Seuchenbekämpfung: Genmanipulation stoppt Vogelgrippe-Ausbreitung

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Erstmals haben Forscher das Erbgut von Hühnern so manipuliert, dass sie das gefährliche Vogelgrippevirus nicht mehr verbreiten. Die neue Methode könnte gegen alle möglichen Erreger eingesetzt werden - und den Kampf gegen Seuchen revolutionieren. Die Frage ist: Spielt der Verbraucher mit?

Gentech-Huhn: Glücklich ohne Vogelgrippe Fotos
Norrie Russell / Valerie White / Roslin Institute

Gentechniker können dicke und dünne Ratten erschaffen, Mäuse mit Alzheimer oder Schweine, die im Dunkeln leuchten. Manche dieser Kreationen erscheinen absurd und aberwitzig, viele haben aber einen ernsten Hintergrund - wie etwa der Versuch, Malaria mit Hilfe von Moskitos auszurotten, die den Erreger nicht mehr übertragen.

Einen ähnlichen Weg versuchen jetzt Forscher von der University of Cambridge und der University of Edinburgh zu gehen: Erstmals haben sie das Erbgut von Hühnern so verändert, dass sie das Vogelgrippe-Virus nicht mehr übertragen können.

Wie Laurence Tiley und seine Kollegen jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" schreiben, haben sie in das Genom des Huhns einen künstlichen Genschnipsel eingeschleust, der in den Zellen der Hühner ein kleines Erbgutmolekül entstehen lässt. Dieses RNA-Molekül (siehe Kasten links) blockiert wiederum die Funktion eines wichtigen Proteins des Vogelgrippevirus: eine Polymerase, die für die Vervielfältigung der Viren in den Zellen notwendig ist.

Steckt sich ein gentechnisch manipuliertes Huhn nun mit dem gefährlichen H5N1-Erreger an, können sich die Viren in den Zellen nicht mehr vermehren, weil die Polymerase von dem RNA-Molekül behindert wird. Ist die Virusproduktion gestoppt, kann das H5N1-infizierte Huhn keine Viren an andere Hühner mehr übertragen.

Die Methode ist eine kleine gentechnische Sensation: Sie ist ein neuer Weg, die Übertragung des Vogelgrippevirus zu unterbinden - und damit Epidemien oder gar Pandemien zu verhindern. Außerdem, so die Hoffnung der Forscher, sei damit auch die Gefahr gebannt, dass sich Menschen mit H5N1 anstecken. Denn der Erreger befällt zwar vor allem Vögel, kann aber auch auf den Menschen übergehen und potentiell tödliche Atemwegerkrankungen auslösen. Unvergessen ist die Epidemie im Jahr 2004, die weltweit große wirtschaftliche Schäden anrichtete.

Auch gegen Mutationen gewappnet

"Diese Forschungsergebnisse sind sehr ermutigend", sagte die Wissenschaftlerin Helen Sang aus Edinburgh, die an der Studie beteiligt war. Die genetische Modifikation sei möglicherweise ein viel besserer Schutz vor Infektionen als die Impfung. Der Hauptvorteil liege darin, dass die gentechnische Manipulation selbst dann funktioniere, wenn das Virus mutiert, sagte Sang der britischen BBC. Vor allem für Geflügelzüchter und die Geflügelindustrie sei das eine sehr effiziente Methode.

Die Wissenschaftler glauben, dass die Methode prinzipiell jedem Tierhaltungsbetrieb gegen alle erdenklichen Krankheiten helfen könne, nicht nur gegen die Vogelgrippe. Sie können sich durchaus vorstellen, eines Tages Tiere gentechnisch so zu verändern, dass sie gegen alle möglichen Virenkrankheiten resistent seien.

Ein Fortschritt für die Massentierproduktion?

Allerdings wirft der Durchbruch die üblichen Fragen auf: Führt das genmanipulierte Erbgut dem Tier Schaden zu? Und was passiert, wenn Menschen genmanipulierte Tiere essen?

"Unsere Hühner sind nur für die Forschung gedacht, nicht für den Verzehr", sagt Studienleiter Tiley. Noch seien weitere Untersuchungen notwendig, um alle Bedenken auszuschließen. Die größte Hürde wird die Zulassung eines solchen Gentech-Tiers durch die Behörden sein. Außerdem dürfte es schwierig werden, Verbraucher davon zu überzeugen, dass sich auch ein genmanipuliertes Huhn möglicherweise zu einer unbedenklichen Hühnersuppe verarbeiten lässt.

