Stockholm - Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den "Vater der Reagenzglasbabys", den Briten Robert Edwards. Der 85-Jährige erhält die Auszeichnung für die Entwicklung der künstlichen Befruchtung. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. "Seine Erfolge haben eine Behandlung der Unfruchtbarkeit möglich gemacht", hieß es zur Begründung. Es handle sich "um einen Meilenstein in der Entwicklung der modernen Medizin".
Edwards entwickelte gemeinsam mit seinem 1988 verstorbenen Kollegen Patrick Steptoe die Befruchtung im Reagenzglas. Die Idee dazu hatte Edwards bereits in den fünfziger Jahren. "Er arbeitete systematisch, um sein Ziel zu erreichen, entdeckte wichtige Prinzipien der menschlichen Befruchtung und brachte es schließlich fertig, eine menschliche Eizelle im Reagenzglas zu befruchten", so das Komitee.
Die typische Form der künstlichen Befruchtung ist die In-vitro-Fertilisation (IVF, siehe Kasten links). Diese findet in einer kleinen Glasschale statt: Die der Frau nach einer Hormonbehandlung entnommenen reifen Eizellen werden dort mit den Spermien zusammengegeben. Nach zwei bis drei Tagen werden diese der Frau wieder in die Gebärmutter eingepflanzt.
Millionen unfruchtbare Paare erfüllten sich den Kinderwunsch
Mit Hilfe der Forschungsarbeiten von Edwards konnten Millionen unfruchtbare Paare Kinder bekommen. Die Akademie verwies darauf, dass mehr als zehn Prozent aller Paare weltweit von Unfruchtbarkeit betroffen sind.
Edwards' Plan, nach der tierischen auch die menschliche Fortpflanzung ins Labor zu verlegen, löste weltweit einen Sturm der Entrüstung aus. Doch der 1925 in Manchester geborene Mediziner hatte genug Selbstbewusstsein, sich dem entgegenzustellen und weiterzumachen. Am 25. Juli 1978 war es so weit: Louise Brown, das erste "Retortenbaby", wurde geboren. Brown lebt in Großbritannien - und hat auf natürliche Weise selbst Nachwuchs bekommen.
Da die britischen Reproduktionsmediziner ihr Erfolgsgeheimnis zunächst nicht preisgaben, dauerte es noch bis April 1982, bis auch in Deutschland ein künstlich gezeugtes Kind geboren wurde. Doch die Methode ist umstritten und gerät immer ins Kreuzfeuer der Kritik. Besonders die katholische Kirche hat sich gegen das Verfahren gewandt.
Anders sieht es das Nobel-Komitee, das zur ethischen Debatte keine Aussagen machen wollte: "Edwards hat mit seiner Arbeit eine monumentale Herausforderung bewältigt. Er musste auch starken Widerstand des Establishments überwinden", sagte Komitee-Mitglied Christer Höög. Edwards, der nach dem Militärdienst Biologie studierte, verbrachte sein Forscherleben zum großen Teil in Großbritannien. An der University of Cambridge hatte er zuletzt bis 1989 eine Professur für Reproduktionsmedizin inne.
Irritationen über Informationsleck
Irritationen gab es darüber, dass der Name des Preisträgers offenbar vorzeitig durchgesickert war - obwohl das Nobel-Komitee traditionell für seine meisterhafte Geheimhaltung bekannt ist. Die Spekulationen, die es jedes Jahr zuhauf gibt, ergeben normalerweise bestenfalls Zufallstreffer. Nicht so dieses Jahr: Die schwedische Zeitung "Svenska Dagbladet" verkündete schon am Montagmorgen, wer den Nobelpreis erhalten würde - mit Edwards' Namen und Foto. Das Blatt berief sich dabei auf anonyme Quellen. Eine Sprecherin des Karolinska-Instituts wollte den Vorgang nicht kommentieren.
Der Nobelpreis wird in diesem Jahr zum 101. Mal verliehen. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist mit umgerechnet rund einer Million Euro (zehn Millionen Schwedischen Kronen) dotiert. Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.
Ob Robert Edwards dann anwesend sein wird, ist derzeit noch unklar: Der Nobelpreisträger lebt in einem Seniorenheim in Großbritannien und sei gesundheitlich angeschlagen. Es sei fraglich, ob er den Preis im Dezember persönlich entgegennehmen könne, sagte ein Komitee-Sprecher. Edwards Frau, die den Anruf aus Stockholm entgegengenommen hatte, habe aber mitgeteilt, ihr Mann sei über die Auszeichnung sehr erfreut.
Der Leiter der britischen Bourn Hall Clinic, Mike Macnamee, zeigte sich hocherfreut über die Auszeichnung von Klinikgründer Edwards. "Edwards ist unser größter Wissenschaftler, seine inspirierende Arbeit in den frühen sechziger Jahren hat zu einem Durchbruch geführt, der das Leben von Millionen von Menschen in aller Welt ermöglicht hat", sagte Macnamee. Edwards' Ziel sei es nie gewesen, Ruhm zu erlangen. "Er wollte einfach Paaren helfen, Kinder zu zeugen."
cib/dapd/dpa
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