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Resistente Bakterien: Mediziner verlieren den Kampf gegen Killer-Keime

Antibiotika sind die Allzweckwaffe gegen Bakterien - doch schon bald könnten sie komplett wirkungslos sein. Immer öfter tauchen Bakterien auf, die gegen alle Medikamente resistent sind. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der Toten allein in der EU auf 25.000 pro Jahr.

Krankenhaus in Berlin: Multiresistente Erreger sind auf dem Vormarsch Zur Großansicht
REUTERS

Krankenhaus in Berlin: Multiresistente Erreger sind auf dem Vormarsch

Dass eine Mandelentzündung eine tödliche Gefahr darstellen kann, ist heute schwer vorstellbar. Antibiotika haben bakteriellen Infektionskrankheiten den Schrecken genommen. Sie heilen Krankheiten, die sonst dramatische Folgen hätten. Doch weil sie so alltäglich eingesetzt werden, droht den Antibiotika auch ihr Ende.

Bakterien werden resistent - ein natürlicher Prozess, der durch den falschen Umgang mit den wertvollen Medikamenten stark gefördert wird. Immer öfter tauchen Keime auf, die selbst den stärksten Antibiotika trotzen. Neue Medikamente fehlen - die Pharmaunternehmen entwickeln nicht genug.

Inzwischen sterben allein in der EU rund 25.000 Menschen pro Jahr an Infektionen mit Antibiotika-resistenten Bakterien, warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO am Donnerstag. Ähnliches teilt das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten mit: 400.000 Menschen erkrankten jährlich durch resistente Mikroben. Die meisten haben sich im Krankenhaus mit den gefährlichen Keimen angesteckt.

Zugleich meldeten Forscher aus Indien einen erschreckenden Fund: In einem großen Teil der Wasserproben aus Neu-Delhi fanden sich Bakterien, die das gefürchtete Resistenz-Gen NDM-1 trugen.

WHO warnt vor "post-antibiotischem Zeitalter"

Die WHO warnt anlässlich des Weltgesundheitstages sogar, dass der Welt ein "post-antibiotisches Zeitalter" bevorsteht, in dem einfache, häufige Infektionen wieder tödlich enden können. Krankheiten wie Lepra und Syphilis hätten nur durch Antibiotika einen großen Teil ihres Schreckens verloren. Schon jetzt erschweren Resistenzen die Behandlung von Tuberkulose-Kranken.

Bakterien, die den Angriff mit jedem Antibiotikum überstehen, bringen zudem diverse Therapien der modernen Medizin in Gefahr - wie etwa längere Operationen, bei denen immer Infektionen drohen, oder Transplantationen, weil die Körperabwehr der Patienten danach dauerhaft geschwächt werden muss. Auch der Erfolg von Krebs- oder HIV-Therapien wäre bedroht.

"Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt, weil die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika beispiellose Ausmaße erreicht hat und neue Antibiotika nicht schnell genug bereitgestellt werden können", sagt die europäische WHO-Chefin Zsuzsanna Jakab. Dass Bakterien unempfindlich gegen Antibiotika werden, ist zwar ein natürlicher Prozess, doch aktuell tragen viele Umstände dazu bei, dass er besonders schnell abläuft.

Als Negativbeispiel führt die WHO an, dass Antibiotika in 14 von 21 osteuropäischen Ländern ohne ärztliches Rezept frei verkäuflich sind. Das würden unter anderem Landwirte nutzen, die ihren Tieren Antibiotika vorbeugend verabreichten. In einigen Regionen der Welt wird laut WHO die Hälfte aller produzierten Antibiotika Nutztieren gegeben. Ein weiteres Problem: Viele Ärzte verschreiben die Mittel "leichtfertig und unangemessen", etwa zur Behandlung von Virusinfekten wie der Grippe - wo sie gar nicht helfen. Auch brechen Patienten die Antibiotika-Einnahme zu früh ab, was die Entwicklung resistenter Bakterien fördert.

Die WHO nennt eine Reihe von Maßnahmen, um im Kampf gegen die Mikroben die Oberhand zu behalten:

  • Ärzte und Patienten sollen besser über den Antibiotika-Einsatz aufgeklärt werden
  • die Diagnose und Überwachung von Infektionskrankheiten muss verbessert werden
  • vorbeugende Maßnahmen sollen die Ausbreitung von Infektionen verhindern
  • Entwicklung neuer Antibiotika fördern.

Über unsauberes Wasser verbreitet

Gleichzeitig berichten britische und australische Wissenschaftler, wie weit verbreitet eine erst vor kurzem entdeckte Resistenz in Indien zu sein scheint. Das Team um Timothy Walsh von der Cardiff University untersuchte Bakterien aus öffentlichen Wasserstellen im Zentrum von Neu-Delhi. In 51 von 171 Sickerwasser- und in zwei von 50 Trinkwasserproben konnten sie Bakterien nachweisen, die das NDM-1 genannte Resistenz-Gen trugen.

Die Forscher fanden zudem heraus, dass das Gen besonders gut bei 30 Grad Celsius von Bakterium zu Bakterium springt. Diese Temperatur herrsche in Indien etwa sieben Monate im Jahr, auch zur Monsunzeit. Die Fluten könnten resistente Bakterien verbreiten, schreiben die Autoren im Fachmagazin "The Lancet Infectious Diseases" . Aufgrund des schlechten Zugangs zu sauberem Wasser und Toiletten sei die Gefahr der Verbreitung in Indien besonders groß.

