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Evolution: Sesshaftigkeit macht menschliche Knochen fragil

Entwicklung des fragilen Skeletts: Vom Schimpansen über den Neandertaler zum modernen Menschen Zur Großansicht
AMNH/ J. Steffey

Entwicklung des fragilen Skeletts: Vom Schimpansen über den Neandertaler zum modernen Menschen

Das Skelett des Menschen ist für seine Größe erstaunlich leicht. Der Übergang zum aufrechten Gang sei der Grund, dachten Forscher bisher. Jetzt aber machen zwei Studien eine andere Ursache aus: Bewegungsmangel durch Sesshaftigkeit.

Das Skelett des Menschen gilt im Vergleich zu den nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen, als einzigartig, da es trotz seiner Größe sehr leicht ist. Unklar war allerdings, wann es diese Eigenschaft entwickelte. Bislang dachten Forscher, dass der aufrechte Gang zu einer geringeren Knochendichte führte. Eine andere Theorie besagte, dass die unterschiedliche Knochenstruktur von Menschen und nicht menschlichen Primaten genetisch bedingt sei. Jetzt aber weisen zwei Studien, veröffentlicht in den "Proceedings of the National Academy of Sciences", übereinstimmend auf eine andere Erklärung hin.

In der ersten Untersuchung verglichen Wissenschaftler um die Anthropologin Habiba Chirchir vom National Museum of Natural History in Washington per Computertomografie und Mikrotomografie die Gelenke von modernen Menschen verschiedener Zeitalter. Betrachtet wurde das Skelett von Schimpansen und von ausgestorbenen Verwandten des Homo sapiens - darunter der Neandertaler und der Australopithecus africanus, der vor zwei bis drei Millionen Jahren lebte.

Vom Nomaden zum Schreibtischtäter

Die Forscher fanden heraus, dass die Ahnen des Menschen über Jahrmillionen eine hohe Knochendichte hatten - bis zu einem dramatischen Abfall beim Homo sapiens vor etwa 12.000 Jahren. Der Rückgang betrifft die unteren Gliedmaßen, also Hüfte, Knie und Knöchel, stärker als die oberen wie Schultern, Ellbogen und Hände. Die Anthropologen vermuten daher, dass diese Veränderung mit dem Wechsel von einem nomadischen zu einem sesshaften Lebensstil einherging, den der damals aufkommende Ackerbau ermöglichte.

Die zweite Studie basiert auf Röntgenuntersuchungen, die die Wissenschaftler um den Anthropologen Timothy Ryan von der Pennsylvania State University durchführten. Sie untersuchten die Oberschenkelknochenköpfe in den Hüftgelenken von 229 nicht menschlichen Primaten sowie von 59 erwachsenen modernen Menschen. Diese stammten von jeweils zwei ackerbautreibenden und nomadischen Gruppen indianischer Ureinwohner. Sie lebten einst auf dem Gebiet des heutigen US-Staates Illinois und hatten daher vergleichbare Umweltbedingungen.

Ryan und Kollegen kommen zu dem Ergebnis, dass die Knochendichte der sesshaften Gruppen wesentlich geringer war als die ihrer jagenden Artgenossen. Diese hatten selbst vor 7000 Jahren noch eine Knochendichte, die derjenigen von nicht menschlichen Primaten wie etwa heutigen Orang-Utans gleicht. Die Knochendichte der Menschen war damals etwa 20 Prozent höher als heutzutage. Das entspricht den Forschern zufolge etwa der Dichte, die ein Raumfahrer nach drei Monaten Schwerelosigkeit im All verliert.

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Knochenanalyse: Forscher entdecken Neandertaler-Gene in uraltem Knochen

"Den Großteil unserer Geschichte haben sich unsere Vorfahren wesentlich mehr und über längere Distanzen bewegt als wir", wird Brian Richmond, Leiter der ersten Studie, in einer Mitteilung des American Museum of Natural History zitiert. "Wir können die menschliche Gesundheit heutzutage nicht vollständig verstehen, wenn wir nicht wissen, wie sich unsere Körper in der Vergangenheit entwickelt haben."

Ähnlich äußerte sich auch Ryan: "Wir müssen herausfinden, welchen Einfluss Ernährung, Verhalten und Evolution auf die Knochenstruktur haben." Wahrscheinlich habe ein hohes Maß an Aktivität den größten Effekt. Sein Co-Autor Colin Shaw von der englischen Cambridge University ergänzt: "Heutige Menschen leben in einem kulturellen und technologischen Milieu, das unvereinbar mit unseren evolutionären Anpassungen ist. Über sieben Millionen Jahre war die menschliche Evolution für das Überleben auf Aktion und körperliche Aktivität ausgerichtet, und in den letzten etwa 50 bis 100 Jahren haben wir ein gefährliches Maß an Sesshaftigkeit erreicht. Ursprünglich haben wir uns nicht dazu entwickelt, in einem Auto oder an einem Schreibtisch zu sitzen."

nik/dpa

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1.
archback 30.12.2014
Zitat: "und in den letzten etwa 50 bis 100 Jahren haben wir ein gefährliches Maß an Sesshaftigkeit erreicht. Ursprünglich haben wir uns nicht dazu entwickelt, in einem Auto oder an einem Schreibtisch zu sitzen." Und was ist daran nun gefährlich? Ist uns die Fähigkeit, Krieg zu führen etwa abhanden gekommen? Das geht heutzutage auch mit dem Joystick vom Sessel aus. Übrigens: Sind die Titelzeichnungen aus dem Kunstunterricht der 5. Klasse?
2. Muckibuden
chiefseattle 30.12.2014
Das müssen die Menschen jetzt im Fitness-Center oder beim Tanzen nachholen. Für Schwächere gibt's Nordic Walking.
3. Sportler ...
noalk 30.12.2014
... sollten, wenn diese Theorie stimmt, eine erheblich höhere Knochendichte haben, vergleichbar derjenigen unserer nomadisierenden Vorfahren.
4. Das faule Bewegungstier
Ursprung 30.12.2014
Sehr plausibel, diese Theorie. Kann jeder mit Faible fuer Langsstreckenlaeufe oder Judoka mit regelmaessiger Lust am Falltraining nur bestaetigen, bzw. die wissen das intuitiv ohnehin. Haben die Wissenschaftler bisher nur noch nicht nachgemessen, weil sie nicht auf die Idee kamen.
5. Sesshaftigkeit kein
Pless1 30.12.2014
Die Studien zeigen wohl, dass die geringere Knochendichte eine Anpassung an die Sesshaftigkeit ist. Dies als "Folge von Bewegungsmangel" zu deuten ist aber wieder eine dieser famosen Interprätationsleistungen der SPON Wissenschaftsredaktion. Den Damen und Herren sei empfohlen, einmal für ein Jahr mit bloßen Händen und archaischen Werkzeugen dem Boden Frucht abzuringen, um davon zu überleben und dann einmal ihren Bewegungsmangel zu beschreiben. Ja, der Ackerbauer erfuhr eine andere körperliche Belastung als der Nomade. Dass die Veränderungen insbesondere die unteren Extremitäten betrafen verwundert da wenig. Der Bogen wird aber vollkommen überspannt will man ihn zum heutigen, unbestrittenen Bewegungsmangel in Fahrzeugen und an Schreibtischen spannen.
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