Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schweinegrippe in den USA: "Viele der Frauen husten sich das Gehirn raus"

Von , San Francisco

In den USA wütet die Schweinegrippe viel stärker als in Europa: Schon mehr als tausend Menschen sind gestorben. Womöglich auch, weil mancher mit schwerer Infektion weiter arbeiten geht. Trotz des Impfstoffmangels reagieren viele Amerikaner relativ gelassen.

Schweinegrippe: Die Seuche der Jungen Fotos
dpa

Bryan Opdyke aus West Palm Beach im US-Bundesstaat Florida musste sich entscheiden zwischen dem Leben seiner Frau und dem seines ungeborenen Babys. "Ich sagte: 'Rettet Aubrey'", erinnert sich der Mann. "Ich kann ein anderes Kind machen; aber sie kann ich nicht ersetzen."

Leichte Gliederschmerzen und Fieber hatten seiner schwangeren Frau bereits eine Woche lang zugesetzt, als Obdyke sie ins Krankenhaus fuhr. Da konnte sich Aubrey, 27, von Beruf Kellnerin, bereits kaum mehr auf den Beinen halten. Was folgte, war ein viermonatiges Martyrium. Fünf Wochen lag die Frau im Koma. Sechsmal kollabierte ihre Lunge. Fast starb sie an Nierenversagen und einem Krampfanfall. Und sie verlor ihr Baby. Parker Christine Opdyke, fast 27 Wochen im Bauch der Mutter, wurde per Kaiserschnitt geboren. Die Frühgeborene lebte sieben Minuten.

Die Schweinegrippe schlägt in den USA mit einer Härte zu, die in Deutschland und auch im restlichen Europa noch unbekannt ist. Sorgenvolle Eltern und ihre hüstelnden Kinder verstopfen in vielen Krankenhäusern die Notaufnahmen. In manchen Städten warten Hunderte Menschen - unter ihnen viele Schwangere und Kinder - in langen Schlangen über Stunden darauf, den bislang noch raren Impfstoff gespritzt zu bekommen. Schulen und Kindergärten schließen, weil nicht mehr genug Lehrer - oder nicht mehr genug Schüler - da sind, um den Unterricht fortzuführen.

Präsident Obama hat die Schweinegrippeepidemie zum nationalen Notfall erklärt. Bis zu 5,7 Millionen Amerikaner, so eine Schätzung des Centers for Disease Control and Prevention (CDC), könnte das Virus allein zwischen April und Juni befallen haben. Mehr als tausend Menschen sind bislang an der Krankheit oder ihren Folgen gestorben, unter ihnen mindestens 129 Kinder.

Damit ist die H1N1-Sterblichkeit in der Bevölkerung in den USA mindestens 30 mal höher als in Deutschland. Und die Frage drängt sich auf: Erlebt Amerika gerade, was hierzulande noch bevorsteht? Schwappt die große Schweinegrippewelle über Deutschland, sobald die Saison richtig beginnt?

Neun von zehn Todesopfern sind jünger als 65

Die obersten Seuchenwächter der USA jedenfalls sind alarmiert. "In den vergangenen beiden Monaten sind mehr Menschen mit Grippesymptomen in die Krankenhäuser eingewiesen worden, als normalerweise in der gesamten Grippesaison", sagt Thomas Frieden, Chef der CDC.

"Dies ist eine junge-Leute-Grippe", berichtet der Mediziner. Neun von zehn Todesopfern seien jünger als 65. Bei der normalen Grippe sei das Verhältnis genau umgekehrt. Zudem würden nicht nur jene sterben, die bereits durch Vorerkrankungen geschwächt seien. Bei den Kindern zum Beispiel sei etwa ein Drittel der Todesopfer zuvor vollkommen gesund gewesen.

Kinder und Schwangere seien am stärksten gefährdet und hätten daher höchste Priorität bei der Vorsorge wie auch bei der Behandlung, sagt Frieden. Schon hat das CDC die letzten Bestände an Tamiflu-Pulver für Kinder aus nationalen Beständen freigegeben und neue Packungen des Grippemedikaments geordert.

