Skurrile Pilgerstätte des Wissens Das Pantheon der Gehirne

Das Moskau der späten zwanziger Jahre sorgte mit einer skurrilen Pilgerstätte für Aufsehen: Im Pantheon des Staatsinstituts für Hirnforschung wurden die Gehirne von Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern ausgestellt.

AP

Von Michael Hagner


Im Herbst 1927 wurde das Institut für Hirnforschung in Moskau feierlich eröffnet und zunächst von dem deutschen Neuroanatomen Oskar Vogt geleitet. Es diente ursprünglich der Untersuchung von Lenins Gehirn, doch die Ambitionen reichten weiter. Es ging um die Erforschung sogenannter Elitegehirne, getreu der vor allem von Leo Trotzki entwickelten Vision vom neuen kommunistischen Menschen, der zu einem "höheren gesellschaftlich-biologischen Typus", zum "Übermenschen" gezüchtet werden sollte, so dass sich der "durchschnittliche Menschentyp bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben" wird. Trotzki phantasierte sich diese wissenschaftliche Praxis als Konglomerat aus Reflexphysiologie, Psychoanalyse und Psychotechnik zurecht, doch zumindest für einige Jahre bildeten Züchtungsideen den biopolitischen Nerv der kommunistischen Utopie.

Hagiografie und Biopolitik - um diese Verbindung ging es im Moskau der späten zwanziger Jahre, und das sollte zu einer der bizarrsten Erscheinungen in der Geschichte der Hirnforschung überhaupt führen, dem sogenannten Pantheon der Gehirne. Der Begriff Pantheon brachte die Absichten auf den Punkt: einerseits säkularer Gedächtnisraum, der ähnlich wie das in der Nachbarschaft gelegene Lenin-Mausoleum die Massen anziehen sollte, andererseits ein durch und durch wissenschaftlicher Ort, der die Hirnforschung als Leitwissenschaft der sowjetischen Gesellschaftsutopie repräsentierte. Wenn der Besucher im einen Raum den Gipsabdruck des Gehirns von Lenin bewunderte, konnte er sicher sein, dass ein paar Räume weiter das echte Gehirn Scheibchen für Scheibchen anatomisch untersucht wurde.

Die Idee, ein öffentliches Pantheon einzurichten, stammte von Wladimir Bechterew, der schon lange vor der Oktoberrevolution zu den renommiertesten europäischen Hirnforschern zählte. Auch er interessierte sich für die Gehirne bedeutender Männer: Bereits 1909 hatte er eine Untersuchung des Gehirns von Dimitrij Mendelejew vorgelegt, in der er dem berühmten Chemiker eine "Luxusausstattung der Hirnwindungen" attestierte. Die Verbindung von Elitehirnforschung und Gehirnpolitik gab es also schon vor der Oktoberrevolution, doch erst mit den neuen politischen Verhältnissen schien auch für einen älteren Hirnforscher wie Bechterew die Zeit gekommen, seine Ideen im großen Stil umzusetzen.

Bechterew diagnostizierte eine Paranoia bei Stalin

Das Pantheon der Gehirne sollte das Pariser Panthéon übertreffen, ohne es zu imitieren, denn es ging darum, in diesem Raum die wissenschaftliche Forschung als Emblem für die Überlegenheit des Sozialismus sinnfällig zu machen. Gegenüber dem Lenin-Mausoleum, das ganz dem Kult gewidmet war, schien das Pantheon sogar einen Vorteil zu haben. Es vermochte nämlich zu suggerieren, dass die bolschewistischen Revolutionäre auch nach ihrem Tod für die Wissenschaft und die Fortsetzung des Klassenkampfes nicht verloren waren, indem der kostbarste Teil ihres Körpers als öffentlicher Gegenstand weiterlebte.

Bechterew verstarb 1927 überraschend unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen. Er hielt sich zu einem Kongress in Moskau auf und wurde auf Stalins Wunsch in den Kreml zitiert, um den künftigen Alleinherrscher ärztlich zu untersuchen. Bechterew diagnostizierte eine Paranoia, die er unvorsichtigerweise Stalins Leibarzt mitteilte. Eine Woche später lebte er nicht mehr, angeblich einer Lebensmittelvergiftung bei einem Abendessen in Moskau erlegen. Stalins Rache fand seine sarkastische neurologische Pointe darin, dass Bechterews Gehirn gar nicht erst die Rückreise nach Leningrad antrat, wo er jahrzehntelang gelebt hatte, sondern gleich in das Moskauer Hirnforschungsinstitut eingegliedert wurde.

