Rätsel gelöst Warum Arsen zur Krebstherapie taugt

Es ist Tod- und Heilsbringer zugleich: Jahrhundertelang war Arsenik als Gift berüchtigt. Die Substanz ist zudem krebserregend - und doch wird sie heutzutage zur Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs genutzt. Forscher haben das Paradoxon jetzt enträtselt.

Tumorgewebe: Gezielte Therapie spezieller Krebsarten steht im Fokus der Mediziner
Corbis

Tumorgewebe: Gezielte Therapie spezieller Krebsarten steht im Fokus der Mediziner

Von Cinthia Briseño


Ötzi, die berühmte Gletschermumie, die man im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen durch das kleine Fenster einer Kühlkammer bestaunen kann, barg viele Rätsel. Eines davon waren die größeren Mengen Arsen, die Forscher in den wenigen erhaltenen Haarbüscheln gefunden hatten. Die Wissenschaftler glauben, Ötzi könnte bei der Verarbeitung von Kupfer tätig gewesen sein.

Einige Jahrtausende später, im 17. Jahrhundert, wurde das gelbe Schwefelarsen bei holländischen Malern als Königsgelb populär, nach und nach entwickelten sich weitere Anwendungsbereiche für arsenhaltige Verbindungen: als Beizmittel im Pflanzenschutz oder bei der Herstellung von Gewehrkugeln etwa. Manche Arsenverbindungen sind jedoch hochgiftig, wie etwa Arsenik, Fachleuten auch als Diarsentrioxid (As2O3) bekannt. Jahrhundertelang war es als Mordgift berüchtigt.

Die Substanz hat viele unterschiedliche Eigenschaften. Als Gift kann sie einen qualvollen Tod bereiten, sie ist krebserregend und kann beim Menschen bösartige Geschwüre verursachen. Paradoxerweise können Patienten mit einer seltenen Form von Blutkrebs, der sogenannten akuten Promyelozyten-Leukämie (APL), in vielen Fällen mit Hilfe von Arsenik geheilt werden.

Schon die Römer schätzten die Wirkung von Arsen

Zwar ist Arsen auch als Arzneimittel seit Jahrhunderten im Gebrauch - die Römer etwa wussten schon um die heilende Wirkung bei Lungenkrankheiten; im 19. Jahrhundert war Arsen eines der bedeutendsten Asthmamittel. In der traditionellen chinesischen Medizin hat Arsen ebenfalls schon lange seinen festen Platz - auch im Kampf gegen Krebs. Doch warum ausgerechnet eine krebserregende Substanz Blutkrebs heilen soll, darüber rätselten Wissenschaftler viele Jahre lang. Jetzt haben sie das Rätsel gelöst.

Im Fachmagazin "Science" beschreibt ein Forscherteam um Zhu Chen den molekularen Mechanismus, der sich hinter der Wirkung bei APL von Arsenik verbirgt. APL ist eine seltene Form von Blutkrebs, bei der ein Rezeptor für ein Reifungshormon der Zellen defekt ist. Die Folge: Die Vorläuferzellen der als Granulozyten bezeichneten weißen Blutkörperchen vermehren sich unkontrolliert. Zudem ist das Knochenmark von APL-Patienten nicht in der Lage, gesunde Blutkörperchen zu bilden, weshalb sie letztlich an Blutarmut leiden.

Der Defekt rührt daher, dass ein Stück im Erbgut von Chromosom 15 auf Chromosom 17 umgelagert wird. Deshalb produziert die Zelle einen veränderten Rezeptor, der die unkontrollierte Vermehrung der Leukämiezellen vorantreibt. Die Forscher fanden heraus, dass Arsenik zum Abbau des bösartigen Rezeptors führt, indem es sich an ihn bindet - die Tumorzelle stirbt daraufhin ab.

Bis in die siebziger Jahre bedeutete die Diagnose APL fast immer den sicheren Tod für die Patienten. Doch 1992 demonstrierten Anhänger der traditionellen chinesischen Medizin in China erstmals, dass eine Behandlung mit einer Arznei namens "Ai-ling 1" effektiv gegen die Krankheit helfen kann. Später fand man heraus, dass "Ai-ling 1" Arsenik enthält.

