Schweinegrippe und Narkolepsie Kollateralschaden im Gehirn

Nach der Schweinegrippe-Welle stieg in Europa die Zahl der Narkolepsie-Fälle. Forscher haben herausgefunden, warum: Das Virus und ein Impfstoff können das Immunsystem gegen spezielle Hirnzellen ausrichten. Nun hoffen die Mediziner auf neue Therapien gegen die Schlafkrankheit.

Schlafendes Kind: Narkolepsie lässt sich behandeln, ist aber nicht heilbar
Corbis

Schlafendes Kind: Narkolepsie lässt sich behandeln, ist aber nicht heilbar

Von


Anmerkung der Redaktion vom 31.7.2014: Die Studienautoren haben den Artikel in "Science Translational Medicine " zurückgezogen, da sie die zentralen Ergebnisse nicht reproduzieren konnten.

Narkolepsie ist ein schweres Leiden. Von der Krankheit Betroffene empfinden eine bleierne Müdigkeit, fallen unvermittelt in den Tiefschlaf oder verlieren plötzlich ihre Muskelspannung (Kataplexie). Damit verbundene Stürze können zu schweren Verletzungen führen. Etwa einer von 3000 Menschen leidet an der Krankheit. Stimulanzien und Antidepressiva können helfen, bringen jedoch Nebenwirkungen mit sich.

Als das Schweinegrippevirus H1N1 grassierte, machten Forscher erschreckende Beobachtungen:

  • Im Frühjahr 2010 erkrankten in Europa und Skandinavien nach der Impfkampagne gegen die Schweinegrippe ungewöhnlich viele Kinder und Jugendliche an Narkolepsie.
  • Nach der Schweinegrippe-Welle im Winter 2009/2010 stieg die Zahl der Narkolepsie-Fälle in China deutlich an. Einen Zusammenhang mit der Impfung beobachteten die Forscher dort aber nicht.
  • Jetzt berichtet ein internationales Forscherteam um Elizabeth Mellins und Emmanuel Mignot von der Stanford School of Medicine in Palo Alto (US-Bundesstaat Kalifornien) im Fachmagazin "Science Translational Medicine", wie der Zusammenhang von Grippe, Impfstoff und Narkolepsie zu erklären ist. Durch ihre Erkenntnisse kommen Ärzte ein großes Stück weiter, die Krankheit zu verstehen und so möglicherweise neue Therapien zu entwickeln.

    Vererbtes Risiko

    Wissenschaftler haben schon länger vermutet, dass Narkolepsie eine Autoimmunkrankheit ist, bei der die Körperabwehr eigenes Gewebe zerstört. Das ist beispielsweise auch bei Diabetes Typ-1 der Fall, wo die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse vom Immunsystem vernichtet werden. Bei Narkolepsie-Patienten sind andere spezialisierte Zellen betroffen: die rund 70.000 Neuronen im Hypothalamus, die das Hormon Orexin (auch als Hypocretin bekannt) produzieren. Es beeinflusst den Schlaf-Wach-Rhythmus. Nach dem Untergang der Nervenzellgruppe bildet sich im Körper der Betroffenen kein Orexin mehr - mit den beschriebenen schlimmen Folgen.

    Dass das Immunsystem wohl beteiligt ist, zeigt sich auch an einer Besonderheit: 98 Prozent der von Narkolepsie Betroffenen tragen eine bestimmte vererbte Immunsystemvariante, die in der Gesamtbevölkerung nur bei jedem Fünften zu finden ist.

    Die aktuelle Arbeit bestätigt die Autoimmunkrankheit-Hypothese: Bei Narkolepsie-Patienten sprachen bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Zellen, auf Orexin an. Bei gesunden Geschwistern war das nicht der Fall. Die Forscher untersuchten sogar eineiige Zwillinge, von denen nur einer erkrankt war.

    Fatale Ähnlichkeit

    Noch können die Wissenschaftler nicht beantworten, in welchen genauen Schritten diese Fehlreaktion zur Zerstörung der orexinproduzierenden Nervenzellen führt.

    Erklären können sie dagegen den Zusammenhang mit der Schweinegrippe. Zwei Segmente von Orexin ähneln sehr stark dem Bruchstück eines Proteins, das sich auf H1N1-Viren findet. T-Zellen von Narkolepsie-Patienten reagieren genau auf diese Segmente und greifen so nicht nur das Virus an, sondern richten sich auch gegen den eigenen Körper. Forscher sprechen in diesem Fall von Kreuzreaktivität. Während jemand die Schweinegrippe durchmacht und sein Immunsystem sich auf deren Erreger einschießt, werden die Orexin-Nervenzellen also in Mitleidenschaft gezogen.

