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Schlaganfall: Spezial-Rettungswagen beschleunigt Therapie

Von Alexandra Jane Oliver

Nach einem Schlaganfall zählt jede Minute. Je schneller Patienten behandelt werden, desto größer sind die Heilungschancen. Ärzte im Saarland und Berlin testen deshalb speziell ausgebaute Rettungswagen - mit ersten Erfolgen. Doch die Spezialambulanzen sind teuer.

Spezial-Rettungswagen: Die "Mobile Stroke Unit" kam im Saarland zum Einsatz Zur Großansicht
Uniklinikum Saarland

Spezial-Rettungswagen: Die "Mobile Stroke Unit" kam im Saarland zum Einsatz

Homburg - Beim Schlaganfall gilt: Zeit ist Hirnmasse. Um Patienten schneller zu behandeln, haben Ärzte um den Neurologen Klaus Faßbender in Homburg spezielle Rettungswagen getestet. Das Ergebnis: Patienten mussten in den sogenannten Mobile Stroke Units halb so lange auf eine Therapieentscheidung warten, wie Patienten, die mit gewöhnlichen Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren wurden.

Hierbei wurde ein Fahrzeug für rund 300.000 Euro zu einem speziellen Schlaganfall-Mobil umgerüstet. Die "Mobile-Stroke-Unit" hat unter anderem einen Computertomografen (CT) und Laborgeräte für die Schlaganfalldiagnose an Bord.

Wer einen Schlaganfall erleidet, muss vor der Therapie ein CT erhalten. So stellen Ärzte fest, ob der Schlaganfall durch ein Gerinnsel verursacht wurde und nicht durch eine Gehirnblutung. Ein Gerinnsel können die Mediziner mit einer sogenannten Thrombolyse auflösen.

Aber: "Weniger als 15 bis 40 Prozent aller Patienten erreichen das Krankenhaus früh genug und nur zwei bis vier Prozent dieser Patienten erhalten schließlich die Thrombolyse", erklärt Klaus Faßbender, leitender Neurologe der Universitätsklinik.

Denn die Methode kann nur in einem Zeitfenster von bis zu viereinhalb Stunden nach dem Einsetzen der Symptome durchgeführt werden. "Mit dieser Behandlung können Symptome wie Lähmung rückgängig gemacht werden. Wer zu spät für die Behandlung kommt, trägt bleibende Hirnschäden davon oder stirbt", erklärt Silke Walter, Neurologin an der Universitätsklinik Homburg.

"Das Krankenhaus zum Patienten bringen"

In der Studie, die in der Fachzeitschrift "The Lancet Neurology" veröffentlicht wurde, wurden 100 Patienten im Alter von 18 bis 80 Jahren behandelt. Die 53 Patienten der im Schlaganfall-Mobil behandelten Testgruppe warteten nach dem Alarm durchschnittlich 35 Minuten bis zu einer Therapie-Entscheidung. Zwölf Betroffene bekamen die Thrombolyse vor Ort. Die Patienten der Kontrollgruppe wurden nur im Krankenhaus behandelt. Sie warteten im Schnitt 76 Minuten bis ein Arzt über ihre Therapie entschied. Ziel des Projektes sei es, das Krankenhaus zum Patienten zu bringen, erklärt Fassbender.

Ohne Komplikationen verliefen die Fahrten des Spezialrettungswagens nicht. Technische Schwierigkeiten führten dazu, dass zehn Patienten kein CT erhielten. Zwei weitere Patienten waren zu fettleibig, um vor Ort mit dem CT untersucht zu werden. Im Krankenhaus traten solche Probleme nicht auf.

Britische Experten führen an, dass Schlaganfall-Mobile in einer größeren Studie mit mehr Patienten getestet werden sollten. "So können Faktoren wie die höhere Sterberate in den Mobile Stroke Units besser eingeordnet werden", kommentieren Peter Rothway und Alastair Buchan von der University of Oxford in "The Lancet Neurology". Im Schlaganfall-Mobil waren fünf Patienten gestorben, im Krankenhaus waren es dagegen nur drei.

Auch in Berlin wird das Konzept der Schlaganfall-Rettungswagen im Rahmen eines Forschungsprojekts getestet. Die Berliner Charité betreibt in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr seit Februar 2011 eine Spezialambulanz, die Schlaganfallpatienten diagnostizieren und behandeln kann. Das Projekt ist größer angesetzt als die saarländische Studie. "Wir werden unsere Ergebnisse erst auswerten, wenn wir 200 Behandlungen vor Ort durchgeführt haben", erklärt Jens-Peter Wilke, Amtsrat der Berliner Feuerwehr. Bisher seien im Studienzeitraum von Februar 2011 bis Februar 2012 schon über hundert Schlaganfallpatienten im Berliner Schlaganfall-Mobil behandelt worden. Das Spezialfahrzeug war 800-mal im Einsatz.

Einsatz in der Stadt oder in ländlichen Gebieten?

Ob die Spezial-Ambulanz nach dem Abschluss der Studie noch weiter betrieben wird, ist laut Wilke noch unklar: "In Großstädten wie Berlin sind die Wege bis zur Klinik ohnehin schon kurz. In ländlichen Regionen wären Schlaganfall-Mobile wohl eher hilfreich", erklärt er. Der leitende Neurologe des Projekts, Heinrich Audebert, ist da anderer Meinung: "Spezielle Schlaganfall-Rettungswagen müssen an einer zentralen Stelle stationiert werden, damit die Anfahrtswege möglichst kurz sind. In ländlichen Regionen ist dies schwierig, weil die Entfernungen einfach zu groß sind."

Schlaganfall-Mobile sind laut Audebert besonders für ein städtisches Umfeld geeignet. Entscheidend sei nicht die Transportzeit, sondern die Verkürzung der gesamten Versorgungskette von der Diagnostik bis zur Behandlung. Im Berliner Schlaganfall-Einsatzmobil wird die Zeit vom Alarm bis zur Behandlung Audebert zufolge nahezu halbiert. Konkrete Minutenzahlen wollte er aber noch nicht nennen. Der Neurologe hofft, dass das Schlaganfall-Mobil nach Abschluss des Projektes in den Regelbetrieb übernommen wird. "Bevor das passieren kann, muss geklärt werden, wer die Kosten übernimmt und wie wir Schlaganfall-Mobile flächendeckend einsetzen können."

Die Kosten für diese Spezial-Rettungswagen sind hoch. Laut Faßbender kosten sie je nach Ausstattung 250.000 bis 500.000 Euro. Ein herkömmlicher Rettungswagen kostet dagegen nur 125.000 Euro.

Mit Material von dpa

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