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Rätselhafte Krankheit CFS: Maus-Virus scheidet als Erschöpfungs-Auslöser aus

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Was löst das chronische Erschöpfungssyndrom aus? Ein Virus, verkündeten US-Forscher vor zwei Jahren - und wecken Hoffnungen auf eine Therapie für das Leiden, das Mediziner noch immer rätseln lässt. Nun verdichten sich Beweise, dass die Forscher danebenlagen.

Eingelagerte Blutproben: Laborverunreinigungen könnten Virus-Funde erklären Zur Großansicht
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Eingelagerte Blutproben: Laborverunreinigungen könnten Virus-Funde erklären

Gerade im Medizinbereich können wissenschaftliche Fachartikel große Hoffnungen wecken - scheinen sie doch immer wieder Therapiemöglichkeiten für bisher nicht oder nur schwer zu behandelnde Krankheiten zu versprechen. Im Oktober 2009 erschien genau solch ein Artikel im renommierten Fachmagazin "Science". US-Forscher schrieben über ein Retrovirus, das sie im Blut von CFS-Patienten entdeckt hatten. CFS, die Kurzform für chronisches Erschöpfungssyndrom, ist eine Krankheit, die Menschen dauerhaft schwer beeinträchtigen kann.

Andauernde Schmerzen, Konzentrationsprobleme und eben eine tiefe Erschöpfung sind die häufigsten Symptome. Besonders schwer Betroffene können kaum noch das Bett verlassen. Viele Ärzte stehen der Krankheit ratlos gegenüber, einheitliche Behandlungsstandards existieren nicht. CFS-Patienten landen oft beim Psychotherapeuten - obwohl die Ursache der Krankheit aus der Sicht vieler Experten eine körperliche ist und nicht in der Psyche der Betroffenen begründet.

Die Meldung über das Virus, das Vincent Lombardi vom Whittemore Peterson Institute in Reno und seine Kollegen entdeckt hatten, wurde daher von vielen Patienten als eine Art Befreiungsschlag angesehen. Endlich konnte man den Auslöser beim Namen nennen - wenn auch bei einem komplizierten: "Xenotropic murine Leukemia Virus related Virus", kurz XMRV. Lombardi und Kollegen hatten das Blut von 101 CFS-Patienten und 281 gesunden Studienteilnehmern untersucht, dabei wiesen sie bei 67 Prozent der CFS-Patienten XMRV nach - aber nur bei knapp vier Prozent der Gesunden: ein dramatischer Unterschied.

Das Virus ist ein Retrovirus, gehört also zu einer Klasse zu der auch der Aids-Erreger HIV zählt. Daher könnte man ihn auch mit ähnlichen Medikamenten bekämpfen und CFS kurieren, war die Hoffnung. Patientenverbände forderten den Einsatz der Mittel.

Hoffnung zerschlagen

Doch in diesem Fall scheint sie sich die Hoffnung zu zerschlagen. In mindestens zehn weiteren Untersuchungen fanden Forscher kein XMRV im Blut ihrer Patienten, berichtet "Science" jetzt. Das Fachblatt hat online zwei Studien veröffentlicht, welche erneut stark dagegen sprechen, dass der Erreger etwas mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom zu tun hat - oder überhaupt im menschlichen Körper zu finden ist.

Zum einen testeten Forscher CFS-Patienten erneut, die bereits eine positive XMRV-Diagnose erhalten hatten. Konstance Knox von der Wisconsin Viral Research Group in Milwaukee und Kollegen kamen zum Ergebnis: Von diesen 43 Patienten hat keiner XMRV im Blut. Stattdessen fanden sie Teile des Virus-Erbguts in kommerziellen Reagenzien, die bei den Tests eingesetzt werden. Sie vermuten zudem weitere Verunreinigungen in den Laboren, aus denen die positiven Ergebnisse stammen.

Knox und Kollegen haben auch geprüft, ob XMRV überhaupt in menschlichem Blut gedeiht - das tut das Virus ihren Angaben zufolge nicht. Auch im Blut von CFS-Patienten werde es zum Teil oder ganz inaktiviert, schreiben sie. Es ist also zu bezweifeln, dass die Viren überhaupt eine Infektion bei einem Menschen auslösen können.

Zum anderen nahmen sich Wissenschaftler um Tobias Paprotka vom National Cancer Institute in Frederick menschliche Prostatakrebszellen vor, in denen XMRV gefunden wurde. Die von ihnen studierte Zelllinie stammt von einem sogenannten Xenograft. Das heißt: Von einem Krebspatienten entnommene Zellen wurden Labormäusen eingepflanzt und weiter untersucht. Direkt im Erbgut von Mäusen findet sich sich das Erbgut sogenannter xenotroper muriner Leukämie-Viren. Diese Viren vermehren sich nicht in der Maus selbst, ihr Erbgut schlummert dort nur. Aber sie können unter anderem menschliche Zellen infizieren - und genau das ist auch passiert.

In den frühesten Zellkulturen findet sich das Virus noch nicht, berichten die Forscher. Aber in späteren Zelllinien schon. Das XMR-Virus, das nun immer wieder in Proben nachgewiesen wird, ist also Mitte der Neunziger Jahre im Labor entstanden, folgern die Forscher. Da sich solche Zelllinien immer weiter vermehren und in vielen Laboren eingesetzt werden, lässt sich so auch erklären, dass Patienten-Proben verunreinigt werden und bei einem XMRV-Test positiv abschneiden.

Wird die Studie ganz zurückgezogen?