Die Geflügelindustrie wäre ohnehin gut beraten, weitere Forschung abzuwarten, bevor sie die Einführung der manipulierten Hühner überhaupt in Erwägung zieht. Zudem müsste geklärt werden, wie groß das Problem von Virenerkrankungen in Geflügelbetrieben ist und ob sich das neue Verfahren überhaupt lohnt - oder ob man nicht auch mit verbesserten landwirtschaftlichen Methoden die Ausbreitung einer Epidemie verhindern kann.

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insgesamt 125 Beiträge
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1. Nur "Genfreie Nahrungsmittel"...
Liopleurodon 14.01.2011
Zitat von sysopErstmals haben Forscher das Erbgut von Hühnern so manipuliert, dass sie*das gefährliche Vogelgrippevirus nicht mehr verbreiten. Die neue Methode könnte gegen alle möglichen Erreger eingesetzt werden - und den Kampf gegen Seuchen revolutionieren. Die Frage ist: Spielt der Verbraucher mit? http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,739468,00.html
Nein, das geht überhaupt nicht!! Also ich bestehe darauf, im Supermarkt ausschließlich "genfreie Nahrungsmittel" angeboten zu bekommen. Das ist kein Scherz, solch ein Schild habe ich schon mehrfach gesehen. Meine etwas provokante Nachfrage, ob denn in dem Geschäft nur destilliertes Wasser verkauft werde kam nicht immer so gut an... Also wenn es funktioniert, soll man diese neuen Viecher doch einsetzen. Schmecken bestimmt auch gut... ;-)
2. -
aug apfel 14.01.2011
Zitat von sysopErstmals haben Forscher das Erbgut von Hühnern so manipuliert, dass sie*das gefährliche Vogelgrippevirus nicht mehr verbreiten. Die neue Methode könnte gegen alle möglichen Erreger eingesetzt werden - und den Kampf gegen Seuchen revolutionieren. Die Frage ist: Spielt der Verbraucher mit? http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,739468,00.html
Erstens das. Zweitens plädiere ich für eine Genmanipulation beim Menschen, die ihn für die Panikmache und die Lügen der Pharmaindustrie immun macht und verhindert, dass er diese weitergeben kann.
3. "Fress ich nicht!"
cosmo72 14.01.2011
Diesen ganzen "Scheiss" fresse ich nicht, hat mich alles dazu gebracht mir eigenes Geflügel zuzulegen und gescheite Pflanzen anzubauen! (http://video.google.com/videoplay?docid=-7781121501979693623#) Dieses Treiben wird auf mittelfristig oder lang weniger Lebensmittel, von schlechterer Qualität und mit negativeren Umweltauswirkungen bringen - Die Viecher werden trotzdem geimpft werden und mit Medikamenten vollgepumpt werden, da ist und bleibt Dioxin nur ne Dreingabe! Die Generationen welche in den 70/80/90ern im Elternalter waren, haben sich verarschen lassen ohne Ende, wer kauft denn Milch, wenn diese an der Mutterbrust kostenlos und gesünder vorhanden ist ?Nur weil Ärzte und die dahinterstehende Industrie das vorgeben? MannOMann! Kaum einer kann noch selbst anbauen, einmachen oder vernünftig kochen! Aber heute schimpfen, nachdem man sich selbst nicht gekümmert hat und wider jeder Logik, jeden neuen bunt beworbenen Shiiete mitgemacht hat! Oh Weia! Zeit das zu ändern und weniger Vertrauen in verantwortungslose Politikdarsteller und Beamte zu investieren und diesen die Kontrolle über eine teils gewissenlose Industrie zu ueberlassen! Zeit Fertigkeiten und Kontrolle zurückzunehmen, in die eigenen Hände!
4. schändlich
archelys 14.01.2011
Zitat von LiopleurodonNein, das geht überhaupt nicht!! Also ich bestehe darauf, im Supermarkt ausschließlich "genfreie Nahrungsmittel" angeboten zu bekommen. Das ist kein Scherz, solch ein Schild habe ich schon mehrfach gesehen. Meine etwas provokante Nachfrage, ob denn in dem Geschäft nur destilliertes Wasser verkauft werde kam nicht immer so gut an... Also wenn es funktioniert, soll man diese neuen Viecher doch einsetzen. Schmecken bestimmt auch gut... ;-)
Dieser ekelhafte Zynismus macht uns das ohnehin schwierige Dasein zur Tortur.
5. nachdenken
elbröwer 14.01.2011
Wir haben nicht die geringste Ahnung wie Genmanipulationen sich in der Zukunft ausweiten evtl. sogar eine Eigenregie entwickeln. Sicher klingt das alles toll, keine Malaria mehr aber wenn es die Natur nicht vorgesehen hat sollte Skepsis oberstes Gebot bleiben.
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Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.