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Ärztemangel, Praxisschwemme: Gutachter benennen Fehler im deutschen Gesundheitswesen

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Blutdruckmessung: Zu wenig Ärzte auf dem Land

Woran hapert es im deutschen Gesundheitswesen? Der Sachverständigenrat legt in seinem neuen Gutachten die Schwachstellen offen - wie Ärztemangel auf dem Land und zu viele Praxen in Ballungsräumen.

Berlin - Am Montag stellten die deutschen Gesundheitsweisen in Berlin ihre jüngste Analyse des Gesundheitswesens vor und übergaben sie an Minister Hermann Gröhe - keine unbeschwerte Lektüre für den CDU-Mann, die Experten benennen viele Schwachstellen.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) hat die Aufgabe, der Regierung in regelmäßigen Abständen gesundheitspolitische Vorschläge zu unterbreiten. Eine Reihe der Empfehlungen sind in den vergangenen Jahren aufgegriffen und umgesetzt worden, so etwa bei der Kassenwahlfreiheit, der Förderung der ambulanten Pflege oder dem Ausbau von Rehabilitationsleistungen.

"Eindeutiger Nachholbedarf"

Auch das aktuelle Gutachten (PDF) hat es in sich. Um der Strukturschwäche zu entgegnen, empfehlen die Gesundheitsweisen einen Vergütungszuschlag (Landarzt) von 50 Prozent. Für heftige Kritik dürfte auch ihr Vorschlag sorgen, überschüssige Arztsitze in Ballungsräumen zu schließen oder bei Medizinprodukten höherer Risikoklassen - Brustimplantaten, Herzklappen, Gehirnstents - eine unabhängige EU-weite Zulassung einzuführen.

Pflicht werden soll der Nachweis, dass das Implantat auch nutzt. Nur wenn das durch klinische Studien belegt sei, solle ein Medizinprodukt durch die Krankenkassen erstattet werden. Ratsmitglied Eberhard Wille: "Wir haben in Deutschland und der EU gegenüber den USA und auch im Vergleich zur Zulassung von Arzneimitteln eindeutigen Nachholbedarf".

Die wichtigsten Forderungen des Sachverständigenrats: (Klicken Sie sich durch die multimediale Grafik):

Verteilt endlich richtig!

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Die bisher getroffenen Maßnahmen in der ärztlichen Versorgung konnten eine zunehmende Fehlverteilung nicht aufhalten. 90 Prozent aller Facharztabschlüsse erfolgen aktuell im spezialisierten Bereich, nur noch knapp zehn Prozent im Bereich Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt). Schätzungen zufolge müssten mindestens doppelt so viele Fachärzte für Allgemeinmedizin weitergebildet werden, als es derzeit der Fall ist. Der Rat empfiehlt folgendes Maßnahmenbündel:

  • Für mehr weiße Kittel auf dem Land: einen Vergütungszuschlag von 50 Prozent (Landarztzuschlag).
  • Für eine bessere Arztverteilung: freiwerdende Sitze in Ballungsräumen (außer Psychotherapeuten) durch die Kassenärztliche Vereinigung aufkaufen.
  • Höher spezialisierte Leistungen sollen nur in solchen Krankenhäusern erbracht werden, die die gebotene Qualität sicherstellen können.
  • Damit nur in Krankenhäusern behandelt wird, wo es sinnvoll ist: Stärkere finanzielle Anreize, etwa gezielte Übergangszahlungen, schaffen, die es Krankenhausträgern erleichtern, sich aus Geschäftsfeldern zurückzuziehen, in denen sie weder genug Menschen behandeln noch eine ausreichende Qualität erreichen. Diese Phase könnte durch die Auflage eines speziellen Fonds unterstützt werden.

Nutzen prüfen!

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Eine systematische Bewertung des Zusatznutzens von Arzneimitteln, die bereits auf dem Markt sind, wird es nach einem Beschluss des Bundestages nicht mehr geben. Der SVR rät dennoch – im Hinblick auf die Qualität der Arzneimittelversorgung sowie möglicher Kosteneinsparungen - diese durchzuführen. Außerdem schwebt dem SVR vor:

  • Nicht nur der Nutzen, auch die Kosten-Nutzen-Bewertung bei Medikamenten hat sich bewährt. Diese sollte in Zukunft nicht allein durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) durchgeführt werden können – es sollten europäische Strategien zusammengeführt und ausgebaut werden.

Cochrane für alle!

Die Gründung des "Deutsches Institut für Gesundheitswissen": Die Bereitstellung gesicherter Informationen über Arzneimittel, Medizinprodukte und diagnostische sowie therapeutische Verfahren durch eine unabhängige Institution ist nach Ansicht des SVR unerlässlich:

  • Als Plattform für eine solche Informationsaufbereitung und -verbreitung wird empfohlen, nach international bewährten Vorbildern auch in Deutschland ein unabhängiges Institut für Gesundheitswissen zu etablieren und nachhaltig zu finanzieren.
  • Als Kern wäre hier zum Beispiel die dauerhafte Institutionalisierung des Deutschen Cochrane Zentrums geeignet. Das Institut sollte allen Bürgern systematisch recherchierte und unabhängig aufbereitete Gesundheitsinformationen in der Muttersprache anbieten.

