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18. Januar 2013, 15:32 Uhr

Räumungsklage wegen Mietstreitigkeiten

Umstrittene Elisées-Klinik ist geschlossen

Lippen aufspritzen, Fett absaugen, Falten korrigieren - das ist das normale Tagesgeschäft. Daneben sollen die Betreiber einer Bonner Privatklinik kranken Menschen aber auch umstrittene Stammzellbehandlungen anbieten. Den Firmensitz mussten sie nun räumen, die dubiose Praxis ist damit nicht beendet.

Hamburg - Schön sieht sie aus, die Klinik, deren Therapiespektrum genau das verspricht: Straffe Körper, pralle Brüste, Jugendlichkeit. Im feinen Villenviertel Bonn-Bad Godesberg liegt das Therapiezentrum der umstrittenen Elisées-Klinik, die wegen des Angebots wissenschaftlich wenig erprobter Therapien bekannt wurde. Die Fassade des Hauses leuchtet in dezentem Weiß, grüne Zierbögen flankieren Fenster und den repräsentativen Eingang. Jetzt ist die umstrittene Klinik geschlossen. Nicht aus Gründen des Patientenschutzes, Grund sind ganz banale Mietstreitigkeiten.

Die Fenster waren undicht, es tropfte aus Dach- und Regenrinnen, so dass immer wieder Wasser in die Behandlungsräume und Operationssäle der Klinik drang. Deshalb kürzten die Betreiber die Miete, erst um 70 Prozent (seit September 2010), im Juli 2010 und seit Juli 2012 direkt um 100 Prozent. Der Fall landete vor dem Landgericht Bonn. Ein Gutachter stellte fest, dass es Schäden an dem Gebäude gab, das Gericht hielt allerdings eine Mietminderungung in geringerer Höhe (30 Prozent) für gerechtfertigt. Das machte die fristlose Kündigung rechtens.

Letztlich belief sich der Mietrückstand auf 160.000 Euro, bestätigt der Sprecher des Landgerichts Bonn SPIEGEL ONLINE. Das war der Vermieterin, einer Wohnungsgesellschaft, dann doch zu viel. Nach fünf fristlosen Kündigungen folgte die Räumungsklage. Bedeutet dies nun das Ende der Elisées? Auf mehrfache Anfrage reagierte die Geschäftsleitung der Klinik bisher nicht.

Das Geschäft mit der Hoffnung

Es ist nicht das erste Mal, dass die Elisées in Schwierigkeiten ist: Den Behörden bekannt wurde sie, weil man sich in der Klinik nicht nur verschönern lassen konnte. Kranken Menschen wurde auch eine rettende Therapie mit ihren eigenen Stammzellen offeriert. Das Verfahren ist umstritten, erst in wenigen Fällen hat eine solche Behandlung eine Heilkraft gezeigt, etwa bei Menschen mit Leukämie. Erfolge zeigten sich auch in der Behandlung nach einem Herzinfarkt.

Das Paul-Ehrlich-Institut, die zuständige Bundesbehörde für biomedizinische Arzneimittel, spricht von einem experimentellen Behandlungskonzept, "das lediglich in einzelnen Indikationen das Stadium der Grundlagenforschung verlassen hat". Die Behörden wurden aktiv.

Die Bezirksregierung Köln untersagte der Klinik per Unterlassungsverfügung im Dezember 2011 die Herstellung von Stammzellzubereitungen aus dem patienteneigenen Knochenmark in den meisten Indikationen. Am 12. Juni 2012 folgte eine Untersagung durch die untere Gesundheitsbehörde Bonn.

Stammzellen gelten als zelluläre Alleskönner: Nicht nur Embryonen enthalten die Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen des Menschen inklusive der Muskeln finden sich adulte Stammzellen.

Behandlung wissenschaftlich nicht erprobt

Die Idee hinter der Therapie ist, einem kranken Menschen diese Zellen zu entnehmen und an die erkrankte Stelle zu injizieren - auf dass sie dort zur Reparatur führen. Allerdings: Werden Patienten mit ihren eigenen Stammzellen behandelt, können diese, wenn eine genetische Krankheit vorliegt, nicht gesund sein, denn sie enthalten ebenfalls den Defekt. In diesem Fall kann das Prinzip nicht funktionieren. In anderen Fällen mögen Stammzellen eines Tages hilfreich sein.

Wenn aber Menschen schwer erkrankt sind, spielen derartige wissenschaftliche Überlegungen keine Rolle mehr. Die Verheißung auf Heilung erweckt Hoffnungen - und öffnet die Portemonnaies der Betroffenen. Und leider finden sich immer wieder unseriöse Anbieter, die die Not der Verzweifelten ausnutzen.

Diese daran zu hindern, sich an der Verzweiflung anderer zu bereichern, ist derzeit äußert schwierig. Ärzte können sich oft darauf berufen, einen "individuellen Heilversuch" durchführen zu wollen. Diese Regelung erlaubt es in besonderen Fällen, nicht zugelassene Medikamente anzuwenden, etwa wenn herkömmliche Therapien nicht mehr helfen. Eine behördliche Genehmigung ist nicht erforderlich, der Patient muss über den experimentellen Charakter und die Risiken der Behandlung aufgeklärt werden.

In der Elisées-Klinik dürfen nach den Untersagungen der Behörden Ende 2011 zwar keine adulten Stammzellzubereitungen mehr hergestellt werden, allerdings werden Stammzelltherapien über eine nur von außerhalb Deutschlands abrufbare Website weiterhin offeriert. "Elisées Stemcell" heißt die Vermarktungsplattform, betrieben wird sie durch "Elisées International". In englischer Sprache werden verschiedenste Behandlungen angeboten. In Deutschland gebe es nur die Stammzellentnahme und Aufbereitung, in Österreich und Indonesien auch die Stammzelltherapie.

Im vergangenen August wurde bekannt, dass sich eine arabische Familie nach einem generellen Gesundheitscheck nach Bonn begeben wollte, um die kranken Kinder dort behandeln zu lassen. Zeitgleich korrespondierte die Klinik über ihre internationalen Patientenberater mit einer weiteren arabischen Familie - ob diese tatsächlich behandelt wurde, ist nicht bekannt.

Ein Sprecher der Elisées Kliniken bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es einen Mailverkehr gegeben hat. Behandelt würden die Patienten - wenn es denn dazu komme - aber nicht in Deutschland. "Elisées International arbeitet derzeit in Asien, Arabien, Russland und in einigen europäischen Ländern." Was kümmert die Betreiber da eine läppische Räumungsklage in Bonn? Gegen den jüngsten Kündigungsentscheid haben die Betreiber der Klinik umgehend Berufung eingelegt.

Am Tor des Bonner Standorts der Elisées-Klinik informiert derzeit ein einfaches Zettelchen über die Schließung, allerdings nur bis Ende Januar. "Wegen Renovierungsarbeiten."

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