Scheinbehandlungen: Placebos wirken auch unbewusst

Der Körper lässt sich auch unterschwellig austricksen: Selbst wer gar nicht merkt, dass er eine Scheinbehandlung bekommt, spürt hinterher weniger Schmerzen. Das fanden Forscher heraus, indem sie Versuchspersonen versteckte Signale sendeten.

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Corbis

Behandlung mit Medikamenten (Symbolbild): Erwartung, dass das Präparat wirkt

Hamburg - Normalerweise funktioniert der Placebo-Effekt ja so: Ein Patient hat zum Beispiel Kopfschmerzen. Der Arzt gibt ihm eine Tablette dagegen und lässt ihn glauben, es handle sich um ein normales Schmerzmittel. Auch wenn die Pille gar keinen Wirkstoff enthält, empfindet der Patient in der Regel weniger Schmerzen - weil er erwartet, dass das Präparat wirkt.

Überraschend ist deshalb ein Versuch, den Wissenschaftler von der Harvard Medical School und anderen Universitäten im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" beschreiben: Bei diesem wussten die Teilnehmer gar nicht, dass sie eine Scheinbehandlung bekamen - und diese wirkte trotzdem.

An dem Experiment nahmen 40 junge, gesunde Frauen und Männer teil. Zunächst lernten sie in einem Trainingsdurchlauf, ein bestimmtes Gesicht auf einem Bildschirm mit einem schmerzhaften Hitzereiz zu verbinden und ein anderes mit einem nicht schmerzhaften. Je nach Bild heizte sich eine Thermosonde an ihrem linken Unterarm stärker oder weniger stark auf. Nach jedem Bild sollten die Teilnehmer auf einer Skala von 0 bis 100 angeben, wie stark der Schmerz an ihrem Arm war.

Mechanismus ist unabhängig von bewussten Überlegungen

Beim Test wurden dieselben Gesichter eingeblendet, nur dass dabei ohne Wissen der Probanden der Hitzereiz gleich blieb. Im ersten Teil des Experiments erschienen die Gesichter jeweils 100 Millisekunden lang - in dieser Zeit konnten die Versuchsteilnehmer die Gesichter bewusst erkennen. Im zweiten Durchgang wurde jedes Gesicht nur 12 Millisekunden lang eingeblendet.

"Keiner der Probanden konnte die Gesichter bewusst erkennen und unterscheiden", berichten die Forscher. Dennoch bewerteten die Teilnehmer den Hitzereiz immer dann als schmerzhaft, wenn das zuvor mit unangenehmer Hitze verknüpfte Bild eingeblendet wurde, und als angenehm, wenn das Gesicht erschien, das sie mit einem harmlosen Hitzereiz verbanden - unabhängig davon, ob sie die Bilder bewusst erkannt hatten oder nicht.

"Diese Erkenntnis öffnet eine ganz neue Tür zum Verständnis der Placebos und der Rituale der Medizin", sagt Co-Autor Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School. Denn der neu entdeckte Mechanismus funktioniere automatisch und schnell und sei unabhängig von bewussten Überlegungen und Bewertungen.

Das sei sowohl für Ärzte und Patienten als auch für klinische Studien wichtig. "Ohne sich dessen bewusst zu sein, registriert der Patient offenbar auch subtile Botschaften, die beispielsweise der Arzt aussendet", sagen die Forscher. Das könnte erklären, warum selbst eine unausgesprochene Erwartung des Arztes an ein Medikament oder an eine Behandlung die Wirkung beim Patienten beeinflussen kann.

sus/dapd

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