Elektro-Stimulation Querschnittgelähmte können ihre Beine wieder bewegen

Es ist wie ein Wunder: Vier Amerikaner, die seit einem Unfall querschnittgelähmt sind, können ihre Beine wieder bewegen. Ihre Mobilität verdanken die Männer einer neuen experimentellen Therapie. Ihnen wurden Elektroden direkt auf die dem Rückenmark aufliegenden Hirnhäute implantiert.

REUTERS/ University of Louisville

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Als Kent Stephenson und Andrew Meas mit ihren Motorrädern verunglücken, sind sie 21 und 28 Jahre alt. Dustin Shillcox, 26, wird bei einem Unfall aus seinem Geschäftswagen geschleudert, und der 23-jährige Baseballspieler Rob Summers überlebt einen Auto-Crash mit Totalschaden. Der Verursacher begeht Fahrerflucht.

Alle vier Männer sind seither querschnittgelähmt, ihr Rückenmark ist irgendwo in Höhe der Brust so stark verletzt, dass sie ihre Beine weder spüren noch bewegen können. Die Stabilität im Rumpf ist eingeschränkt, die Kontrolle über Blase und Darm weg, sexuelles Empfinden auch. "Nach dem Unfall sagten die Ärzte, es gebe für mich keine Hoffnung, Mobilität zurückzugewinnen", erinnert sich Kent Stephenson an die Zeit nach dem Unfall vor fünf Jahren. "Sie sagten, ich müsse lernen, im Rollstuhl zu leben."

Die Hoffnung, wieder gehen zu können

Heute können alle vier Männer ihre Beine wieder bewegen. Und sie haben die Hoffnung, immer mehr Kontrolle über ihre Muskeln zurückzugewinnen, zu stehen, ja vielleicht sogar - in weiter Ferne - wieder gehen zu können. Was Stephenson, Meas, Shillcox und Summers heute schaffen, hätte keiner von ihnen vor ein paar Jahren für möglich gehalten.

Ihre Mobilität verdanken die Männer einer experimentellen Therapie, die US-Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville und Wissenschaftler der University of California gemeinsam mit dem Pavlov Institute of Physiology in St. Petersburg entwickelt haben. Über die Ergebnisse ihrer Behandlung berichten sie jetzt in der Fachzeitschrift "Brain".

Ron Summers war der erste der vier Probanden, an dem die sogenannte epidurale Stimulation ausprobiert wurde. Dafür wurden dem Ex-Sportler im Jahr 2009 Elektroden direkt auf die dem Rückenmark aufliegenden Hirnhäute implantiert. Über ein Gerät kann Summers elektrische Impulse von außen steuern. Sie sollen jene Signale ersetzen, die normalerweise vom Gehirn ausgehend durchs Rückenmark fließen und dort noch vorhandene Nervenfasern aktivieren. Der Ansatz unterscheidet sich von anderen experimentellen Behandlungen von Querschnittgelähmten, in denen versucht wird, die Rückenmarksfasern wieder wachsen zu lassen - etwa mit Hilfe von Stammzellen.

Die Methode gelingt: Wann immer Summers den Stimulator anschaltet, kann er seine Beine bewegen, nach mehreren Trainingseinheiten kann er sogar alleine stehen, mehr als vier Minuten lang. "Die Erfahrungen hier haben wirklich mein Leben verändert", sagt Summers. Bis zu seinem Versuch hatte es lediglich vielversprechende Tierexperimente gegeben.

"Es ist großartig zu sehen: Ich stehe!"

Im Fachmagazin "The Lancet" berichteten die Forscher 2011 vom Kentucky Spinal Cord Injury Research Center an der University of Louisville über den Erfolg ihrer Therapie bei Summers. Um zu überprüfen, ob die Behandlung auch bei anderen Patienten anschlägt, suchten sie nach weiteren Querschnittgelähmten und stießen auf Kent Stephenson, Andrew Meas und Dustin Shillcox.

Das Revolutionäre sei, schreibt die University of California in einer Pressemitteilung, dass alle drei sofort nach der Implantation mit aktivem Stimulator ihre Extremitäten willentlich bewegen konnten. Sie können ein Bein anziehen, mit den Zehen wackeln, ihren Rumpf stabil halten. Und teilweise ist auch die Sensibilität zurückgekehrt und damit auch sexuelle Empfindungen.

Die Patienten sind dennoch nicht geheilt. Sie können sich nur bewegen, solange das Gerät elektrische Impulse sendet. Aber sie gewinnen einen wichtigen Teil ihrer Mobilität zurück und damit ein Stück von ihrem alten Leben. "Wenn du so lange nicht stehen konntest und drehst dann den Stimulator an und stellst dich einfach hin", sagt Kent Stephenson, "dann ist es großartig zu sehen: Ich stehe!"

In vielen Übungseinheiten trainieren die Männer gemeinsam mit ihren Unterstützern im Labor, sich aufzusetzen, einen Ball zu fangen, die Knie zu heben, auf dem Laufband zu gehen. Das alles verbessere nicht nur ihre Mobilität, sondern auch ihren gesamten Gesundheitszustand, berichten die Wissenschaftler. Die Muskelmasse nehme zu, der Körper könne den Blutdruck wieder besser regulieren, die Erschöpfung nehme ab, das Wohlbefinden zu.

"Mit ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler, dass die Ergebnisse von dem ersten querschnittgelähmten Patienten aus "The Lancet" keine Besonderheit waren", sagt Susan Howley, Vizepräsidentin für Forschung an der Christopher und Dana Reeve Foundation, die die Untersuchung gemeinsam mit den U.S. National Institutes of Health finanziert hat. "Wir können uns heute vorstellen, dass die epidurale Stimulation eines Tages Teil des Cocktails an Therapien bei Lähmungen sein könnte."

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christiewarwel 08.04.2014
1. ???
"Über ein Gerät kann Summers elektrische Impulse von außen steuern. Sie sollen jene Signale ersetzen, die normalerweise vom Gehirn ausgehend durchs Rückenmark fließen und dort noch vorhandene Nervenfasern aktivieren." Ersetzen -das wäre schwierig, schließlich müßte man nicht nur die "Bruchstelle" überbrücken, sondern auch die genauen Erregungsmuster kennen und bedarfsgerecht für jede Bewegung reproduzieren. Der Stimulator, der im Übrigen zur Behandlung von chronischen Schmerzen schon länger im Einsatz ist, erhöht aber im Wesentlichen nur die Basisaktivität, so daß leichte Impulse ausreichen, um über den Trashhold zu kommen. Das funktioniert aber nur, wenn weitere Neurone, Zellen oder Transmitter die "Bruchstelle" überspringen oder umschiffen können, wofür in der Publikation verschiedene Optionen diskutiert werden. Leider sind die zu Grunde liegenden Mechanismen vor allem spekulativ, aber sie zeigen auf jeden Fall, daß es fundamental andere Wege gibt, "Bruchstellen" zu umgehen als neue Axone hindurch wachsen zu lassen. Man darf gespannt sein. Schade, daß Christopher Reeve das nicht mehr erleben durfte.
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