Gleichzeitig gerät der US-Präsident unter politischen Druck. Obamas Qualitäten als Krisenmanager stehen in Frage, weil die Versorgung mit Impfstoff langsamer als angekündigt verläuft. Die Hersteller kommen mit der Produktion nicht hinterher, auch deshalb, weil die Grippesaison viel früher als erwartet begonnen hat.

Kaum mehr als 30 Millionen Dosen des Impfstoffs haben die obersten Seuchenwächter bislang verteilt. Im Sommer waren von den Behörden noch über 100 Millionen Dosen bis November versprochen worden. CDC-Chef Frieden ist daher inzwischen mit Prognosen vorsichtig geworden: "Wir schauen nun von Woche zu Woche, wie es weitergeht." Doch Experten und Kliniken drängen. "Die Situation ist sehr unbefriedigend; wir können längst nicht jeden impfen, den wir gern impfen würden", sagt etwa Jim Scheulen vom Johns Hopkins-Krankenhaus in Baltimore, US-Bundesstaat Maryland.

Erster Ansturm vor drei Wochen

Scheulen leitet die Notfallambulanz der Universitätsklinik im Osten der USA. Er weiß genau, warum er gern mehr Menschen geimpft sehen würde. "Vor etwa drei Wochen hatten wir den ersten Ansturm", sagt Scheulen. Fast dreimal mehr Kinder als normalerweise strömten in die regenbogenbunte Kindernotfallambulanz des Hospitals. 15 bis 20 kleine Patienten pro Stunde hätten zeitweise begutachtet werden müssen, berichtet der Mediziner.

Vor einer Woche dann erlebte das Krankenhaus den zweiten Patientenschwall. "Die Eltern der Kinder", fiebrig und mit bleichen Gesichtern, sagt Scheulen: "Glücklicherweise können wir die meisten wieder nach Hause schicken." Drei bis fünf Patienten würden jedoch derzeit täglich in die Klinik überstellt.

"Warum hat Präsident Obama einen nationalen Notfall erklärt?", fragt Trish Perl, Direktor für Infektionskontrolle der Klinik. "Weil das, was hier bei uns passiert, überall im Land geschieht."

Zur Überraschung vieler Experten reagieren die Amerikaner bislang besonnen auf die Krankheit. Zwar berichten die US-Medien ausführlich über Fälle wie etwa den der sechsjährigen Kharra Sky Davis aus Hot Springs, US-Bundesstaat Arkansas. Das Mädchen hatte eine Geburtstagsparty besucht. Am Abend kam das Fieber, fast 41 Grad. Dann entzündete sich die Lunge. Zwanzig Stunden kämpfte der kleine Körper. Dann war Kharra tot.

"So krank war ich noch nie"

Doch die US-Bürger nehmen es relativ gelassen; vielleicht, weil doch fast jeder inzwischen einen kennt, der die Krankheit hatte und glimpflich davon kam; vielleicht auch, weil selbst Prominente und Journalisten ihre Krankengeschichten inzwischen ausbreiten. "Es war der schlimmste Husten, den ich je hatte", berichtet der Medizinkorrespondent des Fernsehsenders CNN, Sanjay Gupta, bei jeder Gelegenheit, "so krank war ich noch nie". Doch nach zwei Tagen sei der Spuk vorbei gewesen.

Die Krankheit scheint bereits soweit in den Alltag vorgedrungen zu sein, dass sie für viele kaum mehr der Rede wert ist. Umfragen zeigen, dass sich die Hälfte der Amerikaner nicht impfen lassen will. Und es ist ja wahr: Mehr als 99 Prozent der Erkrankten kommen nicht ins Krankenhaus. Viele merken noch nicht einmal, dass sie das Virus in sich tragen.

"Die Schweinegrippe ist nicht schlimmer als die normale saisonale Grippe", beruhigt Yvonne Maldonado, Professorin für Kinderheilkunde an der kalifornischen Stanford University. "Die Infektionsrate bei Kleinkindern ist vermutlich dieselbe wie in anderen Jahren."

Allerdings staunt auch Maldonado über die Zahl der H1N1-Infizierten. "Die Gesamtzahl der Erkrankten ist einfach bislang deutlich höher als in anderen Jahren", sagt die Medizinerin, "und wir sind erst am Anfang der Grippesaison". Daher rät auch Maldonado Risikopatienten dringend zur Impfung - eine Linie, die auch die CDC mit großer Konsequenz verfolgen.

