Schlafkrankheit Erbgut der Tsetsefliege entziffert

Als Überträger der gefährlichen Schlafkrankheit sind Tsetsefliegen gefürchtet. Nun haben Wissenschaftler das Genom der Blutsauger kartiert - und suchen im Erbgut nach ihren Schwachstellen.

Geoffrey M. Attardo

Yale - Tausende Menschen erkranken jedes Jahr neu an der Schlafkrankheit. In jahrelanger Arbeit haben Forscher nun das Erbgut der Tsetsefliege entziffert, die den gefährlichen Erreger überträgt. Das Nährsekret der Fliegen für ihre Larven ähnle verblüffend der Muttermilch von Säugetieren, berichten die Forscher im Fachmagazin "Science".

Tsetsefliegen sind afrikanische Stechfliegen, die sich ausschließlich von Blut ernähren. Während einer Mahlzeit können sie ihr Gewicht fast verdoppeln. Sie übertragen bestimmte Erreger, die Trypanosomen, die bei Menschen - in Afrika südlich der Sahara, wo die Fliegen vorkommen - die Schlafkrankheit und bei Tieren die Nagana-Seuche verursachen. Anders als die meisten Insekten legen Tsetsefliegen keine Eier. Sie sind lebendgebärend und füttern ihre im Rumpf heranwachsenden Larven mit einem Sekret aus Milchdrüsen.

Die Schlafkrankheit ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit in 36 afrikanischen Ländern verbreitet. Die Zahl der Neuerkrankungen wurde 2012 auf 20.000 geschätzt. Rund 70 Millionen Menschen leben im Verbreitungsgebiet wohl mit der Infektionskrankheit. Symptome können ein zunehmendes Schlafbedürfnis, Lähmungen und Krämpfe sein. Unbehandelt gilt die Schlafkrankheit als tödlich.

140 Forscher kartierten das Fliegengenom

Mehr als 140 Wissenschaftler aus 18 Ländern waren fast zehn Jahre damit beschäftigt, das Genom der Tsetsefliege (Glossina morsitans morsitans) zu entziffern. Von der DNA-Sequenz können Forscher auf etliche Eigenschaften der Insekten schließen - etwa ihren Stoffwechsel, ihr Immunsystem und ihre Sinneswahrnehmungen.

Solange die Fliegen ihren Nachwuchs aufziehen, konzentriert sich darauf auch der überwiegende Teil der Genaktivität: Auf die zwölf für die Milchproduktion nötigen Gene entfalle in dieser Zeit mehr als die Hälfte der gesamten Genaktivität, schreiben die Forscher. Insgesamt wurden etwa 12.000 Gene gefunden.

Die Erbgutanalyse zeigte auch, dass Augen und Sehsystem von Tsetsefliegen - die ihre Opfer an Geruch und Aussehen erkennen - denen von Stubenfliegen ähneln. Die Wissenschaftler hoffen, dass sich aus den Erkenntnissen neue Ansätze zur Bekämpfung der Schlafkrankheit entwickeln lassen. Das Fehlen einer Erbgutkarte sei zuvor ein großes Hindernis bei der Suche nach Schwachstellen der Insekten gewesen. Interessant als möglicher Ansatzpunkt seien die Gene für die Proteine im Speichel, mit denen die Fliegen bei ihren Opfern die Blutgerinnung hemmen.

Erregerstämme entwickeln Resistenzen

Bislang sei es schwierig, direkt gegen den Erreger vorzugehen, heißt es in "Science". Es gibt keine Schutzimpfung, zugelassene Medikamente haben schwere Nebenwirkungen. Außerdem gebe es immer mehr Berichte über Erregerstämme, die gegen Medikamente resistent geworden sind. Deshalb wäre es von großem Vorteil, bereits die Verbreitung der Schlafkrankheit zu verhindern.

Die neuen Ergebnisse brächten zunächst keine direkten Fortschritte im Kampf gegen die Schlafkrankheit, sagt Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Das Genom zu entschlüsseln ist Grundlagenforschung." Zwar sei es theoretisch denkbar, dass mit den neuen Erkenntnissen verbesserte Insektizide entwickelt werden könnten. Doch müssten die Gifte auf riesigen Flächen ausgebracht werden. "Das ist logistisch überhaupt nicht machbar."