Seitdem waren Hirnforscher und Parteibonzen im Verbund wenig zimperlich, wenn es um die Sicherstellung von Elitegehirnen ging. Als Wladimir Majakowski 1930 Selbstmord beging, wurde sein Gehirn in einer geheimdienstlich anmutenden Blitzaktion und zum Entsetzen der Angehörigen noch auf dem Totenbett aus dem Schädel entnommen, bevor dann die sterblichen Überreste zur Beerdigung überstellt werden konnten.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
avollmer 14.11.2010
1. Ach, mein Treffen mit Gorki ...
... als der eiserne Vorhang gefallen war bin auch ich 1990 auf die Krim in Urlaub gefahren und konnte dort Maxim Gorki treffen. http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-61349-3.html (Bild 3 - Maxim Gorki 1990 in Jalta)
Bombenkönig 14.11.2010
2. umwerfend!
Wow! Ich habe schon immer vermutet das das Bolschewistische NKWD nicht nur hunderte Millionen Russen erschossen hat (wie ja seit längerem bekannt), sondern auch noch Gehirne der Intilligenzia sammelt! Ein wirklich informativer Artikel über das Reich der kommunistischen Kannibalen im Osten. Gratulation! Entnahme von Körperteilen bei Autopsie ist bis heute ein Standartverfahren. Der Autor hat irgendwie ausgelassen das auch im Westen äußerst fragwürdige Medizinische Experimente und Probeentnahmen ein Standardverfahren, eine sehr lange Zeit Stand der medizinischen Forschung waren. Die USA führten in den 60ern Versuche durch, in welchen Tausende Afrikaner mit Geschlechtskrankheiten infiziert wurden. Obama hat sich immerhin ein halbes Jahrhundert später dafür entschuldigt. Das 3. Reich und insbesondere Dr. Mengele haben es in dieser Hinsicht etwas übertrieben - es wurden sehr viele Unis mit Körperteilen von exotischen KZ Häftlingen versorgt. Das sind nur die exotischsten Fälle. Dagegen sind die Russen mit ihrem "Gehirninstitut" eine eher kleine Nummer-
augu 14.11.2010
3. ...
Zitat von avollmer... als der eiserne Vorhang gefallen war bin auch ich 1990 auf die Krim in Urlaub gefahren und konnte dort Maxim Gorki treffen. http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-61349-3.html (Bild 3 - Maxim Gorki 1990 in Jalta)
Haben Sie ein Autogramm von ihm bekommen ?
Hubert Rudnick, 14.11.2010
4. Wow
Zitat von BombenkönigWow! Ich habe schon immer vermutet das das Bolschewistische NKWD nicht nur hunderte Millionen Russen erschossen hat (wie ja seit längerem bekannt), sondern auch noch Gehirne der Intilligenzia sammelt! Ein wirklich informativer Artikel über das Reich der kommunistischen Kannibalen im Osten. Gratulation! Entnahme von Körperteilen bei Autopsie ist bis heute ein Standartverfahren. Der Autor hat irgendwie ausgelassen das auch im Westen äußerst fragwürdige Medizinische Experimente und Probeentnahmen ein Standardverfahren, eine sehr lange Zeit Stand der medizinischen Forschung waren. Die USA führten in den 60ern Versuche durch, in welchen Tausende Afrikaner mit Geschlechtskrankheiten infiziert wurden. Obama hat sich immerhin ein halbes Jahrhundert später dafür entschuldigt. Das 3. Reich und insbesondere Dr. Mengele haben es in dieser Hinsicht etwas übertrieben - es wurden sehr viele Unis mit Körperteilen von exotischen KZ Häftlingen versorgt. Das sind nur die exotischsten Fälle. Dagegen sind die Russen mit ihrem "Gehirninstitut" eine eher kleine Nummer-
[QUOTE=Bombenkönig;6613164]Wow! Ich habe schon immer vermutet das das Bolschewistische NKWD nicht nur hunderte Millionen Russen erschossen hat (wie ja seit längerem bekannt), sondern auch noch Gehirne der Intilligenzia sammelt! Ein wirklich informativer Artikel über das Reich der kommunistischen Kannibalen im Osten. ------------------------------------------------------- Ein bisschen bin ich ja nun auch in der Geschichte belesen, aber mir ist das völlig neu, dass der NKWD hunderte von Millionen Menschen erschossen hätte. Wenn man gegen was ist, dann muss man auch schon so richtig überrtreiben, denn wie will man denn sonst seine Abneigung weiter am Leben erhalten, oder? Der Bolchewismus wollte angeblich einen neuen Menschen erschaffen und all die so etwas vorhaben scheren sich dann nie um die eigenen Leute, sie begehen Verbrechen an den Menschen, damit stimme ich überein, aber warum gleich die Übertreibung? HR
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