Hamburg/Berlin - Die Grippewelle rollt durch Deutschland - doch wie viele Menschen mit dem H1N1-Virus infiziert sind oder waren, kann niemand genau sagen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst inzwischen nur noch Fälle, die durch Laboruntersuchung bestätigt wurden. Viele Ärzte verzichten schon länger auf derartige Tests und sagen ihren Patienten einfach: "Sie haben wahrscheinlich die Schweinegrippe."
Die Zahl der bestätigten Infektionen ist deshalb nur ein Indiz für die tatsächliche Erkranktenzahl. Vom 1. bis zum 8. November (45. Kalenderwoche) zählte das RKI 14.890 bestätigte Fälle - der bisher höchste Wert. "Labornachweise sollten nur da durchgeführt werden, wo ungewöhnliche Krankheitsfälle auftreten", sagte RKI-Experte Gérard Krause im ZDF. Medizinisches Personal, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen sollten sich nach seiner Meinung auch nach einer überstandenen Infektion gegen die Grippe impfen lassen. Die meisten bereits erkrankten Menschen seien zwar wahrscheinlich immun. Es gebe jedoch "keinen nachträglichen Test, der in der Breite verfügbar ist", sagte Krause.
In Bayern sind zwei weitere Menschen an den Folgen der sogenannten Schweinegrippe gestorben. Die 18 und 57 Jahre alten Männer waren in der vergangenen Woche gestorben und hatten an Vorerkrankungen beziehungsweise einer schweren Lungenentzündung gelitten, wie die zuständigen Ämter am Montag mitteilten. Damit erhöhte sich die Zahl der Todesopfer in Deutschland auf 19. Mehr als 50.000 Menschen haben sich seit April mit dem H1N1-Virus infiziert (bestätigte Infektionen).
"Wir impfen, um Gefährdete zu schützen"
Beim plötzlichen Tod eines Mannes aus Leinefelde im Eichsfeldkreis geht das thüringische Gesundheitsministerium nicht davon aus, dass die vorherige Impfung gegen Schweinegrippe die Todesursache war. Das sagte der Abteilungsleiter Gesundheit, Heinz Fracke. Der 55-Jährige war am Donnerstag um 16.30 Uhr geimpft worden, war danach beim Bowling und bekam am späten Abend massive Probleme, so dass der Notarzt gerufen wurde. Die Hilfe kam jedoch zu spät. Laut Obduktionsbericht ist der Mann an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.
Am Robert-Koch-Institut rechnet man nicht damit, dass die Impfungen die Ausbreitung der Schweinegrippe in nennenswertem Umfang verhindern können. "Wir impfen, um Gefährdete zu schützen", sagte Sprecherin Susanne Glasmacher. Chronisch Kranken wird empfohlen sich auch gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Der Höhepunkt der Infektionen wird erst im Dezember und Januar erwartet.
Gefahr für Babys
Als besonders gefährdet gelten Neugeborene und Babys unter sieben Lebensmonaten. Sie dürfen nicht geimpft werden. Zudem steht für die Behandlung erkrankter Säuglinge nur ein Medikament zur Verfügung, das für Kinder unter einem Jahr normalerweise gar nicht zugelassen ist. "Die Säuglinge tragen definitiv das allerhöchste Risiko", sagt der Leitende Oberarzt des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Freiburger Uniklinik, Reinhard Berner.
Damit nicht ausgerechnet die Mutter zur größten Gefahr für ihr Neugeborenes wird, sollte sie sich unmittelbar nach der Entbindung impfen lassen, rät Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln. "Alle Kontaktpersonen wie zum Beispiel auch die Hebamme sollten geimpft sein, das scheint im Bewusstsein aber noch gar nicht so angekommen zu sein." Eltern und Geschwister von kleinen Babys sollten vorbeugend Mundschutz tragen und die Kleinen nicht küssen, betont Hartmann.
Wie viele Babys schon erkrankt sind, ist unklar. "Es kommt schon häufig vor", sagt Berner. "Die Statistik ist schlecht, wir wissen deshalb auch nicht, wie viele Säuglinge erkrankt sind", ergänzt Kinderarzt Hartmann. Die Schweinegrippe breite sich aus, die offizielle Zahl - das Robert Koch-Institut spricht von bundesweit 53.000 gemeldeten Fällen - sei generell viel zu niedrig und kaum aussagekräftig, bemängelt der BVKJ-Präsident.
hda/dpa/ddp/AP
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