Kindern und Schwangeren sowie Menschen mit einschlägigen Vorerkrankungen etwa des Herzens oder der Lunge empfehlen die Experten die Impfung, die entweder gespritzt oder als Nasenspray verabreicht werden kann. Nebenwirkungen erwarten die Mediziner dabei kaum. Keines der in den USA verwandten Präparate enthält die in deutschen Impfstoffen enthaltenen und umstrittenen Wirkverstärker. Das Herstellungsverfahren entspricht jenem, das alljährlich für den normalen Grippeimpfstoff angewandt wird.

Spritzen am Fließband

Etwa zweihundert Menschen warten an einem sonnigen Tag in der vergangenen Woche vor der St. Anthonys Free Medical Clinic in San Franciscos Golden Gate Avenue. Im Gemeinschaftsraum des Krankenhauses ist eine provisorische Impfstation aufgebaut. Sieben Hilfskräfte verabreichen die Spritzen mit dem Präparat am Fließband. Auf einer Leinwand läuft ein Charlie-Brown-Trickfilm, um vor allem den Kindern die Wartezeit zu versüßen.

"Die Leute sind ziemlich ruhig und verständnisvoll", sagt Ana Valdez, medizinische Direktorin der Klinik. Zwar müssten wegen des derzeitigen Impfstoffmangels Interessenten abgewiesen werden, die nicht zu den Risikogruppen gehörten.

Für Herzkranke oder Asthmapatienten sowie Kinder und Schwangere sei jedoch gesorgt. "Meine Hebamme hat mir zugeraten", sagt etwa Amy Atchley, im sechsten Monat mit einem Mädchen schwanger. Fast drei Stunden hat die 30-Jährige angestanden. Nach dem Pieks ist sie erleichtert: "Ich fürchtete, die Impfung nicht zu bekommen". Doch als die Impfstelle endlich öffnete, wurde die werdende Mutter bevorzugt behandelt.

Was bedeutet das alles für Deutschland? Sind die Verhältnisse übertragbar? In den USA rollt bereits die zweite ausgeprägte Influenzawelle dieses Jahres. In Deutschland dagegen zeichnet sich erst der Beginn einer ersten richtigen Krankheitswelle ab.

Doch möglicherweise gibt es auch noch andere Erklärungen, warum die Schweinegrippe die Amerikaner so hart trifft. Eine vergangene Woche im Fachmagazin der American Medical Association erschienene Studie legt nahe, dass stark Fettleibige ein ähnlich hohes Risiko wie Schwangere haben, im Fall einer Infektion im Krankenhaus zu landen. Die Forscher analysierten Daten von Frühling und Sommer dieses Jahres. Etwa ein Viertel der Schweinegrippe-Patienten war demnach stark fettleibig, obwohl diese Gruppe nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Sind die Amerikaner zu dick, um glimpflich davon zu kommen?

Ein Krankheitstag = weniger Einkommen = ein Strafpunkt

Auch soziale Faktoren könnten eine Rolle spielen. Um Lohnausfall zu vermeiden, gehen viele Arbeitnehmer in den USA auch krank zur Arbeit. Die Ansteckungsgefahr wird dadurch deutlich erhöht. In die Kritik geraten ist etwa die Mitarbeiterpolitik der Einzelhandelskette Walmart. Im System der Firma führt ein Krankheitstag nicht nur zu weniger Einkommen, sondern auch zu einer Art Strafpunkt. Wer sechs davon angehäuft hat, droht gefeuert zu werden. "Viele der Frauen husten sich das Gehirn raus; aber wegen des Punktesystems können sie nicht nach Hause gehen", sagte ein Walmart-Angestellter. Das US-amerikanische National Labor Committee prangerte die Praxis öffentlich an - inzwischen lenkte das Unternehmen ein. Niemand werde seinen Job verlieren, der an Schweinegrippe erkrankt sei, sagte ein Sprecher gegenüber dem TV-Sender ABC.

