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Stammzellen: Forscher werfen Kollegen Türsteher-Methoden vor

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In der Stammzellforschung locken schneller Ruhm und eine Menge Geld. 14 Wissenschaftler erheben jetzt in einem offenen Brief schwere Vorwürfe: Manche Wettbewerber nutzten ihre Gutachter-Rolle bei Fachmagazinen aus, um Beiträge von Konkurrenten zu blockieren.

Stammzellen: Heiß umkämpfte Forschung - auch mit unlauteren Mitteln? Zur Großansicht
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Stammzellen: Heiß umkämpfte Forschung - auch mit unlauteren Mitteln?

Die Forschung an Stammzellen ist eines der heißesten Gebiete der Biologie. Auf den Zellen lasten so hohe Erwartungen für die Zukunft der Medizin, dass jeder Fortschritt schnellen Ruhm und satte Forschungsgelder verspricht. Manch einer erliegt der Versuchung und fälscht seine Ergebnisse - wie etwa der Koreaner Hwang Woo-Suk vor wenigen Jahren.

Doch auch wenn Hwang ein extremer Einzelfall war: Der Wettbewerb ist hart, der Erfolgsdruck groß - so groß, dass offenbar auch mit unlauteren Mitteln gekämpft wird. 14 Stammzellforscher um Austin Smith, Direktor des Center for Stem Cell Research an der University of Cambridge, üben nun in einem offenen Brief an die Chefredakteure der Fachzeitschriften Systemkritik. Ihr zentraler Vorwurf: Gutachter bei wissenschaftlichen Fachmagazinen würden die Veröffentlichung wichtiger Arbeiten ihrer Konkurrenten verzögern oder gar blockieren. Zudem führe der starke Konkurrenzdruck zwischen den Magazinen dazu, dass fehlerhafte oder minderwertige Arbeiten veröffentlicht würden - aus Angst, eine Arbeit an die Konkurrenz zu verlieren.

Bei den Unterzeichnern handelt es sich nicht etwa um frustrierte Außenseiter. Unter ihnen befindet sich auch Shinya Yamanaka. Dem Japaner von der Universität Kyoto gelang im Jahr 2007 ein ganz großer Wurf, als er zum ersten Mal Körperzellen in Stammzellen verwandelte und damit die Forschung von ihrer ethischen Problematik befreite. Seitdem genießt Yamanaka in der Fachgemeinde Star-Status.

Der Gutachter könnte Konkurrent sein

Das System wissenschaftlicher Publikationen basiert auf Selbstkontrolle, die von Fachmagazinen wie "Nature" und "Science" organisiert wird. Will ein Forscher eine Arbeit veröffentlichen, wird sie von der Redaktion zunächst einigen Gutachtern vorgelegt - den sogenannten Peers. Ihr Urteil entscheidet maßgeblich, ob die Arbeit veröffentlicht wird oder nicht. Je bekannter ihr Name ist, desto mehr Einfluss haben sie in der Regel.

Das Problem beim Peer-Review-Prozess aber ist, dass die Gutachter selbst aktive Forscher sind - und damit eventuell Konkurrenten desjenigen, dessen Arbeit sie begutachten sollen. So könnten sie womöglich ihre Position missbrauchen, um missliebige Veröffentlichungen zu verzögern oder sogar zu verhindern. Eine unauffällige Methode ist, weitere Experimente beim Autor anzufordern. Das kostet Zeit, die möglicherweise dem Gutachter selbst oder einem Mitarbeiter aus seinem Labor zugute kommt, der eine ähnliche Arbeit publizieren will. Genau das kritisieren Smith und die anderen Forscher jetzt in ihrem offenen Brief.

"Tatsächlich kommt es immer mal wieder vor, dass man etwas hört - aber so etwas lässt sich schwer belegen", sagt Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Grund: Die Gutachter bleiben anonym. Der Beurteilte erfährt nie, wer seine Arbeit geprüft und ob er mit einem ablehnenden Urteil womöglich Eigeninteressen verfolgt hat. Ein anderer deutscher Stammzellforscher, der nicht genannt werden will, berichtet SPIEGEL ONLINE von regelmäßigen Fällen verhinderter oder verzögerter Publikationen. Seiner Meinung nach ist das eine ernste Sache.

Campbell: Keine "privilegierte Clique" von Gutachtern am Werk

Philip Campbell, Chefredakteur des Fachmagazins "Nature", verteidigte den Ruf seines Magazins: "Es ist die Pflicht eines Redakteurs zu gewährleisten, dass Verzögerungen minimiert werden", sagte Campbell der BBC. "Und wir arbeiten nicht mehr mit Gutachtern zusammen, die Verzögerungstaktiken anwenden - aus welchen Gründen auch immer."

