Stammzelltherapien in Deutschland: Verboten, aber lukrativ

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Stammzelltherapien sind die große Hoffnung vieler unheilbar Kranker. Das verspricht gute Geschäfte, gerade wenn solche Behandlungen nicht zugelassen sind. Ganz offen werden auch in Deutschland verbotene Therapien angeboten. Eine E-Mail reicht, um auf die Patientenliste zu kommen.

REUTERS

Hamburg - Als Douglas Sipp im Februar 2012 auf seinem Weblog veröffentlichte, dass eine offenbar deutsche Klinik obskure Stammzellbehandlungen anbietet, bekam er nach kurzer Zeit Post von dieser Klinik: Er solle seine Behauptungen zurücknehmen, sonst drohe ihm eine Anzeige.

Sipp ließ es darauf ankommen. Was er behauptet hatte: Die Elisées Klinik in Bonn offeriere über eine nur von außerhalb Deutschlands abrufbare Website Stammzelltherapien, die hierzulande nicht zugelassen sind. "Elisées Stemcell", so der höchst eindeutige Name, tritt dabei ausschließlich als Vermarktungsplattform für solche Stammzelltherapien in Deutschland auf.

Diese internationale Web-Seite ist im Gegensatz zur deutschsprachigen Internetpräsenz nicht auf die Klinik registriert, sondern auf eine Immobilien- und Vermögensverwaltung im benachbarten Rolandseck. Herrmann Josef K., der Betreiber dieser Seite, zeichnete allerdings schon seit mehreren Jahren auch Pressemitteilungen der Klinik als PR-Ansprechpartner - eine geschäftliche Verbindung war also zumindest zeitweilig gegeben. Bei der Domain-Anmeldung gab er als Absender eine E-Mail-Adresse der Klinik an - und eine Telefonnummer, die inzwischen ohne Anschluss ist. Auch eine weitere Rufnummer in Bonn, wo ebenfalls eine Adresse der Firma registriert ist, ist mittlerweile ungültig.

Stammzelltherapie: Anmeldung per E-Mail

Doch es gibt unmissverständliche, belastbare Indizien dafür, dass sie tatsächlich für eine verdeckt arbeitende Website der Bonner Klinik steht: Man kann über die internationale Seite mit der Klinik kommunizieren.

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Verbotene Stammzelltherapien: Die zwei Seiten der Elisées Klinik
Am 5. April 2012 wandte sich SPIEGEL ONLINE mit einer fingierten Patientenanfrage an Elisées Stemcells. Ein angeblich im europäischen Ausland ansässiger Patient bat darin um Hilfe: Er leide an einem schweren Leberleiden und brauche eine Stammzelltherapie, weil ihm anders nicht mehr zu helfen sei.

Am Mittwoch, dem 11. April 2012, erfolgte die Antwort der Klinik: "Ich sende Ihnen hiermit einen Patientenfragebogen. Füllen Sie ihn bitte aus und schicken Sie ihn an mich zurück. Unsere Ärzte werden sich das Formular ansehen und Ihnen nach Beratung mitteilen, ob diese Behandlung für Sie möglich ist und was die empfohlene Prozedur kosten wird."

Signiert wurde die Mail von einer Sónia L. B., versehen mit einer Handy-Rückrufnummer und der Absendeadresse der deutschsprachigen Web-Seite der Bonner Klinik. Im Klartext: Wer die internationale Web-Seite anschreibt, bekommt Antwort von der offiziellen Web-Seite der Elisées in Deutschland. B. war auch die Vertreterin der Elisées, die Douglas Sipp im Februar 2012 mit einer Anzeige drohte, sollte er seine Behauptungen über die Bonner Klinik nicht zurückziehen.

Im Inland stellt sich die Klinik völlig anders dar. Auf der deutschsprachigen Website der Privatklinik ist von Stammzelltherapien nichts mehr zu sehen. "Die Bezirksregierung Köln", heißt es dazu aus dem Gesundheitsministerium NRW in Düsseldorf, "hat der Elisées Klinik am 21. Dezember 2011 per Unterlassungsverfügung die Herstellung von Stammzellen mit sofortiger Wirkung untersagt. Diese Verfügung ist weiterhin gültig."

