertragsärztliche Leistung | 25,3 | 74,7 | |
| Sonstiges | 30,8 | 69,2 | |
| Insgesamt | 71,1 | 28,9 | |
*Angaben in Prozent Meistens bieten Ärzte IGeL von sich aus an. Bei Leistungen, die stark beworben werden, wie Hautkrebsvorsorge oder kosmetische Leistungen, werden aber eher die Patienten aktiv. Quelle: WIdO 2010 |
|||
Ob ein Arzt eine private Zusatzleistung anbietet, hängt scheinbar nicht vom Gesundheitszustand und Alter des Patienten ab, sondern von Einkommen und Bildung der Befragten. Wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) jetzt ermittelte, wurden Frauen IGeL doppelt so häufig angeboten wie Männern. Auffallend auch: 19 Prozent der Befragten, denen eine IGeL angeboten wurde, beklagten, dass sie zu wenig Bedenkzeit hatten.
Eine IGeL-Sperrfrist soll Patienten schützen
Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der Krankenkassen, fordert denn auch eine "IGeL-Sperrfrist". 24 Stunden Bedenkzeit müsste den Versicherten gegeben werden. "Dann hätten Versicherte ausreichend Zeit, um sich frei zu entscheiden, ob eine IGeL-Leistung durchgeführt wird oder nicht." Der IGeL-Monitor kann dabei helfen.
Ein Team aus Ärzten und Wissenschaftlern des Medizinischen Diensts hat zunächst 24 IGeL geprüft. Zur Bewertung wurden die Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften und wissenschaftliche Studien einbezogen. Statt Noten gibt es im Monitor Einschätzungen: Positiv, negativ und unklar. Wie eine Bewertung aussieht? Anbei die Liste der bekanntesten zehn privaten Zusatzleistungen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Medizin | RSS |
| alles zum Thema Medizin | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH