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Rückschlag bei Erreger-Suche: Spanier wütend auf Ehec-Detektive

Von Cinthia Briseño

Es waren doch nicht die spanischen Gurken - aber was dann? Bei der Suche nach dem gefährlichen Ehec-Erreger müssen die Experten wieder von vorne anfangen, die Verbraucher sind verwirrt, die Spanier empört. Forscher hoffen, dank eines neuen Schnelltests die wahre Infektionsquelle finden zu können.

Ehec: Schnelltest soll Quelle entlarven Fotos
DPA

Münster - O104:H4 bringt in diesen Tagen Infektionsforscher um den Schlaf. Seit gut drei Wochen sorgt der Erregerstamm immer wieder für Überraschungen. Die erste war jene, dass ausgerechnet dieser Stamm als Auslöser für die derzeit in Deutschland grassierende Ehec-Seuche dingfest gemacht werden konnte. Beunruhigend daran ist, dass O104:H4 ein Ehec-Erregertyp ist, von dem selbst erfahrene Ehec-Experten zuvor höchst selten gehört hatten.

Unter Hochdruck versuchen deshalb die Wissenschaftler des Ehec-Konsiliarlabors des Robert Koch-Instituts am Universitätsklinikum Münster (UKM) dem mysteriösen Keim auf die Spur zu kommen. Fast rund um die Uhr arbeiten Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene, und sein Team und kämpfen gegen die Zeit. Denn tagtäglich werden neue Ehec-Fälle gemeldet. Bundesweit sollen es derzeit mehr als 1400 Infektionen oder Verdachtsfälle sein - 15 Todesopfer hat der gefährliche Darmkeim inzwischen gefordert.

Wo naturwissenschaftliche Ergebnisse mitunter Monate bis Jahre auf sich warten lassen, sind nun wesentlich schnellere Resultate gefordert. Umso erfreulicher, als Karch und sein Team verkünden konnten, dass sie einen Schnelltest für den speziellen Ehec-Erregertyp O104:H4 entwickelt hätten.

Doch kurz danach sorgte der Stamm für die nächste Überraschung. Zwar wurde O104:H4 eindeutig in den Stuhlproben der Ehec-Erkrankten bestimmt - dafür aber nicht auf jenen Lebensmittelproben, von denen man seit einigen Tagen annimmt, sie seien die Hauptschuldigen für die Verbreitung der Seuche: die spanischen Gurken.

Wöchentlicher Schaden: 200 Millionen Euro

"Wir haben recht gehabt", ließ Spaniens Agrarministerin Rosa Aguilar sogleich verlauten. "Nun zeigt sich, das spanische Gurken nicht der Auslöser der Ehec-Infektionen waren." Das Land ist empört. Immer wieder beteuerten die Behörden, das Gemüse aus dem Land sei sicher; Unterstellungen, nach denen die Krankheit durch spanische Gurken übertragen werde, richteten laut den Angaben bei den dortigen Produzenten einen Schaden von wöchentlich 200 Millionen Euro an.

Nach den jüngsten Laboruntersuchungen verlangt das Land nicht nur die sofortige Wiederaufnahme des Handels mit seinem Gemüse. Die spanische Regierung zieht auch Entschädigungsforderungen an Deutschland in Betracht. Ohne Beweise habe man die Schuld für die Infektion Spanien zugeschoben, wetterte Aguilar am Rande des informellen EU-Agrarministertreffens in Ungarn. "Wir werden ... sehen, ob wir von Deutschland finanzielle Verantwortung für die verursachten Schäden fordern", sagte die Ministerin.

Zwar bestätigte die EU-Kommission am Dienstag die Testergebnisse: "Wir kennen noch nicht die Quelle der Infektionen", sagte eine Sprecherin. Die Untersuchungen der Boden-, Wasser- und Produktproben in den Agrarbetrieben im spanischen Almeria und Malaga dauerten allerdings noch an. Der Grund: Vorläufige Ergebnisse hätten das Darmbakterium Escherichia coli auf weiteren Proben nachweisen können, sagte ein EU-Experte. Ob die Proben auch den gefährlichen Typ des Ehec-Erregers O104:H4 enthalten, müssten erst weitere Tests zeigen. Die Ergebnisse könnten Mittwoch vorliegen.

