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Psychologie des Fehlermachens: Irren ist nützlich

Unser Gehirn hat den Umgang mit komplexen Problemen perfektioniert - oder doch nicht? Immer wieder stolpern wir beim Entscheiden oder Erinnern über dieselben Fallstricke. Anna Gielas von der Harvard University stellt einige vor und erklärt, warum sich die Fehler unterm Strich doch auszahlen.

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Corbis

Ausradiert: Manche Fehler lassen sich leicht korrigieren

Wann waren Sie das letzte Mal felsenfest davon überzeugt, Recht zu haben - und lagen am Ende doch falsch? Das passiert schnell, denn unsere subjektive Gewissheit, das vermeintlich Richtige zu tun, entspringt nicht unbedingt der Faktenlage. Vielmehr unterliegen wir in den meisten Alltagssituationen systematischen Irrtümern, die Kognitionsforscher seit Jahren ergründen. Bis zu 100 verschiedene Typen haben sie bislang unterschieden. Werfen wir einen Blick auf einige der häufigsten Denkfallen.

Bei zahlreichen Entscheidungen stellen wir Gefühlsprognosen an - sei es bei der Wahl des Abendessens, des nächsten Urlaubsziels oder des Ehepartners. Dabei ist es eine experimentell vielfach belegte Tatsache, dass wir unser zukünftiges Befinden entgegen unserer Überzeugung nur schlecht einschätzen können, weil wir die Dauer und Intensität von Gefühlen, die bestimmte Ereignisse in uns auslösen, überschätzen. Dies bezeichnen Psychologen als Impact Bias. Stellen wir uns vor, uns würde etwas Gutes passieren, wähnen wir das resultierende Glück tief und lang anhaltend; schlechte Nachrichten hingegen können uns die Vorstellung, irgendwann wieder froh zu werden, gründlich verhageln.

Der Psychologe Jordi Quoidbach von der Universität in Lüttich (Belgien) und seine Kollegin Elizabeth Dunn von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver zeigten in einer 2010 veröffentlichten Studie, dass dieser Effekt selbst charakterliche Eigenarten von Probanden überlagert. Die Forscher rekrutierten rund 300 Studenten und ältere Erwachsene für zwei Experimente. Alle Teilnehmer gaben eingangs anhand eines Fragebogens Auskunft über ihre Persönlichkeit. Anschließend sollten die studentischen Probanden beurteilen, wie sie sich am Ende des Semesters nach einem guten oder schlechten Examen fühlen würden. Die anderen sollten angeben, was sie nach den US-Präsidentschaftswahlen empfinden würden, wenn Barack Obama ins Weiße Haus einzöge. Später gaben dann sämtliche Teilnehmer über ihre tatsächliche Gefühlslage Auskunft.

Problemfall Selbsteinschätzung

Wie sich herausstellte, überschätzten die Probanden die Bedeutung ihrer emotionalen Reaktionen teils deutlich. Sowohl hinsichtlich des Abschneidens bei der Prüfung als auch in Sachen US-Wahl hing die reale Zufriedenheit nur schwach mit der zuvor geäußerten Erwartung zusammen; viel entscheidender war die Persönlichkeit der Betreffenden: Optimisten erzielten im Schnitt höhere Glückswerte als wankelmütige Personen.

"Bei Prognosen tendieren wir dazu, unseren Charakter und unsere Veranlagung zu vernachlässigen", so Quoidbach und Dunn. Die Quelle dieser Fehleinschätzung vermuten die Forscher in der Architektur des Gedächtnisses: So fuße unser Selbstbild auf Wissen, das im semantischen Speicher abgelegt ist, die Simulation zukünftiger Geschehnisse dagegen gehe auf Aktivität des episodischen Gedächtnisses zurück. Beide Systeme funktionieren weit gehend unabhängig voneinander, weshalb sie häufig zu unterschiedlichen Resultaten führen.