Die Unterlassungsverfügung kommt einem Verbot der entsprechenden Therapie gleich: Wer keine Stammzellen herstellen darf, kann damit auch niemanden therapieren. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt derzeit jedoch wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und die Unterlassungsverfügung. Bereits vor zwei Wochen hatte es in dieser Sache eine Durchsuchung gegeben, Dokumente wurden sichergestellt.

SPIEGEL TV findet Zeugen für verbotene Behandlung

SPIEGEL TV gelang es schließlich, Zeugen dafür zu finden, dass es bei Elisées in jüngster Vergangenheit noch Stammzellbehandlungen gab: In einem am Sonntag gezeigten Bericht dokumentierte das TV-Magazin des SPIEGEL, dass Ende Februar eine Tunesierin ihre in einem Wachkoma gefangene Tochter in der Bonner Elisées Klinik mit Stammzellen behandeln ließ. Die Klinik dementierte das zunächst, will sich inzwischen wegen laufender Verfahren aber nicht mehr dazu äußern.

An praktischer Erfahrung für Stammzelltherapien mangelt es den Bonnern nicht. Ein Mitarbeiter war zuvor Chefarzt des im Mai 2011 geschlossenen XCell-Centers in Düsseldorf. Dort starb im Oktober 2010 ein eineinhalbjähriger Patient an Komplikationen bedingt durch einen chirurgischen Eingriff vor der eigentlich geplanten Stammzellbehandlung. Ein Neunjähriger überlebte eine andere Behandlung nur mit Glück.

Dass XCell damals überhaupt mit Stammzellen hantieren durfte, beruhte auf einer komplexen Gesetzeslage. Zwar wurden die Vorschriften, die das bis dahin ermöglichten, auf nationaler und internationaler Ebene geändert. Seit Anfang 2009 verlangen EU-Verordnungen, dass auch für körpereigene Stammzellpräparate eine zentrale Zulassung durch die European Medicines Agency EMEA vorliegen muss. Doch es gab eine Übergangsfrist bis 2012.

Da XCell die als Arzneimittel eingestuften Zellen laut Definition nicht in den Verkehr brachte, griff auch die deutsche Gesetzesnovelle nicht, die eine Genehmigung auf Bundesebene verlangt. Stattdessen reichte XCell eine schlichte Herstellungserlaubnis der Bezirksregierung, die nichts über die klinische Eignung der Stammzellpräparate aussagt. Eine Genehmigung muss aber vorliegen - derzeit verfügt keine deutsche Klinik mehr über eine Erlaubnis, Stammzellen kommerziell in der Therapie einzusetzen.

Nach der Schließung von XCell wechselte der ehemalige XCell-Chefarzt 2011 zur Elisées, wo noch bis zum Spätherbst entsprechende Verfahren angeboten wurden, bis diese untersagt wurden. Seinen XCell-Kollegen Mahdi A. verschlug es derweil in den Hunsrück. A. war bei XCell für die Betreuung der arabischsprechenden Kundschaft zuständig. Als "Patienten-Ratgeber" arbeitet er noch immer: Sein Unternehmen BSI Germany wirkt als Vermakler ärztlicher Dienstleistungen an ausländische Patienten. Teil des Angebots: Stammzelltherapien.

Kundendienst: Der Makler hilft

Auch BSI bekam am 11. April 2012 Post von unserem vermeintlich Leberkranken. Wieder lautete die Anfrage, ob eine Stammzelltherapie möglich sei. Am Sonntag, dem 15. April 2012, erfolgte die Antwort: "Vielen Dank für Ihre Anfrage, bitte füllen Sie den angehängten Patientenfragebogen aus oder schicken Sie mir eine Krankenakte, um Ihre Bewerbung weiter bearbeiten zu können."

Ein notwendiger Schritt, um in Deutschland zu einer Stammzelltherapie zu kommen, wie die BSI-Webseite detailliert erklärt: "Patienten bewerben sich zuerst per E-Mail oder Telefon. Wir erklären dann, was Stammzelltherapie für sie bedeuten könnte und welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, bevor wir eine Therapie beginnen können. Als nächstes übersendet der Patient seine relevanten Krankenakten. Ein multidisziplinäres Team berät dann über den medizinischen Status des Patienten und entscheidet, ob eine Stammzelltherapie möglich und angezeigt ist. (...) Sobald der Patient dem Therapieplan und Kostenvoranschlag zugestimmt hat, wird ein Termin für die Entnahme von Knochenmark vereinbart."