    Warum gerade der in Europa eingesetzte Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix mit einer höheren Narkolepsie-Rate verbunden war, andere Impfstoffe wie der in China eingesetzte aber nicht, erklärten ihre Daten nicht, schreiben die Forscher. Eventuell war der dem Impfstoff zugesetzte Wirkverstärker das Problem. Möglicherweise haben nach Angaben der Forscher auch gleichzeitige bakterielle Infektionen die Kreuzreaktivität ausgelöst.

    Den Daten zufolge erkrankte etwa eines von 15.000 mit Pandemrix geimpften Kindern an Narkolepsie. Insgesamt könne der Impfstoff einige tausend Narkolepsie-Fälle in Europa ausgelöst haben, teilt die Stanford School of Medicine mit. Das Forscherteam um Mignot und Mellins will nun genauer ergründen, wie die T-Zellreaktion zum Untergang der Hypocretin-Neuronen führt - und ob sich dieser Prozess stoppen lässt.

    Die Studie wurde unter anderem von Pandemrix-Hersteller GlaxoSmithKline sowie von Jazz Pharmaceutical, dem Produzenten eines Narkolepsie-Medikaments, finanziert. Drei der Studienautoren haben ein Patent eingereicht, das sich auf die Narkolepsie-Diagnose bezieht.

    Narkolepsie: Plötzlich im Tiefschlaf

    Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
    insgesamt 34 Beiträge
    Alle Kommentare öffnen
    Seite 1
    vogtnuernberg 20.12.2013
    1. Nichts Neues....
    Nichts Neues... Schon während der Spanischen Grippe stieg der Fall der Neurologischen Fälle sprunghaft an. Oliver Sacks nahm sich dieser Fälle später an => Awakenings. Doch für den größten Teil der Bevölkerung verlief die Schweinegrippe ohne größere Probleme. Die positiven Effekte einer durchgemachten Schweinegrippe werden allerdings nicht untersucht. Unser Sohn hatte sie mit 2 Monaten, sein Immunsystem ist sehr stark. Worauf das zurückzuführen ist, wissen wir natürlich streng wissenschaftlich nicht. Allerdings haben Infektionen damit sicherlich zu tun.
    thelma&louise 20.12.2013
    2. Lieber Vogtnürnberg
    Schon wieder dieses "gut eine Infektion durchgemacht zu haben" dabei: Viele Infektionen, viel Alzheimer, schon gewusst?
    rkinfo 20.12.2013
    3. Schweinegrippe statt Imfung der Auslöser ?
    Der Bericht legt doch nahe dass Bestandteile des Virus der Auslöser und nicht die Impfung sind. Neben den reinen Gesundheitsfolgen per Schweinegrippe also nochmals Indiz für die grausame Wirkung jener Viren auf den Menschen. Die Impfung minderte Anzahl sowie Verbreitung dieser Grippeart und hat viel Leid vermindert. Insgesamt hatten Millionen Menschen Glück dass H1N1 nicht so mutiert war dass die Gesundheitsfolgen ähnlich der 'Spanischen Grippe' 1918-20 waren.
    mat_yes 20.12.2013
    4. Noch ein langer Weg
    Aus meiner Sicht sieht es folgendermaßen aus: Alles Lebende auf der Erde stammt von der selben Basis ab. Diese ist die Konstruktion der RNA und DNA. Hierzu gehören auch Viren und Bakterien. Grundlagenforschung und Humangenomkartierung müssten alle Substrate, die der menschlich Körper selber erzeugt als auch die dazu gehörigen Zellen, auf ihre Gensequenzen sowie Komponenten untersuchen und Datenbank-Mäßig erfassen. Gleichzeitig müssten alle Viren und Bakterienstämme, vorrangig Viren, auf entsprechende Proteine/-bestandteile untersucht werden und Ähnlichkeiten mit menschlichen Substraten und Genomen durch prozentuale Übereinstimmungen herausgefiltert werden. Eine Mamutaufgabe. Ich bin gespannt wie das weiter geht.
    mullah_nd 20.12.2013
    5. Was sind Wirkstoffvertärker? omg
    Wirkstoffverstärker basieren üblicherweise auf Aluminiumoxid bzw. Aluminium, das im Verdacht steht fiese Krebsarten, Allergien und Hirnkrankheiten zu verursachen / zu begünstigen.
    Alle Kommentare öffnen
    Seite 1

    © SPIEGEL ONLINE 2013
    Alle Rechte vorbehalten
    Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


    TOP
    Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
    Hinweis nicht mehr anzeigen.