Schweinegrippe-Pandemie Gremium wirft WHO gravierende Fehler vor

Das Ansehen der Weltgesundheitsorganisation hat durch ihren Umgang mit der Schweinegrippe schweren Schaden genommen. Jetzt hat ein Gremium die Arbeit der WHO bewertet. Die Experten üben harsche Kritik - und beklagen, dass die Welt auf eine schwere Pandemie nicht vorbereitet ist.

Schweinegrippe-Impfung: Rund 30 Millionen Impfdosen waren in Deutschland übrig
ddp

Schweinegrippe-Impfung: Rund 30 Millionen Impfdosen waren in Deutschland übrig


Es war Pandemie-Stufe 6: 2009 versetzte die Weltgesundheitsorganisation die Welt in höchste Alarmbereitschaft. Der Erreger H1N1, das Schweinegrippevirus, verbreitete sich über den Globus. Fieberhaft wurden Impfstoffe entwickelt, riesige Kampagnen gestartet. Doch das Virus entpuppte sich als vergleichsweise milder Vertreter seiner Art. In Deutschland etwa ließ sich nur ein Bruchteil der Bevölkerung immunisieren - und die Länder blieben auf teuer eingekauftem Impfserum sitzen.

Der WHO wurde nicht nur vorgeworfen, unnötig Angst verbreitet zu haben, sondern auch, dass sie im Sinne der Pharmaindustrie gehandelt hätte. Einige der Autoren, die an den Richtlinien der WHO zum Umgang mit Grippepandemien mitgewirkt haben, hätten zur gleichen Zeit Geld von den Pharmafirmen GlaxoSmithKline (GSK) und Roche erhalten, schrieben Journalisten in der Fachzeitschrift "British Medical Journal". WHO-Chefin Margaret Chan wies solche Kritik zurück:"Zu keiner Zeit, nicht für eine Sekunde, sind meine Entscheidungen von kommerziellen Interessen beeinflusst worden."

Ein unabhängiges Expertengremium sollte klären, ob die Weltgesundheitsorganisation angemessen auf die Schweinegrippe reagiert hat. Jetzt hat die Gruppe eine vorläufige Version ihres Abschlussberichts vorgelegt. Ihr Urteil: Der WHO seien gravierende Fehler unterlaufen. Die Welt sei auf eine schwere Pandemie nicht vorbereitet, schreiben die Experten unter der Leitung von Harvey Fineberg vom Institute of Medicine in Washington DC.

Fehlende Transparenz bemängelt

Die WHO habe zwar in vielen Belangen richtig gehandelt, aber ihr seien auch kritische Fehler unterlaufen. Das Gremium bezeichnete die WHO-Definition, was eine Pandemie ist und in welchen Phasen sie verläuft, als unnötig komplex. Dass die Organisation einige online verfügbare Dokumente zur Pandemie ohne Hinweis verändert hatte, habe unweigerlich Misstrauen geschürt.

Ein weiterer Vorwurf: Die WHO habe geheim gehalten, welche Mitglieder in ihrem Beraterkomitee saßen. Auch sei die Organisation nicht vernünftig damit umgegangen, dass diese Berater, die zum Teil auch mit Pharmakonzernen zusammenarbeiten, eventuell nicht objektiv waren. Allerdings kommt das Gremium auch zu dem Schluss, die WHO sei nicht von kommerziellen Interessen beeinflusst worden. Man habe keine Hinweise auf rechtswidriges Verhalten entdeckt.

Der Bericht lobt, dass die WHO schnell Experten in hilfsbedürftige Länder geschickt habe, dass das Virus schnell entdeckt und seine Verbreitung beobachtet worden sei. Auch hob das Gremium hervor, dass die WHO binnen einer Woche nach dem Beginn der Epidemie Viren für die Impfstoffherstellung bereit gestellt hat.

Experten finden auch lobende Worte

Trotzdem warnen die Experten: "Die Welt ist schlecht auf eine schwere Influenza-Pandemie oder eine ähnliche globale Krankheitswelle vorbereitet." Es sei traurige Realität, dass eine ernsthafte Pandemie Opfer im zweistelligen Millionenbereich fordern könnte.

Der Bericht wird im Laufe des Monats bei einem Treffen in Genf präsentiert. Fineberg sagte, die WHO werde den Bericht erst kommentieren, wenn ihr die endgültige Fassung vorliegt.

wbr/dapd

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mitbürger 11.03.2011
1. Anmerkung
Bei nächsten Mal sollten unbedingt Fertigspritzen hergestellt werden und nicht die Mehrdosenbehältnisse. Die Zubereitung des einsatzfähigen Impfstoffes war nicht so einfach, wie viele das dachten, da Unter- und Überdruck in den Gefäßen Probleme bereiteten.
Mueller-Luedenscheid 11.03.2011
2. Macht
die Mottenkiste bitte gleich wieder zu, sonst kommt nach dem E10-Desaster den leuten noch einmal die Galle bei der "furchtbaren" Seuche hoch. Und dann wird es auch noch schwer für den untätigen Gesundheitsminister der mit seiner "Reform" einfach nicht vorankommt (falls er überhaupt etwas tut ... wenn ich so "aktiv" wäre im Job hätte man mich bereits "freigestellt").
si_tacuisses 11.03.2011
3. Die Grippe dauert schon seit 150 Jahren ohne Medikamente oder Arzt
Zitat von Mueller-Luedenscheiddie Mottenkiste bitte gleich wieder zu, sonst kommt nach dem E10-Desaster den leuten noch einmal die Galle bei der "furchtbaren" Seuche hoch. Und dann wird es auch noch schwer für den untätigen Gesundheitsminister der mit seiner "Reform" einfach nicht vorankommt (falls er überhaupt etwas tut ... wenn ich so "aktiv" wäre im Job hätte man mich bereits "freigestellt").
eine Woche. Mit Medikamenten und mit Arzt 7 Tage. Die Pharma-Industrie lacht sich ob der weltweiten Panikmache krmm und schief.
vantast64 11.03.2011
4. WIR sind schuld!
Anstatt wieder anderen die Schuld zuzuschieben, sollten wir einsehen, daß unsere rücksichtslose Gewohnheit, Aas zu essen und noch zur Erhöhung des Profits tausende von Schweinen und anderem Getier auf engstem Raum zu halten, zwangsweise zu diesen Krankheiten führt. Schweinegrippe, Vogelgrippe, BSE würde es nicht geben, wenn wir uns intelligent, d.h. vegetarisch ernähren würden.
Ööcher 11.03.2011
5. Nicht ganz so
Zitat von si_tacuisseseine Woche. Mit Medikamenten und mit Arzt 7 Tage. Die Pharma-Industrie lacht sich ob der weltweiten Panikmache krmm und schief.
Das ist so nicht richtig. Was sie meinen ist ein gripphaler Infekt. Die "richtige" Grippe ist viel schlimmer geht mit hohen Fieber (bis 40 Grad) und starken Glieder.- und Kopfschmerzen einher. Sie dauert wesentlich länger und sie kann für ältere und immungeschwächte Menschen tötlich sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.