Medizinprodukte besser kontrollieren!

AP

Nach einer Analyse der Versorgung mit Medizinprodukten sieht der Rat erheblichen Nachholbedarf bei der Gewährleistung der notwendigen Patientensicherheit und der gebotenen Transparenz. Für Medizinprodukte mit erhöhtem oder hohem Risikopotenzial (Gefäßprothesen, Herzklappen, Brustimplantate) werden daher folgende Maßnahmen empfohlen:

  • Eine europaweite zentrale und unabhängige Zulassung mindestens von Medizinprodukten höherer Risikoklassen unter Nachweis der klinischen Sicherheit und Wirksamkeit auf der Basis klinischer Studien mit einer hohen Ergebnissicherheit. Hierfür könnte sich die Bundesregierung im Rahmen der auf EU-Ebene aktuell anstehenden Neuregulierung von Medizinprodukten einsetzen.
  • Einrichtung einer frei zugänglichen und eindeutig recherchierbaren Plattform für medizinprodukterelevante Daten.
  • Auch weiterhin sollen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, deren Einsatz auf Medizinprodukten der höheren Risikoklassen beruht, Patienten schnellstmöglich eingesetzt werden. Mit Blick auf die Patientensicherheit muss es aber Grundvoraussetzung sein, dass der gesundheitliche Nutzen nachgewiesen ist. Daher bedarf es einer Neuordnung der Bewertung als Voraussetzung der Erstattungsfähigkeit, was die Durchführung klinischer Studien umfasst.

Längst überfällig!

DPA

Der SVR rät zu einer Reform der Apothekerhonorierung durch Einführung apothekenindividueller Handelsspannen. Diese könnten in Abhängigkeit von ihrer Kostenstruktur und ihren Gewinnvorstellungen frei kalkuliert werden.

  • Der auf diese Weise erzeugte Preiswettbewerb dürfte sich in mit Apotheken überversorgten Gebieten stärker als in strukturschwachen ländlichen Regionen entfalten und auf diese Weise Anreize zur Niederlassung in mit Apotheken schwach besetzten Gegenden führen.

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1.
!!!Fovea!!! 23.06.2014
Zitat von sysopGetty ImagesWoran hapert es im deutschen Gesundheitswesen? Der Sachverständigenrat legt in seinem neuen Gutachten die Schwachstellen offen - wie Ärztemangel auf dem Land und zu viele Praxen in Ballungsräumen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/sachverstaendigenrat-im-gesundheitswesen-gutachten-2014-a-976730.html
Und? Super dieser Sachverständigenrat. Was folgt? Anreize für Mediziner, die Gruppe der Pflegenden wird finanziell weiterhin ausgeblutet, der Schrei nach "Fachkräften" aus dem Ausland immer lauter und am Ende sitzt ein Gesundheitsminister/in, der/die immer wieder neue Expertenkomissionen (hüstl..) bildet, die immer wieder nach mehr Geld schreien und am Ende gibt es hier ein Prozent mehr Steuerlast, da wird etwas erhöht und an den Leistungen gekürzt. Das wird dann als "großer Wurf" des Gesundheitsministeriums gekürt, natürlich unter Schonung der Arbeitgeber. Daher ist der Artikel des Spon mehr als flüssig.
2.
krassopoteri 23.06.2014
Zitat von sysopGetty ImagesWoran hapert es im deutschen Gesundheitswesen? Der Sachverständigenrat legt in seinem neuen Gutachten die Schwachstellen offen - wie Ärztemangel auf dem Land und zu viele Praxen in Ballungsräumen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/sachverstaendigenrat-im-gesundheitswesen-gutachten-2014-a-976730.html
Die ärztliche Selbstverwaltung hat auf ganzer Linie versagt. Es wird Zeit, dass das kompltte System verstaatlicht wird. Vielleicht wird dann aus einem Krankheitssystem wieder ein Gesundheitssystem.
3. Alle Jahre wieder...
abcabab 23.06.2014
... und was wird passieren: nix! Zu viele Lobbyisten, zu viele Partikularinteressen. Sinnlos!
4. Umverteilung?
nyala 23.06.2014
Letzte Woche hat die FAS noch über unfassbare Wartezeiten bei Ärzten getitelt - und entsprach damit meinen Erfahrungen aus jüngster Zeit: 7 Wochen für Augenarzt, 5 Wochen für Hausarzt- beim Orthopäden kann man sich präventiv einfach quartalsweise terminieren. Irgendwas wird man schon haben. Also wie jetzt? Zuviele oder zuwenige Praxen?
5. Zu viele Praxen?
Mitreder 23.06.2014
Warum wartet man hier in Frankfurt am Main, das ja ein Ballungszentrum ist, für eine Audienz beim Halbgott für Haut, Augen, Skelett, HNO etc. gerne mal sechs bis acht Wochen? Irgendwie habe ich ein ganz anderes Bild von "zu viele Praxen..."
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