"Unser Ergebnis zeigt, wie die westliche Technologie dazu genutzt werden kann, die Mysterien der traditionellen chinesischen Medizin aufzuklären", sagt Zhang. "Obwohl Arsenik heutzutage häufig zur Behandlung von APL eingesetzt wird, gibt es noch einige Länder, die sich gegen diese Idee sperren." Auch die Patienten verweigern sich oft einer solchen Therapie - wegen der Reputation der Substanz als Gift.

Studien zufolge leben mehr als 90 Prozent der chinesischen APL-Patienten nach einer Arsenik-Behandlung mindestens fünf Jahre ohne jegliche Symptome der Krankheit. Die Arznei hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Chemotherapie: Die üblichen Nebenwirkungen wie Haarausfall oder Schwächung des Immunsystems sind wesentlich geringer.

Im Übrigen ist Arsen auch in der Homöopathie ein beliebtes Mittel. Vor wenigen Monaten hatten Aktivisten bei einem bizarren Protest beweisen wollen, was passiert, wenn man eine ganze Packung vermeintlicher Arsenpillen auf einmal schluckt. In diesem Fall blieb eine Wirkung glücklicherweise aus.



insgesamt 10 Beiträge
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pulegon 12.04.2010
1. hm
Zitat von sysopEs ist Tod- und Heilsbringer zugleich: Jahrhundertelang war Arsenik als Gift berüchtigt. Die Substanz ist zudem krebserregend - und doch wird sie heutzutage zur Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs genutzt. Forscher haben das Paradoxon jetzt enträtselt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,688169,00.html
Das die meisten Cytostatika früher oder später selbst Krebs auslösen ist ja bekannt. Das erste Antibiotikum war übrigens auch eine Arsenverbindung (http://de.wikipedia.org/wiki/Salvarsan)
mitbürger 13.04.2010
2. Was ist ein Gift?
Die Dosis macht das Gift. Bei einem 70 kg schweren Krebs-Patienten werden ca. 10 mg / Tag eingesetzt, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. In den homöopathischen Zubereitungen, ist nur ein Bruchteil dessen drin. Arsen ist auch in geringsten Mengen in Nahrungsmitteln natürlich enthalten. Wie man das Krebsmedikament mit der homöopathischen Zubereitung in Zusammenhang bringen kann ist mir schleierhaft. Das eine hat nichts, aber auch gar nichts mit dem anderen zu tun.
Dumme Fragen 13.04.2010
3. Tjaja...
Zitat von pulegonDas die meisten Cytostatika früher oder später selbst Krebs auslösen ist ja bekannt. Das erste Antibiotikum war übrigens auch eine Arsenverbindung (http://de.wikipedia.org/wiki/Salvarsan)
Es war schon irgendwie ein seltsames Gefühl, bei der Chemotherapie literweise Chemotherapeutika über Infusion zugeführt zu bekommen, während die Ärzte und Schwestern immer extra dicke Einwegsicherheitshandschuhe trugen. Die hochgiftigen, krebserregenden Substanzen dürfen sie keinesfalls inkorporieren. Tjaja... Tropf, tropf, tropf... Und die ganze Zeit hoffen, dass man kein Paravasat bekommt...
ReneMeinhardt, 13.04.2010
4. Nicht seltener Blödsinn
Immer wieder liest man so einen Mist über die Wirkung von Chemotherapeutika und nun von offensichtlichen Giften wie Arsen. Dass dieses Gift eine Heilungsphase (Leukämie) zum Erliegen bringen kann, ist fast logisch. Man vergiftet den Körper und freut sich, dass mein keine Leukämie-Symptome mehr hat. Und kommt mir nicht mit dem Satz, dass "Die Dosis macht das Gift", diesen kenne ich selbst. Wir brauchen endlich Ärzte und Patienten, die die Krebsarten als das verstehen, was sie tatsächlich sind. Allen anderen soll man meinetwegen auch Arsen verabreichen.
alpstein 13.04.2010
5. War
ja klar dass auch die Ratten aus den Löchern kommen. Die Auffassung dass eine schwere Erkrankung wie Leukämie eine "Heilungsphase" sei hat vielen Menschen einen qualvollen Tod beschert weil sie den Lügen eines Psychopathen glaubten. Tatasächlich werden die molekularen Mechanismen der Krebsentsehung -wie im Artikel beschrieben- immer besser verstanden. Chemotherapie kann zusammen mit anderen Massnahmen Leben retten, bei manchen Krebsarten 80 % und mehr.
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