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08. Juni 2012, 09:26 Uhr

Tierversuch

Psychopharmaka im Trinkwasser könnten Autismus fördern

Es ist nur ein Tierversuch - und doch lassen die Experimente aufhorchen: Fische, die vergleichsweise niedrigen Dosen von Antidepressiva im Wasser ausgesetzt werden, zeigen Veränderungen im Erbgut. Medikamentenreste könnten Autismus fördern, fürchten Experten.

San Francisco - Gerade in den USA werden Antidepressiva häufig schon bei simplen Stimmungsschwankungen eingesetzt - mit potentiell problematischen Folgen für Unbeteiligte. Denn große Teile der Wirkstoffe verlassen den menschlichen Körper unverändert, wie sie in ihn hineingelangt sind. Nun steht der Verdacht im Raum, dass möglicherweise Reste von Psychopharmaka im Trinkwasser bei genetisch vorbelasteten Menschen Autismus auslösen können.

Das jedenfalls vermuten Forscher nach Experimenten mit Fischen. Deren Aquarienwasser hatten sie geringe Mengen von drei gängigen Medikamenten gegen Depressionen und Epilepsie zugesetzt. Den Angaben der Forscher nach lagen die Dosen nur wenig über den typischerweise in Abwässern gemessenen Werten.

Als Folge wurden im Gehirn der Fische Gene aktiviert, die normalerweise bei Autisten aktiv sind. Dieses Ergebnis zeige, dass Psychopharmaka-Reste in Abwässern und möglicherweise auch im Trinkwasser Autismus fördern könnten, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "PLoS ONE".

Schon vor einiger Zeit hatte eine Studie im Fachmagazin "Archives of General Psychiatry" gezeigt, dass bestimmte Antidepressiva, darunter vor allem die sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, Autismus bei Kindern fördern können. Nehmen Frauen diese Medikamente während der Schwangerschaft ein, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder autistische Störungen entwickeln.

Im Fischversuch zeigten sich nach Auskunft der Forscher nun, dass auch die stark verdünnten Reste solcher Psychopharmaka neurologische Störung hervorrufen können. "Wir waren erstaunt, dass diese Mittel schon in sehr niedrigen Dosierungen, wie sie in Gewässern vorkommen, Autismus auslösen können", sagt Erstautor Michael Thomas von der Idaho State University School.

Versuche mit Mäusen sollen folgen

Die bei den Fischen beobachtete Reaktion könnte nach Ansicht der Forscher durchaus auf den Menschen übertragbar sein, denn die betroffenen Gene seien die gleichen wie bei Personen mit einer Veranlagung zum Autismus. Menschen ohne diese Veranlagung seien nicht gefährdet, da ihr Erbgut andere Genvarianten enthalte.

Wie die Forscher erklären, waren die im Versuch eingesetzten Konzentrationen dieser Mittel vergleichbar mit den höchsten Kontaminationen in Gewässern. Im Trinkwasser lägen die durchschnittlichen Werte zwar normalerweise um das Zehn- bis Hundertfache niedriger, allerdings seien die Abbauprodukte der Medikamente in diesen Werten nicht erfasst. Diese entstehen durch chemische Reaktionen der Mittel in der Umwelt.

Es sei noch zu testen, ob auch solche Abbauprodukte sowie andere Psychopharmaka tatsächlich Autismus auslösen können. Auch der Effekt niedrigerer Dosierungen müsse noch untersucht werden. Die Wissenschaftler schlagen als nächsten Schritt Versuche mit Mäusen vor.

Für ihre Studie hatten die Forscher junge Fettkopf-Elritzen als Testorganismus gewählt. Diese Fischart wird häufig als Modelltier herangezogen, weil viele ihrer Gene für Autismus und andere neurologische Störungen denen entsprechend vorbelasteter Menschen gleichen. Die Fische wurden 18 Tage lang in Wasserbecken gehalten, deren Wasser mit zwei Mitteln gegen Depressionen - Fluoxetin und Venlafaxin - und dem Antiepileptikum Carbamazepin versetzt war. Die Dosierungen lagen dabei zwischen 10 und 100 Mikrogramm pro Liter.

Anschließend analysierten die Forscher gezielt die Aktivität bestimmter Klassen von Genen im Gehirn der Tiere. Diese lassen sich zehn neurologischen Erkrankungen zuordnen, darunter neben Autismus auch Parkinson, Schizophrenie, Depression und ADHS. Durch die Psychopharmaka sei nur eine mit dem Autismus verknüpfte Genklasse signifikant aktiviert worden, sagen die Wissenschaftler.

Die betroffenen Gene seien unter anderem für die Bildung neuer Synapsen zuständig, die Kontaktstellen zwischen den Gehirnzellen. Eine leichte, aber weitaus schwächere Veränderung fanden die Forscher aber auch bei der Genklasse für Parkinson.

chs/dapd

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