Dass wir Schwierigkeiten damit haben, realistische Urteile zu fällen, hat noch weitere Gründe: So ziehen wir etwa persönlich gefärbte Geschichten meist nüchternen Zahlen und Fakten vor. Zum Beispiel messen wir den Kauftipps von Freunden in der Regel einen höheren Stellenwert bei als mancher sachlichen Information von Verbraucherschützern. Forscher kennen das Phänomen als Anecdotal Fallacy (zu Deutsch etwa: Vorliebe für Anekdoten).

Thomas Kida von der University of Massachusetts in Amherst veröffentlichte 2010 eine aufschlussreiche Studie zu dieser kognitiven Verzerrung. Zusammen mit seinem Institutskollegen James Smith sowie James Wainberg von der University of Waterloo (Kanada) bat er 92 Manager, für einen fiktiven Hersteller von Platinen (Trägerelemente für elektronische Bauteile) eine von drei Maschinen auszuwählen - nämlich diejenige, die das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot. Die Probanden erhielten jedoch unterschiedliche Informationen: So sollte ein Teil auf Basis detaillierter statistischer Kennwerte entscheiden, während den anderen zudem Erfahrungsberichte von angeblichen Käufern vorlagen. Manche Probanden sichteten darüber hinaus auch wissenschaftliche Beurteilungen der Maschinen.

"Die Erfahrungsberichte beeinflussten die Entscheidungen generell stärker als die Statistiken oder die Forscheranalysen", so die Psychologen. Die Probanden unterschätzten oder ignorierten die Faktenlage, wenn ihnen persönliche Eindrücke vorlagen - und wählten davon geleitet eher unzuverlässige, teurere Maschinen.

Zu Irrtümern neigt der Mensch auch auf Grund seiner Tendenz zur Vereinfachung, beispielsweise in Form induktiver Fehlschlüsse. Sie bieten an sich eine gute Möglichkeit, mit der täglichen Informationsflut fertigzuwerden. Nehmen wir etwa diesen Satz: "Die Giraffe hat einen langen..." Automatisch ergänzen wir "Hals", nicht etwa "Rückenwirbel" oder "Flug von Kenia in den hiesigen Zoo". Anders als der Mensch würde ein Computer zunächst alle möglichen Lösungen durchforsten. Um uns das zu ersparen und handlungsfähig zu bleiben, fügen wir das vermeintlich Naheliegende ein.

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1. das war bereits
janne2109 07.05.2011
vor dem Spon - Artikel bekannt, und nu????
2. Irren ist menschlich
exminer 07.05.2011
Aus gemachten Fehlern lernt der Mensch am besten,das ist eine alte Binsenweisheit,aber scheinbar nur für das einzelne Individium gültig,für Gemeinschaften scheint das nicht der Fall zu sein,so die Geschichte! Dazu eine Uni-Studie ist übertrieben.
3. Ich lerne durch Fehler am besten
metzelkater 07.05.2011
Fehler machen ist nicht nur menschlich, sondern auch sehr lehrreich für mich. Das liegt wohl daran, das ich nur sehr ungern Fehler mache und daher unterbewusst solche Situationen so gut es geht vermeiden will, mit dem Effekt, das ich mir Fehler und die richtige Strategie zu ihrer Vermeidung sehr gut und dauerhaft merke. Wenn mir die Übung und die unangenehme Fehlerphase fehlt, mache ich genau diese Fehler, wenn es darauf ankommt, keine zu machen. Jeder Fehler wird tief im gehirn verankert, komme ich wieder in die gleiche Situation, weis ich worauf ich achten Muss, um jegliche Arschkarte zu vermeiden.
4. Nobody's perfect
Half Baked Brain 07.05.2011
Immer wieder schön, wenn in einem Artikel über Fehler selbst Fehler auftauchen...Aber das kennt man ja: http://www.bildblog.de/29967/wer-im-glabhaus-sitzt/ Der zweite Absatz ist etwas verwirrend. Aber zumindest steht SPON dem Eingestehen von Fehlern deutlich aufgeschlossener gegenüber als z.B. die BILD.
5. Nicht jeder Fehler ist ein Fehler
einszweidrei, 07.05.2011
Das tückische am Abspeichern eines begangenen "Fehlers" ist, dass dieser nicht unter allen möglichen Umständen ein Fehler ist. Speichert man dann diesen "Fehler" dauerhaft ab, reagiert man in manchen Situationen auch wieder falsch, wenn man diesen "Fehler" vermeidet. Wenn man z.B. irgendwann einmal bei der Party ein einsam dastehendes Mädchen angesprochen hat, diese aber nicht allein war, sondern sich nur von ihrem gewalttätigen Freund ein Getränk hat holen lassen, dann kann das blaue Auge danach den Betreffenden dazu verleiten, diese Ansprechaktion allgemein als "Fehler" zu werten. Dann würde der Betreffende niemals wieder eine einsam dastehende Frau bei einer Party ansprechen, denn das gilt ja dann als "Fehler" - und er würde viele gute Gelegenheiten verpassen. Man sollte immer wieder prüfen, ob die identifizierten "Fehler" wirklich unter allen Umständen welche sind, oder ob sie nur unglückliche Zufälle waren.
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Auf einen Blick

