Von Steve Ayan
Wer brach das Experiment ab?
Zimbardo: Am Ende der ersten Woche hatte ich eine Gruppe von Studenten eingeladen, uns zu interviewen. Darunter war eine Frau, mit der ich gut befreundet war. Sie sah die Wärter, wie sie die Gefangenen in Reihe aufstellten, ihnen Säcke über die Köpfe stülpten, sie schlugen und anschrien. Ich schaute auf und sagte:"Das ist das Zehn- Uhr-Toiletten-Rennen." Mit Tränen in den Augen erwiderte sie:"Es ist furchtbar, was du den Jungs antust." Da wurde mir klar: Sie hat Recht, wir sollten die Sache beenden. Aber die gute Nachricht ist, ich habe diese Frau im Jahr darauf geheiratet. (lacht)
Das Gefängnis-Experiment hatte prägenden Einfluss auf nachfolgende Forscher. Ihr junger Kollege Jonathan Haidt von der University of Virginia in Charlottesville kritisierte kürzlich, die Sozialpsychologie sei einseitig ausgerichtet, weil sich so viele linksliberale Geister an den Universitäten tummeln. Was halten Sie von dieser These?
Zimbardo: Ich habe großen Respekt vor Jonathan Haidt, er ist einer der klügsten Leute, die ich kenne. Ich stimme auch damit überein, dass Psychologen - vielleicht Sozialpsychologen im Besonderen - dazu tendieren, liberale Ansichten zu vertreten. Und natürlich kann diese Haltung Modelle beeinflussen, die in der Psychologie entwickelt werden. Der Fokus auf Autorität in der Persönlichkeit entstand in den 1930er Jahren als Reaktion gegen den Faschismus. Eine der ersten experimentellen Studien - von Kurt Lewin - verglich autokratische, demokratische und Laisser-faire-Anführer. Daraus entstand eine ganze Forschungsrichtung.
Wie sind Sie persönlich dazu gekommen?
Zimbardo: Meine Familie stammt aus Sizilien. Viele Sozialpsychologen waren Immigranten und gehörten einer Minderheit an; häufig waren sie auch arm. Möglicherweise sind Menschen eher "Situationisten", wenn sie einen sozial benachteiligten Hintergrund haben. Wenn du nämlich privilegiert aufwächst und um dich herum nur Erfolg siehst - dann willst du daran glauben, dass er in den Genen liegt. Wenn du aber arm bist, dann sagst du dir: Wenn die Situation anders wäre, würde es mir besser gehen. Mein Schulfreund an der Monroe High School in der Bronx, der kleine Stanley Milgram, und ich führten später zwei der bekanntesten Studien zur Macht der Umstände durch. Wir saßen 1949 zusammen in einer Klasse. Das war nicht lange nach dem Holocaust - und wir fragten uns: Könnte so etwas auch in Amerika passieren? Ich antwortete damals, sei nicht dumm, Stan, das war Nazideutschland, aber er erwiderte: Würdest du einem völlig Fremden einen Elektroschock verpassen, wenn es dir eine Autorität wie Hitler befehlen würde? Niemals, sagte ich. Und Stanley schüttelte den Kopf: Die Aufpasser im Konzentrationslager haben das auch gesagt, bevor sie da hinkamen!
In Ihrem Buch "Der Luzifer-Effekt" haben Sie dargelegt, warum jeder Mensch unter gewissen Umständen verrohen kann und zu brutaler Gewalt fähig ist - die Situation entscheide stärker über moralisches Handeln als die Persönlichkeit. Muss man aber nicht stets beides in Betracht ziehen?
Zimbardo: Der Streit über die Persönlichkeit auf der einen und den sozialen Kontext auf der anderen Seite ist müßig: Es geht immer um die Person in der Situation. Der entscheidende Punkt ist: Wir betrachten nicht die schwarzen Schafe in der Herde, sondern den Hirten, der sie hütet - das System, die Autorität. Beim Militär beispielsweise gibt es häufig Situationen, in denen Menschen manipuliert werden. Psychologisch heißt das, dass wir die dynamische Wechselwirkung zwischen Person, Situation und System verstehen müssen.
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