Das aber bezweifeln Smith und die anderen Kritiker. Es seien immer die gleichen Gutachter, die zu Rate gezogen würden, sagten sie der BBC. Und das Wort eines namhaften Gutachters werde oft zu stark gewichtet. Campbell weist das zurück: "Im letzten Jahr haben wir 400 Gutachter im Bereich Stammzellforschung und Entwicklungsbiologie herangezogen. Und wir rekrutieren ständig neue. Die Vorstellung, dass dort eine privilegierte Clique am Werk ist, ist durchweg falsch."

Tatsächlich begutachten bei "Nature" immer drei Gutachter eine eingereichte Arbeit, erklärt Schöler. Die Redakteure seien meist gut mit dem Thema vertraut und achteten darauf, dass die Gutachter nicht in direkter Konkurrenz zu dem Forscher stehen, dessen Arbeit sie bewerten sollen.

Smith und seine Kollegen regen in dem Brief an, den Review-Prozess transparenter zu gestalten: So sollen die Gutachten und der Schriftverkehr zwischen Peers und Fachmagazin-Redakteuren als Zusatzmaterial zu den Arbeiten veröffentlicht werden. Selbstverständlich unter Wahrung der Anonymität.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Fachartikel-Blockade
paml1983 03.02.2010
Zitat von sysopIn der Stammzellforschung locken schneller Ruhm und eine Menge Geld. 14 Wissenschaftler erheben jetzt in einem offenen Brief schwere Vorwürfe: Manche Wettbewerber nutzten ihre Gutachter-Rolle bei Fachmagazinen aus, um Beiträge von Konkurrenten zu blockieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,675601,00.html
-------------------------- Das Ganze erinnert irgendwie auch an die Vorgänge rund um die Klimaforschung bzw. IPCC. Ist doch irgendwie so "vertraut", daß Fachartikel blockiert werden, nur um Ergebnisse bewusst auszugrenzen? Also ist auch die Stammzellen-Forschung (bei weitem nicht so hoch dotiert mit Forschungsgeldern wie die "Klimaforschung") auch eine "zurechtgebogene" Wissenschaft - wird Zeit dieser Frage auch hier nachzugehen!
2. Widerspruch
ex_t_kunde 03.02.2010
Zitat von paml1983-------------------------- Das Ganze erinnert irgendwie auch an die Vorgänge rund um die Klimaforschung bzw. IPCC. Ist doch irgendwie so "vertraut", daß Fachartikel blockiert werden, nur um Ergebnisse bewusst auszugrenzen? Also ist auch die Stammzellen-Forschung (bei weitem nicht so hoch dotiert mit Forschungsgeldern wie die "Klimaforschung") auch eine "zurechtgebogene" Wissenschaft - wird Zeit dieser Frage auch hier nachzugehen!
Hätte ich mir fast denken können, dass sie gleich angebliche Parallelen zur Klimaforschung heranziehen, die sie offenbar mit allen Mitteln diskreditieren wollen. Aber der Vergleich hinkt: Einen so schwerwiegenden Skandal wie um den koreanischen Wissenschaftler in der Stammzellen-Forschung hat es in der Klimaforschung nie gegeben. Die angeblichen Skandale in der Klimaforschung sind vielmehr inszeniert - so z.B. der Datendiebstahl durch russische Hacker - nachzulesen im Independent (http://www.independent.co.uk/environment/climate-change/climate-emails-hacked-by-spies-1885147.html). Auch der zweite Punkt stimmt nicht - die Stammzellen-Forschung ist weit höher dotiert als die Klimaforschung! Bei der Stammzellenforschung geht es dem Grossteil der Industrie darum, diese zu fördern weshalb erhebliche Mittel hinein fliessen. In der Klimaforschung gibt es wichtige Industrien (Oel, Gazprom...) die gewaltige Summen aufwenden, um Klimaforschung zu verhindern oder in Miskredit zu bringen. Oft werden damit sogar kleine Gelichter bezahlt, damit sie Foren mit Desinformation fluten. Aber das will ich ihnen ja nicht unterstellen, piml1983...
3. Manipulation an jeder Ecke - Hauptsache der Profit stimmt!
paml1983 03.02.2010