Gurke ja oder nein?

Die EU-Kommission wies den Vorwurf zurück, bestimmte Länder beschuldigt zu haben. "Keiner hat ein Land oder eine Region bezichtigt", sagte die Sprecherin. "Das ist eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit - und wir wollen sie auslöschen." Die Kommission sei verpflichtet zu informieren. "Genau das tun wir." Alle Aktionen seien verhältnismäßig, immerhin sei die Infektionsquelle unbekannt. "Wir wollen den Schaden so gering wie möglich halten."

Gurke ja, oder Gurke nein? Für den Verbraucher bedeutet das Wirrwarr um Testergebnisse und Erregertypen vor allem eines: Verunsicherung. Wähnte man sich doch sicher vor der Ehec-Seuche, wenn man bloß die Finger von den Gurken ließe - und von rohen Tomaten und Blattsalaten, von deren Verzehr das RKI ebenfalls abgeraten hat. Nun aber müssen die Seuchendetektive ihre Suche wieder von vorne beginnen. Unzählige Proben müssen analysiert, Patienten weiterhin befragt werden.

Immerhin: Dank des neuen Schnelltests sind die Wissenschaftler nun ein gutes Stück weiter. Die Münsteraner Forscher hoffen, dass ihr neuer Ehec-Test die Fahndung nach der Quelle des Erregertyps beschleunigt. "Bisher gab es kein Verfahren, den Stamm nachzuweisen", sagte Karch am Dienstag auf einer Pressekonferenz.

Nun sei es möglich, schon kleinste Mengen von Ehec-Erregern innerhalb weniger Stunden auf die speziellen Eigenschaften des Ausbruchsstammes O104:H4 zu untersuchen. Besonders vielversprechend für die Fahnder dürfte die Tatsache sein, dass man mit dem Verfahren nicht nur menschliche Proben analysieren, sondern den Erreger auch auf Lebensmittelproben nachweisen kann. Mit Hilfe dieser Informationen, so Karch, wolle man nun schnellstens die Infektionsquelle finden, um weitere Übertragungen zu verhindern. Der Test helfe außerdem dabei zu klären, wie lange wieder genesene Patienten den Keim übertragen könnten.

In Hamburg sind alle Fälle mit blutigem Durchfall Ehec-Infektionen

Auch die Kollegen vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) begrüßten die neueste Entwicklung aus Münster. Zwar hatte Jörg Debatin, ärztlicher Direktor am UKE, noch am Morgen im ZDF-"Morgenmagazin" erklärt, dass der Test kurzfristig "nicht so sehr helfen werde". Gemeint war aber damit lediglich die Diagnose der bereits eingelieferten Patienten mit schweren Durchfallsymptomen am UKE. Der Schnelltest mache durchaus Sinn, vor allem für jene Labore und Kliniken, die weniger Erfahrung im Umgang mit Ehec-Erregern hätten, betonte sein UKE-Kollege Holger Rohde im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Für sie sei der Diagnose-Test wichtig und liefere schnell und sicher ein Ergebnis. Am UKE aber sei man unabhängig von dem Schnelltest: "Hierbei hat sich gezeigt, dass blutiger Durchfall in Hamburg als Epizentrum ein maximal valides Kriterium für die Diagnose Ehec ist", sagte Debatin. Seit Beginn der Ehec-Welle würden am UKE verschiedene Testmethoden zum Erregernachweis kombiniert, erläuterte Debatin. Deshalb würden die Hamburger Mediziner den Schnelltest nur sehr bedingt einsetzen. Dennoch sei er wichtig; vor allem bei möglichen künftigen Ausbrüchen könne er hilfreich sein.

Gewissheit in vier Stunden

Auch für Patienten, die jetzt noch mit dem Ehec-typischen HU-Syndrom in die Kliniken eingeliefert werden, kann der Test rasch für Gewissheit sorgen: Innerhalb von vier Stunden könne man bei Patienten mit verdächtigen Symptomen klären, ob sie mit Ehec infiziert seien oder unter anderen Durchfallerkrankungen litten.

"Das Testergebnis ist sehr sicher", betonte Karch auf der Pressekonferenz. Patentiert hat das UKM die Anleitung nicht. Vielmehr hoffen die Mikrobiologen nun auf die Erkenntnisse des Kollektivs: "Jedes Labor kann dieses Rezept nachkochen", sagte Alexander Mellmann, Karchs Kollege am Institut für Hygiene.