Scheitern für Fortgeschrittene

1. Laut Kognitionsforschern unterlaufen uns beim Denken und Erinnern viele Fehler, weil wir unsere Handlungen und unser Urteilsvermögen falsch einschätzen.

2. Dass der menschliche Geist die meisten dieser Verzerrungen nicht wahrnimmt, ist dabei durchaus sinnvoll: Irrtümer zu leugnen schützt das Selbstbewusstsein und stärkt das Gefühl, Einfluss zu besitzen.

3. Neuerdings betonen Lernexperten den Nutzen des Fehlermachens, denn ein "fehlerfreundliches Umfeld" steigere die Effektivität. Wer auch einmal danebenliegen darf, gewinnt eher neue Erkenntnisse.

Fehler im Gehirn

Seit man zu Beginn der 1990er Jahre die Error-related Negativity (ERN) entdeckte - ein typisches Signal im Elektroenzephalogramm (EEG), das nach eigenen Handlungsfehlern auftritt -, haben auch Neurowissenschaftler die Fehlerforschung für sich entdeckt. ERN treten schon rund 50 Millisekunden nach einem Patzer auf und entspringen dem anterioren zingulären Kortex. Dank seiner Verknüpfungen mit anderen Hirnregionen, die sowohl an der Steuerung unserer Aufmerksamkeit als auch an emotionalen Reaktionen beteiligt sind, scheinen ERN besonders wichtig dafür zu sein, dass wir Fehler korrigieren und zukünftig vermeiden können (siehe auch G&G 4/2008, S. 36). "Vermutlich helfen sie, geistige Ressourcen zu aktivieren", erklärt der Psychologe Greg Hajcak von der Stony Brook University in New York. Bislang ist jedoch noch unklar, wie das im Einzelnen funktioniert.

(Hajcak, G.: Errors Are Aversive Defensive Motivation and the Error-Related Negativity.
In: Psychological Science 2, S. 103 – 108, 2008)


Quellen

Butler, A. et al.: The Effect of Type and Timing of Feedback on Learning From Multiple-Choice Tests. In: Journal of Experimental Psychology 13, S. 273-281, 2007
Quoidbach, J. et al.: Personality Neglect: The Unforeseen Impact of Personal Dispositions on Emotional Life. In: Psychological Science 21, S. 1783-1786, 2010
Wainberg, J. S. et al.: Stories Versus Statistics: The Impact of Anecdotal Data on Accounting Decision Making. In: Social Science Research Network online 2010

Literaturtipp

Hallinan, J. T .: Lechts oder rinks. Warum wir Fehler machen. Ariston, München 2009

Lesenswertes Sachbuch über Denkfehler und was sie uns lehren

Weblink

www.schulpaed.de/de/fehlerkultur.html

Der Pädagoge Peter O. Chott erläutert die Bedingungen für eine lernförderliche Fehlerkultur in der Schule.



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