Die Daten würden das "besorgniserregende Potential für eine umfassende Ausbreitung von NDM-1 in der Umwelt" deutlich aufzeigen, schreibt Mohd Shahid von der indischen Aligarh-Muslim-Universität in einem Kommentar in derselben Ausgabe das Fachblatts.

NDM-1 steht für Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase. Bakterien mit diesem Gen sind auch gegen die sogenannten Carbapeneme resistent - Reserve-Antibiotika, die nur im Notfall bei schweren Infektionen zum Einsatz kommen. Die Erreger waren zunächst vor allem in Indien und Pakistan aufgetaucht, wurden aber auch schon in westlichen Ländern nachgewiesen. Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt, dass NDM-1-Resistenzen in Deutschland bislang sehr selten sind. Nach RKI-Angaben gibt es zwei Antibiotika, welche bei den bisher aufgetretenen NDM-1-Bakterien wirken. Eine optimale Behandlung ist mit diesen zwei Mitteln allerdings nicht immer möglich.

wbr/dpa

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insgesamt 110 Beiträge
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1. Leichtsinn ist schuld dran
maipiu 07.04.2011
Was mich ganz persönlich wahnsinnig geärgert hat in diesem Zusammenhang ist, dass Hersteller von Zahnpasta ein Antibiotikum in ihre Produkte geben (Diclosan), ohne dies speziell zu kennzeichnen. Nur durch Zufall bin ich dahinter gekommen und habe das Zeug entsorgt. Sonst hätte ich mir ohne es zu ahnen die schönste Resistenz heranzüchten können. Ich würde vom Gesetzgeber erwarten, dass er gegen sowas vorgeht, ebenso dagegen, dass Antibiotika wie Masthilfen eingesetzt werden.
2. 100% resitent oder nicht
jekn 07.04.2011
Zitat von sysopAntibiotika sind die Allzweckwaffe gegen Bakterien - doch schon bald könnten sie komplett wirkungslos sein. Immer öfter tauchen Bakterien auf, die gegen alle Medikamente resistent sind. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der Toten allein in der EU auf 25.000 pro Jahr. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,755575,00.html
[QUOTE=sysop;7583056]Bakterien mit diesem Gen sind auch gegen die sogenannten Carbapeneme resistent - Reserve-Antibiotika, die nur im Notfall bei schweren Infektionen zum Einsatz kommen. ...... Nach RKI-Angaben gibt es zwei Antibiotika, welche bei den bisher aufgetretenen NDM-1-Bakterien wirken. QUOTE] Was denn jetzt? Gegen alle resistent oder nicht?
3. Ernst der Lage...
zursachet 07.04.2011
Den Ernst dieser Lage kann man leider nicht hoch genug einschätzen. Antibiotika Resistenzen können große Teile bisheriger Therapien vollkommen nutzlos werden lassen - und das nicht nur bei Infektionen. Die Zahl der durch MRSA hospitalisierten oder getöteten Personen steigt seit Jahren kontinuierlich an und liegt weit über der Zahl der HIV Opfer in westlichen Industrieländern. Umgekehrt proportional verhält es sich mit den entsprechenden Budgets für entsprechende Aufklärungskampagnen, Präventionsmaßnahmen sowie Forschung & Entwicklung. Derzeit investieren von Big Pharma nur noch 2 Firmen in entsprechende Forschung und Entwicklung (GSK und AstraZeneca), 1990 waren es noch 20 Firmen. Rückschläge und regulatorische Hürden liesen viele Firmen aussteigen. Hier muss unbedingt gegengesteuert werden! Interessierten sei der Reuters Special Report (in En) empfohlen: http://www.reuters.com/article/2011/03/31/us-antibiotics-idUSTRE72U1QX20110331?pageNumber=1 Das ist wirklich besorgniserregend.
4.
Darjaan 07.04.2011
hier zeigen sich brutal und erschreckend die Auswirkungen von Kapitalismus, Globalisierung und Wachstum... ist den meisten leider nicht bewusst oder wird gerne verdrängt, wenn es um Schwächen dieses Systems geht... das Einzige was dann noch gerecht sein wird, dass die Reichen und Ausbeuter dieser Gesellschaft, sich mit all ihrer Kohle dann auch nicht mehr schützen können... noch 10-20 Jahre, dann haben wir vermutlich Sterberaten durch Infektionskrankheiten wie im Mittelalter... wie dumm muss man sein, für kurzfristigen Reichtum, Geschenke der Natur wie Antibiotika, nutzlos werden zu lassen... bis wir das Ganze durch Genmanipulationen kompensieren können, werden vermutlich noch 1-2 Jahrhunderte vergehen...
5. Auf Thema antworten
donfuan, 07.04.2011
Der Mensch in seiner *unendlichen* Kurzsichtigkeit. Da hat meine eine Allzweckwaffe gegen den schlimmsten Feind gefunden, benutzt Sie aber weitflächig und beraubt sich so seiner Verteidigung. Dürfte das Bevölkerungswachstum auf lange Sicht wohl arg einschränken.
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