Hepatitis-Medikament Sovaldi Schiedsstelle muss Streit über 700-Euro-Pille schlichten

Was darf ein Medikament kosten, das Menschen mit Hepatitis C heilen könnte? Seit Wochen streiten die Krankenkassen mit dem US-Pharmakonzern Gilead über den Preis für Sovaldi - die Pille sei teurer als Gold.

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Hepatitis-C-Medikament: 24-Wochen-Therapie für bis zu 200.000 Euro
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Hepatitis-C-Medikament: 24-Wochen-Therapie für bis zu 200.000 Euro


Hamburg - Bis zum 17. Januar hätte sich der Spitzenverband der Deutschen Krankenkassen mit dem US-Unternehmen Gilead einigen müssen - auf einen Preis für das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi. Derzeit verlangt der Konzern pro Pille 700 Euro, über 24 Wochen kommen 100.000 Euro zusammen. Weil Sovaldi mit weiteren Medikamenten kombiniert werden muss, kann eine 24-Wochen-Therapie schnell bis zu 200.000 Euro kosten. Damit sei Sovaldi wertvoller als Gold - und zu teuer, sagen die Krankenkassen. Das könne sich Deutschland nicht leisten - zumal Experten die Wirkung der Pille noch nicht abschließend bewertet hätten.

Die Kassen hatten die Chancen auf eine Einigung zuletzt skeptisch bewertetet - und damit Recht behalten. Spitzenverbandssprecher Florian Lanz berichtete am Montag, dass nun die Schiedsstelle eingeschaltet werden müsse. Noch einmal drei Monate bleiben den beiden Seiten nun, um die Preisfrage zu klären, neuer Stichtag ist der 17. April.

Während der US-Konzern Gilead nach Anfragen von SPIEGEL ONLINE keine Stellungnahme abgeben will, bleibt Spitzenverbandssprecher Lanz zuversichtlich. "Wir verhandeln weiter."

In Interviews erklärte Hans Reiser, medizinischer Leiter bei Gilead, stets, der Preis einer Pille hänge selbstverständlich vom Reichtum eines Landes ab. Und vom Bruttoinlandsprodukt. Ein weiterer Faktor sei, wie stark ein Land von der Krankheit betroffen ist.

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Neue Hepatitis C-Therapie: Was darf ein neues Leben kosten?

Die hohen Kosten von Sovaldi sorgen international für Debatten: Was darf ein Medikamente kosten, das Heilung bringen kann? Wie ethisch bestimmt muss der Preis sein, wie stark dürfen wirtschaftliche Interessen die Rechnung bestimmen? Während Sovaldi in Großbritannien und Spanien nicht oder nur rationiert abgegeben wird, empfehlen die USA in ihren Leitlinien, wegen begrenzter Ressourcen nur die kränksten Patienten mit Sovaldi zu behandeln.

In Indien haben die Behörden am Freitag den Patentantrag Gileads abgelehnt. Der Wirkstoff Sofosbuvir, auf dem Sovaldi basiert, sei "im Vergleich zu "bereits bekannten Molekülen nicht innovativ genug", teilte das Patentamt in Mumbai mit. Mit dieser Entscheidung steht es indischen Generikaherstellern frei, das Arzneimittel Sovaldi wirkstoffgleich nachzubauen, sie können es dann in Indien zu deutlich günstigeren Preisen anbieten.

Hepatitis C ist eine chronische Krankheit. Auf lange Sicht führt sie bei vielen Erkrankten zu schweren Leberschäden, Leberzirrhose oder Leberkrebs. In Deutschland sind rund 500.000 Menschen an Hepatitis C erkrankt. Bisherige Medikamente halfen nur einer Minderheit. Berüchtigt ist die Wirkstoffkombi Interferon und Ribavirin (siehe Kasten) - wegen ihrer starken Nebenwirkungen. Die Behandlung führt oft zu Depressionen, raubt den Schlaf und schädigt den Magen.

Stürzt Konkurrenz Gileads Preispolitik?

Bis zu 300.000 Kranke in Deutschland könnten mit Sovaldi therapiert und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch geheilt werden. Sie tragen den Typ des Hepatitis-C-Virus in sich, der mit der Pille behandelt werden kann. Starke Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Doch wegen der Kostendebatte verschreiben Ärzte die neue Pille derzeit nur zögerlich, aus Angst, die Kassen würden sie in Regress nehmen.

Die Deutsche Leberhilfe sieht dennoch eine erste Verbesserung der Lage. Neben Sovaldi gäbe es weitere neue Hepatitis-C-Medikamente, etwa Olysio von Pharmahersteller Janssen und Daklinza (Bristol-Myers Squibb). In einigen Wochen könnte der Preis für Sovaldi in Deutschland tatsächlich fallen: Gilead-Konkurrent AbbVie hat in den USA kürzlich die Zulassung für ein Mittel gegen Hepatitis C erhalten, das als mindestens so innovativ wie Sovaldi gilt. Die Zulassung für Deutschland erwartet AbbVie in den nächsten Wochen.

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Volks.Hirn 19.01.2015
1. Französische Krankenkassen habens einfacher
die nehmen einfach den deutschen Preis abzgl. 20% ...
Ducky0606 19.01.2015
2.
In den USA hat die Behandlung einer Freundin gut 80tsd Dollar gekostet. Dank der guten Versicherung für ehem. AirForce Angehörige kein Problem, da wurde auch nicht lange diskutiert. Dafür ist sie jetzt seit 3 Monaten 100% HepC frei. Hatte 30 Jahre damit leben müssen.
EigenRoth 19.01.2015
3. Alternativen existieren
...z.B. MMS. Aber das kostet nur ein Promille von Gilead's Wundermittel und ist deshalb für die Pharmamafia uninteressant.
der_bulldozer 19.01.2015
4. Die indischen behörden sind da kreativer
Das Patent für Sovaldi wurde nicht anerkannt und an ein indischen Unternehmen eine Zwangslizenz erteilt. Die produzieren jetzt das Medikament und vertreiben es zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises. Wer's nicht glaubt, einfach mal googeln.
ärgerhochzwei 19.01.2015
5. Gute Ausbildung
Ich gehe mal davon aus das die "Menschen" bei Gilead eine sehr gute Ausbildung erhalten haben und sehr gute Noten vorweisen können. Denn es ist natürlich nicht so einfach einen angemessen Preis für ein Medikament zu berechnen. Also einfach mal 700€ pro Pille aufrufen könnte ja jeder, auch ohne betriebswirtschaftlicher Ausbildung. Ich vermute einfach mal, der der den Preis aufgerufen hat bekommt einen Bonus für den Gewinn pro Pille. Das dürfte den kurzfristigen Charakter dieser Entscheidung wesentlich beeinflusst haben.
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