RWTH Aachen über Stickoxid-Studie "Wir haben das nicht hinterfragt"

Die RWTH Aachen verteidigt ihre Stickoxid-Studie an Menschen: Durchführung und Publikation seien wissenschaftlich korrekt gelaufen. Kritisch sehe man heute die Finanzierung durch die Autoindustrie.

RWTH in Aachen
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Die Reaktionen auf die Abgasversuche der Autoindustrie waren heftig. Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass Wissenschaftler Affen Abgasen aus deutschen Dieselautos ausgesetzt hatten - finanziert von der Forschungsvereinigung EUGT, welche die Konzerne VW, Daimler und BMW gegründet hatten.

Die EUGT hatte im Jahr 2013 auch Stickstoffdioxid-Versuche mit Menschen gefördert, die an der RWTH Aachen durchgeführt wurden. 25 Freiwille hatten dabei drei Stunden geringe Mengen NO2 inhaliert. Laut RWTH sollte die Belastung an Arbeitsplätzen untersucht werden. Doch die EUGT nutzte die Studie später in eigenen Publikationen - offenbar mit dem Ziel, das Image von Dieselmotoren zu verbessern.

In einer Pressekonferenz hat die RWTH Aachen nun die Durchführung ihrer Studie verteidigt. "2009 gab es eine Diskussion über eine Absenkung der NO2-Grenzwerte", sagte Stefan Uhlig, Dekan der Medizinischen Fakultät der RWTH. Damals habe es an Kenntnissen insbesondere bei niedrigen Expositionen gefehlt.

Gemeinsam mit Kollegen aus München sei dann die Idee zur Studie entstanden. Es sei üblich, sich dann auch um eine Co-Finanzierung durch die Industrie zu bemühen, und 2012 habe die EUGT die Förderung bewilligt.

"Das entspricht guter wissenschaftlicher Praxis"

Die Ethik-Kommission der Uni hatte an dem Experiment nichts auszusetzen. "Wir haben uns damals mit der Frage dieses Geldgebers nicht auseinandergesetzt", sagte Günther Schmalzing, Vorsitzender der Ethik-Kommission. "Wir haben das nicht hinterfragt."

2013 fand die eigentliche Studie dann statt. 2016 wurden die Ergebnisse dann in einem Fachjournal mit Peer Review, also mit Begutachtung durch Fachkollegen, publiziert. "Das entspricht guter wissenschaftlicher Praxis", sagte Uhlig.

An seinem Institut gebe es strenge Regeln für die Finanzierung durch die Industrie, betonte Thomas Kraus. Er leitet das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, an dem die Versuche mit NO2 durchgeführt wurden. Partner dürften weder Einfluss auf Studiendesign, die Durchführung noch auf die Publikation der Ergebnisse nehmen. Zudem müsse die Förderung transparent gemacht werden. All diese Punkte seien bei der NO2-Studie erfüllt gewesen.

"Bis heute keinerlei Nachwirkungen"

"Jetzt im Rückblick ist das natürlich kritisch zu bewerten", sagte Kraus. Er habe gewusst, dass die Autoindustrie die EUGT fördere. "Aber es war mir nicht klar, dass die Organisation unlautere Zwecke verfolgt. Im Nachhinein muss man sagen: Die EUGT hat in Deutschland eine problematische Rolle gespielt."

Georg Winkens, heute Masterstudent an der RWTH, war im Jahr 2013 einer der 25 Probanden der NO2-Studie. "Die Teilnahme war vollkommen unproblematisch, ich habe bis heute keinerlei Nachwirkungen."

Ihm sei vor dem Experiment Blut abgenommen worden und man habe seine Lungenfunktion getestet. Dann sei er zusammen mit weiteren Probanden in den Expositionsraum gegangen, wo er einmal pro Stunde auf ein Ergometer musste, um sich körperlich zu belasten. Die Debatte der letzten Tage kann er kaum nachvollziehen: "Ich halte die Diskussion für sehr überhitzt."

hda



insgesamt 74 Beiträge
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strixaluco 02.02.2018
1. Ein Armutszeugnis
Wissenschaftler sind dafür da, Dinge zu hinterfragen. Wer das in diesem Job nicht macht, hat ihn verfehlt. Oder er hat vor lauter befristeten Mitteln und Arbeitsverträgen verlernt, eine eigene Meinung zu haben. Liebe Leute, wehrt Euch endlich!!! Im Grundgesetz ist die Freiheit von Forschung und Lehre festgeschrieben. Praktiziert werden kann sie in diesem Land aufgrund mangelnder Grundmittel und weiträumiger Befristungen nicht mehr ernsthaft.
jjcamera 02.02.2018
2. Schädlich oder nicht?
Um als Leser die Zusammenhänge zu bewerten, wäre eine kurze Zusammenfassung über das Ergebnis der Studie wertvoll. Wurden Schäden am Menschen bei den Probanden nachgewiesen oder nicht? Und wenn ja, in welchem Umfang? Stimmen die Grenzwerte mit dem Ergebnis überein? Das wäre das wirklich Interessante an dem ganzen Vorgang und nicht, wer die Studie finanziert hat. Jede Studie wird von irgendjemand finanziert.
opinio... 02.02.2018
3. Nä, wa, Armutszeugnisse sehen anders aus
Zitat von strixalucoWissenschaftler sind dafür da, Dinge zu hinterfragen. Wer das in diesem Job nicht macht, hat ihn verfehlt. Oder er hat vor lauter befristeten Mitteln und Arbeitsverträgen verlernt, eine eigene Meinung zu haben. Liebe Leute, wehrt Euch endlich!!! Im Grundgesetz ist die Freiheit von Forschung und Lehre festgeschrieben. Praktiziert werden kann sie in diesem Land aufgrund mangelnder Grundmittel und weiträumiger Befristungen nicht mehr ernsthaft.
Wissenschaftler müssen sehen, wo das Geld für Forschung herkommt. Auch das ist eins der Ergebnisse von 12 a Merkel. Weniger Geld vom Staat bedeutet Ökonomisierung des Hochschulbetriebs. Gut ist erst einmal das, was Geld bringt, en Laden laufen zu lassen. BOLOGNA reform war das. Nicht die RWTH, sondern Merkel und Co! Wenn es nicht weh tut und Geld bringt, dann kann man es doch machen oder. Wissenschaftler sind sollten keine Bürokraten sein, sondern Wissenschaft betreiben.
joejoejoe 02.02.2018
4. Kaum Bezug zur Dieselproblematik.
Das Studiendesign scheint weder ethisch noch wissenschaftlich problematisch zu sein. Nur eins wird in diesem Zusammenhang viel zu wenig betont: Die Studienergebnisse lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wie sich die Dauerbelastung mit Stickoxiden an stark befahrenen Straßen auf die Gesundheit und Lungenfunktion der Bewohner auswirkt. Es war gar nicht das Studiensiel, das herauszufinden.
joerbi 02.02.2018
5. Schizophrenie der Forschungsfinanzierung
Heute wird Drittmitteleinwerbung erwartet und vorausgesetzt. Dass diese auch von Vertretern gewisser Interessensgruppen kommen ist doch eigentlich klar. Solange diese Drittmittel transparent gemacht werden und entsprechende Studien über die erforderlichen (Ethik-)Kommissionen genehmigt werden ist mE dagegen nichts einzuwenden.
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