In den USA jedenfalls stellt man sich auf einen heißen Herbst und Winter ein. Ein Beratungsgremium der Obama-Administration sagt voraus, dass bis Ende dieser Saison 90 Millionen Amerikaner an Schweinegrippe erkranken könnten. Werden von ihnen mehr umkommen als jene geschätzten 36.000 Menschen, die in normalen Jahren in den USA an der saisonalen Grippe sterben?

Mit Prognosen halten sich die US-Experten weise zurück. "Die Grippesaison dauert noch bis Mai; wir haben noch einen langen Weg vor uns", ist alles, was CDC-Chef Frieden zu entlocken ist. Präsident Obama ließ jüngst vorsorglich schon mal seine Töchter Malia, 11, und Sasha, 8, gegen die Schweinegrippe impfen. Er selbst hielt sich als gesunder Erwachsener wohlweislich zurück, um die Öffentlichkeit nicht zu verärgern.

Fuchsig indes wurden vor allem die Konservativen des Landes, als das Pentagon jüngst bekannt gab, bald H1N1-Impfstoff zu den Gefangenen in Guantanamo verschiffen zu wollen.

Das Weiße Haus dementierte zwar umgehend. Doch die Debatte war nicht mehr zu stoppen. Terroristen vor Schwangeren zu impfen sei ein Skandal, polterte etwa Joe Lieberman, streitbarer Senator des US-Bundesstaates Connecticut. Die Häftlinge "sollten sich mal lieber ganz ganz ganz weit hinten anstellen", sagt Lieberman: "Zuerst müssen mindestens 150 Millionen Amerikaner geimpft werden."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte im siebten Absatz gestanden: "Bei den Kindern etwa seien zwei Drittel der Todesopfer zuvor vollkommen gesund gewesen." Das ist falsch. Die richtige Angabe lautet "ein Drittel". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Acht Fragen zur Schweinegrippe
Klicken Sie auf eine Frage, um mehr zu erfahren
Wie kann man sich schützen?
Ausschließen kann man eine Infektion nie. Dennoch können bestimmte Maßnahmen die Verbreitung des H1N1-Virus (und auch vieler anderer Viren) effektiv senken. Im September 2009 veröffentlichten Forscher im Fachblatt "British Medical Journal" eine statistische Auswertung von insgesamt 58 Studien über präventive Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Das Ergebnis: Vor allem häufiges Händewaschen und die Isolation infizierter Patienten verhindert die rasche Ausbreitung des Virus. Unter wir-gegen-viren.de gibt das Robert Koch-Institut neun Tipps, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Zu den wichtigsten Vorkehrungen gehören regelmäßiges Händewaschen, richtiges Husten und Schnäuzen, bei Verdacht auf Schweinegrippe zu Hause bleiben und Abstand von anderen Personen halten sowie regelmäßiges Lüften. Zudem rät die US-Gesundheitsbehörde CDC, den Haushalt möglichst sauber zu halten und beispielsweise Oberflächen von Möbeln regelmäßig zu reinigen und Kleidung regelmäßig zu waschen.
Wie verbreitet sich das H1N1-Virus?
Der wahrscheinlichste Ansteckungsweg des H1N1-Virus ist die sogenannte Tröpfcheninfektion. Es nistet sich in den Atemwegen ein, weshalb Tröpfchen aus dem Nasen- und Rachenraum gefährlich sind. Man kann sich bereits im Gespräch mit einer Person anstecken. Die ganz normale Atemluft der infizierten Person enthält Tröpfchen, die deren Gegenüber einatmen könnte. Gleiches gilt, wenn Menschen niesen oder husten. Mikroskopisch kleine Mengen reichen schon aus. Deshalb empfehlen viele Fachleute auch, Menschenansammlungen zu meiden. Das Virus überlebt aber auch einige Zeit außerhalb des Körpers. Man kann sich also anstecken, indem man Infizierten die Hand schüttelt oder Gegenstände anfasst, die Infizierte berührt haben. Wischt man sich danach durchs eigene Gesicht, hat es der Erreger in seinen neuen Wirt geschafft. Dieser Übertragungsweg heißt Schmierinfektion. Experten gehen davon aus, dass das H1N1-Virus bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius für etwa zwei bis acht Stunden unversehrt bleibt. In einer feuchten Umgebung verlängert sich die Zeit auf bis zu vier Tage. Und in der Kälte, vor allem bei Minusgraden, ist das Virus fast unsterblich. Dagegen kann der H1N1-Erreger mit Hitze nur schwer umgehen. Bei 60 Grad und mehr stirbt er nach etwa 30 Minuten.