"Diskreditieren" der Klimaforschung, weil der Vergleich auch "hinkt" - vielleicht. Eher "sich wehren" - denn es muss ganz einfach mal Schluss sein mit der "Abzockerei"! Daß es sich beim "Klimahype" um "Ablasshandel über CO2-Zertifikate" handelt ergibt logisches Nachdenken! Wir, auch ich persönlich leiden darunter wegen nichtnachvollziehbarer Energiepreise (vor allem für Diesel!). Was die "Stammzellenforschung" angeht ist das offenbar die Vorgehensweise der Pharmakonzerne, alles zu "unterbinden", was auf Deutsch gesagt "zu billig" ist. Eines dieser Mittel, welche zu billig sind, aber unglaubliche Heilwirkung haben (313 nachweislich registrierte Heilungserfolge) habe ich bei mir und freue mich darüber, daß es dieses Mittel gibt! Leider können wir das eben auch wegen "Blockade von Fachartikeln" - seit nunmehr 44 Jahren (!) nicht publizieren, weil offenbar "zu billig". Über die Heilwirkung lasse ich mich hier nicht aus, sondern erlaube mir das auf diesem Wege Kund zu tun, daß ich durchaus "Ahnung" habe, wovon ich schreibe. Ein Versuch der "Beleidigung" als kleines Licht oder wie Sie das genannt haben tropft ab - denn wir alle sind nur "kleine Lichter", der eine etwas mehr der andere etwas weniger...! Wenn sich viele kleine Lichter vereinigen, weil ganz einfach Schluss mit der "Abzocke" und "Selbstbedienung der Politiker, Manager und sonstigen Wirtschaftsführern o.ä." sein muss, dann wird aus einem kleinen, ein "großes Licht", welches nicht zu übersehen ist. Der Fall der Mauer begann mit solchen "Lichterprozessionen"!
4. ...
bernd220383 03.02.2010
Zitat von paml1983"Diskreditieren" der Klimaforschung, weil der Vergleich auch "hinkt" - vielleicht. Eher "sich wehren" - denn es muss ganz einfach mal Schluss sein mit der "Abzockerei"! Daß es sich beim "Klimahype" um "Ablasshandel über CO2-Zertifikate" handelt ergibt logisches Nachdenken! Wir, auch ich persönlich leiden darunter wegen nichtnachvollziehbarer Energiepreise (vor allem für Diesel!). Was die "Stammzellenforschung" angeht ist das offenbar die Vorgehensweise der Pharmakonzerne, alles zu "unterbinden", was auf Deutsch gesagt "zu billig" ist. Eines dieser Mittel, welche zu billig sind, aber unglaubliche Heilwirkung haben (313 nachweislich registrierte Heilungserfolge) habe ich bei mir und freue mich darüber, daß es dieses Mittel gibt! Leider können wir das eben auch wegen "Blockade von Fachartikeln" - seit nunmehr 44 Jahren (!) nicht publizieren, weil offenbar "zu billig". Über die Heilwirkung lasse ich mich hier nicht aus, sondern erlaube mir das auf diesem Wege Kund zu tun, daß ich durchaus "Ahnung" habe, wovon ich schreibe. Ein Versuch der "Beleidigung" als kleines Licht oder wie Sie das genannt haben tropft ab - denn wir alle sind nur "kleine Lichter", der eine etwas mehr der andere etwas weniger...! Wenn sich viele kleine Lichter vereinigen, weil ganz einfach Schluss mit der "Abzocke" und "Selbstbedienung der Politiker, Manager und sonstigen Wirtschaftsführern o.ä." sein muss, dann wird aus einem kleinen, ein "großes Licht", welches nicht zu übersehen ist. Der Fall der Mauer begann mit solchen "Lichterprozessionen"!
Sie finden also kein Journal das ihre wissentschaftlich fundierten Daten (Doppelblindstudie etc.) veroeffentlichen will. Das glaube ich nicht, man muss soetwas ja auch nciht in Nature oder Science veroeffentlichen es gibt genug "kleinere" Journals mit einem nicht so hohen Impact faktor versuchen sie es mal dort. Und ueberall eine verschwoerung der Pharmaindustrie zu sehen halte ich doch fuer etwas paranoid, zumal die meisten Reviewer, dieser Journals eher an Univeristaeten und Forschungsinstituten zu finden sind als in Forschungsabteilungen großer Pharmaunternehmen. Was den Inhalt, des SPON artikels angeht so kann ich diese Forscher gut verstehen. Das ist immer eine schwere Sache seine Hart erarbeiteten Ergebnisse, zu einem Journal zu schicken mit dem Hintergedanken das ein Konkurent oder jemand der ein andere Auffassung des Sachverhalts hat meine Ergebnisse in die Haende bekommt und sie blockiert. Die Frage ist ob es einen besseren Weg gibt das Peer-review Verfahren zu gestalten
5. Forschungsförderung
0815login 03.02.2010
Das Problem mit dem Peer-Review besteht nicht nur bei Veröffentlichungen. In der öffentlichen Forschungsförderung geht es ähnlich zu ... ratet mal wer die Gutachter sind, die über Projekte der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) entscheiden. Da wundert man sich schon, wenn ein Projekt aus inhaltlichen Gründen abgelehnt wird und ein halbes Jahr später quasi das Gleiche einer konkurrierenden Forschungseinrichtung genehmigt wird ...
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.

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