Ein zweiter Ansatz könnte laut Meyer sein, gentechnisch veränderte Tsetsefliegen zu züchten, die sich nicht fortpflanzen können oder den Erreger der Schlafkrankheit schlechter übertragen. Allerdings müssten sich diese veränderten Insekten gegen ihre natürlichen Artgenossen durchsetzen und sie verdrängen. "Die haben aber eher einen Nachteil", sagte Meyer. Das zeigten Erfahrungen mit anderen gentechnisch veränderten Insekten.

che/dpa



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Tiananmen 25.04.2014
1.
---Zitat--- ...Ein zweiter Ansatz könnte laut Meyer sein, gentechnisch veränderte Tsetsefliegen zu züchten, die sich nicht fortpflanzen können oder den Erreger der Schlafkrankheit schlechter übertragen. Allerdings müssten sich diese veränderten Insekten gegen ihre natürlichen Artgenossen durchsetzen und sie verdrängen. "*Die haben aber eher einen Nachteil*", sagte Meyer. ... ---Zitatende--- Schon möglich. Wenn sich die genetisch veränderte Variante nicht fortpflanzen kann, hat sie es vermutlich schwer sich gegenüber der schädlichen und fortpflanzungsfähigen Population durchzusetzen. Das leuchtet bei intensivem Nachdenken ein. Alternativ müsste man eine unschädliche Variante erzeugen, die *extrem fortpflanzungsfähig* ist und dadurch die Infekt-übertragenden Fliegen verdrängt. Schade nur, dass in einer solchen Population das Risiko, sich zurückzukreuzen recht hoch sein dürfte. ;- ) Das wäre dann den Block zum Gärtner gemacht zu haben. Da fragt man sich, ob es sinnvoll ist, auf den Carrier einzuprügeln und nicht auf Trypanosoma brucei selbst. Der Artikel verwundert überhaupt etwas, denn: *"Das Erbgut von Trypanosoma brucei wurde 2005 sequenziert."*´(Wikipedia)
frodosix 25.04.2014
2.
Zitat von TiananmenSchon möglich. Wenn sich die genetisch veränderte Variante nicht fortpflanzen kann, hat sie es vermutlich schwer sich gegenüber der schädlichen und fortpflanzungsfähigen Population durchzusetzen. Das leuchtet bei intensivem Nachdenken ein. Alternativ müsste man eine unschädliche Variante erzeugen, die *extrem fortpflanzungsfähig* ist und dadurch die Infekt-übertragenden Fliegen verdrängt. Schade nur, dass in einer solchen Population das Risiko, sich zurückzukreuzen recht hoch sein dürfte. ;- ) Das wäre dann den Block zum Gärtner gemacht zu haben. Da fragt man sich, ob es sinnvoll ist, auf den Carrier einzuprügeln und nicht auf Trypanosoma brucei selbst. Der Artikel verwundert überhaupt etwas, denn: *"Das Erbgut von Trypanosoma brucei wurde 2005 sequenziert."*´(Wikipedia)
Ich bin kein Gentikexperte, aber ich glaube dass das "Erbgut sequenzieren" und das "Genom entschlüsseln" zwei unterschiedliche Dinge sind. Ersteres ist einfach die Abfolge der Basenpaare in der DNA festzustellen, letzteres aktive Gene zu erkennen und deren Funktion zu entschlüsseln. Korrigiert mich wenn ich falsch liege.
analyse 25.04.2014
3. Hilfe ! Hier soll eine Tierart ausgerottet werden !
Und dann noch mithilfe der Gentechnik !
wpstier 25.04.2014
4. Da die Fliege auch bald ..
.. in Europa heimisch wird, wäre es gut den Grund für die Schlafkrankheit zu finden und ein Gegenmittel zu haben.
Layer_8 25.04.2014
5. Abgesehen...
Zitat von sysopGeoffrey M. AttardoAls Überträger der gefährlichen Schlafkrankheit sind Tsetsefliegen gefürchtet. Nun haben Wissenschaftler das Genom der Blutsauger kartiert - und suchen im Erbgut nach ihren Schwachstellen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/muecken-erbgut-von-uebertraeger-der-schlafkrankheit-entschluesselt-a-965964.html
...von der Schlafkrankheit usw. scheint dies ja wirklich ein sehr interessantes Insekt zu sein. "Muttermilch"...
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