Welche Symptome treten auf?
Die Inkubationszeit des Virus beträgt in der Regel drei bis vier Tage. Meistens setzt das Krankheitsgefühl ganz plötzlich ein. Zu den häufigsten Symptomen zählen Fieber und Husten. Die Glieder und Muskeln können schmerzen, Atembeschwerden und Ausfluss aus Nase oder Augen können dazukommen. Anders als bei der saisonalen Influenza leidet bei der Schweinegrippe etwa jeder Vierte an Erbrechen oder Durchfall. Es gibt aber auch Menschen, an denen die Infektion spurlos vorbeiging.
Was tun bei Verdacht auf Schweinegrippe?
Bei Menschen, die sonst gesund sind, lautet der einfachste Rat: ins Bett legen und das eigene Immunsystem die Arbeit verrichten lassen. Schwangere oder chronisch Kranke - Diabetiker, Patienten mit Asthma oder Herz-Kreislauf-Beschwerden beispielsweise - sowie ältere Patienten und Kinder sollten dagegen einen Arzt aufsuchen. Ist das Immunsystem zum Beispiel durch eine bereits vorhandene chronische Erkrankung geschwächt, kann es leichter zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion, wie etwa einer Lungenentzündung, kommen.
Helfen Medikamente nach einer Ansteckung?
Es gibt manche antivirale Medikamente wie Tamiflu, die Grippesymptome lindern können. Allerdings sind sie verschreibungspflichtig, und für die meisten Patienten gilt: Sie überstehen die Schweinegrippe genauso gut oder schlecht wie ohne Medikamente. Vor allem bei Kindern gilt größte Vorsicht mit Medikamenten. Sie sollten auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat behandelt werden. Treten zusätzliche bakterielle Infektionen auf, sollte der Patient unter Umständen Antibiotika nehmen. Experten weisen zudem darauf hin, dass es nicht sinnvoll ist, vorsorglich antivirale Medikamente einzunehmen. Der Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes, Heiko Schneidler, sagt, dass es dadurch zu Resistenzen der Viren kommen könnte.
Ist ein Mundschutz sinnvoll?
Das Robert Koch-Institut sagt zu Hygienemasken: "Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen keine ausreichenden Daten vor. Sie sind deshalb nur ergänzend zu erwägen." Da die Masken nicht dicht abschließen, geraten Grippeviren trotzdem in die Atemluft. Und wer mit ungewaschenen Händen die Maske anlegt, bindet sich die Viren direkt unter die Nase. Zudem müssen die Masken alle paar Stunden gewechselt werden. Sinnvoll ist eine Hygienemaske, wenn überhaupt, nur für Erkrankte. Damit kann die Anzahl der Erreger, die dieser in die Luft ausatmet verringert werden. Staubmasken aus dem Baumarkt sind übrigens wirkungslos.
Wie weist man das Virus nach?
Ein zuverlässiger Test kostet in etwa 130 Euro. Bis das Ergebnis vorliegt, vergeht in etwa ein Tag. Nachdem sich die Grippe immer weiter ausbreitet, wird nur noch stichprobenartig auf den H1N1-Erreger untersucht. Man kann in der Apotheke auch Schnelltests kaufen, allerdings sind sie nicht sehr zuverlässig. Im Labor wird das H1N1-Virus mit Hilfe der sogenannten PCR-Technik nachgewiesen. Der Test ist positiv, wenn es gelingt, spezifische Teile des Virus-Erbguts im Reagenzglas zu vervielfältigen.
Kann sich der H1N1-Erreger verändern?
Das H1N1-Virus gehört zur Gattung der Influenza-A-Viren. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat. Die gewöhnliche Grippe (saisonale Influenza) tötet Schätzungen zufolge weltweit jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken. Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Sie findet statt, wenn sich in den Zellen eines Organismus die Erbgutinformation mehrerer Grippeviren-Typen neu kombiniert.