So einfach ist das also, obwohl keine Klinik über entsprechende Genehmigungen verfügt: Das im weiteren Verlauf der Erklärung geschilderte Verfahren der Gewinnung von Stammzellen aus Knochenmark und der Reinjizierung in einen von Krankheit befallenen Körperteil entspricht den Methoden, wie sie von XCell sowie Elisées angeboten wurden.

Behandlung in der Klinik, Pflege im Hotel

Wo die Patienten von BSI ihre Behandlung bekommen sollen, verrät das Unternehmen zunächst nicht: "Patienten, die aus dem Ausland für eine Stammzelltherapie anreisen, werden am Flughafen oder Bahnhof abgeholt und zu ihrem Hotel oder zum Institut gebracht. Normalerweise brauchen unsere Patienten keine Pflege rund um die Uhr, deshalb bleiben sie für die Dauer der Behandlung in ihrem Hotel. Der Transfer zwischen Hotel und Institut wird organisiert."

Ansässig ist BSI in Hahn, rund 90 Autominuten von Bonn - und wenige Minuten vom Flughafen Frankfurt-Hahn.

Mahdi A. bestätigt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass er "bis vor kurzem" entsprechende Dienstleistungen vermakelt habe, "aber jetzt nicht mehr". Er habe solche Therapien nicht selbst angeboten, sondern "natürlich die Klinik". "Ich hatte nicht wahrgenommen, dass die das nicht mehr dürfen." Und natürlich gehe es um die Elisées Klinik in Bonn, an die er versucht habe, Patienten zu vermitteln.

Auf der Web-Seite von BSI Germany war das Stammzelltherapieangebot am Mittag des 16. April 2012 noch immer abrufbar. Das Behandlungsangebot an unseren fiktiven Leberkranken lag da keine 24 Stunden zurück.

Geschäfte mit der Hoffnung

Für Douglas Sipp sind solche Vorgänge Business as usual. Der in Japan tätige Amerikaner ist Betreiber eines Watchblogs im Internet, in dem er Berichte über "räuberische Vermarktung von Stammzelltherapien" aus aller Welt zusammenträgt, wie er selbst sagt. Er sei nicht grundsätzlich gegen Stammzelltherapien, versichert er gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Ich meine damit übertriebene, grundlagenlose, unspezifische medizinische Behauptungen über den Nutzen von Stammzellen, die nicht wissenschaftlich überprüft oder überwacht sind."

Stammzellen sind das Wundermittel unserer Zeit. Oft werden sie zur Behandlung unheilbarer, nicht selten tödlicher Krankheiten angepriesen. Die Betroffenen sind Verzweifelte. Da eröffnet die Verheißung auf Heilung Hoffnungen und Portemonnaies, selbst wenn klinische Studien oder behördliche Freigaben fehlen. Denn längst nicht alles, was mit Stammzellen theoretisch möglich ist, konnte in der Praxis schon bewiesen oder in hinreichend sichere Verfahren überführt werden.

Dass sie sich auf ungenehmigte Verfahren einlassen, dürfte vielen der Patienten klar sein, denn die verfügbaren Therapien dürften die meisten da schon hinter sich haben. Manche ziehen am Ende eine trügerische Hoffnung der Hoffnungslosigkeit vor - und sind bereit, dafür zu zahlen.

