Schweinegrippe-Pandemie: Gremium wirft WHO gravierende Fehler vor
Das Ansehen der Weltgesundheitsorganisation hat durch ihren Umgang mit der Schweinegrippe schweren Schaden genommen. Jetzt hat ein Gremium die Arbeit der WHO bewertet. Die Experten üben harsche Kritik - und beklagen, dass die Welt auf eine schwere Pandemie nicht vorbereitet ist.
Es war Pandemie-Stufe 6: 2009 versetzte die Weltgesundheitsorganisation die Welt in höchste Alarmbereitschaft. Der Erreger H1N1, das Schweinegrippevirus, verbreitete sich über den Globus. Fieberhaft wurden Impfstoffe entwickelt, riesige Kampagnen gestartet. Doch das Virus entpuppte sich als vergleichsweise milder Vertreter seiner Art. In Deutschland etwa ließ sich nur ein Bruchteil der Bevölkerung immunisieren - und die Länder blieben auf teuer eingekauftem Impfserum sitzen.
Der WHO wurde nicht nur vorgeworfen, unnötig Angst verbreitet zu haben, sondern auch, dass sie im Sinne der Pharmaindustrie gehandelt hätte. Einige der Autoren, die an den Richtlinien der WHO zum Umgang mit Grippepandemien mitgewirkt haben, hätten zur gleichen Zeit Geld von den Pharmafirmen GlaxoSmithKline (GSK) und Roche erhalten, schrieben Journalisten in der Fachzeitschrift "British Medical Journal". WHO-Chefin Margaret Chan wies solche Kritik zurück:"Zu keiner Zeit, nicht für eine Sekunde, sind meine Entscheidungen von kommerziellen Interessen beeinflusst worden."
Ein unabhängiges Expertengremium sollte klären, ob die Weltgesundheitsorganisation angemessen auf die Schweinegrippe reagiert hat. Jetzt hat die Gruppe eine vorläufige Version ihres Abschlussberichts vorgelegt. Ihr Urteil: Der WHO seien gravierende Fehler unterlaufen. Die Welt sei auf eine schwere Pandemie nicht vorbereitet, schreiben die Experten unter der Leitung von Harvey Fineberg vom Institute of Medicine in Washington DC.
Fehlende Transparenz bemängelt
Die WHO habe zwar in vielen Belangen richtig gehandelt, aber ihr seien auch kritische Fehler unterlaufen. Das Gremium bezeichnete die WHO-Definition, was eine Pandemie ist und in welchen Phasen sie verläuft, als unnötig komplex. Dass die Organisation einige online verfügbare Dokumente zur Pandemie ohne Hinweis verändert hatte, habe unweigerlich Misstrauen geschürt.
Ein weiterer Vorwurf: Die WHO habe geheim gehalten, welche Mitglieder in ihrem Beraterkomitee saßen. Auch sei die Organisation nicht vernünftig damit umgegangen, dass diese Berater, die zum Teil auch mit Pharmakonzernen zusammenarbeiten, eventuell nicht objektiv waren. Allerdings kommt das Gremium auch zu dem Schluss, die WHO sei nicht von kommerziellen Interessen beeinflusst worden. Man habe keine Hinweise auf rechtswidriges Verhalten entdeckt.
Der Bericht lobt, dass die WHO schnell Experten in hilfsbedürftige Länder geschickt habe, dass das Virus schnell entdeckt und seine Verbreitung beobachtet worden sei. Auch hob das Gremium hervor, dass die WHO binnen einer Woche nach dem Beginn der Epidemie Viren für die Impfstoffherstellung bereit gestellt hat.
Experten finden auch lobende Worte
Trotzdem warnen die Experten: "Die Welt ist schlecht auf eine schwere Influenza-Pandemie oder eine ähnliche globale Krankheitswelle vorbereitet." Es sei traurige Realität, dass eine ernsthafte Pandemie Opfer im zweistelligen Millionenbereich fordern könnte.
Der Bericht wird im Laufe des Monats bei einem Treffen in Genf präsentiert. Fineberg sagte, die WHO werde den Bericht erst kommentieren, wenn ihr die endgültige Fassung vorliegt.
wbr/dapd
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