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Salinomycin: Tier-Antibiotikum treibt Krebszellen in den Selbstmord

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Vor wenigen Monaten entdeckten Forscher eine neue vielversprechende Waffe im Kampf gegen Krebs: Salinomycin, ein aus der Tiermast bekanntes Antibiotikum. Heidelberger Forscher haben nun herausgefunden, wie es Krebszellen abtötet. Es treibt sie in den Selbstmord.

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dpa

Mammographie: Salinomycin tötet gezielt Krebszellen und verschont gesunde

Salinomycin kennt man eigentlich aus der Viehmast. Es ist ein Antibiotikum, man behandelt damit Geflügel mit Erkrankungen der Innereien, die durch bestimmte Einzeller hervorgerufen werden. Daher war es eine echte Überraschung, als die Forscher um Piyush Gupta, Eric Lander und Robert Weinberg vom Broad Institute of MIT and Harvard vor wenigen Monaten in der angesehenen Fachzeitschrift "Cell" veröffentlichten, dass Salinomycin ein vielversprechendes neues Medikament zur Behandlung von Brustkrebs sein könnte.

Ganz gezielt töte Salinomycin Tumor-Stammzellen ab, berichteten Lander, Weinberg und Gupta. Wissenschaftler vermuten in diesen dunklen Brüdern der Stammzellen das Herz eines Krebses. In Mäuseversuchen hatte sich Salinomycin sehr wirksam gezeigt: Es verlangsamte das Wachstum von Brusttumoren. Und Krebsstammzellen, die mit der Substanz behandelt worden waren, bildeten weniger neue Tumore aus, wenn man sie Mäusen einpflanzte.

Wie Salinomycin aber genau wirkte konnten Lander, Weinberger und Gupta nicht klären. Bekannt ist, dass es biologische Membranen durchlässiger für Kalium-Ionen macht. Ob und wie das Salinomycin aber zu einem wirksamen und sehr spezifischen Krebszellenkiller macht, ist unverstanden.

Deutsche Wissenschaftler um Cord Naujokat und Dominik Fuchs vom Universitätsklinikum Heidelberg haben nun herausgefunden, wie Salinomycin Krebszellen tötet - es treibt sie in den Selbstmord. In der Fachzeitschrift " Biophysical and Biochemical Research Communications" berichten die Forscher, dass es in Krebszellen Apoptose auslöst. Dieser programmierte Selbstmord der Zelle dient unter anderem zum Schutz des Organismus und kann durch Aktivierung verschiedener Gene ausgelöst werden. Wenn das Erbgut beispielsweise stark beschädigt ist, wird Apoptose ausgelöst, um die Entartung der Zelle zu Krebs zu verhindern.

Gesunde Zellen wurden verschont

Naujokat und seine Kollegen entnahmen Leukämie-Kranken Blutproben und isolierten daraus T-Lymphozyten - weiße Blutkörperchen, die eine wichtige Rolle im Immunsystem des Körpers spielen. Dann versetzten sie die T-Zellen der Leukämiekranken mit verschiedenen Konzentrationen von Salinomycin. Als Kontrolle machten sie dasselbe mit T-Lymphozyten gesunder Menschen. "Die Konzentrationen, die wir verwendet haben, liegen unterhalb der für Säugetiere giftigen Grenze von Salinomycin", sagte Naujokat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Ergebnis: Bei der höchsten Dosierung, die dennoch immer noch zehnfach unterhalb der giftigen Grenze lag, wurden fast alle Leukämie-Lymphozyten in den Selbstmord getrieben. Die Zellen von Gesunden aber verschonte Salinomycin weitestgehend. "Wir zeigen, dass Salinomycin Apoptose in verschiedenen humanen Krebszellen und humanen Krebszellen mit ausgeprägten Zytostatika-Resistenzen induziert. Jedoch nicht in normalen, nicht-bösartigen Zellen", so Naujokat. Salinomycin ist also kein Zellgift wie andere Krebsmedikamente, die auch gesunde Zellen treffen - und die vielseitigen Nebenwirkungen der Chemotherapie auslösen.

Was Salinomycin noch interessanter macht: Es tötete sogar Krebszellen ab, die gegenüber anderen Medikamenten resistent und in denen Gene stark aktiv waren, die die Apoptose unterdrückten. Salinomycin tötet also nur Krebszellen, verschont gesundes Gewebe und es überwindet auch noch Resistenzen. Naujokat spricht daher von einem "Wunschmedikament".

"Salinomycin wird sicherlich irgendwann in die Krebstherapie Eingang finden"

Den genauen biochemischen Ablauf, den Salinomycin in der Zelle auslöst, konnten die Heidelberger Forscher jedoch noch nicht entschlüsseln. Drei bekannte Apoptose-Wege konnten die Forscher ausschließen. "Es muss ein seltener und ungewöhnlicher Weg sein", so Naujokat. Das erkläre vermutlich auch, warum Salinomycin die Resistenzen überwinde.

Piyush Gupta beurteilt die neue Studie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als interessant: "Die Arbeit schließt ganz bestimmt Mechanismen aus, wie Salinomycin Krebszellen tötet." Dieser Aspekt der Studie ist von Interesse." Jedoch gebe es noch viel zu klären. "Der genaue Mechanismus, wie Salinomycin Krebszellen nun tötet, ist noch immer unbekannt."

Als nächstes wollen die Heidelberger Forscher untersuchen, ob Salinomycin Apoptose auch in den Stammzellen des Krebses auslöst und sie dadurch gezielt abtötet, was Lander, Weinberg und Gupta beobachtet hatten. Aber Naujokat ist zuversichtlich: "Salinomycin wird sicherlich irgendwann in die Krebstherapie Eingang finden." Die Frage ist nur wann - bis zum Einsatz am Menschen muss Salinomycin noch viele klinische Studien überstehen.

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