Fotostrecke
Schweinegrippe: Streit um die Zweiklassen-Impfung
Schweinegrippe-Impfung
Klicken Sie auf eine Frage, um mehr zu erfahren
Wer wird geimpft?
Jeder kann und sollte sich impfen lassen, empfehlen Experten. Laut Plan werden im ersten Schritt Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern geimpft sowie Feuerwehrleute, Polizisten und Justizvollzugsbeamte. Das soll im Fall von Masseninfektionen die medizinische Versorgung und die öffentliche Sicherheit sicherstellen. Auch Risikogruppen wie chronisch Kranke, Asthmatiker, Diabetiker und Fettleibige sollen bevorzugt geimpft werden. Schwangeren wird geraten, noch zu warten, bis ein spezieller Impfstoff ohne Zusätze vorliegt. Impfungen sind in Deutschland grundsätzlich freiwillig, eine Impfpflicht ist nicht geplant.
Womit wird geimpft?
In der EU sind bisher drei Impfstoffe zugelassen: Focetria, Pandemrix und Celvapan. Focetria und Pandemrix enthalten Adjuvantien, Stoffe, die eigentlich die Immunisierung verstärken sollen, aber auch die Nebenwirkungen der Impfung verstärken können. Celvapan kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoffe aus. Pandremix ist für die Bevölkerung vorgesehen, Celvapan für Angehörige der Bundesregierung. Nur Schwangeren wollen die Bundesländern nachträglich eine Vakzine ohne Adjuvantien beschaffen. Bei den Wirkverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber gewonnene Substanz. Die Packungsbeilagen für alle drei Impfstoffe sind auf der Website der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA abrufbar: http://www.emea.europa.eu.
Wann wird geimpft?
Die Impfung gegen die Schweinegrippe hat in der letzten Oktoberwoche begonnen. Seit dem 2. November können sich auch Privatpersonen impfen lassen.
Wo wird geimpft?
Das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Die Risikogruppen, die höher gefährdet sind, werden darüber informiert, wo sie geimpft werden können. Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie bei Polizei, Feuerwehr und Justizvollzug werden in der Regel am Arbeitsplatz geimpft. Für die Normalbevölkerung sind ausgewählte Impfpraxen und Gesundheitsämter zuständig. Welche das sind, erfährt man hier.
Was kostet das?
Die Kosten in Deutschland werden mit 500 bis 550 Millionen Euro Veranschlagt - die gesetzlichen Kassen gehen dagegen von bis zu einer Milliarde Euro aus. Die Impfung kostet die Versicherten nichts, da sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Krankenkassen die Kosten übernehmen.
Welche Nebenwirkungen gibt es?
Die Schweinegrippe-Impfung kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf weist der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Johannes Löwer, hin. Grund ist, dass in dem neuen Impfstoff die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung künstlich erhöhen sollen. Nur so ist es laut Löwer möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich. Die beigemischten Verstärker (Adjuvantien) können jedoch unerwünschte Nebeneffekte auslösen. Geimpfte müssen mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen sowie teilweise mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen. Aus diesem Grund empfehlen Mediziner Schwangeren und Kindern, sich nicht mit dem adjuvantienversetzten Impfstoff impfen zu lassen. Die Bundesregierung will für Schwangere einen adjuvantienfreien Impfstoff bestellen.
Was tun bis zur Impfung?
Aus Sicht von Experten bietet banale Alltagshygiene bereits relativ viel Schutz: häufiges Händewaschen, Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch, das sofort weggeworfen wird. Große Menschenansammlungen oder engen Kontakt zu Infizierten sollte man meiden. Die Behörden haben bis zum Start der Impfungen vor allem ein Ziel: Die Fallzahlen und damit auch die Zahl der schweren Erkrankungen oder Todesfälle so gering wie möglich zu halten.
Hotline der Bundesregierung
Unter 030-34 64 65 100 können sich Bürger über die Schweinegrippe informieren. Die Hotline des Bundesgesundheitministeriums ist montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr zu erreichen. Auskünfte über dsa Influenzavirus erteilt das Robert-Koch-Institut unter der Rufnummer 030-18 75 44 161, montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: