Münchhausen-Check Was darf ein lebensrettendes Medikament kosten?

In der Herstellung kostet das Hepatitis-Medikament Sovaldi etwa 87 Euro. In der Therapie kommen schnell bis zu 200.000 Euro zusammen. Die Pillen des Pharmakonzerns Gilead Sciences können Leben retten - aber ist der Preis gerechtfertigt?

Von Hauke Janssen

Hepatitis-C-Medikament Sovaldi: Der Preis der Pille ist stark umstritten
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Hepatitis-C-Medikament Sovaldi: Der Preis der Pille ist stark umstritten


Die Lehre vom gerechten Preis spielte in der Ökonomie seit Aristoteles eine große Rolle. Noch Adam Smith, der schottische Pionier der politischen Ökonomie, besetzte im 18. Jahrhundert einen Lehrstuhl für "Moral Science". Doch Ende des 19. Jahrhunderts ließ die Wirtschaftswissenschaft das Moralisieren hinter sich und widmete sich ganz wertneutral der Erforschung der Gesetze von Angebot und Nachfrage.

Ob es gerecht ist, wenn ein C-Promi im Fernsehen mehr verdient als eine Krankenschwester? Diese Frage lässt den modernen Homo oeconomicus ebenso kalt wie die Forderung, dass uns Gesundheit mehr wert sein sollte als Ekel-Shows aus den Urwäldern Australiens.

Doch nur weil der Marktwirtschaftler zu ethischen Fragen schweigt, heißt das nicht, dass uns Moral im Wirtschaftsleben egal sein sollte.

Nehmen wir das neue Hepatitis-C-Medikament Sovaldi des US-Biotech-Konzerns Gilead Sciences, dessen gute Wirksamkeit unbestritten scheint. Hepatitis C ist eine schwere Infektionskrankheit. Wird sie chronisch, kann sie zu Leberzirrhose und Leberkrebs führen. Allein in Deutschland sind bis zu 500.000 Menschen mit Hepatitis-C-Viren (HCV) infiziert, weltweit sind es etwa 170 Millionen.

Sovaldi bedeutet einen großen Fortschritt - aber der hat seinen Preis: Eine Packung mit 28 Tabletten kostete zur Einführung etwa 20.000 Euro. Horrende Kosten von fünf Milliarden Euro jährlich sah die AOK anfänglich auf das deutsche Gesundheitssystem zukommen.

Mag diese Summe auch übertrieben sein - mittlerweile rechnet man in Deutschland für 2014 mit erhöhten Arzneimittelkosten um 750 Millionen Euro -, bleibt doch eines richtig: Das "Hauptproblem bei Hepatitis C ist heute nicht mehr die medizinische Machbarkeit, sondern die Bezahlbarkeit", heißt es bei der Deutschen Leberhilfe.

Damit sind wir beim gerechten Preis. Für unsere Prüfung haben wir drei Kriterien ausgewählt:

1. Tauschgerechtigkeit: Preise sind gerecht, wenn Leistung und Gegenleistung ausgewogen sind, und wenn nicht ein Marktpartner die Notlage oder Unwissenheit eines anderen zum eigenen Vorteil ausnutzt.

2. Verteilungsgerechtigkeit: Preise sind ungerecht, wenn ihre Höhe einem Teil der Gesellschaft eine angemessene Grundversorgung verwehrt.

3. Ein angemessenes Verhältnis zwischen dem Preis, den Kosten der aufgewendeten Arbeit und des eingesetzten Materials muss gegeben sein.

Selbst wenn ein "ungerechter" Preis festgestellt werden sollte, wäre das möglicherweise zwar der PR-Abteilung der Firma nicht recht, gäbe das den Kassen und Patienten aber keinen Hebel in die Hand, um einen billigeren Preis durchzusetzen. Jemanden wegen Wuchers zivil- oder gar strafrechtlich zu belangen, setzte nämlich voraus, dass Leistung und Gegenleistung - bewertet zu Marktpreisen und nicht zu Herstellungskosten - in einem auffälligen Missverhältnis zueinander stünden.

Zu Kriterium 1: Sovaldi-Hersteller Gilead Sciences betont, dass die erbrachte Leistung den Preis rechtfertigt. Eine Kur mit Sovaldi verspricht bei kürzerer Behandlungsdauer bessere Heilungsraten und weniger Nebenwirkungen als die bisherige Standardtherapie, das bestätigt das "Deutsche Ärzteblatt".

Und auch die konventionelle Therapie ist - bei deutlich geringerer Erfolgsquote - nicht billig. Sie kostet laut "Pharmazeutischer Zeitung" je nach HCV-Typ zwischen 7800 und 35.000 Euro pro Patient.

Zieht man zudem die gesteigerte Lebenserwartung und Lebensqualität für die Patienten in Betracht, erscheint eine Kosteneffizienz des neuen Arzneimittels nicht unplausibel, so lautet jedenfalls das Ergebnis einer Studie im "Journal of Viral Hepatitis". Allerdings standen zwei der Autoren in Diensten Gileads Sciences.

Eine Klage wegen Wucher hätte wohl kaum Aussicht auf Erfolg.

Zu Kriterium 2: Dem Vorwurf, der hohe Preis schlösse Menschen aus dem armen Teil der Welt vom medizinischen Fortschritt aus, begegnet Gilead Sciences mit einem abgestuften Preismodell. Länder mit geringerem Pro-Kopf-Einkommen sollen für den neuen Wirkstoff weniger zahlen als welche mit mittlerem oder hohem Einkommen.

Hier handelt es sich um eine Strategie der Preisdifferenzierung auf räumlich abgegrenzten Teilmärkten, mit der ein Monopolist seinen Gesamtgewinn sogar noch steigern kann.

Es muss also nicht Gerechtigkeitsliebe sein, wenn Gilead Sciences Lizenzvereinbarungen mit diversen Herstellern und Ländern getroffen hat und so rund hundert Millionen Hepatitis-C-Erkrankten den Erwerb zu billigeren Preisen ermöglichen will.

Vor allem für arme Bevölkerungsgruppen in Regionen mit mittlerem Einkommen, so kommentiert Ärzte ohne Grenzen, sei das System abgestufter Preise absolut unzureichend. Hier lebten rund drei Viertel der Armen weltweit, und diese könnten den Preis mittlerer Stufe nicht aufbringen.

Zu Kriterium 3: Wie eine Studie der University of Liverpool zeigt, liegen die laufenden Produktionskosten des Sovaldi-Wirkstoffs zwischen 68 und 136 US-Dollar für das Zwölf-Wochen-Programm einer Behandlung. Diese wird den Kunden mit 84.000 Dollar in Rechnung gestellt. So gesehen erscheinen Leistung und Gegenleistung nicht ausgewogen zu sein.

Doch weist Gilead Sciences auf die enormen Entwicklungskosten hin. Zudem müssten Investitionen für Präparate, die es nicht zur Marktreife bringen, mitfinanziert werden.

Das stimmt, nur hat Gilead Sciences den fraglichen Wirkstoff gar nicht selbst erfunden. Die Firma hat Ende 2011 lediglich den richtigen Riecher bewiesen und das Unternehmen Pharmasset für elf Milliarden Dollar gekauft. Das ist viel Geld, doch für die Aktionäre hat sich der Kauf mehr als gelohnt: Der Börsenwert von Gilead Sciences stieg seit der Übernahme um satte 130 Milliarden Dollar.

Und verzeichnete Gilead Sciences im Jahr 2013, also dem Jahr vor der Markteinführung von Sovaldi, noch einen operativen Gewinn von 4,5 Milliarden Dollar, waren es in den ersten drei Quartalen 2014 fast elf Milliarden. Das entspricht einer Umsatzrendite von über 60 Prozent. Das ist verdammt hoch.

Fazit: Der hohe Preis von Sovaldi ist ungerecht: Die Hepatitis-C-Infizierten - jedes Jahr sterben 500.000 Menschen an den Folgen - befinden sich in einer Notlage, die Gilead ausnutzt. Die Firma könnte deutlich billiger anbieten und dabei immer noch einen angemessenen Gewinn erzielen.

Mitarbeit: Nicola Kuhrt

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Seite 1
gladwyne 06.02.2015
1. so einfach gehts ja nicht
die entwicklungskosten muessen auch fuer dutzende forschungseinheiten aufkommen, die nicht zu einem medikament gefuehrt haben und trotzdem zu kosten gefuehrt haben, oft hunderte millionen. wer sagt denn dass hier mehrkosten entstehen. fuer 100 000 euro oder so wird ein patient gesund. absolut gesund. das kostet die versicherungen viel weniger als protrahierte hepatitis C, mit andauernder ueberwachung, biopsien, labortests, ultraschall, medikamenten, arbeitsausfall, und dann natuerlich leberzellkarzinom oder transplantation. Da kommt halt jetzt eine zahlungswelle, die aber spaeter zu sehr erheblichen ersparnissen fuehrt. also, nicht so einfach mit dem Fazit
ClausWunderlich 06.02.2015
2.
So ist das nun mal in der freien Marktwirtschaft.
rolarndt 06.02.2015
3. unterlassene Hilfeleistung bis Totschlag
Die Geschäftspolitik dieser Pharmakonzerne ist ein Verbrechen. Deren Finanzchefs gehen im wahrsten Sinne über Leichen. Eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistungbis hin zu fahrlässiger Tötung wäre gerechtfertigt.
wll 06.02.2015
4.
Etwas blauäugig, ein kommerziell operierendes Privatunternehmen zur Mäßigung bei der Preisgestaltung aufzurufen. Zum einen ist Gewinnmaximierung deren Grundmaxime, zum anderen würden dem Vorstand bei einer "fairen" Preisgestaltung sofort Klagen drohen - spätestens wenn irgendein Hedgefonds Unternehmensanteile hält. Deren Geschäftsgebaren ist ja hinlänglich bekannt. Genau dafür gibt es aber den Staat, nämlich einen Ordnungsrahmen abzustecken, der die privaten Unternehmen und ihr Gewinnstreben in gesellschaftlich akzeptierte Bahnen lenkt. Leider geht der Artikel nur sehr marginal über dieses offensichtliche Versagen staatlicher Regulierung ein, von den Ursachen hierfür einmal ganz zu schweigen. In anderen Ländern werden rigoros Preisobergrenzen gesetzt und bei mangelnder Akzeptanz auch schon mal mit dem Entzug des Patentschutzes als Ultima Ratio gedroht. Seltsamerweise leidet die Medikamentenversorgung in diesen Ländern aber gerade nicht unter der strengeren Regulierung, ganz im Gegenteil...
filos eleftherias 06.02.2015
5. Obsoleszenz schon in Aussicht.
Mal abgesehen davon, dass Kriterium 2 ja wohl keines ist, zumindest in Bezug auf einen "gerechten" Preis, haben sie eine wesentliche Tatsache nicht berücksichtigt: die Nachfolger stehen bereits an, den elf Millarden Dollar Entwicklungskosten stehen nur zwei oder drei Jahre Laufzeit gegenüber, bis Sovaldi von besseren Nachfolgern verdrängt wird. Also wird jetzt bei denen abkassiert, die keine Wahl haben, um so viel wie möglich reinzuholen. Dieses Kriterium kann man zwar zynisch nennen, ist aber eine kluge Strategie, da auch bei billigerem Preis diejenigen, die medizinisch gesehen noch warten können, immer noch auf die Nachfolger warten würden.
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