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1.
JaguarCat 17.04.2012
Zunächst einmal: (Blut-)Stammzell-Behandlungen sind auch in Deutschland zugelassen und werden jedes Jahr in großer Zahl durchgeführt, vor allem als Teil der Behandlung von Krebs. Sie sind besser bekannt unter dem Namen "Knochenmarktransplantation", aber es handelt sich faktisch um eine Stammzelltransplantation. In der Praxis muss oft nicht einmal mehr das Knochenmark angepieckst werden, weder beim Spender (der bekomt stattdessen Hormone, die das Zellwachstum der blutbildenden Zellen anregen, die daraufhin auch direkt ins Blut gehen, da es in den Knochen zu eng wird) und beim Empfänger sowieso nicht: Der bekommt die Stammzellen direkt ins Blut, wie auch eine Bluttransfusion. Die Wirkung der Blutstammzelltransplantation ist zweierlei: Zum einen kann vorher die Chemo-Therapie in sehr, sehr hoher Dosis gegeben werden, so dass hoffentlich alle Krebszellen getötet werden. Zugleich hofft, man, dass das mit den Spenderzellen erhaltene "neue" Immunsystem besser gegen die Krebszellen vorgeht als das patienteneigene bisherige. Wenn aber nun angeboten wird, mit autologen (patentien-eigenen) Stammzellen aus dem Knochenmark vollkommen andere Organe zu heilen (wie im Artikel genannt die Leber), dann ist das wohl nichts weiter als extrem teuer verkaufter medizinischer Hokuspokus. Ärzte, die so etwas über alle medizinische Ethik und gesetzlichen Verbote hinweg weiterhin verkaufen, sollte man wirklich die Zulassung wegnehmen. Und zwar auf Dauer.
2. re
diospam 17.04.2012
Zitat von JaguarCatZunächst einmal: (Blut-)Stammzell-Behandlungen sind auch in Deutschland zugelassen und werden jedes Jahr in großer Zahl durchgeführt, vor allem als Teil der Behandlung von Krebs. Sie sind besser bekannt unter dem Namen "Knochenmarktransplantation", aber es handelt sich faktisch um eine Stammzelltransplantation. In der Praxis muss oft nicht einmal mehr das Knochenmark angepieckst werden, weder beim Spender (der bekomt stattdessen Hormone, die das Zellwachstum der blutbildenden Zellen anregen, die daraufhin auch direkt ins Blut gehen, da es in den Knochen zu eng wird) und beim Empfänger sowieso nicht: Der bekommt die Stammzellen direkt ins Blut, wie auch eine Bluttransfusion. Die Wirkung der Blutstammzelltransplantation ist zweierlei: Zum einen kann vorher die Chemo-Therapie in sehr, sehr hoher Dosis gegeben werden, so dass hoffentlich alle Krebszellen getötet werden. Zugleich hofft, man, dass das mit den Spenderzellen erhaltene "neue" Immunsystem besser gegen die Krebszellen vorgeht als das patienteneigene bisherige. Wenn aber nun angeboten wird, mit autologen (patentien-eigenen) Stammzellen aus dem Knochenmark vollkommen andere Organe zu heilen (wie im Artikel genannt die Leber), dann ist das wohl nichts weiter als extrem teuer verkaufter medizinischer Hokuspokus. Ärzte, die so etwas über alle medizinische Ethik und gesetzlichen Verbote hinweg weiterhin verkaufen, sollte man wirklich die Zulassung wegnehmen. Und zwar auf Dauer.
Willkommen im nächsten Jahrtausend. Wie üblich für Deutschland, ist ihr medizinisches Wissen völlig veraltet und längst überholt. Es ist ohne weiteres Möglich die spinalen Stammzellen umzuprogrammieren und sodurch in einen anderen Zelltypen differenzieren zu lassen. Zugegebenermaßen die spinalen Stammzellen sind relativ unflexibel, man hat mittlerweile bessere flexiblere Zellen entdeckt aber es ist kein Hokuspokus und absolute Routine diese Stammzellen anderweitig einzusetzen. Es gibt nur bürokratische Gründe warum diese Therpien nicht in Deutschland/EU eingesetzt werden.
3. Deutschlands beliebtester operativer Eingriff
gsm1800 17.04.2012
Zitat von sysopREUTERSStammzellentherapien sind die große Hoffnung vieler unheilbar Kranker. Das verspricht gute Geschäfte, gerade wenn solche Behandlungen nicht zugelassen sind. Ganz offen werden auch in Deutschland verbotene Therapien angeboten. Eine E-Mail reicht, um auf die Patientenliste zu kommen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,827721,00.html
bei Ärzten: Monektomie (Beutelschnitt).
4. ...
rainman_2 17.04.2012
Zitat von diospamWillkommen im nächsten Jahrtausend. Wie üblich für Deutschland, ist ihr medizinisches Wissen völlig veraltet und längst überholt. Es ist ohne weiteres Möglich die spinalen Stammzellen umzuprogrammieren und sodurch in einen anderen Zelltypen differenzieren zu lassen. Zugegebenermaßen die spinalen Stammzellen sind relativ unflexibel, man hat mittlerweile bessere flexiblere Zellen entdeckt aber es ist kein Hokuspokus und absolute Routine diese Stammzellen anderweitig einzusetzen. Es gibt nur bürokratische Gründe warum diese Therpien nicht in Deutschland/EU eingesetzt werden.
Und was sind jetzt die besseren, flexibleren Zellen?
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.