Bruce Alberts, der Chefredakteur des Fachblatts, äußert sich zusätzlich in einem kritischen Kommentar zu der Angelegenheit: "Die Studie von Lombardi und Kollegen erhielt viel Aufmerksamkeit und die Veröffentlichung in 'Science' hatte großen Einfluss auf CFS-Patienten und andere. Weil die Stichhaltigkeit dieser Studie nun stark infrage steht, teilen wir hier unsere Bedenken mit", schreibt Alberts. Die Gesundheitsbehörde der USA fördere weitere Studien zu XMRV - deren Ergebnisse "Science" sehnlich erwarte.

Solche Kommentare erscheinen oft, bevor eine publizierte Studie offiziell zurückgezogen werde, schreibt das Blog "Retraction Watch" , das auf solche Fälle spezialisiert ist. Das Zurückziehen einer Studie ist quasi die Höchststrafe für einen Fachartikel beziehungsweise dessen Autoren.

Was bedeutet das für CFS-Patienten? Dass der Auslöser für ihr Leiden höchstwahrscheinlich an anderer Stelle zu finden ist. So verfolgen Mediziner etwa die These, dass eine gestörte Immunantwort des Patienten die Beschwerden auslöst. Tatsächlich berichten viele CFS-Patienten, dass sie kurz vor oder zu Beginn der chronischen Krankheit eine akute Infektion hatten. Möglich ist, dass dabei etwas in der Körperabwehr aus der Bahn gerät - und dass es demnach nicht ein Virus gibt, das für CFS mitverantwortlich ist, sondern diverse Viren oder Bakterien der Auslöser sein können.

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1. guter, ausgewogener Artikel!
leila1 01.06.2011
Sehr geehrte Nina Weber, Sie haben die Erkrankung und die Mechanismen, die als Ursache diskutiert werden, gut recherchiert und ausgewogen dargestellt. Manche Medien bilden allzu schnell Kausalketten, wo keine sind (kein Virus --> keine Erkrankung) - und ignorieren die zahlreichen organischen Befunde, die ME/CFS seit Jahren als organische Erkrankung ausweisen. Deswegen an dieser Stelle ein großes Dankeschön für ihre gründliche Recherche!
2. Ist die Aufforderung zur Rücknahme der Studie verfrüht?
NinaEn 01.06.2011
Dieser Ansicht ist unter anderem Ian Lipkin, "Word Class Virus Hunter" und von den US-amerikanischen National Institutes of Health damit beauftragt, in einer Multicenter-Studie verbindlich die Gründe für konfliktierende Ergebnisse verschiedener Labors zu eruieren: http://www.bloomberg.com/news/2011-05-31/chronic-fatigue-study-that-sparked-ban-may-have-been-flawed.html?forumid=331851 Bisher gab es keine einzige Studie, welche die Methoden des Originalpapers repliziert hat. Es bleiben etliche Fragen offen. Die Vertreter der "Kontaminationstheorie" sind bislang nicht in der Lage, eine kohärente Erklärung für die anhand verschiedenster Methoden festgestellten positiven Befunde zu liefern. Auch ist unklar, wie eine mögliche Kontamination konsequent deutlich häufiger in Patienten als in Kontrollen auftreten könnte. Weiterhin sind sich die Autoren der Studien, die kein XMRV nachweisen konnten, nicht einig, ob es sich nun um eine Laborkontamination, eine rekombinantes Virus, oder gar doch ein reales Virus, das in Prostatakrebs vorkommt, nicht aber in CFS, handelt. Gegen was richten sich die in diesen Patienten gefundenen Antikörper, wenn nicht gegen XMRV? Es bleiben viele Fragen offen, die es zu klären gilt. Wissenschaftlich, nicht politisch. Ich bedanke mich bei Frau Weber, dass sie das Thema erneut aufgreift und im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen nicht auf alte Vorurteile im Bezug auf die Krankheit CFS zurückgreift! Ich würde mich freuen, wenn der Spiegel in Zukunft auch über die persönlichen Schicksale, die unter dieser wissenschaftlich verzwickten Situation leiden, berichten würde.
3. Krankheiten
white eagle 01.06.2011
Zitat von sysopWas löst das chronische Erschöpfungssyndrom aus? Ein Virus, verkündeten US-Forscher vor zwei Jahren*- und wecken Hoffnungen auf eine Therapie für das Leiden, das Mediziner noch immer rätseln lässt. Nun verdichten sich Beweise, dass die Forscher daneben lagen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765976,00.html
Im Grund genommen sind doch alle Krankheiten psychische Krankheiten und nur durch die Neuausrichtung des persönlichen Lebens zu heilen. (http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/2010/02/der-weg-zum-heil-teil-1.html) Alles andere ist doch nur Quacksalberei.
4. Als man noch keine medizinische Forschung kannte,
Willem55 01.06.2011
Zitat von white eagleIm Grund genommen sind doch alle Krankheiten psychische Krankheiten und nur durch die Neuausrichtung des persönlichen Lebens zu heilen. (http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/2010/02/der-weg-zum-heil-teil-1.html) Alles andere ist doch nur Quacksalberei.
konnte man wie Methusalem 957 Jahre alt werden. Heute wird das von der Ärzte- und Pharmalobby im Auftrag der Rentenversicherungen verhindert.
5. Haha!!!
bigmac, 01.06.2011
Ich schmeiß mich weg! Die Verschwörungstheoretiker und religiösen Fanatiker sind wieder da. :) Ich habe mich aber auch gefragt, wie die Unterschiede zwischen den Patienten und der Kontrollgruppe in der ersten Studie (Lombardi et al, 2009) zustande gekommen sein könnten. Darüber wird weder im SPON-Artikel, noch im Editorial von Science etwas gesagt. Mal abwarten, was dabei herauskommt. Nach 10 gegenteiligen Studien muss man schon anfangen zu grübeln.
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