Schweinegrippe in den USA "Viele der Frauen husten sich das Gehirn raus"

In den USA wütet die Schweinegrippe viel stärker als in Europa: Schon mehr als tausend Menschen sind gestorben. Womöglich auch, weil mancher mit schwerer Infektion weiter arbeiten geht. Trotz des Impfstoffmangels reagieren viele Amerikaner relativ gelassen.

Von , San Francisco

dpa

Bryan Opdyke aus West Palm Beach im US-Bundesstaat Florida musste sich entscheiden zwischen dem Leben seiner Frau und dem seines ungeborenen Babys. "Ich sagte: 'Rettet Aubrey'", erinnert sich der Mann. "Ich kann ein anderes Kind machen; aber sie kann ich nicht ersetzen."

Leichte Gliederschmerzen und Fieber hatten seiner schwangeren Frau bereits eine Woche lang zugesetzt, als Obdyke sie ins Krankenhaus fuhr. Da konnte sich Aubrey, 27, von Beruf Kellnerin, bereits kaum mehr auf den Beinen halten. Was folgte, war ein viermonatiges Martyrium. Fünf Wochen lag die Frau im Koma. Sechsmal kollabierte ihre Lunge. Fast starb sie an Nierenversagen und einem Krampfanfall. Und sie verlor ihr Baby. Parker Christine Opdyke, fast 27 Wochen im Bauch der Mutter, wurde per Kaiserschnitt geboren. Die Frühgeborene lebte sieben Minuten.

Die Schweinegrippe schlägt in den USA mit einer Härte zu, die in Deutschland und auch im restlichen Europa noch unbekannt ist. Sorgenvolle Eltern und ihre hüstelnden Kinder verstopfen in vielen Krankenhäusern die Notaufnahmen. In manchen Städten warten Hunderte Menschen - unter ihnen viele Schwangere und Kinder - in langen Schlangen über Stunden darauf, den bislang noch raren Impfstoff gespritzt zu bekommen. Schulen und Kindergärten schließen, weil nicht mehr genug Lehrer - oder nicht mehr genug Schüler - da sind, um den Unterricht fortzuführen.

Präsident Obama hat die Schweinegrippeepidemie zum nationalen Notfall erklärt. Bis zu 5,7 Millionen Amerikaner, so eine Schätzung des Centers for Disease Control and Prevention (CDC), könnte das Virus allein zwischen April und Juni befallen haben. Mehr als tausend Menschen sind bislang an der Krankheit oder ihren Folgen gestorben, unter ihnen mindestens 129 Kinder.

Damit ist die H1N1-Sterblichkeit in der Bevölkerung in den USA mindestens 30 mal höher als in Deutschland. Und die Frage drängt sich auf: Erlebt Amerika gerade, was hierzulande noch bevorsteht? Schwappt die große Schweinegrippewelle über Deutschland, sobald die Saison richtig beginnt?

Neun von zehn Todesopfern sind jünger als 65

Die obersten Seuchenwächter der USA jedenfalls sind alarmiert. "In den vergangenen beiden Monaten sind mehr Menschen mit Grippesymptomen in die Krankenhäuser eingewiesen worden, als normalerweise in der gesamten Grippesaison", sagt Thomas Frieden, Chef der CDC.

"Dies ist eine junge-Leute-Grippe", berichtet der Mediziner. Neun von zehn Todesopfern seien jünger als 65. Bei der normalen Grippe sei das Verhältnis genau umgekehrt. Zudem würden nicht nur jene sterben, die bereits durch Vorerkrankungen geschwächt seien. Bei den Kindern zum Beispiel sei etwa ein Drittel der Todesopfer zuvor vollkommen gesund gewesen.

Kinder und Schwangere seien am stärksten gefährdet und hätten daher höchste Priorität bei der Vorsorge wie auch bei der Behandlung, sagt Frieden. Schon hat das CDC die letzten Bestände an Tamiflu-Pulver für Kinder aus nationalen Beständen freigegeben und neue Packungen des Grippemedikaments geordert.

Gleichzeitig gerät der US-Präsident unter politischen Druck. Obamas Qualitäten als Krisenmanager stehen in Frage, weil die Versorgung mit Impfstoff langsamer als angekündigt verläuft. Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht hinterher, auch deshalb, weil die Grippesaison viel früher als erwartet begonnen hat.

Kaum mehr als 30 Millionen Dosen des Impfstoffs haben die obersten Seuchenwächter bislang verteilt. Im Sommer waren von den Behörden noch über 100 Millionen Dosen bis November versprochen worden. CDC-Chef Frieden ist daher inzwischen mit Prognosen vorsichtig geworden: "Wir schauen nun von Woche zu Woche, wie es weitergeht." Doch Experten und Kliniken drängen. "Die Situation ist sehr unbefriedigend; wir können längst nicht jeden impfen, den wir gern impfen würden", sagt etwa Jim Scheulen vom Johns Hopkins-Krankenhaus in Baltimore, US-Bundesstaat Maryland.

