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Reaktionen auf Klon-Durchbruch Einmal Stammzellen schwarz-weiß!

Frankensteins Monster als Filmfigur: Reflex auf Erfolge in der Stammzellforschung Zur Großansicht
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Frankensteins Monster als Filmfigur: Reflex auf Erfolge in der Stammzellforschung

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Forscher haben also menschliche Embryonen geklont. Ja, Embryonen! In einem Labor an der Oregon Health & Science University haben sich entkernte Eizellen, denen der Kern einer anderen Zelle eingesetzt wurde, bis zu einem frühen Embryonalstadium entwickelt, der sogenannten Blastozyste. Konkret handelt es sich dabei um eine kugelförmige Ansammlung von rund 50 bis 130 Zellen. Sie entsteht etwa fünf Tage nach der Befruchtung - oder in diesem Fall dem Kernstransfer. Die Blastozysten dienten im Labor von Shoukhrat Mitalipov und seinen Kollegen als Ausgangsstoff für embryonale Stammzelllinien.

"Frankensteins Traum wird wahr", titelt "Die Zeit". "Aus normalen Körperzellen können Menschen nun die Kopie eines Menschen herstellen. Darf das sein?" "Bild.de" wirft als allererstes die Frage auf: "Wann wird der erste künstliche Mensch erschaffen?" Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schockt auf ihrer Titelseite mit: "Erstmals Menschen geklont zur Erzeugung von Stammzellen". Und die erste Lesermail, die bei uns im Ressort ankam, bezog sich auf Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt": "Das ist der Einstieg in die industrielle Herstellung von Menschen", glaubt der Schreiber.

Extreme Ängste, überzogene Hoffnungen

Es scheint der Fluch der Stammzellforschung zu sein, dass von der Öffentlichkeit vor allem wahrgenommen wird, was potentiell machbar sein könnte und weniger, was die Wissenschaftler tatsächlich tun. So entsteht ein schwarzweißes Zerrbild eines Forschungszweigs.

Auf der einen Seite steht der Vorwurf, Stammzellforscher - ruchlose Gesellen in bester Tradition Frankensteins - wollten partout Menschen klonen. Warum sie das, jenseits vielleicht von einem "Weil wir es können" tun sollten, bleibt rätselhaft. Auf der anderen Seite steht die überzogene Hoffnung, mit den Zauberzellen nahezu alle Krankheiten heilen und jedes Organ beliebig austauschen zu können.

Die Wahrheit liegt nicht irgendwo dazwischen, sondern passt überhaupt nicht in diesen Rahmen.

"Man sollte dem Forscherteam um Mitalipov nicht unterstellen, dass sie Menschen klonen wollen", sagt Oliver Brüstle von der Universität Bonn, einer der bekanntesten deutschen Stammzellforscher. In Deutschland ist das ohnehin klar verboten: Nicht nur das Erzeugen des Embryos zu Forschungszwecken wäre hierzulande untersagt, sondern schon die Eizellspende, ohne die das ganze Experiment gar nicht beginnen könnte.

Nicht überall sind die Regeln so streng. Brüstle wünscht sich deshalb, wie viele Kollegen, international verbindliche Richtlinien. "Eingriffe in die Keimbahn, durch die auch das Erbgut aller Nachkommen verändert wird, müssen ebenso tabu sein wie das reproduktive Klonen." Dass geklonte embryonale Stammzellen einmal als Teil von Therapien eingesetzt werden, hält er für unwahrscheinlich. Erstens muss ein Embryo erzeugt werden. "Das ist wohl in keinem Land konsensfähig", so Brüstle. Und zum anderen benötigt man gespendete Eizellen, was auch gravierende Probleme mit sich bringt.

Alternative Wege zur Stammzelle

Ohnehin konzentrieren sich viele Stammzellforscher auf Bereiche, die weit geringeres Konfliktpotential bergen. Sie arbeiten mit adulten Stammzellen, die Erwachsenen entnommen werden können und nicht das Potential besitzen, ein neues Lebewesen entstehen zu lassen. Sie erforschen iPS-Zellen - umprogrammierte Körperzellen, die im Labor in den Stammzellzustand zurückversetzt werden. Oder sie bringen Körperzellen direkt dazu, sich in einen anderen Gewebetyp zu verwandeln. Laut Brüstle erscheinen diese Verfahren aus heutiger Sicht weitaus geeigneter für Stammzelltherapien als geklonte embryonale Stammzellen.

Werden uns diese Forscher in ein paar Jahren Allheilmittel gegen diverse Leiden präsentieren? Nein. Ebenso wie Stammzellforscher keine Größenwahnsinnigen sind, die Menschen kopieren wollen, sind sie auch keine Heiler, die Wunder vollbringen können.

Wie überall in der medizinischen Forschung ist auch die Entwicklung von Stammzelltherapien ein mühsames Geschäft. In ersten klinischen Studien zum Einsatz gegen die altersbedingte Makuladegeneration, einer Augenkrankheit, geht es beispielsweise erst einmal darum, ob die Anwendung überhaupt sicher ist. Und nicht darum, dass Blinde plötzlich wieder sehen können.

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31 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
copenista 16.05.2013
intex_#0 16.05.2013
nereb 16.05.2013
crigs 16.05.2013
snitter 16.05.2013
lug&trug 16.05.2013
frubi 16.05.2013
martinn 16.05.2013
emperor-of-mankind 16.05.2013
paoloDeG 16.05.2013
pennywise_the_clown 16.05.2013
Layer_8 16.05.2013
bugsbunny84 16.05.2013
epic_fail 16.05.2013
Savoyen 16.05.2013
spon-facebook-10000199141 16.05.2013
spon-facebook-10000199141 16.05.2013
fugidabaudit 17.05.2013
Miere 17.05.2013
Nun-ist-es-genug 17.05.2013
criticalck 17.05.2013
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