Wo aber ist nun die Quelle für den gefährlichen Erreger zu suchen? Karch hält viele Szenarien für möglich: "Es könnten Tiere infiziert sein. Es können aber auch Menschen als Überträger in Betracht kommen", sagte der Mikrobiologe. Möglich sei auch, dass Menschen den Keim in sich tragen - ohne das es zum Ausbruch komme. Es müsse auch der Frage nachgegangen werden, ob entlassene Ehec-Patienten den Keim noch weiter ausscheiden.

Und wie gehen die Deutschen mit Ehec um? Jeder Zweite will wegen Ehec vorübergehend auf rohes Gemüse verzichten. Rund zwei Drittel haben mit Blick auf den Darmkeim keine erhöhte Angst um ihre Gesundheit. Ein gutes Drittel (36 Prozent) macht sich aber Sorgen, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab. Das Institut hatte 1075 Menschen im Alter von mindestens 18 Jahren in Deutschland befragt.

Mit Material von dpa und dapd

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1. verstehe nichts
janne2109 31.05.2011
mehr. ist denn der Erreger Ehec nun auf den spanischen Gurken ebenfalls so gefährlich. Haben wir den schon immer auf span. Gurken? Kann mal jemand aufklären?
2. die Quelle
fragensteller2 31.05.2011
ist doch wohl klar, oder? Wenn ein solcher Erreger an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit auftaucht und er dabei einmal über Gurken, ein anderes mal über Tomaten oder was für ein Gemüse auch immer auftaucht - dann ist der Erreger verbrecherisch von Menschen in Umlauf gebracht worden. Mithin ist er dann nicht auf natürlichem Wege über Gemüse in das Bio-System Mensch gelangt. Das bedeutet, Genüse wurde mit dem Erreger von (wahrscheinlich mehreren) Menschen an verschiedenen Orten (Großmarkt, Markt, Genüseabteilung im Supermarkt) und in unterschiedlichen Regionen planvoll und bewußt verteilt. Diese Art des Terorismus wurde in der Vergangenheit nur von Staaten durchgeführt. Offensichtlich haben internationale Terrorzellen dazu gelernt: wozu Bomben, wenn man solche Erreger (sind ja Bakterien) fast überall vermehren und unkontrolliert z.B. im Flugzeug über die Grenzen schaffen kann? Vorweg: die RAF kann es diesmal nicht gewesen sein.
3. Darmkeime
spon-1247816947957 31.05.2011
will ich nicht in oder auf einer Gurke haben. Auch wenn es sich nicht um die gefährliche EHEC-Variante handelt ist die Diagnose "kontaminiert mit Escherichia coli" ein Grund, um solche Produkte einen weiten Bogen zu machen. Der Weg, wie Darmkeime auf Lebensmittel ist nach wie vor wichtig zu wissen - und dann genau das möglichst zu vermeiden.
4. ....
frau trallala 31.05.2011
Zitat von janne2109mehr. ist denn der Erreger Ehec nun auf den spanischen Gurken ebenfalls so gefährlich. Haben wir den schon immer auf span. Gurken? Kann mal jemand aufklären?
Es gibt verschiedene EHEC-Varianten, die auch schon in der Vergangenheit immer wieder zu kleineren Ausbrüchen geführt haben. Deshalb hat EHEC auf Lebensmitteln grundsätzlich nichts verloren und hätte auch nicht auf den spansichen Gurken zu finden sein dürfen. EHEC-Kontaminationen auf Lebensmitteln sind glücklicherweise nicht der Normalfall.
5. EHEC Erreger können überall sein...
Emmi 31.05.2011
EHEC Erreger können überall sein. Es gab auch schon immer Infektionen. Es scheint bei diesem konkreten Fall so zu sein, dass der Erreger nicht beim Erzeuger, sondern weiter hinten in der Produktionskette aufs Gemüse kommt (kam?). Solange nicht klar ist, wo und wie das geschieht (geschah?), kann man für kein Gemüse Entwarnung geben, auch nicht für spanisches oder holländisches! Das Problem muss aber irgendwo in Norddeutschland liegen...
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