Erster Ansturm vor drei Wochen

Scheulen leitet die Notfallambulanz der Universitätsklinik im Osten der USA. Er weiß genau, warum er gern mehr Menschen geimpft sehen würde. "Vor etwa drei Wochen hatten wir den ersten Ansturm", sagt Scheulen. Fast dreimal mehr Kinder als normalerweise strömten in die regenbogenbunte Kindernotfallambulanz des Hospitals. 15 bis 20 kleine Patienten pro Stunde hätten zeitweise begutachtet werden müssen, berichtet der Mediziner.

Vor einer Woche dann erlebte das Krankenhaus den zweiten Patientenschwall. "Die Eltern der Kinder", fiebrig und mit bleichen Gesichtern, sagt Scheulen: "Glücklicherweise können wir die meisten wieder nach Hause schicken." Drei bis fünf Patienten würden jedoch derzeit täglich in die Klinik überstellt.

"Warum hat Präsident Obama einen nationalen Notfall erklärt?", fragt Trish Perl, Direktor für Infektionskontrolle der Klinik. "Weil das, was hier bei uns passiert, überall im Land geschieht."

Zur Überraschung vieler Experten reagieren die Amerikaner bislang besonnen auf die Krankheit. Zwar berichten die US-Medien ausführlich über Fälle wie etwa den der sechsjährigen Kharra Sky Davis aus Hot Springs, US-Bundesstaat Arkansas. Das Mädchen hatte eine Geburtstagsparty besucht. Am Abend kam das Fieber, fast 41 Grad. Dann entzündete sich die Lunge. Zwanzig Stunden kämpfte der kleine Körper. Dann war Kharra tot.

"So krank war ich noch nie"

Doch die US-Bürger nehmen es relativ gelassen; vielleicht, weil doch fast jeder inzwischen einen kennt, der die Krankheit hatte und glimpflich davon kam; vielleicht auch, weil selbst Prominente und Journalisten ihre Krankengeschichten inzwischen ausbreiten. "Es war der schlimmste Husten, den ich je hatte", berichtet der Medizinkorrespondent des Fernsehsenders CNN, Sanjay Gupta, bei jeder Gelegenheit, "so krank war ich noch nie". Doch nach zwei Tagen sei der Spuk vorbei gewesen.

Die Krankheit scheint bereits soweit in den Alltag vorgedrungen zu sein, dass sie für viele kaum mehr der Rede wert ist. Umfragen zeigen, dass sich die Hälfte der Amerikaner nicht impfen lassen will. Und es ist ja wahr: Mehr als 99 Prozent der Erkrankten kommen nicht ins Krankenhaus. Viele merken noch nicht einmal, dass sie das Virus in sich tragen.

"Die Schweinegrippe ist nicht schlimmer als die normale saisonale Grippe", beruhigt Yvonne Maldonado, Professorin für Kinderheilkunde an der kalifornischen Stanford University. "Die Infektionsrate bei Kleinkindern ist vermutlich dieselbe wie in anderen Jahren."

Allerdings staunt auch Maldonado über die Zahl der H1N1-Infizierten. "Die Gesamtzahl der Erkrankten ist einfach bislang deutlich höher als in anderen Jahren", sagt die Medizinerin, "und wir sind erst am Anfang der Grippesaison". Daher rät auch Maldonado Risikopatienten dringend zur Impfung - eine Linie, die auch die CDC mit großer Konsequenz verfolgen.

Kindern und Schwangeren sowie Menschen mit einschlägigen Vorerkrankungen etwa des Herzens oder der Lunge empfehlen die Experten die Impfung, die entweder gespritzt oder als Nasenspray verabreicht werden kann. Nebenwirkungen erwarten die Mediziner dabei kaum. Keines der in den USA verwandten Präparate enthält die in deutschen Impfstoffen enthaltenen und umstrittenen Wirkverstärker. Das Herstellungsverfahren entspricht jenem, das alljährlich für den normalen Grippeimpfstoff angewandt wird.

Spritzen am Fließband

Etwa zweihundert Menschen warten an einem sonnigen Tag in der vergangenen Woche vor der St. Anthonys Free Medical Clinic in San Franciscos Golden Gate Avenue. Im Gemeinschaftsraum des Krankenhauses ist eine provisorische Impfstation aufgebaut. Sieben Hilfskräfte verabreichen die Spritzen mit dem Präparat am Fließband. Auf einer Leinwand läuft ein Charlie-Brown-Trickfilm, um vor allem den Kindern die Wartezeit zu versüßen.

"Die Leute sind ziemlich ruhig und verständnisvoll", sagt Ana Valdez, medizinische Direktorin der Klinik. Zwar müssten wegen des derzeitigen Impfstoffmangels Interessenten abgewiesen werden, die nicht zu den Risikogruppen gehörten.

Für Herzkranke oder Asthmapatienten sowie Kinder und Schwangere sei jedoch gesorgt. "Meine Hebamme hat mir zugeraten", sagt etwa Amy Atchley, im sechsten Monat mit einem Mädchen schwanger. Fast drei Stunden hat die 30-Jährige angestanden. Nach dem Pieks ist sie erleichtert: "Ich fürchtete, die Impfung nicht zu bekommen". Doch als die Impfstelle endlich öffnete, wurde die werdende Mutter bevorzugt behandelt.

Was bedeutet das alles für Deutschland? Sind die Verhältnisse übertragbar? In den USA rollt bereits die zweite ausgeprägte Influenzawelle dieses Jahres. In Deutschland dagegen zeichnet sich erst der Beginn einer ersten richtigen Krankheitswelle ab.

Doch möglicherweise gibt es auch noch andere Erklärungen, warum die Schweinegrippe die Amerikaner so hart trifft. Eine vergangene Woche im Fachmagazin der American Medical Association erschienene Studie legt nahe, dass stark Fettleibige ein ähnlich hohes Risiko wie Schwangere haben, im Fall einer Infektion im Krankenhaus zu landen. Die Forscher analysierten Daten von Frühling und Sommer dieses Jahres. Etwa ein Viertel der Schweinegrippe-Patienten war demnach stark fettleibig, obwohl diese Gruppe nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Sind die Amerikaner zu dick, um glimpflich davon zu kommen?

Ein Krankheitstag = weniger Einkommen = ein Strafpunkt

Auch soziale Faktoren könnten eine Rolle spielen. Um Lohnausfall zu vermeiden, gehen viele Arbeitnehmer in den USA auch krank zur Arbeit. Die Ansteckungsgefahr wird dadurch deutlich erhöht. In die Kritik geraten ist etwa die Mitarbeiterpolitik der Einzelhandelskette Walmart. Im System der Firma führt ein Krankheitstag nicht nur zu weniger Einkommen, sondern auch zu einer Art Strafpunkt. Wer sechs davon angehäuft hat, droht gefeuert zu werden. "Viele der Frauen husten sich das Gehirn raus; aber wegen des Punktesystems können sie nicht nach Hause gehen", sagte ein Walmart-Angestellter. Das US-amerikanische National Labor Committee prangerte die Praxis öffentlich an - inzwischen lenkte das Unternehmen ein. Niemand werde seinen Job verlieren, der an Schweinegrippe erkrankt sei, sagte ein Sprecher gegenüber dem TV-Sender ABC.

In den USA jedenfalls stellt man sich auf einen heißen Herbst und Winter ein. Ein Beratungsgremium der Obama-Administration sagt voraus, dass bis Ende dieser Saison 90 Millionen Amerikaner an Schweinegrippe erkranken könnten. Werden von ihnen mehr umkommen als jene geschätzten 36.000 Menschen, die in normalen Jahren in den USA an der saisonalen Grippe sterben?

Mit Prognosen halten sich die US-Experten weise zurück. "Die Grippesaison dauert noch bis Mai; wir haben noch einen langen Weg vor uns", ist alles, was CDC-Chef Frieden zu entlocken ist. Präsident Obama ließ jüngst vorsorglich schon mal seine Töchter Malia, 11, und Sasha, 8, gegen die Schweinegrippe impfen. Er selbst hielt sich als gesunder Erwachsener wohlweislich zurück, um die Öffentlichkeit nicht zu verärgern.

Fuchsig indes wurden vor allem die Konservativen des Landes, als das Pentagon jüngst bekannt gab, bald H1N1-Impfstoff zu den Gefangenen in Guantanamo verschiffen zu wollen.

Das Weiße Haus dementierte zwar umgehend. Doch die Debatte war nicht mehr zu stoppen. Terroristen vor Schwangeren zu impfen sei ein Skandal, polterte etwa Joe Lieberman, streitbarer Senator des US-Bundesstaates Connecticut. Die Häftlinge "sollten sich mal lieber ganz ganz ganz weit hinten anstellen", sagt Lieberman: "Zuerst müssen mindestens 150 Millionen Amerikaner geimpft werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte im siebten Absatz gestanden: "Bei den Kindern etwa seien zwei Drittel der Todesopfer zuvor vollkommen gesund gewesen." Das ist falsch. Die richtige Angabe lautet "ein Drittel". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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